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Montag, 1. Juli 2013
La(ka)ientheater
Was für ein drittklassiges Schmierentheater.
Charakterlose Hanswurste, wohin man schaut.
Echauffieren sich künstlich sich über die Ausspähmanöver der USA, deren Enthüllung sie einem gewissen Edward Snowden verdanken - einem Whistleblower, der, sollte er je auf die Schnapsidee kommen, seinen Fuß asylsuchend auf europäischen Boden zu setzen, von wem ins nächstbeste Flugzeug Richtung Amerika zurückverfrachtet würde, um ihn dort seinen rachsüchtigen Bluthunden ans Messer zu liefern?
Richtig. Von den drittklassigen, charakterlosen Hofschranzen jenes Landes, in welchem derzeit eine billige Show nach der anderen abgezogen wird - nichts als Kostümproben für das erbärmlichste aller Schmierentheater namens Wahlkampf.
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Montag, 1. November 2010
Zweiter Frühling
Das Herbstwetter ist großartig zur Zeit, sagen alle. Ich auch. Reinstes Biergartenwetter. Ein strahlend warmer Nachmittag, die Sonne scheint zur weit geöffneten Balkontür herein, T-Shirt-Time, und die Temperaturen machen Lust auf einen entspannten Grillabend, wenn nicht die früh einsetzende Dunkelheit so verwirrend wäre. Wer hat schon Lust, den Grill gegen 17 Uhr wieder zusammenzupacken und eine Stunde später Heizkissen zu verteilen? Tagsüber Frühling, abends Herbst. Gestern Oktober, heute November.
Seit gestern wird es verdammt früh dunkel. Das kann ans Gemüt gehen, muss aber nicht, denn andererseits wird es verdammt früh hell. Also, morgens. Als ich heute um zwanzig nach sechs aufs Rad stieg, war es deutlich heller als sonst: Es dämmerte bereits vielversprechend; wenig später waren die Kaninchen mit bloßem Auge, ohne Fahrradflutlicht und auf zehn Meter Entfernung gut zu erkennen. Toll. Dann wurde es schnell immer heller. Kurz vor sieben deutliche Anzeichen von Sonnenaufgang. Am ersten November. Den ganzen Oktober bin ich um diese Uhrzeit durch stockdunkle Nacht gefahren. Darum hat sich das heute morgen angefühlt wie ein astreiner Frühlingsschub und mich urplötzlich in ein merkwürdiges Stimmungshoch katapultiert, das jeglicher lebensrealistischen Basis entbehrte, aber trotzdem sehr real und dem gegenüber ich machtlos war. Ich fing doch glatt an auf dem Fahrrad zu singen. Zweiter Frühling, sozusagen.
Mal sehen, was so gegen 17 Uhr passiert.
Dienstag, 12. Oktober 2010
Entflammt
So'n Ding hätte ich gern:

Für alle Lebenslagen des Angriffes und der Selbstverteidigung.
Hier wird das formschöne Haushaltsgerät in Anschlag gebracht von einer Art Desperate Stuttgart Housewife, die in schwäbischer Gründlichkeit zum Äußersten entschlossen ist. Meine latente pyromanische Veranlagung schlägt Funken. Ich will das Ding haben.
Da ich ohnehin nicht zu den Menschen gehöre, die keiner Fliege etwas zu Leide tun, stünde einer zivilen Nutzung des Gerätes im Restaurantbereich nichts im Weg. Stichwort Fruchtfliegenbekämpfung. Fruchtfliegen im Herbst, zur Zeit Topthema in der Gastronomie! Manchmal schaue ich zur Decke hoch und denke: könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen - dabei handelt es sich um anthrazitfarbene Fruchtfliegenkolonien, was einen höchst lästigen, nervigen, umständlichen Staubsaugereinsatz mit gefühlt zehn Meter langem Teleskoprohr zur Folge hat. Hinterher ist man kreuzlahm. Ich hasse es. Ich will auf der Stelle so ein Ding haben.
Sonntag, 10. Oktober 2010
Kammerjagdmagd
Mir stinkt's. Hier stinkt's. Unsäglich. Ein Gestank wie 83 Paar käsfüßige alte Socken, gefüllt mit 166 faulen Eiern, mariniert in hochprozentiger Schweinejauche, konserviert in einem undichten Güllefass, dessen Inhalt soeben frisch auf dem Boden meiner Wohnung aufgetragen wurde. Genau so stinkt es hier, seit ich heute früh auf irgend etwas getreten bin, was sich mit einem leisen Knirschen verabschiedet, jedoch - wiederauferstanden in Gestalt eines vital untoten Gestankes - beschlossen hat, mich bis ans Ende meiner Tage zu begleiten. Mein Gott, wie das stinkt.
Dem olfaktorischen Koma nahe, floh ich, Balkon sei Dank, mit einer Thermoskanne Kaffee an die frische Luft. Während die ersten Sonnenstrahlen um die Ecke bogen und mich einigermaßen reanimierten, war mein erster Gedanke: googeln! Bloß - nach was? Es wurde wärmer, ich zog die Socken aus, schloss die Augen und überlegte, wonach ich googeln könnte. Mir fiel nichts ein.
Wie ich so vor mich hin döste, fing es auf meinem linken nackten Fuß an zu kribbeln; ein mir unbekanntes Insekt machte sich an meinem großen Zeh zu schaffen. Unwirsch wischte ich es mit dem rechten Fuß beiseite und - was soll ich sagen? - es fing an mörderisch zu stinken. Das käferähnliche Objekt kroch (lebendig) über den Balkonboden und verbreitete das mir bereits bekannte Jauche-Aroma. Hellwach und alarmiert stürzte ich an den Computer, gab die Suchwörter Insekt, Käfer, Gestank ein, aber es fand sich nichts, was gepasst hätte, weder auf das Krabbeltier noch auf den Gestank.

Ich floh aus der stinkenden Wohnung zurück auf den nunmehr ebenfalls stinkenden Balkon, um den träge krabbelnden Käfer aus der Nähe zu begutachten. Er sah breit und platt aus mit einem braungesprenkelten Schild. Fliegen konnte er nicht, denn wenn ich ihn kräftig anpustete, rührte er sich nicht vom Fleck, fing aber erneut an, seine Pestwolken abzusondern. Mir wurde unheimlich.
Mit zugehaltener Nase beugte ich mich über den übelriechenden Bastard und kam widerstrebend zu dem Schluss, dass das Miststück irgendwie aussah wie eine Wanze. Widerstrebend, weil - wer gesteht sich schon gerne ein, dass er sein trautes Domizil mit einer Wanze teilt? Einer Wanze? Was wissen wir? Mir wurde schlecht.
Zurück am Computer erwies sich 'Wanze+stinken' als magisches Suchwortpaar: Ich wurde fündig. Die Gemeine Stinkwanze. Auf deutschen Websites kommt sie meist als Grüne Stinkwanze daher, was mich irritierte, denn meine war ja braungesprenkelt. Außerdem scheint sich im deutschsprachigen Raum kaum jemand wirklich einen Kopf zu machen um das stinkende Geziefer; überall heißt es beschwichtigend, wie harmlos das Tierchen sei, könne es doch weder stechen, beißen noch fliegen noch irgendwelche Krankheitserreger übertragen. Bisschen stinken täte es halt, na und.
Eigentlich kann die Stinkwanze nichts als stinken, hat aus diesem Grund keine natürlichen Feinde und Freunde höchstwahrscheinlich auch keine. Deshalb bleiben die Stinkwanzen am liebsten unter sich, um sich - ungestört - explosionsartig zu vermehren. Die einzige Waffe der Stinkwanze ist ihr Gestank, mit dem sie den Rest der Lebewesen in die Flucht schlägt, außer ihresgleichen; denn wenn Stinkwanzen etwas lieben, dann ist es ihr eigener Gestank - wo es stinkt, da lass' ich froh mich nieder. Weshalb sie aus einmal befallenen Häusern genauso schwer zu vertreiben sind wie ihr penetranter Gestank. Harmlos?
Richtig ergiebig wurde meine Onlinesuche erst, nachdem ich über die in Amerika aktuell überaus populäre brown marmorated stinkbug (Halyomorpha halys) gestolpert war. Am ärgsten scheint derzeit die Ostküste von ihr heimgesucht zu werden, aber auch der Mittlere Westen stöhnt. Die Medien sind voll mit dem Thema Invasion Of The Stinkbugs; am süffisantesten wird über jene stinkbug-Horden berichtet, die in und um die Bundeshauptstadt Washington ihr stinkendes Unwesen treiben.

In gigantischen Schwärmen fallen sie über Gärten und Häuser her. Genau gesagt, zuerst über die Gärten und dann über die Häuser, dann nämlich, wenn es abends herbstlich kühl und dunkel wird. Dann fangen die Stinkwanzen an zu frieren und suchen, genau wie die Menschen, die gemütliche Wärme und den trauten Lichtschein. (Weswegen ich eben, bei Einbruch der Dämmerung, mal kurz unterbrechen und alle Luken dicht machen musste.) Sind sie einmal eingedrungen, sollte man es tunlichst vermeiden, auf sie zu treten (sic!), sie zu erschlagen oder sonstwie zu zertrümmern - weil sie dann nämlich am meisten stinken.
Was tun?
Es gibt Leute, die halten es für eine gute Idee, (lebende) Stinkwanzen mit dem Staubsauger zu entfernen. Ich nicht. Weil nämlich die Stinkwanze den Saugstrom als Attacke interpretiert und augenblicklich ihre Abwehrdrüsen aktiviert. Was habe ich von einem stinkenden Staubsaugerbeutel? Ich habe von Leuten gelesen, die sich für smart halten, weil sie sich eigens zur Stinkwanzenbekämpfung einen Zweitstaubsauger zugelegt haben. Rasanter Humbug. Wo, bitte, parken diese Leute ihren stinkenden Wanzensauger - außer Riechweite, wohlgemerkt??
Dann las ich mehrfach den gutgemeinten Rat, eine (lebende) Stinkwanze mithilfe eines Knuddels Toilettenpapier im Klo zu versenken. Wobei ausdrücklich empfohlen wird, nachzuspülen, weil sonst das Tier nach ein bis zwei Stunden unbeeindruckt wieder aus der Kloschüssel herauskrabbelt. Nun mag das Ersäufen der Plagegeister eine probate Methode sein, diese loszuwerden - nur, bitte, wer bezahlt im Falle einer Masseninvasion meine Wasserrechnung? An die teure Ressource Klopapier gar nicht erst zu denken.

Okay, noch besteht kein Grund zur Hysterie, noch ist hier keine Masseninvasion in Sicht, noch beschränkt sich das Stinkwanzenaufkommen auf ein totes (inhäusig) und ein lebendes (Balkon) Tier. Aber für den Fall der Fälle hat man dann doch gern einen Masterplan parat.
Nachdem ich mir den Nachmittag mit Onlinerecherche zum Thema Stinkwanzenvernichtung um die Ohren geschlagen hatte, schritt ich zur Tat, und siehe, ein simples, billiges Hausmittel schafft Abhilfe im Nu: Man nehme eine Sprühflasche, befülle sie halb und halb mit Wasser und Spülmittel, schüttele kräftig und rücke damit dem Feind auf dem Balkon zu Leibe. Zweckmäßigerweise besprühe man die Wanze nicht von oben (resistenter Schildpanzer!), sondern von der sensibleren Bauchseite, lege sich also zweckmäßigerweise selbst auf den Bauch und los geht's: Ein kurzes Sprühen, ein kurzes Zischen, ein kurzes Brutzeln - Exit. Zurück bleibt ein schwacher Duft nach palmolivehafter Sauberkeit.
Man muss, habe ich gelesen, die Stinkwanzen mit ihren eigenen Waffen bekämpfen; also mit Gerüchen, die jene auf den Tod nicht leiden können. Als da wären Knoblauch, Minze, Ammoniak oder eben Seife. Vielleicht sollte ich umsatteln auf Kammerjäger.
Sonntag, 29. August 2010
Herbstblues
Zwölf Grad. Dauerregen. Windböen, die einen kalten Schwall stechender Wassertropfen ins Gesicht prusten. Kommt der Windstoß ungünstig, ist die kalte Dusche fies vermengt mit der trüben Gischt aus all den riesigen Pfützen, durch die das Fahrrad rauscht. Morgen noch nasser, übermorgen noch kälter. Es ist aufs ekelhafteste Herbst geworden.
Kein Wunder also, dass mein Hund Blues breit und aufgeweckt auf dem Sofa sitzt (statt unter ihm zu liegen) und bei allem mitreden will. Das Schöne am Blues ist, dass er ein rücksichtsvoller Hund ist und mir auf dem Sofa immerhin noch eine taschentuchgroße Fläche zum Mitsitzen übrig gelassen hat. Da hocken wir also.
Das Lieblingsthema von Blues ist die mörderische Rückkehr in den Putzalltag, morgen früh, bei acht Grad, Dauerregen, Windböen, Pfützenduschen, und das auch noch im Halbdunkel eines schlechtgelaunten Tagesanbruchs. Auf dem Thema kann er stundenlang mit wachsender Begeisterung herumreiten. Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Aber ich kenne meinen Hund, man muss ihn einfach so lange herumnölen lassen, bis er vor lauter Nölen hungrig wird, was er - gottlob - in wachem Zustand häufig wird, deshalb gehe ich uns jetzt eine gute Mahlzeit kochen, damit der verfressene Kerl endlich Ruhe gibt, denn eins steht fest: satter Hund gleich müder Hund.
Mittwoch, 18. August 2010
Abschied
Frühmorgens beim Radfahren kann es vorkommen, dass es mich ohne Deckung voll erwischt. So emotional, meine ich. Weil diese morgendlichen Fahrten wie kleine Reisen sind: weg von A, aber noch nicht angekommen bei B. Unterwegs sein eben - allein mit dem Wetter, der Luft und der Bewegung der Gedanken. Diese Reisen früh am Tage sind wie Zwischenräume, in denen alles mögliche passiert und passieren darf, ohne dass zensierende Instanzen sich einschalten und das vorbeihuschende innere und äußere Geschehen in 'vernünftige' Bahnen lenken.
Zum Beispiel husche ich jeden Morgen an jener schlafenden Gestalt vorbei, lasse den flüchtigen Gedanken vorbeihuschen, dass mich dieser gewohnte Anblick irgendwie beruhigt, ohne das Gedachte, Gehuschte zu hinterfragen. Es tut einfach gut, jeden Morgen zur selben Zeit dieselbe Gestalt am selben Ort liegen zu sehen.
Die Gestalt liegt dort fest vermummt in einen Schlafsack, schläft meistens auf dem Rücken (in Partisanenschlafstellung), mal schnarchend, mal ruhig. Natürlich habe ich keine Ahnung, wer das ist, wie alt dieser Mensch ist, seit wievielen Jahren er dort liegt (seit anderthalb Jahren auf jeden Fall), ob er dick ist, dünn, krank oder gesund; ich kann noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.
Seit heute früh weiß ich: Es ist ein Mann, jung, hochaufgeschossen, hager, blonde halblange Haare, blonder Stoppelbart, aufrechte Haltung, durchdringender Blick. Woher ich das weiß? Weil er heute früh nicht, wie gewohnt, an 'seinem' Platz lag. Der Platz war leer. Es lag auch kein Schlafsack an seinem Platz. Auch keine sonstigen Hinterlassenschaften, nicht einmal eine Getränkedose oder ein vergessener Socken. Der Platz war einfach leer, trostlos leer.
Als ich an dem unbehausten Platz vorbeifahre, werde ich von einer merkwürdigen inneren Unruhe erfasst; plötzlich bekomme ich Herzklopfen. Mein Instinkt sagt mir, dass etwas nicht in Ordnung ist; meine Vernunft quatscht dazwischen, dass es für die Abwesenheit der Gestalt ja alle möglichen, durchaus undramatischen Gründe geben könnte. Weil ich im Zwischenraum unterwegs bin, übernimmt der Instinkt die Regie.
Ich fahre gedankenverloren aus dem Park heraus, Richtung Autobahnzubringerstraße, und da steht er: Er hat mir den Rücken zugewandt, halb im Profil, blickt suchend mal rechts, mal links die Straße entlang und trägt einen Schlafsack. Also, er trägt den Schlafsack nicht unterm Arm, sondern wie man ein Kleidungsstück am Leib trägt; ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Der bodenlange Schlafsack hängt schwer an seinem Körper herunter und sieht aus wie eine olivgrüne Mönchskutte, mit weiten Fledermausärmeln und einer großen, integrierten Känguruhtasche vor dem Bauch, die oben von einem Gummizug zusammengehalten wird. Zu seinen Füßen liegt ein undefinierbares Bündel. Sein Kopf ist unbedeckt.
Er hört hinter sich das über den Kies knirschende Geräusch meines Fahrrads, dreht sich ruckartig um und schaut mich mit durchdringenden Augen an. Ohne nachzudenken, entfährt es mir: "Was ist los?" Sein Blick wird feindselig. Er mustert mich von oben bis unten und fragt knapp zurück: "Was soll los sein?" Ich bremse und antworte: "Sie waren heute nicht auf Ihrem Platz!" Darauf er, abweisend: "Na und?" Dann sage ich etwas, was ich zu keiner anderen Tageszeit und an keinem anderen Ort als eben jenem frühen, einsamen Zwischenraum sagen würde, es rutscht einfach so aus mir heraus: "Ich habe Sie vermisst."
Der Mann starrt mich lange schweigend an; es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Dann fragt er: "Sind Sie das, die jeden Morgen um diese Zeit an mir vorbeifährt?" Mir fällt nichts ein; zwar sind die morgendlichen Zwischenräume einsam, aber trotzdem bin ich weiß Gott nicht der einzige Radfahrer, der um diese Stunde durch den Park fährt. Dann sage ich: "Ich weiß nicht", was ziemlich dumm von mir ist, denn schließlich weiß ich ganz genau, dass ich jeden Morgen an dem Mann vorbeifahre. Eigentlich will ich zum Ausdruck bringen, dass ich nicht weiß, ob es ausgerechnet mein Fahrrad ist, was er jeden Morgen hört, denn vermutlich hört er eine ganze Menge Fahrräder an sich vorbeifahren.
Der Mann betrachtet die Reifen meines Fahrrades (tiefe Profile), dann mich - immer noch scharf und durchdringend, aber das Feindselige ist verschwunden. "Doch, das müssen Sie sein", meint er endlich, "so wie Ihr Fahrrad gerade eben geklungen hat, müssen Sie das sein." Das haut mich um. Da erkennt ein Mensch einen anderen Menschen am Klang dessen über den Kies fahrenden Fahrrades - wenn er nicht gerade schnarcht, der Mensch mit dem feinen Gehör.
"Die Polizei war da", erklärt der Mann im Schlafsack dann kurz und bündig. Er sagt es in einem Ton, der keine Antwort erwartet. Ich sage nichts. Nach einer Weile frage ich ihn: "Dann sind Sie morgen früh wahrscheinlich nicht mehr an Ihrem Platz?" Er antwortet: "Höchstwahrscheinlich nicht." Mein Herz klopft schon wieder. In meinem Hals wird es eng. Ich steige auf mein Fahrrad. Bevor ich in die Pedale trete, sage ich zu ihm: "Sie werden mir fehlen." Er schaut mir aufmerksam in die Augen, lächelt ein wenig schief, dann sagt er: "Sie mir auch."
Ich fahre weiter Richtung Putzstelle und heule wie ein Schlosshund.
Freitag, 26. März 2010
Abkühlung
Was soll das denn? Eben noch, also heute nachmittag, eitel Sonnenschein, 20 Gräder, T-Shirt, und dann, von einem Moment auf den anderen, urplötzlich rabenschwarze Wolkenwand, leere Mülltonnen fliegen scheppernd durch die Straßen, Sturm kommt auf, Regen prasselt. Die Temperaturen sacken auf vergangen geglaubte zehn Grad. Es fallen Wörter wie Schneefallgrenze, Meereskaltluft, Nachtfrost, atlantische Tiefdruckströmungen. Jetzt also schon wieder Herbst oder was.

Zum Abtauchen.

Aber so was von.
Mittwoch, 9. Dezember 2009
Kopf ab

Also beschloss ich heute, zur verspäteten Feier des Tages auf dem Nachhauseweg dem ollen September-Santa einen Besuch abzustatten; dem mit den stahlblauen Augen und dem lustigen Gesicht.


Oh je. Das sah nicht gut aus. Der Santa war kaum wiederzuerkennen. Bart ab, Kopf ab, Zipfelmütze ab. Armer Kerl.
Gleich wird den Nikolaus aus feinster Vollmilchschokolade dasselbe Schicksal ereilen. Dann ist der Santa nicht mehr so allein.
Dienstag, 24. November 2009
Ludwigslust
Im Lokalteil der (gedruckten) Zeitung habe ich dann gelesen, unsere Stadt sei gestern von Sturmböen heimgesucht worden, welche mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 72 Stundenkilometern durchgefegt seien. Da wundert man sich nicht mehr, dass das Fahrrad zum Schleudersitz wurde. Weiter war von einer 'Gefahrenwarnung' heute ab zwölf Uhr die Rede, nämlich einer 'amtlichen Warnung vor markantem Wetter'. Mar-kant, hieß es. Und dass die Leute unbedingt 'aufpassen und auf herabfallende Gegenstände achten' sollten, zum Beispiel Dachziegel. So was Beknacktes. Weil, wenn, dann wird mir womöglich der markant herabstürzende Dachziegel gar keine Zeit lassen, vorher gebührend auf ihn zu achten.

Das mit dem markanten Wetter ist wohl so zu verstehen, dass noch eine ganze Weile mit Sturmböen gerechnet werden muss, von lebhaft über schwer bis orkanartig. Weil nämlich:
Ludwig hat Unterstützung von einem namenlosen Randtief, das noch in der Entwicklung steckt.Wie das raunt! Namenloses Randtief. Der Ludwig hat da so nebenher was Heimliches laufen. Steckt noch in der Entwicklung. Aha, da geht noch was. Es bleibt stürmisch. Man wüsste zu gern, mit wem sich Ludwig gepaart hat, da oben vor der norwegischen Küste mit der Fernbedienung in der Hand.
Montag, 23. November 2009
Durch den Wind

Ja, das kann man wohl sagen, sehr frischwindig war das heute. Nicht ganz einfach, bei so einem Wetter fest im Sattel zu bleiben. Auf den Brücken hat es mich richtig hin und her gelupft - da waren fremde, wilde Kräfte am Werk.
Dann eierten mein Rad und ich unter diesem Schild durch


und ich dachte noch, ja, schön wär's, können Sie mir bitte ein Pfund Balance verkaufen - da fuhr so eine Mörderböe in das Schild und das Schild wackelte windschief nach allen Seiten so wie ich auf dem Rad, und ich fand den Anblick großartig, weil irgendwie sinnstiftend.
Leider ist auf dem Bild weder das Wackeln noch das Windschiefe zu erkennen, obwohl ich gefühlte 78 mal abgedrückt habe. Jetzt täuscht das Bild eine Balance vor, die nicht vorhanden war. Na ja. So etwas kommt öfter vor.
Freitag, 20. November 2009
Es wird ernst

So ganz ohne Christbäume wirkt so ein Christbaumlager ziemlich, nun ja - lagermäßig eben.

Unweihnachtlich, irgendwie.
Mittwoch, 18. November 2009
Novembertiere

Jedenfalls hocken zur Zeit lauter merkwürdige Tiere auf der Straße herum.
Weitere wunderschöne und witzige Novembertiere gibt es in dieser Webgalerie.
Dienstag, 17. November 2009
Donnerstag, 5. November 2009
Mittwoch, 4. November 2009
Schmodder allerorten

Seit gestern liegt unten eindeutig mehr Laub

als oben noch hängt.
Seit heute, nach dem vielen Regen, liegt unten eine einzige Schlickschicht. Das nasse Laub hat sich in eine zähe Schmoddermasse verwandelt und überzieht die Radwege flächendeckend mit einem glibberigen, unberechenbaren Film. Es ist ein halsbrecherisches Radfahren. Es ist wie Radfahren über Haferschleim.

Insofern war das hier eine krasse Übertreibung.
Insofern musste ich heute früh in der Dunkelheit so konzentriert fahren, dass ich nur einen ganz schnellen Seitenblick in die vorbeifahrende U-Bahn werfen konnte. Aber es hat gereicht. Ich schnaufte ein paarmal laut und tief durch. Der Regen trommelte mir ins Gesicht. Das Laub am Boden wurde immer breiiger. Das Rad hat seit gestern einen nagelneuen Vorderreifen mit Extremprofil. Das Rad machte seine Sache gut. Die U-Bahn fuhr weiter. Ich auch. Um nichts in der Welt hätte ich tauschen mögen.
Freitag, 30. Oktober 2009
Kampfeinsatz

Auf den Rohren sind Schalldämpfer angebracht. Habe ich mir zubrüllen lassen.
Man glaubt es nicht, aber in der Schweiz haben sie einen Sport daraus gemacht: Letzten Sonntag fand dort das Erste Schweizer Segway Laubbläser Polo Turnier (SSLPT) statt, in Interlaken. Da versuchten sie um die Wette, mit einem auf den Rücken geschnallten Laubbläser - also nur mithilfe von Luftstößen - einen realen Ball in ein imaginäres Tor zu schießen.
Was es nicht alles gibt.
Mittwoch, 28. Oktober 2009
Oktobergedicht

Schokoweihnachtsmänner im September hatten wir schon. Alles Nervensache. Jetzt also Christstollen im Oktober. Der erste wurde heute frisch angeliefert, und ich wollte schon anfangen zu lästern; schien doch draußen die Sonne, die Luft war mild, die Bäume trugen noch jede Menge Laub und ich ein T-Shirt. Und dann kommt da so ein Christstollen. Hundert Prozent biologisch, organisch und wahrscheinlich auch dynamisch. Vom Allerfeinsten. Trotzdem, zum Christstollenessen muss man einen Rollkragenpullover anhaben, finde ich.
Fand ich. Bis das Trumm ausgepackt wurde. Ein Produkttest war angesagt. Kaum war der Stollen angeschnitten, durchzog ein unwiderstehlicher Duft den Raum: voller Süße und doch irgendwie herb, würzig und zugleich fruchtig; ein zartes, dabei nachhaltig verlockendes Aroma. Augenblicklich waren mir der Oktober, die Sonne, das T-Shirt völlig wurscht. Mir war auch wurscht, dass ein frischer Christstollen eigentlich mehrere Wochen gelagert gehört, damit sich die feinen Aromen und Geschmäcker in Ruhe entfalten können. Ich kann beschwören: Auch ein frischer, unabgehangener Christstollen ist ein Gedicht, geschmacklich gesehen. Halt anders, meinetwegen. Aber sündhaft gut.
Doch, Christstollen im Oktober geht. Geht hervorragend.
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Montag, 19. Oktober 2009
Samstag, 17. Oktober 2009
Dienstag, 13. Oktober 2009
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