Samstag, 31. Oktober 2009

Gebiss aus Gummi


Ich bin nicht der allergrößte Halloween-Fan. Gut, ich bin auch kein Gegner von Halloween, solange sich nicht irgendwelche rotznasigen Kids mit phantasieloser Augenklappe im Ton vergreifen, bloß weil sie der Meinung sind, ausgerechnet ich hätte für ihren saisonalen Kariesschub zu sorgen. Also, eigentlich ist mir Halloween egal.

Aber der Frau Übermop ist Halloween nicht egal (heute habe ich Samstagsschicht geschoben), was mich sehr überrascht hat, und eigentlich kann ich gar nicht begründen, wieso mich das überrascht hat, halt nur: Wie kommt eine ältere deutsche Frau ländlicher Herkunft dazu, auf Halloween abzufahren? Heute nämlich hat Frau Übermop während der Kaffeepause ein paar kleine weiße Teller mit ausgewählten Halloween-Sweeties angerichtet, für ein paar ausgewählte Kollegen. Zu denen auch ich zählte.

Von weitem sahen die Süßchen aus wie buntgefärbte spacige Pralinen. Waren aber aus Weingummi. Und zwar feinste Weingummiqualität, keine klebrige Massenware. Ohne Fett, gesüßt nur mit Fruchtzucker. Delikat. Aber zum Essen fast zu schade.

Ein niedliches kleines Gruselkabinett: fette schwarze Spinnen mit behaarten Beinen und Neonbäuchen; halbtransparente Totenschädel; mobile Gebisshälften; ein dubioses schwarzes Männchen.
Vor allem das Gebiss war lustig anzuschauen. Es hat sich nämlich bewegt. Doch, hat es. In Zeitlupe, aber mit bloßem Auge wahrnehmbar. Je wärmer es wurde, desto mehr entkrümmte sich das Zahnersatzteil und wirkte plötzlich wie eine rosarote Raupe, die den Tellerrand erklimmen will. Irre.

Auf einmal fand ich Halloween doch ziemlich cool.

Freitag, 30. Oktober 2009

Kampfeinsatz


Jetzt rücken sie schon in Truppenstärke an.

Auf den Rohren sind Schalldämpfer angebracht. Habe ich mir zubrüllen lassen.

Man glaubt es nicht, aber in der Schweiz haben sie einen Sport daraus gemacht: Letzten Sonntag fand dort das Erste Schweizer Segway Laubbläser Polo Turnier (SSLPT) statt, in Interlaken. Da versuchten sie um die Wette, mit einem auf den Rücken geschnallten Laubbläser - also nur mithilfe von Luftstößen - einen realen Ball in ein imaginäres Tor zu schießen.

Was es nicht alles gibt.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Neues vom Prekariat


Der erste deutsche Putzstreik ist beendet. Heute haben sich die Tarifparteien überraschend schnell geeinigt. Der Mindestlohn soll von 8,15 Euro auf 8,55 Euro steigen. Immerhin, besser als ein Loch in der Hose.

Wenn jetzt allerdings ein Gewerkschaftsfunktionär dahertrompetet:
"Das war der erste erfolgreiche Streik des sogenannten Prekariats",
dann spüre ich ein leichtes Ziehen im Fußbereich; und tatsächlich, wenn ich nach unten schaue, merke ich, dass meine Zehennägel sich markant aufrollen wollen. Das sogenannte Prekariat. Das klingt nach einem Erwerbstätigenbiotop, das man gewerkschaftsseits allenfalls mit spitzen Fingern anfassen möchte, notfalls mit Pinzette. Mit dem Prekären tun sie sich schwer, die Funktionäre. Das Prekäre ist so unübersichtlich, so vielgestaltig, so schillernd, so weggeduckt, so wenig fassbar und schubladisierbar. Das sogenannte Prekariat - so redet keiner, der sich dem Prekariat zugehörig fühlt. Der distanzierte Sprachgebrauch verrät sich selbst.

Es gibt ein kurzes, auf poppig gemachtes Video der IG Bau über den Gebäudereinigerstreik an der TU Berlin, die im Zuge der Aktion ungeputzt blieb und daher umgelabelt wurde in Prekäre Universität Berlin:
Ganz kurz im Bild zu sehen ist die Außenfassade der TU nach erfolgter Umbenennung.

Ein besseres, weil gekonnteres Video bringt der Asta der TU, deren Studenten sich mit den streikenden Putzleuten spontan solidarisiert haben:
Beide Videos via Santa Precaria

Informativ, gänzlich undistanziert und hochinteressant zu lesen ist die Begründung der Studenten zu ihrer Solidarität mit den Putzleuten. Offensichtlich wissen die Studenten der TU genau, wovon sie reden, wenn sie von prekären Beschäftigungsverhältnissen reden. Weil sie diese bereits am eigenen Leib kennen. Oder weil sie wissen, dass auch ihnen später einmal unsichere Lebensentwürfe blühen:

Warnstreik der GebäudereinigerInnen an der Technischen Universität Berlin

Die IG-BAU fordert 8,7% mehr Lohn, die Angleichung der Ost- und Westlöhne, sowie der Löhne von Männern und Frauen und eine angemessene Altersvorsorge. Die Studierenden der TU unterstützten den Warnstreik als StreikhelferInnen.

In der Pressemitteilung des AStA der TU-B heißt es: " Wir als AStA der TU unterstützen die Forderungen der Reinigungskräfte und zeigen uns aktiv solidarisch mit dem Streik. Die an der Universität tätigen Reinigungskräfte sind über verschiedene private Firmen beschäftigt. Die TU versucht so Kosten zu sparen, indem sie sich einerseits der Verantwortung gegenüber den ArbeitnehmerInnen entzieht und Aufträge an die billigsten Unternehmen vergibt, und andererseits, verschiedene Unternehmen beauftragt und so die Konkurrenz schürt, die eine weitere Abwärtsspirale der Löhne zur Folge hat. Die Universität macht es somit wie der Staat und lagert große Teile des Tagesgeschäfts in die Privatwirtschaft aus. Die Einkommen, die so zu Stande kommen sind oft so niedrig, dass Sozialleistungen zur Aufstockung gezahlt werden müssen. Dem Land Berlin entstehen so weitere Kosten und die klammen Universitäten haben zukünftig noch weniger Geld zu erwarten.
Wir lehnen prekäre Beschäftigungsverhältnisse strikt ab und das nicht nur weil auch die meisten Studierenden unter solchen Vertragsbedingungen arbeiten. Die Unsicherheit, welche so geschaffen wird, dient nicht dazu mehr Beschäftigung zu schaffen, sondern die ArbeitnehmerInnen mit der ständigen Drohung der möglichen Kündigung gefügig zu machen. Ein Streik unter solchen Bedingungen erfordert ein hohes Maß an Risikobereitschaft.
Auch direkt im Wissenschaftsbetrieb sind prekäre Beschäftigungsverhältnisse längst die Regel, Lehrangebote, wie Tutorien und Sprachkurse werden abgebaut und Pflichtveranstaltungen sind überfüllt.
Alles Symptome des gleichen Problems: Öffentliche Haushalte sollen zu Gunsten der Wirtschaft sparen. Beschäftigte und Studierende sind die VerliererInnen. Deshalb ist es für uns selbstverständlich, uns mit den Reinigungskräften zu solidarisieren ihr Kampf ist unser Kampf, auch wenn er auf anderen Ebenen geführt wird.


Und jetzt noch etwas Lustiges.

Musik aus Mexiko.
Los Pikadientes de Caborca.
Ein paar schräge Musiker spielen zum Tanz auf.
Ein paar schräge Putzfrauen und -männer fangen an zu grooven, dass die Bretterbude wackelt.




Gewidmet allen Prekariern, denen die Lebensfreude noch nicht vergangen ist.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Oktobergedicht



Schokoweihnachtsmänner im September hatten wir schon. Alles Nervensache. Jetzt also Christstollen im Oktober. Der erste wurde heute frisch angeliefert, und ich wollte schon anfangen zu lästern; schien doch draußen die Sonne, die Luft war mild, die Bäume trugen noch jede Menge Laub und ich ein T-Shirt. Und dann kommt da so ein Christstollen. Hundert Prozent biologisch, organisch und wahrscheinlich auch dynamisch. Vom Allerfeinsten. Trotzdem, zum Christstollenessen muss man einen Rollkragenpullover anhaben, finde ich.

Fand ich. Bis das Trumm ausgepackt wurde. Ein Produkttest war angesagt. Kaum war der Stollen angeschnitten, durchzog ein unwiderstehlicher Duft den Raum: voller Süße und doch irgendwie herb, würzig und zugleich fruchtig; ein zartes, dabei nachhaltig verlockendes Aroma. Augenblicklich waren mir der Oktober, die Sonne, das T-Shirt völlig wurscht. Mir war auch wurscht, dass ein frischer Christstollen eigentlich mehrere Wochen gelagert gehört, damit sich die feinen Aromen und Geschmäcker in Ruhe entfalten können. Ich kann beschwören: Auch ein frischer, unabgehangener Christstollen ist ein Gedicht, geschmacklich gesehen. Halt anders, meinetwegen. Aber sündhaft gut.

Doch, Christstollen im Oktober geht. Geht hervorragend.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Museumsinsel


Vor einer Woche

Heute

Kultur im Treppenhaus

Montag, 26. Oktober 2009

Mrs. Mop's Mops


Ich habe einen neuen Freund. Er heißt Mops.

Weil er mir zugelaufen ist, nenne ich ihn Mrs. Mop's Mops. Zugelaufen ist mir der Mops - dachte ich -, weil er mich spontan genauso sympathisch gefunden hat wie ich ihn.

In Wirklichkeit war er scharf auf den blauen Igelball (mein Jackentaschenhandmassageutensil) rechts neben mir im Gras. Das hat er sich aber nicht gleich anmerken lassen. Anfangs hatte der Mops sich als Katze getarnt...

...und ganz scheinheilig gegrinst.

So eine Art Cheshire-Grinsekatze. Schnüffelte freundlich und neugierig um mich herum, als ob er sich ausschließlich für mich interessierte. Ruck-zuck war ich ihm verfallen. So viel zum Thema Projektionen. Während ich noch überlegte, wieviel von meinem Schinkenbrot ich ihm abgeben sollte, entschied er sich für den interessanteren blauen Happen und trottete mit dem Ball im Maul über den Acker davon. Ein Fall von Mundraub, könnte man sagen. Mrs. Mop's Mops hat den Ball gemopst.

Ich kaute allein an meinem Schinkenbrot und dachte über die Schlechtigkeit der Welt nach. Dann machte ich die Augen zu und ließ mich von der selten gewordenen Spätoktobersonne wärmen. Neben mir fing es an zu rascheln. Ohne mich zu rühren spähte ich nach rechts, wo das Geräusch herkam.

Der Mops war voller Inbrunst damit beschäftigt, mit seinen krummen Hinterpfoten den blauen Ball zu verscharren. Zuvor hatte er den Ball an exakt dieselbe Stelle zurückgebracht, wo dieser schon vor der Mopserei gelegen hatte. Nach erfolgreicher Verscharrung baute der Mops sich vor mir auf und schaute erwartungsvoll hoch.

Oh je. Das Schinkenbrot war unwiederbringlich dahin. Mich zwickte das schlechte Gewissen, den Mops der Frust.

Oh je. Mrs. Mop's Mops hat Mrs. Mop's Herz gemopst.


PS: Ich hoffe sehr, dass weder Otto noch Ernst sich jetzt ächzend im Grabe umdrehen.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Schrift an der Wand


Die Postmoderne ist ein rätselhaftes Ding. Da steht man vor einer Mauerinschrift historischen Datums, muss unwillkürlich ans Kreidezeitalter denken und wundert sich über alles mögliche.


Zum Beispiel darüber, wieso die vorgeschichtliche Kreideschrift nicht längst vom Regen weggewaschen worden ist. Weil, bekanntlich endete ja die Kreidezeit mit einer großen Klimakatastrophe - Kälteeinbruch und sintflutartigen Regenfällen -, was den damals überall verbreiteten Dinosaurieren schwer zu schaffen machte und ihnen schließlich keine Überlebenschance ließ. Unfassbarerweise trotzten diese Kreidehieroglyphen allen klimatischen Unbilden und haben sich bis zum heutigen Tag gut gehalten. Ich stehe vor einem Rätsel.

Möglicherweise waren es ja die letzten Dinosauriere, welche hier ein letztes Lebenszeichen hinterlassen haben? Schaut her, uns gab es, wir waren hier, lange vor euch! Könnte doch sein. Eine Art vorsintflutliches Menetekel, um uns Neuzeitler vor dem nächsten Klimadesaster zu warnen, welches ja bekanntlich auf eine dramatische Erderwärmung hinauslaufen wird, was wiederum die ausgestorbenen Dinosauriere sehr gemütlich finden werden und was sie, die Dinos, zur langfälligen Rückkehr veranlassen wird. Könnte doch sein.

Für die Dinotheorie spricht auch die seltsam archaische Schreibweise; gut vorstellbar, dass der verquere Umlaut einem eher kleinwüchsigen Hirn entsprungen ist, das sich mit überlebenswichtigeren Dingen herumzuschlagen hatte als ausgerechnet mit der englischen Rechtschreibung. Was jetzt aber keinesfalls die Dinosauriere in irgendeiner Weise diskriminieren soll. Ist ja nicht schlimm, wenn einer kein Englisch kann. Könnten die Urviecher ja noch lernen, wenn sie demnächst zurückkehren. Könnten ja mit Guido gemeinsam einen Crashkurs abfeiern. Könnte auch sein.

Es könnte aber auch ganz anders sein. Haben womöglich die Riesenechsen den falschen Umlaut vorsätzlich in die Botschaft eingebaut? War es weder Dummheit noch Versehen noch fehlendes Sprachvermögen, sondern glatte Absicht? Könnte doch sein. Machen die postmodernen Blogger schließlich auch, wenn sie ihre Mailadressen nicht unverschlüsselt rausrücken wollen, ät oder ätt oder ähnliches, kennt man ja. Plötzlich erscheinen die Kreidezeichen an der Wand gar nicht mehr so archaisch, sondern recht zeitgemäß, irgendwie. Was in aller Welt wollten die Dinosauriere uns damit sagen? Na, ganz einfach: dass wir sie mal nicht unterschätzen sollten. Die haben nämlich gebloggt, die Dinosauriere. Schon damals. Könnte doch sein.

Bloggende Dinosauriere. Wie kam ich da jetzt gleich nochmal drauf? Ach so ja, heute ist der 25.10.