Montag, 22. November 2010

Brot für die Nerven


"Heute verführe ich dich!", trompetete der marokkanische Gemüselieferant auf der Kellertreppe, "magst du?" Nö, antwortete ich. "Wieso denn nicht?", kam es gekränkt zurück, "du kriegst auch was Schönes!" Versteh' einer die Marokkaner. Sittenstrenger Moslem, zuhause Frau und Kinder, und dann das. Ich schloss gerade mein Fahrrad auf und wollte nach Hause fahren. "Mach' dir keine Sorgen um dein Fahrrad, das verführen wir auch", fügte er hinzu. Ob er sie noch alle habe?, fragte ich ihn. Es stellte sich dann heraus, dass er mich gar nicht ver-, sondern entführen wollte. Unter Entführen, so stellte sich im weiteren heraus, verstand er, mich samt Fahrrad in seinem großen Lieferwagen nach Hause zu fahren.

Da es heute nicht nur kalt, sondern kaltkalt war, leistete ich der Entführung keinerlei Widerstand; ich genoss es, auf dem hohen Beifahrersitz zu thronen und mit viel Überblick die halbe Stadt zu durchqueren. Der Typ fuhr wie der Henker, aber durchaus umsichtig und schaffte es, nebenher zu plaudern wie ein Dampfradio und dabei so ausladend wie temperamentvoll zu gestikulieren. Als die Aufbauarbeiten für den Weihnachtsmarkt uns in den Stau zwangen, wurde er ein wenig einsilbig. Dann fragte er mich, ob ich den Rummel besuchen würde. Ich verneinte; ich hasse Weihnachtsmärkte.

Er fiel aus allen Wolken: "Aber du bist doch Deutsche!" Ja, aber eine weihnachtsmarkthassende. "Komische Deutsche du", schüttelte er verständnislos den Kopf und erzählte, er würde mit seiner Familie jedes Jahr auf den Weihnachtsmarkt gehen, hauptsächlich den Kindern zuliebe, "deutsche Folklore, weißt du". Die Kinder seien ganz verrückt nach gebratenen Kastanien und "Brot für den Magen".

Leider werde dieses Jahr der Weihnachtsmarktbesuch wohl ausfallen, fuhr er fort, "die machen zu viel Stress." Wer, die Kinder? Nein, nicht die Kinder. Wer dann? "Alle", meinte er, "alle machen Stress wegen Terror. Geht einer wie ich auf den Weihnachtsmarkt, denken alle, ich bin der Achmet mit der Bombe." Na toll, dachte ich. Da fädelt sich ein Marokkaner mustergültig in die deutsche Leitfolklore ein und wird unfreiwillig zum Integrationsverweigerer, weil der Terror mit dem Terror es schafft, ihn zum potentiellen schwarzen Schaf zu stempeln. "Macht keinen Spass", erklärte er, "bleib' ich lieber zuhause, kauf' ich Brot für den Magen bei Aldi, ist besser für die Nerven." Es sei halt bloß schwer, das den Kindern zu erklären.

Als Bomben-Achmet mich vor der Haustür absetzte, schenkte er mir etwas Schönes: Salat, Broccoli, Brunnenkresse und ein paar Handvoll Kastanien zum Selberbraten, "kannst du Weihnachtsmarkt zuhause machen!", lachte er. "Friede auf Erden", bedankte ich mich. Fand er lustig.

Ich brate mir jetzt ein paar Kastanien. Für die Nerven.

Kommentare:

  1. hallo.
    möchte mich nur kurz als neuer mitleser vorstellen :)
    ich rolle den blog gerade von hinten auf. richtig schöne texte,interessante gedanken und tolle fotos. mir macht es spass hier zu stöbern.

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  2. Oh, ein Archäologe ;)!
    Frohes Stöbern und herzlichen Dank.

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  3. Iss schon Weihnacht? Herrliche Geschichte!

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  4. das klingt wirklich traurig... danke für's veröffentlichen, auf solche sachen kommt man/ich von allein irgendwie nicht. _o_

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