Samstag, 27. November 2010

Fürchtet euch nicht


Man kann über Discounter schimpfen wie man will, aber sie haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Der Kunde wird nicht zum Opfer akustischer Belästigung gemacht.

Weder liegt mir dort ein unablässig quäkender Ladenfunk in den Ohren, der mich penetrant warmherzig daran erinnert, wie ich den ersten Advent mit Speis' und Trank "für meine Lieben zuhause" noch adventsgerechter gestalten kann, noch werde ich mit vorweihnachtlicher synthi-streicher-gesättigter Fahrstuhlmuzak ("Lustig, lustig, tralalalala, bald ist Nikola-haus-a-bend da") in die saisonal obligate Stimmung genötigt. Beides kann mir den letzten Nerv rauben, und wenn sie mich dann auch noch an der Kasse (gefühlt) bis zum dritten Advent warten lassen, während die Wiederholungsschleife mir zum fünften Male einbläut, dass es nun wirklich nicht mehr lange hin ist bis zum Nikolaustag, wo ich doch die frohe Botschaft bereits beim Warten an der Käsetheke zum dritten Male vernommen hatte, dann haben sie mich dem finalen Wahnsinn ein gutes Stück nähergebracht. Akustisch fühlt es sich an wie unter der verblödenden Dunstglocke eines gigantischen Advents-Bierzeltes, und wenn man dann endlich den Weg nach draußen geschafft hat, fragt man sich, warum in aller Welt man so blöd war, hier auch nur einen einzigen Cent seines sauer verdienten Geldes zu lassen, weil, was machen die mit meinem Geld? Stellen sie mehr Personal ein, um an einem Samstagmittag Ende November ein paar Kassen mehr zu öffnen? Nein. Sie investieren es in die nächste Zündstufe des vorweihnachtlichen Folterinstrumentekoffers. Denn in anderthalb Wochen hat es sich ausgenikolaust, das heißt neue, an den hauptweihnachtlichen Höhepunkt dynamisch angepasste Dröhnung muss besprochen, bespielt und angeschafft werden, und wer glaubt, dass die Fanfare "Wir möchten, dass Ihre Adventszeit dieses Jahr noch besinnlicher und genießerischer wird!" nicht mehr steigerungsfähig ist, den wird in den kommenden Wochen das Fürchten gelehrt werden.

Selbstverständlich muss ich im Discounter ebenfalls an der Kasse Schlange stehen, aber wenigstens habe ich dort meine Ruhe. Sage keiner, er werde dadurch weniger zur Besinnlichkeit angestiftet: Wer schon mal zehn Minuten lang neben einem kassenzonentypischen, durchaus saisonal kompatiblen Aktionswarenaufbau gewartet hat, über dem links das Schild "Frostschutzmittel" hängt und rechts direkt daneben das Schild "Glühwein", der weiß: Er erreicht alsbald einen kontemplativ-zentrierten, fast spirituell zu nennenden Status, der seinesgleichen sucht, denn irgendwann im Laufe der zehn Warteminuten beginnt die Frage an ihm zu nagen, ob nicht das eine lediglich ein anderes Wort für das andere ist, denn warum zum Teufel trinkt ein Mensch Glühwein, wenn nicht um sich vor Frost zu schützen? Erst recht, wo das eine in einer gewaltigen Kunststoffhenkelflasche mit praktischer Ausgießtülle und das andere in einem nicht minder gewaltigen Tetrapack, ebenfalls mit praktischer Ausgießtülle, verpackt ist und man zu dem Schluss kommt, für beide Produkte hätte es auch ein einziger Verpackungsmodus getan, nämlich ein standsicheres Fässchen mit Abfüllhilfe, oben drüber "Frostschutz" und basta.

Endlich draußen, empfängt mit ausgebreiteten Armen mich Väterchen Frost, bereit, meine gebeutelten Hirnwindungen durch ein gnädiges Kältekoma vor weiteren verkaufsförderungsinduzierten Trancezuständen zu schützen. Es glaubt ja keiner, wie besinnlich-genießerisch sich so ein paar mentale Frostbeulen anfühlen.

Freitag, 26. November 2010

Dem Truthahn sei Dank


Bekanntlich war bereits gestern der Tag des Truthahn-Massenmordes (andernorts auch "Thanksgiving Day" genannt), der mir leider insofern durch die Lappen gegangen ist, als mir der gestrige Tag gegen Gewalt an Frauen selbstredend wichtiger war als der gestrige Tag der Gewalt gegen Truthähne.

Die Tradition des Thanksgiving Day bringt es mit sich, dass man sich nicht nur im großen Stil überfrisst und nachhaltig betrinkt, sondern auch von ganzem Herzen bedankt. Bedankt für was? Na, für etwas, wofür man eben besonders dankbar ist. Naturgemäß ist das von Mensch zu Mensch ganz verschieden, denn wofür der eine sich bedankt, dafür würde sich der andere schön bedanken. (Subversiven Gerüchten zufolge heißt der Thanksgiving Day so, weil er der Tag des Jahres ist, an dem sich die Geflügelindustrie bei den Amerikanern dafür bedankt, dass sie insgesamt 300 Millionen Truthähne - davon etwa 100 Millionen am Thanksgiving Day - niedergemacht haben.)

Nun steht bei mir zwar weder ein Truthahn auf dem Tisch noch ein Besäufnis an, aber die Sache mit dem Bedanken gefällt mir. Übrigens dürfte auch bei sehr vielen Iren (ebenfalls Thanksgiving-Traditionalisten, feiern am 27. November) dieses Jahr kein Truthahn auf dem Tisch stehen; trotzdem finden sie Gründe, sich zu bedanken, zum Beispiel bei dem irischen Premierminister Brian Cowen,
"...weil uns zwar zum Heulen zumute, das Lachen aber trotzdem nicht vergangen ist: Ihm verdanken wir, dass Irland für den Rest des Jahres in den Schlagzeilen bleiben wird, was wir wiederum seinem inkompetenten Management der wirtschaftlichen Krise verdanken - welcher Krise eigentlich?"
Andere sind der Meinung, ein Bild sage mehr als tausend Worte, und bringen ihren Dank auf Dubliner Hauswänden zum Ausdruck:

"The Blues Brothers"
(Brian Cowen und der irische Finanzminister Brian Lenihan)

Und jetzt komme endlich ich an die Reihe. Wofür bin ich gerade heute besonders dankbar?

Für drei Dinge:

Erstens dafür, dass es noch Wunder gibt: Trotz großer Gefahr - Glatteis, Schneetreiben, knirschende Pfützen - bin ich heute früh nicht vom Fahrrad gestürzt.
Zweitens dafür, dass es noch Autoren gibt, die über die Krise Irlands sowie deren Folgen schreiben und denen das Schicksal großer Bevölkerungsteile in Irland mehr wert ist als nur ein halbherziger Nebensatz.
Drittens dafür, dass es noch Menschen gibt, die auf die durchgeknallte finanzwirtschaftliche Entwicklung mit angemessen durchgeknalltem Humor reagieren:

(Ben Bernanke, Präsident der US-Notenbank)

Donnerstag, 25. November 2010

Hoch die Faust


Es ist ja in den letzten Jahren (oder sind es schon Jahrzehnte?) erstaunlich ruhig geworden um den Internationalen Frauentag (25. November). So ruhig, dass ich diesen Tag schon fast vergessen hätte. Vergessen betäubt, habe ich gerade festgestellt; Lesen hingegen macht hellwach:

*Aus Anlass des 25. November 20010 , des Internationalen Tages gegen
Gewalt an der Frau*

*Pressemitteilung *

des

*ŞEHRAZAT- Transkultureller Frauen- und Kunstverein*

Sehr geehrtes Publikum, sehr geehrte Presseangehörige, liebe Frauen,

Wir haben die Rolle des Opfers satt!

Wir haben beschlossen die Hauptrolle zu spielen, um
menschenrechtswidrigen Taten gegenüber Frauen ein Ende zu machen.

Zuhause eingesperrt zu werden, unter Kontrolle gehalten zu werden,
umgebracht zu werden, sobald wir in eigener Bestimmung leben möchten
wird betitelt mit Tradition, mit Ehre, mit Kultur, mit Islam. Und wie
möchtet ihr dann die Morde an den Frauen anderer
Religionszugehörigkeiten und Kulturen erklären?

Lassen wir diese Hexenjägerei! Wie sollen denn die Vergewaltigungen,
8000 im Jahr, von denen viele noch nicht einmal geahndet werden, wie
sollen die als „ Familiendrama“ titulierten 150 Morde im Jahr erläutert
werden.

Sind nicht auch diese Morde wie diese, welche in islamischen Kreisen als
„ Ehrenmord“ benannt sind, solche, welche der männlichen
Herrschaftsvorstellung entspringen, in der eine tote Frau, einer freien
Frau vorzuziehen ist.

Frauenfeindliche Politik wird in diesem Land betrieben! Muslimische
Migrantinnen werden zur Zielscheibe auf diese Weise. Was unseren
deutschen Schwestern angetan wird, wird verschwiegen! Sind es nicht
Teile der Gewalt gegen Frauen, dass Frauen noch immer mit geringerem
Lohn arbeiten müssen, Arbeitslosigkeit und Armut auf ihre Schultern
gelastet wird, Migrantinnen mit rassistischer Politik ausgegrenzt
werden? Islam, ja auch der Islam ist wie jede andere monotheistische,
institutionalisierte Religion frauenfeindlich; weder mehr noch weniger;
wer sieht das nicht?

Sprachrohre der Nutznießer der Ausbeutung, Politiker, Journalisten,
angebliche Aufgeklärte und die mit Mikrofonen umherirrenden anderen:
Wenn ihr so überzeugt seid von der Unterdrückung der Frauen, dann lasst
das Weinen um sie; öffnet stattdessen die Grenzen Europas! Öffnet Frauen
die Türen, welche vor Krieg, Hunger, sexueller Verfolgung fliehen.

Erteilt Frauen, welche sich auf Grund von Gewalt scheiden lassen
mussten, bedingungslos ein Bleiberecht und die Erlaubnis zu arbeiten.

Stellt die Gelder der Staatskassen an Stelle von Kriegsausgaben lieber
der Bildung von Frauen zur Verfügung.

Schafft Gesetze, welche Frauen den Weg zu Lehrstuhl, Labor,
Leitungsposition und Öffentlichkeit ebnen. Schafft sie, damit ihr
glaubwürdig werdet.

Krokodiltränen erkennen wir, ihr braucht sie nicht zu vergießen!

Noch einige Worte haben wir an die, welche profitieren von der
männlichen Herrschaftsstruktur:

Wir geben Euch nicht das Recht, uns in schön, unattraktiv, muslimisch,
christlich, Hausfrau, Straßenfrau, homosexuell, heterosexuell zu
kategorisieren und zu spalten, unsere Körper und Arbeitskraft
auszunutzen und uns zu definieren.

Wir lassen uns, mit unserer Vielfalt, nicht zum Werkzeug für eure
Integrationsdebatten, rassistische, ausgrenzende und kapitalparteiische
Politik machen!

Unsere Vielfalt ist unser Reichtum!

Wir werden weiterhin arabisch singen und spanisch tanzen. Mit unseren
Kindern kurdisch sprechen und türkische Gedichte schreiben, uns in Saris
kleiden und gegen die Alpen jodeln.

Wir werden Bilder malen, obendrein Bilder welche zeigen wie hässlich ihr
und wie schön wir sind.

Was dagegen?

Gegen jede erhobene Hand gegen Frauen stehen wir zusammen.

Wir werden die Frauenmorde stoppen. Wir sind nämlich in überhand und überall

*ŞEHRAZAT- Transkultureller Frauen- und Kunstverein*
gefunden bei Che via Momorulez

Was dagegen?

Mittwoch, 24. November 2010

Ein Typ zum Schafe klauen


Es hat ja, glaube ich, jeder Mensch so seine Abneigungen gegen bestimmte Redensarten, ohne zu wissen, woher diese Abneigung eigentlich kommt. Ich zum Beispiel kann es auf den Tod nicht verknusen, wenn jemand sagt, mit mir (oder irgend jemandem) könne man Pferde stehlen. Ich kriege dann jedes Mal so ein Zucken um den Unterkiefer. Es ist mir völlig unerklärlich, aber es fängt an zu zucken, dabei habe ich überhaupt nichts gegen Pferde, und gegen das Wort stehlen eigentlich auch nicht, außer dass es etwas Illegales bedeutet, was man nicht tut. Wobei sich mit mir, wenn es darauf ankommt, bestimmt ein Pferd stehlen ließe, aber wozu brauche ich ein Pferd?


Ganz anders liegt der Fall, wenn jemand sagen würde "mit dir kann man ein Schaf klauen", da wäre ich sofort dabei. Also, bei der Redensart. Obwohl, für einen Moment habe ich gedacht: auf diesem Motorrad wärst du schon gern gesessen. Muss ich zugeben.

Dienstag, 23. November 2010

Protestschnipsel


Je früher der Morgen, desto belebender die Fundstücke.

Es gibt Formen des öffentlichen Protestes, bei denen wird mir ganz warm ums Herz.


Sich hinter den Reporter schleichen und der Kamera kurz und bündig die Meinung sagen, während der Reporter live von der aktuellen IMF-Rettungsaktion für die irischen Banken berichtet. Und sich nicht wegschubsen lassen, sondern standhaft und mit irischer Dickköpfigkeit sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen.

So einfach wie wirkungsvoll. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

Montag, 22. November 2010

Brot für die Nerven


"Heute verführe ich dich!", trompetete der marokkanische Gemüselieferant auf der Kellertreppe, "magst du?" Nö, antwortete ich. "Wieso denn nicht?", kam es gekränkt zurück, "du kriegst auch was Schönes!" Versteh' einer die Marokkaner. Sittenstrenger Moslem, zuhause Frau und Kinder, und dann das. Ich schloss gerade mein Fahrrad auf und wollte nach Hause fahren. "Mach' dir keine Sorgen um dein Fahrrad, das verführen wir auch", fügte er hinzu. Ob er sie noch alle habe?, fragte ich ihn. Es stellte sich dann heraus, dass er mich gar nicht ver-, sondern entführen wollte. Unter Entführen, so stellte sich im weiteren heraus, verstand er, mich samt Fahrrad in seinem großen Lieferwagen nach Hause zu fahren.

Da es heute nicht nur kalt, sondern kaltkalt war, leistete ich der Entführung keinerlei Widerstand; ich genoss es, auf dem hohen Beifahrersitz zu thronen und mit viel Überblick die halbe Stadt zu durchqueren. Der Typ fuhr wie der Henker, aber durchaus umsichtig und schaffte es, nebenher zu plaudern wie ein Dampfradio und dabei so ausladend wie temperamentvoll zu gestikulieren. Als die Aufbauarbeiten für den Weihnachtsmarkt uns in den Stau zwangen, wurde er ein wenig einsilbig. Dann fragte er mich, ob ich den Rummel besuchen würde. Ich verneinte; ich hasse Weihnachtsmärkte.

Er fiel aus allen Wolken: "Aber du bist doch Deutsche!" Ja, aber eine weihnachtsmarkthassende. "Komische Deutsche du", schüttelte er verständnislos den Kopf und erzählte, er würde mit seiner Familie jedes Jahr auf den Weihnachtsmarkt gehen, hauptsächlich den Kindern zuliebe, "deutsche Folklore, weißt du". Die Kinder seien ganz verrückt nach gebratenen Kastanien und "Brot für den Magen".

Leider werde dieses Jahr der Weihnachtsmarktbesuch wohl ausfallen, fuhr er fort, "die machen zu viel Stress." Wer, die Kinder? Nein, nicht die Kinder. Wer dann? "Alle", meinte er, "alle machen Stress wegen Terror. Geht einer wie ich auf den Weihnachtsmarkt, denken alle, ich bin der Achmet mit der Bombe." Na toll, dachte ich. Da fädelt sich ein Marokkaner mustergültig in die deutsche Leitfolklore ein und wird unfreiwillig zum Integrationsverweigerer, weil der Terror mit dem Terror es schafft, ihn zum potentiellen schwarzen Schaf zu stempeln. "Macht keinen Spass", erklärte er, "bleib' ich lieber zuhause, kauf' ich Brot für den Magen bei Aldi, ist besser für die Nerven." Es sei halt bloß schwer, das den Kindern zu erklären.

Als Bomben-Achmet mich vor der Haustür absetzte, schenkte er mir etwas Schönes: Salat, Broccoli, Brunnenkresse und ein paar Handvoll Kastanien zum Selberbraten, "kannst du Weihnachtsmarkt zuhause machen!", lachte er. "Friede auf Erden", bedankte ich mich. Fand er lustig.

Ich brate mir jetzt ein paar Kastanien. Für die Nerven.

Sonntag, 21. November 2010

Viele Wege führen ins Prekariat


Die Geschichte ist schnell erzählt:


Eine frischgebackene Hochschulabsolventin stürzt sich hoffnungsfroh auf den (für Hochschulabsolventen) prekären Arbeitsmarkt, schreibt eine Bewerbung nach der anderen, stellt ernüchtert fest, dass kein Hahn nach ihr kräht, schreibt weiter Bewerbungen (abends), während sie (tagsüber) als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdient. Eines Tages wird Fionas (so heißt sie) Flehen erhört: Sie bekommt für ein paar Monate ein schlecht bezahltes Praktikum angeboten. Ist doch schon mal was.
Die ernüchterte Hochschulabsolventin wittert Morgenluft; mag sein, dass sie - desillusioniert, wie sie bereits ist - einer neuerlichen Illusion aufsitzt und einen Strohhalm mit einer beruflichen Perspektive verwechselt. Sie geht mit wehenden Fahnen zum Bewerbungsgespräch und ist bereit, alles zu geben. Denn es könnte ja - man hat schon grüne Pferde vor der Apotheke kotzen sehen - eine Festanstellung daraus werden.

So weit die Geschichte, so weit nichts Besonderes, jedenfalls nicht ungewöhnlich. Da man beim Lesen schon ahnt, dass der akademischen Berufsanfängerin in punkto Festanstellung eine weitere Desillusionierung droht, ist man geneigt, der jungen Frau sein aufrichtiges Bedauern auszusprechen.

Beim zweiten, dritten Lesen mischen sich gemischte Gefühle unter das Bedauern. Während des Bewerbungsgespräches für das schlecht bezahlte Praktikum in einer PR-Firma wird der Bewerberin erklärt, dass man Großes mit ihr vorhabe: Die Firma habe sich nämlich für die nahe Zukunft professionelles Kommunizieren via Social Media auf die Agenda gesetzt, und deshalb "müssen wir uns einen Eindruck verschaffen, wie geübt und kreativ Sie im Umgang mit diesen Tools sind." Warum nicht, denkt sich die hoffnungsfrohe Praktikantin in spe - schließlich ist sie längst als ausgekochte Selbstvermarkterin auf Facebook unterwegs, da wird so ein bisschen Social Media für eine PR-Firma schon zu wuppen sein.

Aber dann kam die Sache mit der "Social Media Challenge": Der Bewerberin wurde mitgeteilt, dass sie eine von zwei verbliebenen Kandidatinnen (Gesamtzahl unbekannt) sei, die von der Firma in die engere Praktikantenauswahl gezogen worden sei. Ehre, wem Ehre gebührt - das Finale erreicht zu haben stachelt den Ehrgeiz doppelt und dreifach an. Die Challenge (wer denkt da nicht sofort an herausfordernd-entblößende Castings im TV-Rampenlicht) bestünde nun darin, sich mit der Konkurrentin in einem edlen öffentlichen (!) Wettkampf zu messen, welche von beiden das bessere, sprich firmenkompatiblere Social-Media-Konzept auf die Beine stelle. Wie gesagt, nicht etwa von einer geschützten, verschwiegenen Büroecke aus, sondern in einer öffentlich inszenierten "PR-Firma sucht den Superstar-Praktikanten"-Castingshow. Der Gewinnerin winke nicht etwa eine Festanstellung, vielmehr würden - wir ahnen es - "ihre Chancen zu einer Festanstellung steigen". (Letzteres wird umgangssprachlich auch gern 'einen vom Pferd erzählen' genannt.)

An der Stelle hätte ich beim Lesen frisch drauflos kotzen können, und das, obwohl ich kein grünes Pferd bin. Offenbar gehört es mittlerweile zum arbeitgeberseitigen Standard, perspektivlose, im Überfluss auf den Arbeitsmarkt drängende Hochschulabgänger als beliebig zu verschaukelnde Manövriermasse in öffentlichen Schaukämpfen zu verheizen. Verzweifelt - aber noch nicht restlos desillusioniert -, wie die akademischen Frischlinge nun mal sind, beugen sie sich diesem "do-anything, fuck-anyone"-Standard und spielen das unwürdige Spiel in der Zweikampf-Arena mit, public viewing inklusive. Bei aller Empathie für die Verzweifelten mischt sich auch in mein Bedauern ein gewisser Brechreiz.

Eine Woche lang hat der Showdown gedauert. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nun hat Fiona - vor den Augen der Öffentlichkeit - eine Bauchlandung hingelegt und gegen ihre Mitbewerberin verloren. Macht sich bestimmt gut bei ihren künftigen Bewerbungen; man darf gespannt sein, ob ihre Chancen auf eine Festanstellung bei irgendeiner anderen Firma dadurch gestiegen sind. Ich kann es mir, ehrlich gesagt, nur schwer vorstellen.

Auf, auf, zum fröhlichen Praktikanten-Pitch! Nach dem Duell zeigte sich die PR-Firma gegenüber der Verliererin von ihrer menschlich-großzügigen Seite und betrostpreiste die Gescheiterte mit einem dreimonatigen Praktikum (vermutlich um keine schlechte PR wegen Erregung öffentlichen Erbrechens zu kassieren). Danach war Schicht im Schacht: Für eine Festanstellung fehle es der Firma an Geld. Good bye. War nett mit Ihnen.

Während dieses Abschlussgespräches kam die ausgemusterte Fiona auf die (vielleicht etwas verspätete) Idee, ihren Unmut über das von den PR-lern betriebene Einstellungsprozedere zu artikulieren: Ein solches Vorgehen, meinte sie, würfe ein schlechtes Licht auf die Firma (man darf ergänzen: auf eine mit Öffentlichkeitsarbeit befasste Firma). Als Reaktion darauf scheuten die kreglen Öffentlichkeitsarbeiter weder Mühe noch Kosten und kauften der Frischgechassten einen Schokoladekuchen, "a chocolate good-bye cake".

Viele Wege führen ins Prekariat.

Keine Ahnung, ob Fiona inzwischen einen neuen Job als Kellnerin gefunden hat.