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Freitag, 17. Mai 2013

Gekonnt gekontert


Wow. Wenn ich etwas liebe, dann ein wohlplaziertes cooles Kontra. Ein scharfes, scharfzüngiges, unerbittlich mitten ins Herz des unwürdigen Gegners verabreichtes Kontra.

Besonders, wenn es aus weiblichem Mund kommt:
"Sehen Sie, und deshalb liebe ich die Oper und das Theater! Da wird sogar uns armen Frauen jenseits der 30 gestattet, mithilfe von Schminke und Beleuchtung sowie ohne Close-Ups ein würdevolles Karriereleben zu führen."
Wie war nochmal die Frage?
"Sie sind fast 47 Jahre alt und offensichtlich nicht geliftet. In Hollywood hätten sie länger schon ziemliche Schwierigkeiten."
Solcherart sensibel und unter Aufbietung allen Respektes, dessen ein schreibendes teutonisches Trampeltier mächtig ist, wird ein Interview mit der italienischen Sopranistin und Intendantin Cecilia Bartoli eröffnet. Wo? Bitte selber googeln. Links auf das Ätzniveau giftender Schmierfinken werden hier nicht gesetzt.

Lektüreempfehlungen für dreckschleudernde Schreiberlinge im besten Mannesalter (47) hingegen schon:


Und selbstverständlich auch Porträts einer großartigen, intelligenten Künstlerin voller Wärme, Inbrunst und Humor:



Mittwoch, 6. Februar 2013

Himmelherrgottsakramentkruzifixhalleluja


Holy shit.

Fluchen ist unschicklich. Befand unlängst die katholische Kirche. In dem Fall eine katholische Highschool im amerikanischen New Jersey (via BoingBoing), die im Auftrag des Herrn unterwegs ist und sich deshalb -

No shit!

- "Queen of Peace High School" nennt. Ab sofort wird in den heiligen Hallen der Friedenskönigin - per eidesstattlicher Selbstverpflichtung - nicht mehr geflucht. Begründung: weil Fluchen unschicklich ist.

Who the hell gives a fuck?

Okay, könnte man so stehenlassen wie einen Sack Reis im katholischen Hinterland von New Jersey, ob der nun umgefallen oder stehengelassen worden ist ...

So, WTF?

... allerdings gilt der Anti-Fluch-Bannstrahl nur für die eine Hälfte der Schülerschaft. Denn siehe, es sind vor Gott nicht alle fluchenden Schandmäuler gleich. Dem gotteslästerlichen Gefluche für alle Zukunft feierlich abzuschwören ("I swear not to swear!") wurde ausschließlich dem weiblichen Teil des Schülerkörpers abverlangt.

Now fuck that shit.

Die andere, männliche Hälfte darf weiterhin ihrem Herzen mit Kraftausdrücken aller Art Luft machen und sonstwem sonstwas an den Hals wünschen. Fluchen sei nämlich, laut der katholischen Schulleitung, unweiblich -

Don't gimme that stupid bullshit.

- Magengeschwüre hingegen, im Umkehrschluss, ein urweibliches Privileg (... drum fluche, wem Gesundheit teuer, dafür meine Hand ins Fegefeuer!). Damit dies auch so bliebe und Gottes Wille geschehe, fügte die Schulleitung erläuternd hinzu: "We want ladies to act like ladies" -

What a piece of seriously fucked up stupid double standard horseshit.

- and boys like boys. Schließlich spielen Jungs Baseball und "können gar nicht anders als Obszönitäten auszustoßen, wenn ihnen ein Aufschlag danebengeht, und daran wird sich auch nichts ändern", während Mädels - pardon: ladies -, die beim Topflappenstricken eine Masche fallen oder am Herd die Suppe anbrennen lassen, gar nicht anders können als charmant mit den Zähnen zu knirschen und sich alles übrige zu verkneifen ...

Jesus, stop it, this is just fucked up as fuck.

... und daran wird sich auch nichts ändern, denn so ein Magengeschwür fällt nun mal niemandem in den Schoß, darauf muss frühzeitig, zielstrebig und mit Gottes Hilfe hingearbeitet werden. Und Gott sprach (oder war es ein 16-jähriger männlicher Schüler kurz vor dem Aufschlag?): "Es ist unattraktiv, wenn Mädchen ein loses Mundwerk haben."

Boy, now you have fucked that one up, too.

Als Belohnung für ihr gottgefälliges Lippenbekenntnis bekamen die fluchabstinenten Mädels je einen -

No shit, Sherlock!

- Lollipop geschenkt, um das schmutzige Mäulchen ein für allemal süßklebrig zu verstopfen, sowie als Zugabe eine Anstecknadel mit einem roten Verbots-Schrägstrich über zwei fest geschlossenen pink(!)farbenen Lippen -

Oh sweet Lord, please shut the fuck up.

- wohingegen die Jungs von der Schulleitung "gebeten" wurden, sich in Gegenwart von Mädels, pardon: ladies, mit der notorischen Flucherei doch bitte ein wenig zurückzunehmen. Schwören mussten die angehenden gentlemen dies allerdings nicht.

Now ladies and gentlemen, would you please fuck off?

Hier stehe ich - Gott helfe mir - und kann nicht anders als Obszönitäten auszustoßen, wenn ich einen solchen gequirlten Kuhfladen vor dem Herrn lese.

Fuck them all.


Freitag, 24. August 2012

Don't Give a Pink Shit


Während im Westen die Pinkifizierung unaufhaltsam fortschreitet und niedliche kleine Striptease-Plastik-Feen mit niedlichen kleinen push-up-bras, niedlichen kleinen high-heels-Stöckelböcken und sonst kaum einem Fetzen rosa Stoff am niedlichen kleinen Plastikleib in niedliche rosarote just-for-girls-Schokoladeneier verpackt und niedlichen kleinen Mädchen (Lieblingsfarbe: rosa) untergejubelt werden -,


- gehen im fernen, von Taliban und Kriegen gebeutelten Afghanistan kleine Mädchen in knallbunten, stoffreichen Klamotten an den Start, steigen auf Skateboards, brettern die Halfpipe rauf und runter, fallen auf den Hintern, stehen wieder auf, brettern weiter, brettern mit den Jungs durch die kaputten Straßen von Kabul, sagen so etwas Ähnliches wie "I don't give a shit", wenn sie von Passanten schief angeschaut werden, weil Skaten kein für Frauen geziemendes Hobby sei, brettern an ihnen vorbei, tragen froschgrüne, knallrote, im Einzelfall auch rosafarbene Knieschützer und machen, alles in allem, einen ziemlich glücklichen Eindruck.


Samstag, 29. Januar 2011

Geldwechsel


Irgendwann kommt im Leben der Moment, wo man zum ersten Mal an einer Kasse steht. Also, an einer richtigen, echten, lebendigen Kasse - nicht an so einem futuristisch dauerpiependen Elektronikgehäuse mit automatischem Scanner und Pipapo. Nein, an einer schön traditionellen Kaufmannskasse in behäbiger Oldschool-Optik, hinter der man sich fühlt wie Dagobert Duck persönlich. Einer Kasse, an der sich schon Generationen von Heringsbändigern, Tante Emmas und Onkel Ottos die Fingerkuppen an den klobigen Tasten plattgedrückt haben (ein damit verwandtes Phänomen ist der berüchtigte 'Geldzählerdaumen', womit der Kreis zur Dollar-Ente geschlossen wäre).

Das wirklich Tolle an so einer ollen Kasse sind die bodenständigen Geräusche, die sie auf entsprechenden Tastendruck von sich gibt. Ich liebe diese Geräusche. Wenn der große Kassengott im Inneren der Kiste die eingegebenen Beträge addiert, macht er das mit einem lautstarken Gurgeln und beendet sein Rechenwerk mit einem martialisch brutzelnden Getöse, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzuhören.

Kein Wunder also, dass ich in froher Erwartung Posten an der Kasse bezog, als es galt, eine Flasche Wein zu verkaufen. Sauvignon Blanc sollte es sein. Er wolle gemeinsam mit seiner Frau heute abend ein gutes Tröpfchen genießen, was hamse denn da so im Sortiment, fragte der Kunde. Einiges, antwortete ich wahrheitsgemäß und zeigte ihm das Regal, vor dem der Kunde alsbald in andächtiger Versenkung verharrte und Etiketten studierte, Flaschen liebkoste sowie - es entging mir nicht - Preise verglich.

Unter zehn Euro die Flasche, habe er sich gedacht, der gutgekleidete Herr mit den silbermelierten Schläfen und den manikürten Händen. Aha, sagte die neue Kassenkraft, das werde die große Auswahl auf quasi natürlichem Wege einschränken und damit erleichtern. Oho, sprach der silbergraue Panther, nicht dass ich dächte, seine Angetraute wäre ihm keinen kostspieligeren Wein wert, vielmehr habe die Gemahlin ihn angehalten, nicht mehr als zehn Euro auszugeben. Ah ja, gab ich einfühlsam zurück, wir Frauen verstünden eben etwas von solidem Wirtschaften, nicht wahr. Das gefiel dem Panther gut.

Schließlich stellte er die Weinflasche seiner Wahl neben die Kasse - 9,95 Euro bei knapp unterschrittener Schmerzgrenze -, legte einen 50-Euroschein daneben und widmete sich sehnsuchtsvoll ein letztes Mal den teureren Gewächsen im Regal. Derweil kloppte ich die Tasten, drückte die Warengruppe, genoss den unvergleichlichen Soundtrack, ließ es gurgeln und brutzeln und - wartete. Wartete, dass sich die Schublade mit dem Wechselgeld öffnete. Sie tat es aber nicht. Sie blieb verschlossen. Sie ging einfach nicht auf, die blöde Schublade.

Grübelnd stand ich hinter der verhexten Kasse, während fünf Meter entfernt der Panther gerade eine 29,95-Euro-Flasche meditativ begutachtete. "Sagen Sie mal", rief ich zu ihm hinüber, "haben Sie zufällig eine Ahnung von Kassenwesen?" "Mehr als mir lieb ist", kam es feinsinnig vom Weinregal zurück, "wo ist das Problem?" "Das Problem", gestand ich, "ist die Schublade - wenn ich die nicht aufkriege, kriegen Sie entweder kein Wechselgeld oder keinen Wein." Wie aus der Pistole geschossen und ohne einen Blick auf das Kassenwesen zu werfen rief der Panther: "Die rechte untere Taste, die breiteste von allen, die am abgenutztesten aussieht!"

Wow. Ein Druck auf das breite Ding, und mit sattem Knirschen sprang die Schublade auf. Gutgelaunt fragte ich den Panther, ob wir vielleicht die Jobs tauschen sollten? Ob er womöglich bei einer Spielbank arbeitete, bei so viel Expertise? Das fand er ungeheuer erheiterlich und kriegte sich nicht mehr ein: "Spielbank", lachte er, "ja, könnte man fast so sagen, doch, da ist was dran - um genau zu sein, ich arbeite bei einer Privatbank, Abteilung Risikokapital", worauf ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, jetzt sei mir klar, weshalb seine Frau zumindest beim häuslichen Weinkonsum kein Preisrisiko eingehen wolle.

Dies veranlasste den Bankerpanther zu nachdenklichem Innehalten. Bedächtig stellte er die 29,95-Euro-Flasche zurück ins Regal und sinnierte: "Vielleicht wäre es tatsächlich besser, die großen Geldgeschäfte in die Hände von Frauen zu geben", und dann, zu mir gewandt, "verstehen Sie denn etwas von Bankwesen?", was mich erneut ins Grübeln brachte, von welchen Wesen jetzt eigentlich die Rede war. "Wie man's nimmt", entgegnete ich, "auf jeden Fall verstehe ich von Risikokapital eine ganze Menge."

Ob das mein Ernst sei, wollte er wissen. Klar, sagte ich, mein ganzes Leben sei quasi eine einzige risikokapitalistische Veranstaltung. Um die silbernen Schläfen herum begann es zu zucken, als er sein Wechselgeld einstrich und die Flasche unter den Arm klemmte. Als die Hand mit dem Wechselgeld schon in der kaschmirnen Manteltasche verschwunden war, zog er sie wieder heraus und besann sich auf die schöne alte Tradition des Trinkgeldes. "Oh, endlich mal wieder was zum Verzocken", platzte ich heraus und bedankte mich artig.

Mittwoch, 22. September 2010

Text putzen


Heute war ein erfreulicher Tag. Denn heute nachmittag gab es einen kleinen Lektorier-Job, dem vielleicht noch weitere kleine Lektorier-Jobs folgen werden. Das erfreulichste daran war, dass der Job im Restaurant stattfand, denn bei dem Auftraggeber handelt es sich um einen der Geschäftsführer, der sich gerade ein zweites Standbein als Buchherausgeber und Verleger aufbaut. Auch er ein Multijobber, sozusagen. Wenn auch in einer etwas anderen Liga spielend als ich.

Ich schmiss also um 11:30 Uhr die roten Schuhe von den Füßen und die Schürze vom Leib, hockte mich rollenkonfliktfrei vors Laptop und wurde vom Geschäftsführer mit Speis' und Trank verwöhnt. Da dieser Geschäftsführer das Servicegeschäft leitet, weiß er, wie das geht (das mit dem Verwöhnen). Er gab den Vollprofi.

Ich aber auch. Hocherfreulich war es festzustellen, dass meine sprachfahnderischen Reflexe immer noch einwandfrei funktionieren; die Arbeit am Text ging mir leichter von der Hand denn je. Manchmal hielt ich inne, schaute zum Fenster hinaus und hatte das unbestimmte Gefühl, die nachmittägliche Leichtigkeit der Textarbeit könnte vielleicht irgend etwas zu tun haben mit der schweren körperlichen Arbeit am Vormittag. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber doch. Irgendwie jedenfalls.

Am allererfreulichsten war der Umstand, dass dieser Geschäftsführer als (verlegerischer) Auftraggeber ein pflegeleichter ist: Er zeigte sich durchweg einsichtig, fügte sich allen meinen Verbesserungsvorschlägen fast widerstandslos, und wenn ich anfing streng zu werden ("Das geht so nicht, basta!"), sagte er "okay", stand auf und kochte frischen Kaffee. Es war ein selten gemütlicher und dabei intellektuell herausfordernder Job. Als der Feinschliff am Text sich in die Länge zu ziehen begann - die Zeit drängt, die Buchmesse naht und der Flyer musste heute noch raus -, schaute er auf die Uhr und bemerkte: "Hoffentlich hast du heute nichts mehr vor", worauf ich ein vorwurfsvolles Gesicht aufsetzte und erwiderte: "Doch, ich muss noch bloggen", was sich ja auch irgendwie erfreulich anfühlt, wenn man seinem Auftraggeber gegenüber das einfach so erwähnen kann.

Interessant war es zu erleben, wie das Restaurant im Laufe des Nachmittags sein Gesicht und seine Energie verändert. Köche und Küchenhilfen werkelten lautstark in der Küche, gegen vier Uhr begann der Service zu wuseln, das Telefon ging immer öfter, der ganze Bienenstock fing an zu summen, die Zeit verstrich und aus dem Summen wurde eine Brummen, wie ein Organismus, der sich warm läuft und allmählich auf Hochtouren bringt. Auch war es interessant zu erleben, dass die weiblichen Servicekräfte und Küchenhilfen es hochinteressant fanden, dass da die Putzfrau am Laptop sitzt und dem Chef Vorträge über guten Schreibstil hält; während die männlichen Köche sich so verhielten, als komme ihnen die ganze Szenerie befremdlich und daher völlig uninteressant vor. Kann aber auch Einbildung gewesen sein. Glaube ich aber nicht. Irgendwie jedenfalls.

Doch, der Tag war gut. So ein Tag macht zufrieden.
Es könnte ruhig mehr solcher Tage geben.

Freitag, 27. August 2010

SM wie Supermarkt


Wenn es um den Einkauf von Lebensmitteln geht, sollte die Wahl des Einkaufsortes mit Bedacht getroffen werden. Nichts ist unklüger, als unter Zeitdruck zum nächstbesten Supermarkt zu rennen, um an der Kasse festzustellen, dass das dort befindliche Reptil - vulgo: Kassenschlange - sich nicht von der Stelle rührt. Und sich, zum Stillstand gezwungen, zu fragen, warum man so blöd war, trotzdem in gerade diesen Supermarkt zu rennen, schließlich kennt man seine Pappenheimer im Stadtteil (wissenschaftlich: relevant set) und weiß aus Erfahrung, wo einen welcher Stressfaktor erwartet.

Seit ich um die Firma Rewe einen großen Bogen mache, hat sich mein relevant set verkleinert, was die Wahl des Einkaufsortes ein wenig stressfreier gestaltet, denn bekanntlich fällt jegliche Art von Auswahl - ob beim Lebensmittelkauf oder beim Lebenspartner - umso leichter, je weniger Alternativen sich anbieten.

Weil es heute in kurzen Abständen mal regnete, mal nicht, entschied ich mich für den kürzesten Weg zwischen zwei Wolkenbrüchen und strebte den nächstgelegenen Supermarkt, den Discounter Penny an; wohlwissend, dass die Penny-Filiale in meinem Stadtteil ganz unten rangiert in meinem persönlichen Supermarkt-Ranking, aus mehreren Gründen:
1. Es riecht dort immer ganz dubios. Wobei schlechte Gerüche per se unerfreulich sind, aber wenn die Geruchsmischung noch nicht einmal einem bestimmten Geruchsverursacher zuzuordnen, sondern einfach nur ein barbarischer Gestankmix ist, ist meine Toleranz ausgeschöpft.
2. Der Boden dort ist fast immer klebrig, vorzugsweise an dichtfrequentierten Stellen, so dass jeder Schritt ein hässlich schmatzend-qietschendes Geräusch produziert. Mich macht das ganz krank.
3. Die Kassenschlange ist regelmäßig hypertrophiert. Meine vergleichenden Studien haben ergeben, dass sie bei Penny am längsten brauchen, bis eine zweite oder dritte Kasse geöffnet wird - eigentlich tun sie es erst dann, wenn das Reptil sich so aufgebläht hat, dass es die Fensterfront zu sprengen droht. Den richtigen ( = kundenfreundlichen) Zeitpunkt verpennen sie regelmäßig - wahrscheinlich haben sie deshalb den Laden liebevoll 'Penny' genannt.

Egal, dachte ich heute - du hast Urlaub, also Zeit, außerdem hast du Urlaubslaune, also gute Nerven. Letztere sollten auf eine harte Probe gestellt werden. Wo? An der Kasse natürlich. Es zog sich ein buntes multiethnisches XXL-Reptil durch den halben Laden. Ich hatte das Pech, direkt vor mir eine Frau mit Kinderwagen zu haben, aus dem heraus ein mörderisches Gebrüll abgesondert wurde. Neben dem Kinderwagen standen zwei kleine Mädchen; eines von beiden versuchte den Kinderwageninhalt zu besänftigen, indem es das Gefährt ganz sachte ein wenig auf und ab schaukelte, den Zeigefinger auf die Lippen legte und leise "Psst, psst" ins Wageninnere flüsterte, was das Brüllmonster völlig ungerührt ließ. Hochtourig brüllte es weiter. Das Reptil vor und hinter mir gab schnaubende Atemgeräusche von sich.

Unsanft schubste die Brüllmonstermutter das kleine Mädchen weg vom Kinderwagen, dabei schimpfend: "Lässt du meinen kleinen Jungen in Ruhe!" Das Mädchen gehorchte sofort und wich zurück. An den erschrocken aufgerissenen Augen war abzulesen, dass es die Schwester des Brüllmonsters sein musste. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese Mutter je ihre Tochter "mein kleines Mädchen" genannt hat. Aus dem Kinderwagen randalierte es fortgesetzt. Die Mutter griff nach ihm und begann ihn sachte zu schaukeln, beugte sich über ihn und sagte in sanftem, fast zärtlichem Tonfall etwas zu ihrem kleinen Jungen, was ich nicht verstand und auch keiner mir bekannten Sprache zuordnen konnte. Die beiden kleinen Mädchen standen schweigend daneben und verfolgten die Szene. Der Kinderwagen brüllte weiter Zeter und Mordio.

Ob diese beiden Mädchen jemals so laut, so ausdauernd, so tyrannisch gebrüllt haben? Oder wurde es ihnen beizeiten ausgetrieben? Man weiß es nicht. Während sich das Reptil im Zeitlupentempo nach vorne schob, gingen meine Gedanken spazieren und kehrten zurück mit dem geschlechtssensiblen Sprichwort: "Mädchen, die pfeifen und Hühnern, die kräh'n, soll man beizeiten die Hälse umdreh'n." Halt so typische Kassenschlangen-Gedanken.

Schließlich kam ein Ende in Sicht: Die Kinderwagenmutter vor mir war mit Bezahlen dran.

"13 Euro 81 bitte."

Sie legte dem Kassierer eine Handvoll Kleingeld auf die Ablage und sagte:

"Ist genau gezählt, Sie nix nachzählen."

Der Kassierer wäre kein guter Kassierer, hielte er sich an diese Empfehlung. Er zählte nach. Das dauerte. Es waren viele 20- und 10-Centmünzen und noch viel mehr 5-, 2- und 1-Centmünzen. Endlich war er durch.

"Es fehlen ein Euro und 72 Cent."

Die Frau stellte sich in Pose, wies mit einer dramatischen Handbewegung auf die unzähligen Münzen und rief, keinen Widerspruch duldend:

"Ist genau gezählt - Sie nix können zählen?"

Der Mann an der Kasse bewahrte die Ruhe, schüttelte den Kopf, hielt die Hand auf und wiederholte:

"Noch einen Euro und 72 Cent, bitte."

Ein Schwall böser, nichtdeutscher Beschimpfungen ergoss sich über ihn; der Kinderwagen randalierte fortissimo; die Frau griff in ihren Einkaufswagen, zog eine Tüte H-Milch heraus, pfefferte sie dem Kassierer vor die Nase und rief in (wie mir schien, gut einstudierter) Erregung:

"Da, basta, jetzt zufrieden?"

Der Mann an der Kasse blieb bewundernswert cool, schüttelte den Kopf und sprach geduldig wie zu einem kleinen Kind:

"Sie wissen doch, dass ein Liter H-Milch weniger als einen Euro kostet."

Ohne Rücksicht auf Verluste zog die Drama Queen ihre Nummer weiter durch. Der Kinderwagen vibrierte vor Gebrüll. Zwei weitere Penny-Mitarbeiter wurden zu Hilfe geholt (die sich im übrigen längst hätten an eine zweite Kasse setzen können, aber - Penny ist nun mal Verpenny, wie schon erwähnt). Die ganze Prozedur zog sich in unerträgliche Länge. Das multiethnische Reptil gab deutliche Anzeichen der Gereiztheit von sich. Es wurde unruhig. Es wurde laut.

Als erste meldete sich die - wie immer - ungeniert sprachgewaltige italienische Fraktion zu Wort:

"Eh - pronto, pronto!",

dicht gefolgt von einem spanischen Ehepaar - sie: Fäuste in die Taille gestemmt, er: heftig Richtung Kasse gestikulierend:

"Vamosnos, senora!"

Es folgten türkische und jugoslawische Ausrufe, die ich nicht verstand, aber Tonlage wie Lautstärke waren unmissverständlich - Ärger, Genervtheit, Wut. Vor allem der Reptilschwanz war stinksauer.
Draußen ergoss sich der nächste Wolkenbruch; drinnen schien sich ähnliches zusammenzubrauen.
Auf Deutsch war zunächst nur ein verhaltenes, unverständliches Murren zu vernehmen, was dadurch als deutsch zu identifizieren war, dass es eben nur ein verhaltenes, unverständliches Murren war.
Dem Spanier war solcherart Gehemmtheit fremd; wie ja überhaupt die Südländer bei angemessener Provoziertheit die expressive Selbstartikulation bevorzugen, statt sich, wie die meisten Deutschen, erst einmal ein Magengeschwür zuzuziehen, bevor sie ihrem Ärger Luft machen.

"Ay, que puta!",

brüllte der Spanier quer durch den Laden (bitte nachschlagen, so unfeine Kraftausdrücke gebe ich nur unübersetzt wieder).
Das verhaltene deutsche Murren schwoll leicht an, blieb aber immer noch im unteren Dezibelbereich.
Die jugoslawische Front schimpfte erregt und wie immer melodisch Richtung Kasse; die Türken gaben sich lautstarkem, clan-übergreifendem Fluchen hin.

"Puta estupida!!",

steigerte sich der Spanier, um schließlich mit

"Puta madre!!!"

zur Hochform aufzulaufen.

Das Reptil war am Rocken.

Wie gesagt, die Deutschen brauchen immer einen gewissen Vorlauf, bevor sie ihre Contenance aufgeben. Offenbar war jetzt endlich der point of no return erreicht. Eine junge deutsche Mutter mit Kleinkind auf dem Arm explodierte als erste.

"Haben Sie eigentlich ein Rad ab, Sie da vorne?",

schrie sie mit sich überschlagender Stimme. Der deutsche Gefühlsstau kam in Bewegung.

"Wegen Ihnen müssen wir hier alle warten, hamsiese noch alle?",

donnerte es direkt hinter mir - ein rüstiger Rentner mit Hackenporsche entlud sich. Allmählich kamen die Deutschen in Fahrt:

"Wird's bald, wird's bald - sonst helfen wir gerne nach!",

keifte es vom Schwanzende (man beachte die solidarische Wir-Form!). Aus der Ferne erkannte ich eine alte Frau, gebeugt über einen Krückstock, und der bracchiale Ton, in dem sie ihre Nachhilfe angeboten hatte, ließ keinen Zweifel offen, dass sie um die Multifunktionalität eines Krückstockes wusste.

Und ich? Ich machte Atemübungen, tagträumte von meinem Urlaub und dachte bei mir: Wie gut, dass du ein Blog hast.

Alsbald war das anfangs noch in stumm leidender Wartepose erstarrte Fossil von Kassenschlange zu einem wüst zeternden, laut brüllenden, wild fuchtelnden Reptilmonster mutiert. Der Volkszorn entlud sich so ohrenbetäubend, dass ich, die ich direkt hinter der zahlungsunfähigen Mutter samt Kinderwagen stand, basserstaunt feststellte: Im Kinderwagen war es muckmäuschenstill geworden. Was lernen wir? Vor großen Reptilmonstern haben kleine Brüllmonster Respekt. Wenn schon nicht vor Müttern und Schwestern.

Unvorsichtigerweise wagte ich, die Frau darauf aufmerksam zu machen, dass jetzt wohl ein Wort der Entschuldigung an die tobende Kassenschlange angebracht wäre, worauf sich ein bösartiger fremdsprachiger Wortschwall über mich ergoss, die Frau hoch erhobenen Hauptes den schweigenden Kinderwagen zur Tür hinausschob, gefolgt von zwei kleinen verschüchterten Mädchen, die sich noch ein paar Mal zu dem rasenden Reptil umdrehten, womit sie sich einen finalen Anschiss von ihrer Mutter einhandelten.

Ich geh' jetzt aufs Konzert. Heute wieder lange Nacht der Rumba, des Bolero und der wiegenden Hüften. Wieder multiethnisch, aber irgendwie anders, ganz anders als bei Penny.

Freitag, 4. Juni 2010

For Girls Only


Ich glaube, es hackt.
For Girls Only. Ich hätte nie gedacht, dass es für so einen Schwachsinn einen Markt gibt, aber man lernt nie aus. Wo bleibt bitte die neue Barbie mit einem Kleiderschrank voller pinkfarbener Kittelschürzen? Irgendjemand muss ja die Karre durch den Dreck ziehen.

Montag, 15. Februar 2010

Zwei Paar rote Schuhe


Einer der Geschäftsführer hatte keine Lust mehr, sich weiter mein Genöle über Wohnungssuche und damit verbundene Konfliktlagen anzuhören, und lud mich kurzerhand zur Rosenmontag-Sause ins Restaurant ein. "Damit Du mal auf andere Gedanken kommst." Gesagt, getan. Ich kam auf andere Gedanken. Rüschte mich ein bisschen auf, so um den Kopf rum - ein gescheiter Hut ist immer das Allerwichtigste. Hut gibt Mut, finde ich. Und stürzte mich rein ins Vergnügen. Die roten Schuhe fand ich verzichtbar, und das war gut so, denn es waren schon welche da. Auf der Sause, meine ich.
Wir kamen in ein angeregtes Gespräch und ich erzählte irgendwann von meinen roten Schuhen. Und dass ich ein Blog habe, das genauso heißt. Beidseitig großer Frohsinn. Übergabe der Blogadresse. Jetzt bin ich mal gespannt.

Wobei es sich wirklich merkwürdig anfühlt, abends um elf dort zu feiern, wo man sieben Stunden später anfängt zu putzen. Sehr merkwürdig.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Verkaufsförderung


Gut platziert ist halb verkauft. Alte Werberweisheit. Gibt es einen besseren Platz für Werbung als die Wand in einer Männertoilette, Abteilung Stehplätze?

Langer Blickkontakt auf Augenhöhe, entspannte Körperhaltung, hoher Aufmerksamkeitsfaktor, keine Reizüberflutung, keine Ablenkung. Kein Entkommen. Wer hier gepinkelt hat, der weiß, dass es am Tresen ein fabelhaftes Last-Minute-Weihnachtsgeschenk zu kaufen gibt. Wie man hört, läuft der Absatz reißend. Die Käufer sind vorwiegend männlichen Geschlechts, quer durch alle Altersgruppen. Na bitte. Wer braucht da noch Marktforschung.

Der Mann geht also nach getanem Geschäft zum Tresen, schiebt einen Zehner rüber und bekommt dafür ein Buch. Oder zwei oder drei, weil er denkt: wie praktisch, gleich mehrere Weihnachtsgeschenke auf einen Schlag. Frauen, denkt er, müssen dafür mindestens einen halben Tag durch die Stadt stiefeln, er dagegen braucht nur aufs Klo zu gehen und hat danach ein paar Sorgen weniger. Oder er verehrt das erstandene Buch gleich seiner Tischpartnerin im Restaurant. Und dann lesen die zwei in dem Buch und gackern und lachen, und irgendwann gackert der Nebentisch mit und schon wird noch ein Buch gekauft. Oder zwei oder drei. Warme Semmeln sind nichts dagegen.

Welches Buch jetzt? Jenes. Das große Buch der Zapfhahnblüten.

Samstag, 10. Oktober 2009

Kopflos


Worum handelt es sich hier? Um das, was man ein schönes Paar nennt?

Ein Herr, der seiner kopflosen Dame ritterlich das Täschchen trägt. Könnte auch seine frühreife Tochter sein, nach der Körpergröße. Arme hat sie auch keine, die Arme, weder fürs Täschchentragen noch für andere Aktivitäten. Ein echter Fall von Schwerstbehinderung.
Was zum Teufel will uns das Deutsche Rote Kreuz damit sagen?
Die DRK-Sozialarbeit wendet sich an Menschen jeden Alters. Sie verhindert, betreut und versorgt soziale Einschränkungen aufgrund von Erkrankungen und Notfällen.
Könnte hinkommen. Ohne zu dramatisieren, lässt sich hier von einem Notfall sprechen, rundum gut betreut. Wo bloß der Kopf geblieben sein mag? Vielleicht hier.

(Gesehen an einem Informationsstand des Deutschen Roten Kreuzes)

Samstag, 26. September 2009

Eau de Toilette


Sex sells, heißt es. Sex sells anything, heißt es unter Werbern, damit ließen sich sogar Produkte verkaufen, die völlig unsexy sind. Zum Beispiel Kloreiniger.
Gefunden habe ich diese australische Werbekampagne bei Animalnewyork. Beim ersten Hinschauen fand ich sie witzig, wegen der Reminiszenz an die Calvin-Klein-Obsession-Ästhetik. Und wegen des Slogans Now that's an Eau de Toilette. Dann fing die Kampagne an mich zu ärgern. Dann las ich den beißenden Blogeintrag dazu vom Copyranter und mir wurde klar, was mich ärgerte. Sarkastisch schreibt er:
And the company trumpets its products' smells, as opposed to their cleaning power, claiming: "our fragrances are complex aromas, and contain base notes, middle notes, and top notes, for a full sensory experience." Sensory, maybe, but not fucking sexual. And the base notes of cheekiness in the ads do not quite mask the top notes of sexism.
Genau. Das Witzige riecht sexistisch. Dann las ich weiter bei den Kommentaren, wo ein Leser meinte, an des Autors Humortoleranz appellieren zu müssen; er, der Autor, solle das alles nicht so eng sehen. Und las die Antwort vom Copyranter, voll des bösen Humors:
Where's the humorous hot topless woman caressing the fat ugly man with toilet brush execution?
Brilliante Replik. Der Autor ist weder humorlos noch prüde, dafür klug und schlagfertig. Und ätzend wie ein Premiumkloreiniger. Ach, würde er doch nur so eine gegen den Strich gebürstete Kampagne für 'Toilettenwasser' kreieren. Die Putzfrauen dieser Welt würden sich schieflachen. Und das Zeug kaufen. Jede Wette.

Donnerstag, 27. August 2009

Mrs. and Mr. Mop


Das darf doch wohl nicht wahr sein.
Partnervermittlung via Baumarkt.

(Keine Werbung)

Freitag, 17. Juli 2009

Schmutz & Putz

Ein Husbot. Was zum Teufel ist ein Husbot? Nein, kein holländisches Hausboot. Auch keine Abkürzung für den 'Husumer Tagboten'. Und erst recht keine seltene grönländische Schlittenhundrasse. Alles falsch. Das Wort Husbot kommt aus dem Englischen, setzt sich zusammen aus hus(band) und (ro)bot, meint also wohl so eine Art Ehegattenroboter. Wer sich darunter jetzt einen vollelektronischen Begattungsapparat mit Fernbedienung vorstellt, liegt völlig daneben. Romantik und Sex gehören nämlich explizit nicht zu den Dienstleistungen, auf die der Husbot programmiert ist. Aber sonst macht das gute Stück fast alles.
An dieser Stelle interessiert natürlich vor allem die Leistungskraft der Putzsoftware, welche dieses spritgetriebene zweibeinige Monsterchen ja irgendwie in sich tragen muss. Und tatsächlich, der Husbot hat es drauf, er putzt und wäscht und gibt die perfekte Hausfrau, äh, den perfekten Hausmann. Das kann man gut finden, so wie ich, man kann es auch bedauern, so wie ich. Denn viele Husbots, einmal marktfähig gemacht, würden viele Putzfrauenarbeitsplätze wegelektronisieren. Soll sich aber bloß kein Husbot-User einbilden, den Putzhubby gäbe es für lau. Wird ein rechter Spritfresser sein. Wo man doch heutzutage beim Ölpreis eh nicht weiß, wo hinten und vorne ist. Und überhaupt, wo Benzin, da Abgase. Stinkt der Husbot vor sich hin, so lange er in Betrieb ist? Hat er einen Auspuff? Wenn ja, warum ist davon nirgendwo die Rede? Unausgereifter Firlefanz.
Trotzdem, ich finde Husbot, den elektronischen Hausfreund, ganz toll. Weil er so lustig ausschaut; manchmal auch traurig. Ich kann gar nicht genug kriegen von seiner Mimik. Selten einen so sympathischen Arbeitsplatzkiller erlebt. Zu sehen in einem Musikvideo. Gefunden auf der Website einer relativ neuen Zeitschrift namens OPAK. In seiner Juli-Ausgabe befasst sich das Magazin mit dem Schwerpunktthema Schmutz & Putz. Das war Mrs. Mop eine Investition wert. Besser gesagt, wäre es wert gewesen, wenn einer der fünf aufgesuchten Zeitschriftenläden das Heft vorrätig gehalten hätte. War nix. Dann halt nicht.
Übrigens erfolgte der Kaufimpuls durch dieses kleine Appetithäppchen. Schmutz kann unwiderstehlich sein.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Sanitäre Geschlechterforschung

Alle zwei Wochen ist mittwochs Fensterputztag. Heute wären also wieder die Restaurantfenster fällig gewesen, jedoch, der Dauerregen warf den Putzplan über den Haufen. Weil Regen jedes geputzte Fenster auf der Stelle in ein ungeputztes verwandelt. "Immer schön flexibel bleiben", meinte Frau Übermop, als ich meinen Dienst antrat: Statt der Fenster bekam ich die Toiletten zugeteilt. Keine Frage, ich putze zehnmal lieber Fenster als Toiletten, was insofern günstig ist für mich, als Frau Übermop hundertmal lieber die Toiletten putzt als die Fenster. Zumal die Toiletten vierzehnmal so oft geputzt werden müssen wie die Fenster, ist ja klar.
Es wurde heute also umdisponiert, zum einen wetterbedingt, zum andern aus, nun ja, sagen wir 'erzieherischen' Gründen, oder wie die Große Mop-Vorsitzende es ausdrückte, "damit du nicht aus der Übung kommst". Denn selbstverständlich hatte ich in den ersten Tagen meiner Putztätigkeit ein Allroundtraining verpasst bekommen, zu welchem auch die Toilettenreinigung gehört. "Überall mal reinschnuppern", hatte das damals auf Übermop-Deutsch geheißen, was im Falle der Toiletten sprachlich vielleicht nicht ganz erste Wahl, andererseits durchaus treffend ist, schließlich kann man sich beim Putzen ja nicht die Nase zuhalten. (Allmählich wird, so hoffe ich, meine Vorliebe für Lindenblüten- und Kamilledüfte nachvollziehbar.)
Jedenfalls wusste ich heute, was auf mich zukommt: Ich mache 'es' nicht gern, aber es macht mir auch nicht übermäßig viel aus, und da ich es schon ein paar Mal gemacht hatte, schnappte ich mir meine Utensilien - Eimer, Desinfektionsmittel, WC-Ente und so - und legte los.
In Ermangelung erwähnenswerter subjektiver Ekelkomponenten schien es mir angemessen, die Sache aus soziologischer Sicht zu betrachten, denn nicht zum ersten Mal stand die Frage im sanitären Raum: Wieso werden Herrentoiletten von ihren Benutzern signifikant sauberer hinterlassen als Damentoiletten? Nun ist zwar so ein Blog nicht das passende Örtchen, um unappetitliche Details aufzulisten, aber so viel sei immerhin gesagt: In jedem öffentlich zugänglichen Klo pflegt ein Eimer zu stehen, in welchen hinein der Benutzer/die Benutzerin all das entsorgen kann, was nicht in die Toilette gehört. Gut, da haben die Herren womöglich weniger zu entsorgen als die Damen, weshalb der Herreneimer fast immer leer ist; nur ist der Dameneimer ebenfalls meistens leer, nicht aber das unmittelbare Umfeld des Dameneimers, sprich der Boden. Können die Mädels nicht zielen oder fangen sie auf dem WC an zu schielen oder was ist da los?
Auch heute war der Damentoiletteneimer wieder mal fast inhaltsfrei, bis auf ein paar kaum nennenswerte Partikelchen. Drumherum sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa, wiewohl ich damit den Hempels höchstwahrscheinlich Unrecht tue, denn vermutlich wird es selbst bei Hempels unterm Sofa manierlicher aussehen. Nun gut. Ich tat, was zu tun war. Dann leerte ich den Eimer. Wollte ihn leeren, ging aber nicht. Weil das, was drin war, am Boden des Eimers festklebte. Hartnäckig. So dass mir der Griff in den Eimer - gesegnet sei die Erfindung der Latexhandschuhe - nicht erspart blieb. Nach einiger Mühe hatte ich endlich die fünf alten Kaugummiknuddel entfernt: fünf ausgekaute Kaugummiknuddel, allesamt fein säuberlich zu kugelrunden adretten Bällchen gerollt und von fünf Damen (eine allein wird's ja wohl nicht gewesen sein) so zielsicher wie präzise ins Eimerchen geschnickst. Na bitte, dachte ich, geht doch. Wieso schaffen die das mit winzigkleinen Kaugummikügelchen, nicht aber mit größeren Objekten? Und warum schmeißen sie ihre Kaugummis nicht gleich in die Toilette, wo sie (die Kaugummis) keine Chance haben festzukleben? Und weshalb verwechseln sie eine Gastronomietoilette mit einer Sanitärmülldeponie?
Ja, ich weiß, über so etwas spricht man nicht, aber so etwas macht man auch nicht. Würde so etwas nicht gemacht werden, müsste auch nicht darüber gesprochen werden. Gut, dass man mit Frau Übermop über derlei Genierliches ganz ungeniert sprechen kann; ich kam aus der Toilette, schimpfte wie ein Rohrspatz und fragte sie, wieso das so sei mit den Mädels und den Jungs und den geschlechtsspezifischen Hygieneunterschieden. "Wusstest du das nicht?", fragte sie zurück, "das war schon immer so", und nach einer Pause, "bei sich zuhause auf der Toilette machen sie so was nicht", woraus wir beide im gleichen Atemzug schlussfolgerten, "da haben sie ja auch keine Putzfrau." Und weil Frau Übermop gern das letzte Wort hat, setzte sie noch einen drauf, "... und wenn sie eine hätten, dann würden sie sich vor der Putzfrau schämen, so etwas zu machen."
Sozialpsychologisch astrein auf den Punkt gebracht. Gezielt, getroffen, versenkt. Eins-Null für Frau Übermop. Na ja. In diesem speziellen Fall wohl doch eher Null-Null.