Dienstag, 7. Juli 2009

Lindenstraße

'Es ist würdig und recht, meine Wege, wohin sie auch führen, mit lieblich duftenden Lindenblüten zu bedecken.'
Ein heller, unwiderstehlich sommerlicher Duft liegt dieser Tage in der Luft. Man kann gar nicht so viel ausatmen wie man einatmen möchte.
Komischerweise roch es unter dem nächsten Baum
auch ganz intensiv nach Lindenblüten, obwohl das eindeutig keine Linde ist, obwohl die Blüten haargenau wie Lindenblüten aussehen, oder bringe ich jetzt etwas durcheinander? Wie auch immer, mich macht dieser Lindenblütenduft immer so beschwingt. Machte. Seit heute macht er mich besoffen.
Seit es nämlich gestern abend und heute vormittag heftig, ja unwetterartig geregnet hat und die Stürme alle Blüten von den Ästen gepeitscht haben. Jetzt liegen die Dinger überall als feuchte gelbbraune Pampe auf der Erde und, fürwahr, bedecken alle meine Wege, wohin diese auch führen. Fühlt sich unterm Fahrrad an wie Schmierseife.
Riecht unglaublich. Die regenschwere Luft ist gesättigt von den Blütenausdünstungen: süß, schwer, vital, mit leichter Fäulnisnote. Zum Absteigen gut.

(Ursprünglich wollte ich heute etwas über schlechte Gerüche schreiben. Mitunter bin ich - selbst bei ausgeschöpfter Ekeltoleranz - auf der Putzarbeit mit Gerüchen konfrontiert, die sind nicht von dieser Welt. Zum Umfallen schlecht. Zum Drüberschreiben zu schlecht, habe ich gerade beschlossen.)

Montag, 6. Juli 2009

Hauptsache feiern

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die kann man nicht erfinden. Manchmal sagen Menschen tolldreist-geniale Sachen, ohne es zu merken. Frau Übermop, zum Beispiel. Heute. Sie erzählte vom Wochenende, das sie in ihrem Heimatdorf verbracht hat. In der Nähe der ländlichen Gegend, wo sie aufgewachsen ist, waren früher viele amerikanische Soldaten stationiert. Dorfbevölkerung und GIs lebten offenbar in mehr als friedlicher Koexistenz, denn es wurde miteinander gefeiert, dass die Grillplätze wackelten. Oder die Barbecue Locations, egal. Die hohe Volksfestaffinität scheint die beiden Stämme so innig verbunden zu haben, dass selbst heute, wo längst keine Amerikaner mehr vor Ort sind, im Geiste amerikanischer Traditionen weitergefeiert wird. Also wurde logischerweise auch am 4. Juli eine ordentliche Sause durchgezogen.
Und jetzt kommt's. "Stell dir vor, die haben am Samstag den amerikanischen Abhängigkeitstag gefeiert", sagte Frau Übermop ganz beiläufig. Ohne mit der Wimper zu zucken. Mein Unterkiefer rutschte ein bisschen tiefer als da, wo er eigentlich hingehört. Dann wollte ich etwas sagen. Dann ließ ich es bleiben. Abhängigkeitstag. Das ist ohne Worte. Alles Konsens oder was.

Sonntag, 5. Juli 2009

Sonntagslese

Heute früh, als es noch schön kühl war, beschloss ich einen Post zu schreiben, solange es noch schön kühl ist. Sonst nimmt der Tag und damit die Hitze seinen/ihren Lauf, und bis zum Abend ist der Kopf samt Rest derart aufgeheizt, dass einem wieder nur das naheliegendste Thema zum Posten einfällt, nämlich eben die Hitze des Tages.
Heute früh also dachte ich: Jetzt wird es mal Zeit, dass dein Blog eine anständige Blogroll bekommt. Wunderbar, dachte ich, easy job, das schaffst du, bevor die Monsterhitze über dem Planeten zu kochen anfängt und die Finger an den Tasten kleben bleiben. Weil, so dachte ich, eigentlich brauche ich ja nur meinen Guugle reader zu flöhen und meine Lieblingsblog-Abos zusammenzustellen, und fertig ist die Blogroll.
Tja. Inzwischen ist es der Tag fast rum und keine Blogroll, nirgends. Weil tierisch abgestürzt in den Tiefen alter und neuentdeckter Blogs bzw. Blogbeiträge. Nur gelesen, gelesen, gelesen. Sonst nicht viel getan außer geschwitzt. Und weil mir das Thema Hitze mindestens genauso weit zum Halse heraushängt wie die Hitze selber, mache ich's jetzt kurz und liste einfach ein paar Juwelen aus meiner Kollektion auf.

Culture of Life News und Clusterfuck Nation sind schuld daran, dass ich manchmal fast vergesse, neuerdings ein eigenes Blog zu haben, das gefüttert werden will - weil ich bei beiden gnadenlos zu versacken drohe. So viel Klugheit! So viel Schreibkraft! So viel Herzblut!
Ich empfehle wärmstens die Lektüre des aktuellen Clusterfuck-Beitrages zum Tod von Michael Jackson. Der Autor James Howard Kunstler zieht bemerkenswerte Parallelen zwischen der Bankrottheit des amerikanischen Systems und der Bankrottheit des Systems Michael Jackson. Man muss MJ weder mögen noch hassen, um darüber ins Nachdenken zu geraten.
Von 'Bankruptcy' handelt auch Elaine Meinel Supkis' heutiger Beitrag in Culture of Life News: 'The mainstream media is slowly going insane as it inevitably goes bankrupt.' Aktuell hatte die Washington Post ein konspiratives Treffen ('a secret salon') von Journalisten mit Lobbyisten geplant. Gegen Bezahlung. Der Plan flog auf. Starke Geschichte, oder, mit Elaines Worten, "well, tough titties".

Karl Denninger und Mike Shedlock sind schuld daran, dass ich meinen Glauben an die Unschuld beziehungsweise an großmäulige 'green shot campaigns' (Gutwetterkampagnen) zum Thema Wirtschaftskrise verloren habe. Überaus informative, stark frequentierte Kommentarforen.

LOLFed ist stets zur Stelle, wenn mir mal wieder das Lachen vergeht über das, was in Amerika passiert. Sehr witzig kommentierte Bilder, herrlich ätzende Kurzbeiträge, tolle Links. Einer der aktuellen Links führt zu der Zeitschrift Playboy mit einer Reportage über das Leben in Saus, Braus und Stress, welches arbeitslose Investmentbanker aus New York in Buenos Aires führen. "They all buy coke from me and blow it immediately. That's the American way - consume, consume", sagt der Drogendealer Marcello und erklärt, wie einfach er die Gringos erkennt, "(they always) spent a lot of money on drinks and are bad dancers and always too drunk. So it is easy for my guys to find them." Was sich lohnt, denn den miserablen Tänzern knöpft er 120 Pesos für das Gramm ab; örtliche Kundschaft bezahlt nur 50 Pesos.

Ebenfalls aus Buenos Aires stammt FerFals Blog Surviving in Argentina. Der Mann erzählt in drastischen Farben von der Krise, die seit 2001 herrscht. Die Leute dort scheinen bereits einiges gewöhnt zu sein, es lässt sich vieles lernen für kommende Zeiten, von Notvorratshaltung über Kriminalität bis hin zu Waffentipps. Alles sehr nah, sehr konkret beschrieben, ohne politisch korrekte Verrenkungen. Hochinteressant die Berichte über die aktuelle Ausbreitung des H1N1 Virus in Argentinien: Das Killervirus hat vorzugsweise gesunde Teenager und junge Erwachsene im Visier, 'Lungs that "catch fire" in hours'.

Robert Misik von misik.at mag ich, weil er journalistisch in Wien unterwegs ist und dabei nicht nur Wien kritisch im Blick hat, sondern die ganze Welt oder jedenfalls die Krisenherde in ihr, also doch die ganze Welt.

Feynsinn lese ich gern wegen seines soziologischen Durchblicks und weil sich bei ihm feinsinnige und deftige Schreibe nicht gegenseitig ausschließen. Sowohl Feynsinn als auch FerFal vom Argentinienblog leiden gerade unter argen Grippesymptomen. Gute Besserung.

Bei den Stützen der Gesellschaft lungere ich gerne herum, weil Don Alphonso immer so schön die Zündschnur auslegt und hernach im Kommentarbereich der Teufel los ist.

Wulffmorgenthaler sind zwei dänische Comiczeichner, nicht gerade von der subtilen Sorte. Muss man mögen. Ich mag nicht alle Comics von ihnen, aber manche habe ich zum Fressen gern.


Rebhuhn ist schuld daran, dass ich heute an meiner Blogroll gebastelt habe, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Das Gute an Rebhuhns Blog: Es bringt mich immer wieder verlässlich auf schräge Gedanken.


Samstag, 4. Juli 2009

Heiße Luft


Schaufenster eines Jalousienhändlers
Standort: pralles Sonnenlicht
Dekoration: drei brennende Minihalogenstrahler und drei rotierende Miniventilatoren
Zeit: 10:45 Uhr
Außentemperatur: 30 Grad Celsius*

Muss man auch erst mal draufkommen: Die Jalousie schützt vor Sonne und Hitze, drum verschafft sie Kühlung. Oder anders gesagt: Weil die heiße Luft weggewedelt wird, bevor sie durch die Lamellen dringen kann, bleibt es hinter der Jalousie schön kühl. Oder so: Wenn da keine heißen Lämpchen hingen, bräuchte es auch keine kühlenden Ventilatörchen. Aber dann bräuchte es ja auch keine Jalousie. Und dann wäre es keine Werbung.

*siehe die rote elektronische Schriftfläche oberhalb der Jalousie. Warum die Kamera nur das obere Drittel der Temperaturanzeige wiedergibt, bleibt mir ein schwülheißes Rätsel. Im Schaufenster selbst waren es 'komplette' 30 Grad C; vor ihm gefühlte 35 Grad, nachdem ich bestimmt 87 mal aus verschiedenen Winkeln vergeblich versucht habe, die rote Schrift vollständig zu fotografieren.

Freitag, 3. Juli 2009

Beschattung


Zur Zeit sehnt man sich ja durchaus nach Alternativen zur Sonnenseite des Daseins. Ab fünf Uhr nachmittags, wenn der Kopf schwer und der Hitze müde wird, verwandelt sich mein neu entdecktes Lieblingsplätzchen in eine meditative Oase des Schattens. Über was da so meditiert wird? Na, über die Schattenseiten des Daseins. Geht gut von da oben aus. Nach einer Stunde Beschattung war ich wieder klar im Kopf.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Soziale Kälte, revisited

Heute früh empfing Frau Übermop mich mit diesem gewissen Blick, den ich mittlerweile gut kenne an ihr. Sie schaut dann ganz ernst drein, schließlich will sie mir gleich etwas ganz Ernstes sagen. Aber irgendwo in den Augen blitzt ein versteckter Schalk: Sie grinst dann, sozusagen, ganz leicht aus den Augenwinkeln, obwohl ihre Mundwinkel keinerlei Anstalten machen zu lächeln. Ich wusste also heute morgen, aha, da ist ein Geschoss im Anflug. Es kam zunächst ganz harmlos daher in Gestalt einer Feststellung: "Du hast am Dienstag was vergessen!" Gemeint war: Im Rahmen meiner Putzaufgaben habe ich am Dienstag etwas vergessen zu tun.
Fieberhaft rekapitulierte ich gedanklich, was am Dienstag alles war, es wollte mir nicht gleich einfallen, kein Wunder, es war ja schon wieder 28 Grad warm, und beim Spüren der 28 Grad Wärme erinnerte ich mich, dass es am Dienstagmorgen auch verdammt warm war, und dass in meinem Blog am Dienstag etwas steht von wegen großer Schwüle, beziehungsweise Kälte, und dann fiel mir endlich das Kühlhaus ein und ich fragte: "War was mit dem Kühlhaus?" (So ein Blog ist wirklich prima gegen Ausfallserscheinungen im Kurzzeitgedächtnis.)
Frau Übermop schüttelte den Kopf und ließ mich noch ein Weilchen vergeblich raten. Sichtlich genoss sie es, die Katze nicht vorschnell aus dem Sack zu lassen. Dann kam das Projektil angeschossen: "Vor lauter Schäkern mit den Lieferanten im Keller hast du vergessen, den Haupthahn zum Wasserschlauch zuzudrehen." Sagte ich Geschoss? Bei mir kam es an wie eine Mittelstreckenrakete. Auf der Stelle wurde mir siedend heiß (bei 28 Grad, bitte). Mein erster, mein einziger, mein alles beherrschender Gedanke war: Frau Übermop liest in meinem Blog mit! Zwar ist in jenem Dienstagspost keine Rede von Schäkern, und was sich faktisch am Dienstag im Kühlhaus abgespielt hatte, war gewiss kein Schäkern, sondern eine kurze gemeinsame Auszeit von der unerträglichen Hitze; gewissermaßen eine kleine Flucht in die soziale Kälte (um diesen Begriff endlich einmal positiv zu besetzen). Aber bekanntlich entsteht ein Bild nicht im Text, sondern im Kopf des Lesers. Und Frau Übermop hat ja durchaus ihren eigenen Kopf. Mir wurde immer heißer. Ich wollte für den Rest meines Lebens nur noch ins Kühlhaus. Die liest in meinem Blog mit!
Tut sie natürlich nicht. Sie hat lediglich eine faktische (Wasserhahn) mit einer fiktiven (Schäkern) Aussage verknüpft, anders gesagt, sie hat spasseshalber mal so ein krummes Ding ausgelegt, um zu schauen, wie ich reagiere. Inzwischen lachten auch die Übermop-Mundwinkel breit. Das musste an meiner gesunden roten Gesichtsfarbe liegen. Reichlich lahm fragte ich, welchen Lieferanten sie jetzt meine? Und da war er schon wieder, dieser Blick, passend zur Antwort: "Na, es waren ja genug hier am Dienstag!" Da hat sie nun auch wieder recht. Die Getränkelieferanten gaben sich die Klinke in die Hand, klar, bei dem Wetter. Es wurde eine Unmenge, was sage ich, ganze Flotten von Getränkekästen in den Keller hinunter, Leergutkästen aus dem Keller nach oben geschleppt. Nicht nur die Kellertreppe war dauernd blockiert von schleppenden Kerlen, sondern der gesamte Kellergang sowie der Getränkekeller selbst. Eine herumwischende Putzfrau macht sich da nur unbeliebt.
Also blieb der Putzfrau gar nicht anderes übrig als sich zwischendurch immer wieder entspannt auf ihren Schrubber zu stützen, um die Dinge oder die Kerle an sich vorbeiziehen zu lassen, und dabei fiel natürlich das eine oder andere Wort. Man ist ja in keinem Stummfilm, weder als Putzfrau noch als Getränkelieferant. Und dass man bei solcherart fraktalem Arbeiten auch mal einen Wasserhahn aus den Augen verliert...hm ja, kann zwar vorkommen, sollte aber besser keinesfalls vorkommen. Ich entschuldigte mich angemessen. Meine Erleichterung darüber, dass Frau Übermop sich eindeutig auf die Getränkelieferanten bezog und nicht auf mein Blog, war so groß, dass ich alles zugab und nichts abstritt. Ich meine, wenn sie die schleppenden Flaschenboys nicht erwähnt hätte, würde ich jetzt noch mit rotem Kopf vor dem Computer sitzen. Weil ich ja denken würde, Frau Übermop liest jetzt grade mit. Jessas.


Mittwoch, 1. Juli 2009

Bankdienstleistungen



Uuh...der Knaller des Tages, wenn auch schon ein paar Tage alt. Erfreulicherweise mehren sich im Zeichen der Bankenkrise diejenigen Zeitgenossen, welche bei dem Begriff Bank noch an anderes denken können/wollen/müssen als an einen Finanzdienstleister, zum Beispiel an dies, dies oder dies. Oder auch jenes. Echte Dienste leisten nämlich die Parkbänke, was bei der anderen Bank, wo manche ihr Geld parken, in diesen Zeiten angezweifelt werden darf.

Gefunden in der Fachzeitschrift Horizont (Printausgabe) vom 18.06.2009. Die Anzeige wurde aufgespießt und besprechblast von einem Autor namens 'Spießer Alfons'.