Mittwoch, 30. März 2011

Scharf geschossen


Nachdem ich gestern abend so bombig drauf war, begab ich mich heute auf die Suche nach Munition.

Gesucht, gefunden:


Lifting the Veil: Obama and the Failure of Capitalist 'Democracy'

Von Scott Noble.

Ein starker Film.

Sub-headed 'Barack Obama and the failure of capitalist democracy', this film explores the historical role of the Democratic party as the 'graveyard of social movements', the massive influence of corporate finance in elections, the absurd disparities of wealth in the United States, the continuity and escalation of neocon policies under Obama, the insufficiency of mere voting as a path to reform, and differing conceptions of democracy itself.

Dauert knapp zwei Stunden, davon ist keine einzige Minute verschenkt. Es wird Klartext gesprochen. Handverlesene, kluge Interviewpartner in angemessen sarkastischer Grundstimmung. Reichtum und Armut in Amerika. Ans Groteske grenzend: Obama vor und nach seiner Wahl. Ein paar unglaublich gute, scharfzüngige Kabarettisten, mein Favorit: George Carlin, Vollblut. Extrem gute Musik, extrem gut auf einzelne dokumentarische Filmsequenzen passend. Von Pink Floyd (Money) bis Bach (Erbarme dich). Überhaupt, Old Europe: Albert Camus wird zitiert. Ich könnte mich an lauter Superlativen aufhängen.

Sehenswert, absolut sehenswert.

Wer Lust auf mehr hat: Hier findet sich ein komplettes Munitionslager.


Dienstag, 29. März 2011

Kriegslüstern


Man lernt nie aus.

Bisher war ich immer davon ausgegangen: Wenn einer mit einer Knarre auf mich losgeht, beabsichtigt er mich zu erschießen. Danach bin ich mausetot.

Richtig muss es heißen: Sollte jemand in meiner Gegenwart involviert sein in eine kinetisch offensive Aktion, bin ich danach dauerhaft kinetisch inaktiv.

Sollte wider Erwarten ich diejenige sein, die jemanden abknallt, und wegen Mordes verknackt werden, dann sage ich vor Gericht: Moooment - was reden Sie für einen Unsinn? Mord? Ich war lediglich in eine kinetisch offensive Aktion involviert, damit das klar ist!

Worauf sie mich vermutlich in eine geschlossene Anstalt einweisen werden. Das ist der Unterschied zwischen mir und dem amerikanischen Präsidenten. Den weisen sie nicht ein. Hat das Bombenrunterschmeißen in Libyen etwas mit Krieg zu tun? Unsinn! It's a kinetic military action, stupid! Klar? Klar.

Jeden Tag einen neuen dampfenden Haufen politischen Verdunkelungsgeschwafels unter die Nase gesetzt zu bekommen, ist schon eine arge Herausforderung. Irgendwie fühle ich mich da so kinetisch involviert. Früher war ich mal Pazifistin. Heute könnte ich in die täglich verabreichte Dosis an Orwellschen sprachgymnastischen Verrenkungen lauter Streubomben schmeißen.

Aus reiner Notwehr, wohlgemerkt. Gegen die tagtäglich stattfindende semantische Kriegsführung.

Montag, 28. März 2011

Gottes Lohn


Es soll ja immer noch Leute geben, die sich aufregen über Löhne, die so niedrig sind, dass kein Mensch davon leben kann. Oder über schlechtbezahlte Praktika. Oder über langjährig stagnierende Realeinkommen. Oder darüber, dass das sauer, egal womit verdiente Geld hinten und vorne nicht reicht. Leute, die sich über so etwas noch aufregen, haben wohl den Schuss nicht gehört. Den allerletzten Schrei. Der kommt, wie so oft, aus Amerika.

Dort gilt es bei Unternehmern neuerdings als hip, Arbeitskräfte einzustellen, ohne ihnen einen Cent dafür zu bezahlen. Hip bedeutet in dem Fall so viel wie: Wie dumm muss ein Arbeitgeber sein, der sich Arbeitnehmer nimmt und denen auch noch etwas dafür gibt? Schließlich gibt er ihnen bereits etwas, nämlich Arbeit. Soll er dafür etwa noch drauflegen? Womöglich Geld? So weit kommt's noch.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, den Menschen fürs Arbeiten Geld zu bezahlen, kann aus heutiger Sicht nur als steinzeitlicher Denkreflex bezeichnet werden. Der moderne Unternehmer geht mit der Zeit und sagt: Wenn ich meine Mitarbeiter unbezahlt arbeiten lasse, zahlt sich das aus - für mich, für wen sonst.

Wer jetzt entrüstet ausruft, das sei ja ein Rückfall in die Sklaverei!, der hat den Schuss wirklich nicht gehört. Immerhin haben damals die Sklaven etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf bekommen. Von Plänen der amerikanischen Unternehmerschaft, ihren Gratismitarbeitern Massenschlaflager oder betrieblich gesponserte Suppenküchen anzubieten, ist nichts bekannt. Allerdings will sie im Gegenzug auf die altertümliche Gepflogenheit des Auspeitschens verzichten.

Es muss heutzutage keiner zur Gratisarbeit geprügelt werden, die Menschen kommen freiwillig. Zu irgendetwas müssen 15 Millionen Arbeitslose ja gut sein, und sei es zu einer unpaid-jobs-Kultur. Wie aus hierin bereits geübten Unternehmerkreisen verlautet, seien die verzweifelt Jobsuchenden besonders hochmotiviert, ja, wörtlich heißt es sogar, diese Menschen seien "hungrig", nicht etwa nach Essen, sondern:
"People who work for free are far hungrier than anybody who has a salary, so they're going to outperform, they're going to try to please, they're going to be creative"
- und darum auf den extra für sie freiwerdenden Stellen besonders gern gesehen. Wir leben in interessanten Zeiten, wo die Wirtschaft auf den Trichter kommt, dass Verzweiflung stärker motiviert als ein regelmäßiges Gehalt.

Es ist im übrigen keineswegs so, dass die unbezahlt Arbeitenden völlig leer ausgehen. Sie erhalten durchaus eine Gegenleistung von ihren zahlungsunwilligen Arbeitgebern, nur halt etwas viel Wertvolleres als Geld, etwas, was gern als unbezahlbar bezeichnet wird, nämlich: Berufs- und Lernerfahrung. Die soll ja besonders nahrhaft sein, wenn schon nicht für den Magen, so doch für den beruflichen Lebenslauf. Wenn da nur nicht diese lästige Sache mit dem Essen und der Miete wäre. Aber hey, genau dafür steht ja die Gegengabe der Lernerfahrung: Lerne, mit nichts über die Runden zu kommen und du hast was gelernt fürs Leben.

Wie zu lesen ist, ist die Bewerberkonkurrenz für unbezahlte Jobs groß. Beispielsweise meldeten sich nach nur einwöchiger Stellenausschreibung 300 Interessenten für eine Redakteursposition; 700 Kameraleute bewarben sich auf einen Job hinter der Kamera. Beide Stellen wurden im Rahmen eines Projekts ausgeschrieben, zu dem eine Autofahrt von Deutschland nach Kambodscha gehörte. Beide Stellen (übrigens 16-Stunden-Arbeitstage) waren nicht nur unbezahlt; vielmehr wurde auf beiden Stellen von den Kandidaten, die "erfolgreich" das Rennen gemacht hatten, erwartet, ihre Reisekosten selbst zu finanzieren. Erfolg hat, wie man sieht, viele Gesichter.

Schwierig wird es allerdings sein, den einkommenslosen Jobbern Steuern abzuknöpfen. Aber auch dafür dürfte sich eine Lösung finden. Um für entgangene Steuererträge gradezustehen, könnten die nichtsnutzigen Nichtsverdiener verpflichtet werden, abends und an den Wochenenden städtische Einrichtungen und Finanzämter zu putzen. Damit hätte man sich zugleich die leidigen Personalengpässe bei Hausmeister- und Reinigungsfachkräften vom Hals geschafft. Geht doch.

Bemerkenswert - und das ist das wirklich Moderne - an der neuen Unternehmens-Gratiskultur ist, dass sie in aller Öffentlichkeit breitgetreten wird wie Quark; völlig ungeniert, unverhohlen händereibend und mit einem an Kraftmeierei grenzenden Sendungsbewusstsein, so dass man sich fragt, ob die noch alle Tassen im Schrank oder vielleicht ein paar Eier zu viel in der Hose haben. Hinter nichtvorgehaltener Hand wird das unbezahlte Arbeiten als wegweisendes Zukunftsmodell "in human resources" verkauft:
"Ten years from now, this is going to be the norm."
Wer jetzt denkt, das Ganze ist ein Witz: ist es nicht. Nicht mal ein schlechter.

Sonntag, 27. März 2011

Verpatzt


Bin ich doch über so ein Wort gestolpert und kriegte mich nicht mehr ein. Das Wort heißt iPutz. iPutz! Was für ein Wort! Ist ja klar, dass da bei jemandem wie mir alle Glocken läuten und sich die verwegensten Assoziationen einstellen. Ich wollte auf der Stelle einen iPutz haben.

Ich imaginierte einen niedlichen kleinen Putzroboter, so auf Rädern und mit Fernbedienung, und ich sitze gemütlich auf dem Sofa und klicke dem Helferlein elektronische Befehle rüber "ei putz, iPutzi!", und das Helferlein schnurrt gigabytemäßig durch die Wohnung und alles wird gut.

Alternativ, dachte ich mir, wäre eine neue Anwendertechnologie namens iPutz keine schlechte Sache, zur Aktivierung der Selbstreinigungskräfte, sozusagen. So eine Art Putz-App, die turnusmäßig anfängt zu blinken, wenn's mal wieder Zeit wird: "I putz!", was dann so viel bedeuten würde wie "Ey, putz' mal wieder deine Hütte!"

Ich war mehr als angetan und produzierte zu dem Begriff weitere Einfälle, die sich hartnäckig im putz-assoziativen Bereich hielten. Das war ein Fehler. Denn ich begann nach dem Wort zu googeln. Vielleicht war das der Fehler. Denn ein Putz ist weder etwas Nettes noch Niedliches noch in irgendeiner Weise Hilfreiches. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat mehrere despektierliche Bedeutungen, von denen die einzig hier wiederzugebende, weil jugendfreie, diese ist: Idiot.

Putz im Sinne von Idiot wird, englisch ausgesprochen, zu Patz. Weiß man erst mal, dass ein Patz ein unguter Zeitgenosse ist, fängt es einem vor dem i schon an zu grausen. Ein i-Idiot - viel schlimmer kann es nicht kommen. Einer, der sich mords was einbildet auf seinen Besitz an Apple-Spielzeugen und denkt, er sei der Käs', bloß weil er stinkt. So jemand wird umgangssprachlich als iPutz bezeichnet:
"any nerd who claims to be cool because they own an iphone."
oder:
"anyone who waits in line anywhere for the latest Apple gadget."
Wieder was gelernt. Ich wollte kein iPutz mehr haben. Und ein iPutz sein oder so genannt werden will ich erst recht nicht. Wer will schon gerne iPutz genannt werden, selbst wenn er vielleicht einer ist? Keiner. Zumal, wie angedeutet, das semantische Umfeld des Wortes Putz alles andere als schmeichelhaft ist.

Einem ist es jetzt aber doch passiert. Und zwar nicht irgendeinem, sondern dem Präsidenten und CEO der Federal Reserve Bank, kurz Fed, in New York, Bill Dudley. Er wurde öffentlich als iPutz bezeichnet, und höchstwahrscheinlich ist er auch ein iPutz, hört das aber wohl gar nicht gern, denn es ist nun mal kein Kompliment und war in dieser Überschrift auch gewiss nicht als Kompliment gemeint.

Vor ein paar Tagen war nämlich der Fed-Chef missionarisch unterwegs gewesen im New Yorker Stadtteil Queens (ein Stadtteil mit nicht eben gutbetuchter Durchschnittsbevölkerung). Dort versuchte er einer Bürgergruppe weiszumachen, dass es derzeit in Amerika keine Inflation gäbe, beziehungweise dass die Inflation unter Kontrolle wäre, beziehungsweise dass, genau genommen, das Land sich in einer deflationären statt inflationären Entwicklung befände.

Den weniger gutbetuchten Bürgern wollte das nicht recht einleuchten. Müssen sie doch Monat für Monat tiefer in die Tasche greifen, um sich so Grundlegendes wie Lebensmittel, Heizöl, Benzin, Versicherungen und ärztliche Versorgung leisten zu können. Weil nun mal alles immer teurer wird.

Jedoch, einen Chefökonomen und ehemaligen geschäftsführenden Direktor von Goldman Sachs ficht das nicht an. Steigende Lebensmittelpreise? Peanuts. Dudley - ein Freund hedonischer Preisberücksichtigung - zog es vor, von dem unglaublich günstigen Preisleistungsverhältnis jeder neuen Generation von iPads zu schwärmen: Die würden womöglich ein bisschen mehr kosten, dafür aber eine Menge mehr Technologie fürs Geld bieten, deshalb unterm Strich sogar billiger werden und wären, so Dudley, ein sagenhaftes Schmankerlschnäppchen für jeden Technikliebhaber.

Dass man in ein iPad jedoch nicht reinbeißen kann, um seinen Hunger zu stillen, verdeutlichte der Einwurf eines vergrätzten Bürgers "Sir, wann waren Sie das letzte Mal Lebensmittel einkaufen?", was der Befragte nonchalant als rhetorische (und damit irrelevante) Frage unter den Tisch fallen ließ. Was zählte, sei die offenkundig deflationär sich entwickelnde Computertechnologie. Das müssten die Leute doch endlich kapieren. Auch solche Leute, auf deren Einkaufszettel gar kein iPad stünde.

Der Typ bringt mich auf Ideen: Ich streiche einfach von meinem Einkaufszettel so triviales Zeugs wie Brot, Butter und Bananen, schreibe stattdessen ein iPad drauf und zack!, geht meine ebenso gefühlte wie erlebte Inflationsrate in den Keller.

Fortan lebte sie in Saus und Braus, umgab sich mit iPads, wurde zum iPutz, und wenn sie nicht verhungert ist, dann lebt sie noch heute.

Samstag, 26. März 2011

Wahlversprecher


Was ist ein Wahlversprecher?

Ein Wahlversprecher ist ein Politiker, der vor einer Wahl ein Wahlversprechen abgibt.

So weit, so bekannt. Man kann es auch so formulieren:
"Vor jeder Wahl werden gerne von Politikern aller Parteien Wahlversprechen abgegeben."
Stimmt. Eigentlich von allen Politikern. Jedenfalls fällt mir keiner ein, der sich je eines Wahlversprechens enthalten hätte. Bis jetzt. Da diese Zeilen jedoch von einem Politiker stammen, schöpfe ich leise Hoffnung und lese mutig weiter:
"Oft leider in dem Wissen, dass sie nur schwer oder gar nicht zu halten sind."
Stimmt auch. Obwohl ich geneigt bin, korinthenkackerisch das Wörtchen "gern" im ersten Satz mit dem Wörtchen "leider" im zweiten Satz abzugleichen und spitzfindig zu fragen: Ja, was denn nun? Sitzen die beiden Füllwörtchen nicht verräterisch an der falschen Stelle? Müsste es nicht korrekt heißen: Vor jeder Wahl werden leider von Politikern aller Parteien Wahlversprechen abgegeben - gern in dem Wissen, dass sie nur schwer oder gar nicht zu halten sind?

Aber gut, es ist die heiße Endphase eines heißen Wahlkampfes, da wird schon mal was mit heißer Nadel gestrickt. Vor allem dann, wenn kurz vor Torschluss noch schnell eine zündende Anzeige geschaltet werden muss. Im Käseblättchen meines Kiezes.

Bis hierhin also ein vielversprechender Anzeigentext, eben weil nichts versprochen wird. Nicht unsympathisch. Endlich ein Politiker, der nichts verspricht. Ob er es auch halten wird? Etwa so: Ich verspreche Ihnen gar nichts, lassen Sie mich einfach ran. Oder so: Schluss mit der hirnrissigen Versprecherei, für mich zählen Taten, nicht Worte. Oder: Alle Versprecher sind Verbrecher. Hey, endlich einer mit Format!

Neugierig lese ich weiter:
"Ich verspreche Ihnen nur, dass ich mein Bestes geben werde zum Wohle unserer Bürger."
War nix. Absturz. Ernüchterung. Jetzt hat er sich doch versprochen, mein Hoffnungsträger. Er konnte es einfach nicht lassen.

Gerade war ich einkaufen und kam an den Wahlkampfständen der Parteien vorbei. Und da stand er, mein Wahlversprecher, und versprach allen Passanten, sein Bestes zu geben. Ich hörte, wie er zum Besten gab: "Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich verspreche Ihnen, dass ich mein Bestes geben werde!"

Er gab sein Bestes. Stehengeblieben ist keiner.


Klassischer Fall von Wahlversprecher.

Freitag, 25. März 2011

Wehret den Anfängen


Bekanntlich ist Kriminalität ein gesellschaftliches Problem. Um Kriminalität gar nicht erst zum Problem werden zu lassen, wurde die Kriminalitätsprävention erfunden. Damit kriminalitätspräventive Maßnahmen greifen, müssen sie frühzeitig zum Einsatz kommen.
Weil, wo kommen wir sonst hin.

Zur wirksamen Prävention gehört das - wie gesagt, möglichst frühzeitige - Beeinflussen und Verhindern potentiell krimineller Karrieren. Am sinnvollsten fangen wir damit schon bei der jungen Generation an. Also, bei den Jugendlichen. Ach was, am besten bereits bei den Kindern. Oder halt, am allerbesten gleich bei den Kleinkindern, den Knirpsen, Krabblern und Hosenscheißern. Wäre ja noch schöner, sonst.
Kindern, die spielen, und Hühnern, die krähen,
soll man beizeiten die Hälse umdrehen.
Na gut, so martialisch wollen wir es nicht ausdrücken. Vielleicht besser so: Schäden verhüten, bevor sie auftreten. Ob nun auf öffentlichen Bürgersteigen oder an gefährdeten Kinderseelen. Schäden verhüten, genau. Klingt doch viel besser. Klingt irgendwie verantwortungsvoll. Verantwortungsvoll kommt immer gut.


Ein eklatanter Fall von Vandalismus im Vorschulalter verdeutlicht die Dringlichkeit präventiven Eingreifens des Gesetzgebers: Im australischen Melbourne wurden Kleinkinder auf frischer Tat ertappt, wie sie - schwerbewaffnet mit bunten Kreidestiften - den Bürgersteig vor einem Café mit graffiti-ähnlichen Schmierereien beschädigten. Graffiti! Illegal! Öffentliche Sachbeschädigung! Wenn das jeder! Wo kämen wir da hin!

Prompt erfolgte der Zugriff seitens der städtischen Behörden: Die Cafébetreiber wurden aufgefordert, den gesetzwidrigen Outdoor-Aktivitäten der lieben Kleinen unverzüglich einen Riegel vorzuschieben. Gut so. Weil, sonst müsste man ja die verwahrlosten Schmierfinken hinter Schloss und Riegel bringen. Präventiv, versteht sich. Weil, vom dreijährigen Schmierfinken zum pubertärenen Graffiti-Sprayer zum jugendlichen Straßendealer bis hin zum ausgewachsenen Zuhälter ist der Weg kurz. Weiß man ja.

Künftig sollen frühkindlich-kreative, besorgniserregende Delinquenzansätze scharf im Visier behalten, vulgo: im Keim erstickt werden. Wie aktuell verlautbart, tritt eine kriminalitätspräventive Sofortmaßnahme in Kraft: Das beliebte Kinderspiel Himmel und Hölle wird unter Androhung von Schwerstsanktionen verboten. Bei Zuwiderhandlung, liebe Kinder, droht den Kleinstkriminellen Schlimmes: Ihr kommt allesamt in die Hölle.



Donnerstag, 24. März 2011

Finden ohne Suchen


Frühmorgens auf den Balkon treten und die noch kalte Frühlingsluft schnüffeln.

Mehr ahnen als wissen, dass sie sich geschwind erwärmen wird.

Irgendeine Sehnsucht spüren, ohne sich zu kümmern, wonach.

Etwas finden, was der Sehnsucht eine Gestalt gibt:



Der katalanische Künstler Juan Miró und der amerikanische Jazzmusiker Duke Ellington begegnen sich zum ersten Mal für eine improvisierte Jazz-Session während einer Miró-Ausstellung in Südfrankreich.

Miró erzählt Ellington etwas über seine Skulpturen. Er tut es auf Französisch, und der Duke versteht kein Wort. Der Duke antwortet auf Englisch, und Miró versteht kein Wort. Beide verstehen sich großartig.

Inspiriert setzt sich der Duke ans Klavier und fängt an zu spielen. Der Schlagzeuger Sam Woodyard und der Bassist John Lamb lauschen und fallen ein. Lauschend lehnt sich Miró an eine Skulptur, genießt die Frühlingssonne und freut sich. Selbst die Skulpturen lauschen und freuen sich. Am Ende der Session ist die Luft so voller Energie, dass man die Knospen bersten hören kann.

Manchmal geschehen wundervolle Dinge, einfach so, wie aus dem Nichts.