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Dienstag, 7. Dezember 2010

Kühlwärme


Heute lief es mir kurzzeitig eiskalt den Rücken runter. Und das nicht nur, weil Dienstag der Tag des Kühlhauses (korrekt: Kühlhausputztag) ist, mithin der Tag der klammen Finger und der tiefgekühlten Laune.

An normalen Dienstagen pflegt ein quirliger, stets zu intelligenten Spässen aufgelegter Portugiese meine Laune vor dem Absturz ins Bodenlose zu retten. Immer dienstags wird nämlich der jugoslawische Getränkelieferant von einem portugiesischen Minijobber begleitet, der, wenn er mich im Kühlhaus rumoren hört, höflich an die dicke Tür klopft und fragt, wie es mir gehe. Er neigt dann immer zu makabren Scherzen rund um das Thema Kühlhaus, und genau diese situative Vorliebe fürs Makabre ist es, was meine Dienstagslaune wieder merklich über den Gefrierpunkt hebt. Normalerweise.

Heute streckte der Portugiese den Kopf ins Kühlhaus, sah mich Lammhaxen durch die Kälte wuchten und fragte liebenswürdig, ob er mich fragen dürfe, wie es mir ginge? Statt einer Antwort guckte ich knurrig, was ihn veranlasste, mir die schwere Lammhaxenkiste abzunehmen. Fand ich nett. Doch dann, als er die Kiste abgestellt und sich wieder aufgerichtet hatte, sagte er mit dem freundlichsten Gesicht der Welt etwas, was ich überhaupt nicht nett fand, nämlich: "Arbeit macht frei!"

Ich guckte ihn so böse an, wie es mir nur irgend möglich ist, worauf er erschrak und fragte, ob er etwas Falsches gesagt habe. Ich guckte noch böser. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er die drei fatalen Worte völlig arglos und ohne Hintergedanken ausgesprochen hatte. "Was hast du denn?", fragte er mich besorgt, "genau dasselbe hat heute morgen mein Chef zu mir gesagt!" Mir schwante Übles. Ich fragte ihn, was für ein Landsmann sein Chef sei. "Eine Kartoffel, was sonst", antwortete er, "warum fragst du?"

Ich wurde stinksauer. Nicht auf den Portugiesen, sondern auf seinen deutschen Vorgesetzten. "Was deine deutsche Kartoffel heute morgen zu dir gesagt hat, hat vor 70 Jahren ein gewisser Adolf Hitler gesagt", zischte ich. Er verstand sofort. Und fing an zu lachen. "Gut, dass ich das jetzt weiß", gab er zurück, "weißt du, eigentlich sagt die Kartoffel das jeden Morgen zu uns." Mir verging das Lachen. Er grinste durchtrieben. "Ab morgen", fuhr er unbekümmert fort, "weiß ich, was ich der Kartoffel antworten werde."

Ich schaute ihn neugierig an. Statt etwas zu sagen, legte der kleinwüchsige drahtige Portugiese eine effektvolle Kunstpause ein, bevor er schweigend, aber zackig die Hacken zusammenschlug, sein Kreuz durchdrückte und den rechten Arm in unmissverständlicher Pose stramm nach oben zog. Für einen Moment war es, als ob Charlie Chaplin mich im Kühlhaus besucht hätte. Trotz klammer Finger wurde mir ganz warm ums Herz.

Donnerstag, 29. April 2010

Triebwerk


Da rödelt man den ganzen Tag in der leeren Wohnung herum - putzt, schrubbt, wischt, freut sich auf das nahende Ende, bis einem plötzlich siedend heiß einfällt: Da war doch noch ein Abstellraum?

Ab sofort gilt für die Kartoffel Triebverzicht.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Dress Code

Um 11.30 Uhr herrschten heute in der Küche 35 Grad. Draußen brütete es schon jenseits der dreißig, drinnen wurden Kartoffelgratins zubereitet. Der Backofen wummerte auf Hochtouren. Die heißen Bleche mit dem fertiggebackenen Gratin ruhten zum Auskühlen großflächig auf dem Herd. Zum Auskühlen! Bei über dreißig Grad Raumtemperatur! Fast hätte ich gefröstelt.
Anwesend zwei Köche, der Hitze wegen leicht gekleidet.
Mir war das schon gestern aufgefallen: Irgendwie haben diese Köche Sinn für situationskomische Wortklaubereien. Zumindest wissen sie die jeweils tagesaktuelle Problemlage sinnig in Worte zu kleiden.

Sonntag, 12. Juli 2009

Eigenbrötler

Vielleicht hatte Frau Übermop ja doch recht neulich mit ihrem Plädoyer für das Selbstversorgungsprinzip. Sie hatte ja kassandrahaft prophezeit, dass die Leute in kommenden Zeiten gut daran täten, die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verstärkt selbst zu organisieren. Und falls sie, die Leute, dazu nicht in der Lage seien, müssten sie es eben lernen. Und falls die Leute nicht in der Lage seien, es zu lernen, blickten sie härteren Zeiten entgegen. Noch härter nämlich als die ohnehin sich ankündigenden harten Zeiten für alle anderen. Mehr hatte Frau Übermop dazu nicht aus dem Sack gelassen, aber es hat gereicht, mich heute ihrer Worte zu erinnern:
Gartengrundstück zum Kauf oder zur Pacht gesucht.

Vielleicht handelt es sich bei dem Interessenten ja um einen Zeitungsleser, dem vor zwei Tagen dieser Artikel in die Hände gefallen ist. Dort wird berichtet von einem Kleinbauern im südlichen Niedersachsen, der auf seiner Stalltür stehen hat: Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann. 'Auf dem Hof gibt es kein Fließwasser, also auch kein Klo, nur einen Blecheimer.' Mit den Fäkalien wird die Wiese gedüngt, 'so will es der Kreislauf'. Es gibt Kühe, Schafe, Hühner, eine Ziege und noch viel mehr Getier. Es gibt vor allem viel Arbeit. Sein Wasser bezieht der Landwirt aus einer nicht allzu nahen Quelle, welche er mit den Worten lobt "falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht".
Ein hartes Leben. Aber es gibt mit Sicherheit härtere Leben. Im Keller 'lagern seine Vorräte, 200 Einmachgläser: Gurken, Kürbis, Apfelmus, eingekochtes Fleisch, Birnen, Kartoffeln. Brennholz, Sellerie, Rote Beete. Im Regal reifen einige Käse, und weitere 30 trocknen für den Winter draußen in der Sonne. Der Selbstversorger lebt im Überfluss.' Warum sie den Artikel dennoch überschrieben haben mit 'Gottfried, der Habenichts', bleibt mir ein Rätsel. Ach ja, und Gottfrieds große Leidenschaft ist Tango tanzen. Jeden Donnerstagabend.

(Memo: Artikel ausdrucken und morgen Frau Übermop mitbringen)

Montag, 29. Juni 2009

Eingemachtes

"Im Kühlschrank steht Kartoffelsalat für dich", rief mir Frau Übermop heute früh zu, während ich unter der Haube weilte. Ein ganz klein wenig sadistisch veranlagt ist sie ja schon, denn wäre ich einer bodennäheren Tätigkeit nachgegangen, wäre ich sofort zum Kühlschrank gesprungen und hätte genascht.
Jedenfalls verstehe ich jetzt, wieso alle Kollegen so hinter diesem Kartoffelsalat nach Übermop-Hausmacherart her sind. Heute wurde ich angefixt: zunächst von der cremigen Konsistenz, ohne eine Spur von pappig-pampig; geschmacklich nur ein Hauch von Mayonnaise, ganz zart, ansonsten kräftig nach Kartoffeln, Zwiebeln, Schnittlauch, Gurken sowie nicht zimperlich abgeschmeckt. Köstlich. Ich fragte, wie es kommt, dass die Mayonnaise so zurückhaltend bleibe, was ja sonst nicht deren Art ist. Dieser selbstgemachten Mayonnaise fehlte alles Aufdringliche; sie steuerte nichts als eine feine Note bei.
Frau Übermop ließ durchblicken, dass sie seit je einem Rezept ihrer Großmutter folge. Ein Rezept, welches mit dem eisernen Dogma aller Mayonnaisezubereitungen bricht: Statt Eigelb und Eiweiß zu trennen und nur den Eidotter weiterzuverwenden, wie es die Schulmeinung vertritt, hat Oma Übermop das Eigelb mit dem Eiweiß "gestreckt", wie ihre Enkelin es ausdrückt. Hat also das Ei Ei sein lassen und im Ganzen verarbeitet. "Bringt nur Vorteile", argumentiert Frau Übermop, "erstens kommt es preiswerter; zweitens hat es viel weniger Kalorien; drittens ergibt es mehr Masse; viertens schmeckt es besser als die gekaufte Glibberpampe; fünftens sieht es nicht aus wie Glibberpampe, sondern schön sämig, und sechstens", jetzt holt sie einmal tief Luft, "glaub mir, das Selbermachen ist wieder im Kommen. Die Zeit wird kommen, wo die Leute froh sind, wenn sie im Keller Eingemachtes stehen haben." Sie hält kurz inne, macht eine wegwerfende Handbewegung, "die Leute haben ja gar keinen Keller mehr, und wenn sie einen hätten, wüssten sie nicht, wie Einkochen geht. Aber sie werden es lernen. Weil sie es werden lernen müssen."
Sie steht auf, greift nach einem Schwammtuch und fängt an, die Kaffeemaschine mit Inbrunst zu wienern. "Die Zeiten werden hart werden", sagt sie zu der Maschine, als deren Edelstahl so blank poliert ist, dass Frau Übermop sich darin spiegeln kann.

Sonntag, 7. Juni 2009

Frühlingstriebe


Nicht nur ich wurde am Freitag bei Umtrieben erwischt, sondern auch die Kartoffeln. Von mir. Schon seit Tagen schleiche ich um diese Kartoffelschütte im Gemüsekeller herum und warte wie der Zerberus auf den richtigen Zeitpunkt. Es ist nämlich so: Die Kartoffeln lagern in der dunkelsten Ecke des Gemüsekellers (wie Kartoffeln es lieben). Das einzige Sonnenlicht, was zu dem winzigen vergitterten Kellerfenster einfällt, tut dies exakt vier Minuten lang, bevor es für den Rest des Tages um die Ecke verschwindet und den Keller in kartoffelkompatiblem Halbdunkel versinken lässt. Auch hat die Frühlingssonne lediglich zehn Tage lang Zeit für dieses ihr Treiben; davor steht sie zu flach, danach bereits zu hoch, um das Kellerfenster überhaupt zu erreichen. Knappstes Timing also. Mrs. Mop lag auf der Lauer.
Am Freitag um 8:52 Uhr war es so weit: Urplötzlich, mit fast bracchialer Kraft, drang das Sonnenlicht in den dunkel ruhenden Gemüsekeller hinein, tastete den Bretterverschlag senkrecht von oben nach unten (sic!) ab, um sich schließlich zwei Minuten lang über den zuoberst liegenden Erdäpfeln auszubreiten. Ich schwöre es: Am Donnerstag waren noch keinerlei Triebe zu sehen gewesen; am Freitag tanzte eine einzige Kartoffel aus der Reihe und schlug aus, was das Zeug hielt. Die ausschlaggebende Lichtquelle dürfte ab nächster Woche keine Chance mehr haben, dann wird sie zu hoch stehen. Dann werden die braunen Knollen wieder 342 Tage lang im Dunkeln munkeln. Ob ich ihnen wohl im nächsten Frühling erneut auflauern werde? Man sagt ja, Kartoffeln seien ernährungsphysiologisch höchst wertvoll, denn sie sättigen ohne dick zu machen. Mich machen Kartoffeln nachdenklich.