Heute lief es mir kurzzeitig eiskalt den Rücken runter. Und das nicht nur, weil Dienstag der Tag des Kühlhauses (korrekt: Kühlhausputztag) ist, mithin der Tag der klammen Finger und der tiefgekühlten Laune.
An normalen Dienstagen pflegt ein quirliger, stets zu intelligenten Spässen aufgelegter Portugiese meine Laune vor dem Absturz ins Bodenlose zu retten. Immer dienstags wird nämlich der jugoslawische Getränkelieferant von einem portugiesischen Minijobber begleitet, der, wenn er mich im Kühlhaus rumoren hört, höflich an die dicke Tür klopft und fragt, wie es mir gehe. Er neigt dann immer zu makabren Scherzen rund um das Thema Kühlhaus, und genau diese situative Vorliebe fürs Makabre ist es, was meine Dienstagslaune wieder merklich über den Gefrierpunkt hebt. Normalerweise.
Heute streckte der Portugiese den Kopf ins Kühlhaus, sah mich Lammhaxen durch die Kälte wuchten und fragte liebenswürdig, ob er mich fragen dürfe, wie es mir ginge? Statt einer Antwort guckte ich knurrig, was ihn veranlasste, mir die schwere Lammhaxenkiste abzunehmen. Fand ich nett. Doch dann, als er die Kiste abgestellt und sich wieder aufgerichtet hatte, sagte er mit dem freundlichsten Gesicht der Welt etwas, was ich überhaupt nicht nett fand, nämlich: "Arbeit macht frei!"
Ich guckte ihn so böse an, wie es mir nur irgend möglich ist, worauf er erschrak und fragte, ob er etwas Falsches gesagt habe. Ich guckte noch böser. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er die drei fatalen Worte völlig arglos und ohne Hintergedanken ausgesprochen hatte. "Was hast du denn?", fragte er mich besorgt, "genau dasselbe hat heute morgen mein Chef zu mir gesagt!" Mir schwante Übles. Ich fragte ihn, was für ein Landsmann sein Chef sei. "Eine Kartoffel, was sonst", antwortete er, "warum fragst du?"
Ich wurde stinksauer. Nicht auf den Portugiesen, sondern auf seinen deutschen Vorgesetzten. "Was deine deutsche Kartoffel heute morgen zu dir gesagt hat, hat vor 70 Jahren ein gewisser Adolf Hitler gesagt", zischte ich. Er verstand sofort. Und fing an zu lachen. "Gut, dass ich das jetzt weiß", gab er zurück, "weißt du, eigentlich sagt die Kartoffel das jeden Morgen zu uns." Mir verging das Lachen. Er grinste durchtrieben. "Ab morgen", fuhr er unbekümmert fort, "weiß ich, was ich der Kartoffel antworten werde."
Ich schaute ihn neugierig an. Statt etwas zu sagen, legte der kleinwüchsige drahtige Portugiese eine effektvolle Kunstpause ein, bevor er schweigend, aber zackig die Hacken zusammenschlug, sein Kreuz durchdrückte und den rechten Arm in unmissverständlicher Pose stramm nach oben zog. Für einen Moment war es, als ob Charlie Chaplin mich im Kühlhaus besucht hätte. Trotz klammer Finger wurde mir ganz warm ums Herz.



