Donnerstag, 25. März 2010

Oh wie schön ist Kanada


Es gibt coole Jungs, und es gibt extrem coole Jungs. Dann gibt es noch die echt coolen Jungs.
Die echt coolen Jungs sitzen zu dritt auf einer Bank an einem Weiher, füttern Tiere - Enten, Schwäne, Bisamratten - mit altem Brot, schauen übers Wasser bis hinüber in den Wald und unterhalten sich über Kanada. Nicht weil sie gern nach Kanada wollen, sondern weil das hier für sie wie Kanada ist.
Echt coole Jungs halten einem die Tüte mit dem alten Brot hin, wenn man selbst keines dabei hat zum Verfüttern, rücken auf der Bank näher zusammen, bieten höflich einen Platz an und freuen sich riesig, wenn ihr Angebot angenommen wird.
Dann sagen sie, ich sei die erste, die sich getraut hätte, neben ihnen Platz zu nehmen, obwohl schon viele Spaziergänger am Weiher verweilt, aber das Angebot ausgeschlagen hätten. Tja, die Leute seien halt komisch, meint der Große, auf dessen T-Shirt Produzier' mich net steht. Tja, ich bin manchmal auch komisch, denke ich mir: Auch ich habe einen winzigen, unerklärlichen Moment lang gezögert, bevor ich die Einladung angenommen habe. Jetzt, wo ich neben ihnen sitze, spüre ich überhaupt keine Lust, über diesen Augenblick des Zögerns nachzudenken, sondern bin nur froh, dass ich ihm nicht gefolgt bin. Aber vergessen habe ich mein kurzes Zögern nicht.
Die Jungs kommen jeden Nachmittag nach der Arbeit hierher, "wenn das Wetter mitmacht". Immer mit einer Tüte voll altem Brot. Alle Tiere haben einen Namen: Die Bisamratten heißen Waltraud, Gina, Ursula, Hildegunde, Karin, Gisela...(mehr konnte ich mir nicht merken); eine braunweiße Ente nennen sie 'Hannelörchen', den Erpel 'Merkel'.
Auf die Schwäne sind die Jungs nicht besonders gut zu sprechen - verfressen und herrschsüchtig seien sie, die Schwäne, schnappten mit ihren langen Hälsen immer den jungen Bisamratten das Brot weg und zischten eifersüchtig, sobald sie nicht im Mittelpunkt des Spaziergängerinteresses stünden.
"Darf man denen nicht durchgehen lassen", kommentiert der mit der Sonnenbrille und wirft nur selten ein Stück Brot weit ins Wasser hinaus, so dass der gefräßige Schwan vom Ufer abdrehen muss. "Fordern statt fördern nennt sich das", ergänzt der mit dem Schnauzbart und lacht. Die meiste Aufmerksamkeit und das meiste Brot bekommen die Bisamratten.
Ich dagegen bekomme ein Bier spendiert.
Oh wie schön ist Kanada.

Kommentare:

  1. krass. krass und toll :D. die ratten sind tatsächlich ganz niedlich, aber ist nicht jede stadt etc. immer seehr bestrebt, 'praktisch rattenfrei' zu werden/sein?

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  2. @rebhuhn: Das sind, strenggenommen, keine Ratten. Die leben eher so biberartig - mit denen sie aber auch nur eher weitläufig verwandt sind. Bisams sind die größten Vertreter der Wühlmäuse *klugscheiß*
    Sie sind übrigens recht gut essbar - sollen geschmacklich an Meerschweinchen erinnern! ^^ :)=)

    @Miss Mop:
    Das ist aber ungewöhnlich, dass die Viechis derart zutraulich sind! Wird wohl am regelmäßig gefüttert werden liegen... In Hamburg und umzu werden die stark bejagt und sind entsprechend scheu - die richten, weil sie Böschungen unterwühlen, enormen Schaden an. Pro Schwanz zahlen die Ortsämter 3 Euro. :-/
    Man muss dabei allerdings bedenken, dass Hamburg mehr Wasserwege als Venedig hat und die Tatsache, dass die kleinen Biester halt auch Deiche durchlöchern, durchaus brandgefährlich sein kann, wenn uns hier oben mal wieder das Wasser bis zum Hals steht... ;)

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  3. Schöne Gesellschaft von Mensch und Tier.
    Bei uns im Nachbarort gibt es jemanden, der (oh graus) Bisamratten frisst (echt wahr).

    Gruß die Bipp

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  4. Oh was für eine tolle Geschichte :-) Schön!!! Und so feine Bilder dabei - da steigt meine Wettergebeutelte Laune doch glatt um ein paar Grad.
    Danke dafür :-D

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  5. @rebhuhn und Britta:
    Ihr habt mich dazu gebracht, mal schnell durch alle möglichen Schlaumeier-Seiten zu zappen, und eins habe ich gelernt: Die Beurteilung der Bisamratte als Schädling ist wissenschaftlich umstritten. Klar richtet sie in einer Wasserstadt wie HH immense Schäden an, trägt aber andernorts erheblich zum ökologischen Gleichgewicht bei.

    Und ist übrigens Vegetarier, lässt also die anderen Viecher in Ruhe, was man von der Fischotter nicht sagen kann: Gestern hatte ich die Bisams anfänglich für Fischottern gehalten, heute lese ich, dass die Fischotter hinter dem Bisam her ist wie der Teufel hinter der guten Seele. Um ihn aufzufressen. Also nicht nur Hamburg hat natürliche Feinde, sondern auch der Bisam ;).

    @Frau Bipp:
    Ja, das tun mehr Leute als man denkt, habe ich bei meiner heutigen Fachlektüre (Anglerforen!) gelernt. Nach dem letzten Krieg haben es anscheinend noch mehr Leute getan, aus Hunger, aber nicht nur - das Bisamfleisch soll hervorragend schmecken. Wo die Britta recht hat, hat sie recht :).

    Ist wohl alles eine Frage des persönlichen Geschmacks und des kulturellen Gelernthabens. Und natürlich der Not.

    @Sissy Sisco:
    Freut mich! Hoffentlich verderbe ich Dir mit dem heutigen Post nicht wieder die gute Wetterlaune ;).

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  6. Oh, was für ein schönes, bebildertes Erlebnis! Da geht einem das Herz beim Lesen auf! Ich mußte richtig lachen, vor allem über die ganzen coolen Jungs. Das Schöne liegt so oft in den unscheinbaren Dingen des Alltags. Danke!

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  7. Neulich habe ich ein wunderschönes Bild zum Thema gefunden - auch etwas fürs Herz!

    Die beiden Ottern halten sich im Schlaf an den Pfoten fest, um im Wasser nicht auseinanderzudriften.

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