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Samstag, 17. Juli 2010

Postmoderner Paukenschlag


Ein Meisterstück. Ich bin auf ein Meisterstück gestoßen, das mich vor Begeisterung so umgehauen hat, dass ich es nicht für mich behalten kann.

Was für ein Fund. Da gibt es jemanden, der den gestalterischen Puristen und Nachhaltigkeitsaposteln unserer Tage ein wenig genauer auf die Finger schaut: Das Blog Designline setzt sich kritisch auseinander mit der sogenannten Puristenfraktion im Designerlager.
Schlicht, schlichter, moralisch gut,
notiert der Autor Norman Kietznann das herrschende Designdogma und hinterfragt:
Doch wie aufrichtig kann Gestaltung sein, die selbst mit einem erhobenen Zeigefinger daherkommt?
Dong! Das sind Fragen, die sitzen. Zwar begrüßt Kietznann die Abkehr von schnellebigen Trends im Möbeldesign und weiß jene Abkehr gesamtgesellschaftlich einzuordnen:
Das krisenbedingte Bedürfnis nach mehr Sicherheit verlangt nach einer Formensprache, die nicht auf schnellen Effekt oder gar offensive Erotik setzt, sondern mit klaren, zeitlosen Formen eine gute Kaufentscheidung verspricht.
Was es jedoch mit der versprochenen "guten Kaufentscheidung" auf sich hat, wird vom Autor gnadenlos zerpflückt, denn für ihn
...wird das Kalkül hinter den neuen Werten umso offensichtlicher. Während mit dem Kauf eines minimalistischen Einrichtungsgegenstandes bewusst an die Vernunft appelliert wird, wird der Luxus in Zeiten der Rezession wieder verdaulich gemacht. Wenn sich der Großteil aller puristischen Sofas in einem Preisniveau bewegt, das erst im fünfstelligen Bereich zum Tragen kommt, und selbst ein schlichter Esstisch mit vier Stühlen für kaum weniger zu erstehen ist, relativiert sich die Betrachtung des vordergründigen Verzichts.
Paukenschlagmäßig gut auf den Punkt gebracht, nochmals dong. Wenn Purismus erst im fünfstelligen Bereich zum Tragen kommt, ist es dann noch Purismus? Zweifel sind angebracht:
Die puristische Form, die auf der moralisch sicheren Seite zu stehen scheint, bekommt einen leicht bitteren Beigeschmack, der die Frage der Moral außer Kraft setzt.
Und dong, die dritte. Dann spielt der Autor auf die Retro-Verliebtheit vieler ins Puristische vernarrter Designer an und entlarvt deren Neigung, die frühe Moderne mit ihrer ebenfalls klaren Formensprache zu verklären; die Klarheit der Form, so Kietznann, sei in jener Epoche vor allem eines gewesen:
Ausdruck eines gesellschaftlichen Programms und keine Strategie des Verkaufs. Die vermeintliche Detox-Kur der heutigen Entwürfe ist kaum mehr als ein verlängerter Aufenthalt im Schönheits-Salon. Kosmetik mit gutem Gewissen, die sich mit dezenten Tönen so lange bedeckt hält, bis die Umstände wieder ein feuriges Rouge zulassen.
Oh Mann, ist das gut gedongt. Detox-Kur, was für eine geniale Metapher (nach der ich allerdings erst googeln musste, um festzustellen, dass heutige Leserinnen von Frauenzeitschriften sich mit der größten Selbstverständlichkeit über Sinn und Zweck von Detox-Kuren austauschen; eventuell eine Langzeitfolge von zu vielen Botox-Kuren?).

Dann zitiert der Mann an der Pauke noch einen ausgewiesenen Experten für Designgeschichte, den Kurator der Ausstellung "Essenz der Dinge" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, Mathias Schwartz-Clauss:
'Ob es sich um Luxus, Armut oder Askese handelt, um Verzicht als Variante des Überflusses, um Entbehrung, etwa unter Bedingungen von Haft, um Enthaltsamkeit als spirituelle Haltung im Kloster oder spartanische Strenge als totalitäre Unterdrückung - die Semantik reduzierter Formen ergibt sich vor allem aus dem Kontext, in dem sie uns erscheinen.'
Mehr dong geht nicht: Begriffe bedürfen der kontextuellen Abklärung, sonst taugen sie nichts, weder für den Diskurs noch für werberisches Wortgeklingel. Werde ich mir merken, wenn ich demnächst mal wieder über puristisches Gebaren meine herziehen zu müssen.

Doch, halt, ein Dong geht noch: Ein mich begeisternd kluger Kommentator bei Designline merkt an:
Der "erhobene" Zeigefinger ist heute visueller Code der dogmatisch-belehrenden und drohend-aufdringlichen Fundamentalisten. Der Purismus - wenn es ihn denn wirklich gibt, und es gibt Gründe für Zweifel - hat ein anderes Ziel angesteuert und "Weniger ist Teurer" thematisiert und pragmatisiert.
Ich persönlich hätte denselben Sachverhalt - womöglich puristischer, aber deutlich toxischer, weil betroffener - so ausgedrückt: Jetzt nehmen sie uns sogar unsere Armut weg.

In Demut verneige ich mich vor so viel meisterlich-analytischer Klarsicht und schlackenfreier Sprachgenauigkeit von Autor samt Kommentator.

PS:
Das Auffinden des Meisterstückes verdanke ich dem Perlentaucher. Der hatte gestern auf einen Beitrag von Designline verlinkt, der sich mit der sogenannten Q Drum beschäftigt, einem jüngst entwickelten rollenden Gefäß, um den Transport von Wasser in armen Gegenden zu erleichtern. Eine echte Masterdrum. Sehr lesenswert.

Samstag, 3. April 2010

Fair und prekär


Unter Fair Trade hat man sich bisher eigentlich etwas anderes vorgestellt - aber bitte, warum nicht. Man denkt ja dann immer gleich an ferne Länder, große Armut, gerechte Bezahlung, Menschenrechte und alles ganz weit weg. Doch sieh', das Gute ist so nah.


Fairer Handel vor der eigenen Haustür. Ein geschlossenes Warenwirtschaftssystem, bestechend in seiner Einfachheit und Transparenz. Kurze Transportwege, wenig logistische Herausforderungen, integrierte Lagerhaltung im Wareneingangsbereich. Die einen schmeißen die Klamotten weg und in den Container rein, die anderen holen sie aus dem Container raus und bringen sie wieder unter die Leute; die Leute kaufen die Klamotten, tragen sie und schmeißen sie wieder in den Container, die anderen holen sie...und so geht das weiter, bis wenn sie nicht gestorben sind. Perfektes Recycling.

Ob das nun wirklich ein fairer Deal ist oder nicht, ist schwer zu beurteilen, weil nicht ersichtlich ist, wer in der Wertschöpfungskette dieses postmodernen Idylls wieviel verdient und wer draufzahlt. Da fehlt es noch an Transparenz. Aber so als Modellversuch in strengeren Zeiten - warum nicht.

Samstag, 6. März 2010

Montag, 14. Dezember 2009

Herrgottswinkel


Aus der vorweihnachtlichen Baustelle ist eine vollumfängliche Installation geworden. Eingeweihte sprechen von einer Art postmodernem "Herrgottswinkel".

Natürlich habe ich den Ticker heute wieder eingeschaltet, um zu sehen, wie sich die acht Partizipien als flüchtige Elektronikschrift so machen, inmitten des gedruckten und gerahmten Ambientes. Doch leider Gottes gab die Fernbedienung nichts anderes her als das Datum des heutigen Tages. Im gegebenen Kontext fand ich das nun doch ziemlich profan.

Aus unterrichteten Kreisen war zu erfahren, es sei nicht auszuschließen, dass jemand den Ticker umprogrammiert, schlimmer noch - mutwillig manipuliert, gar gehackt habe! Man munkelt von einem möglichen Sabotageakt aus der Atheistenfraktion. Schöne Bescherung.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Schrift an der Wand


Die Postmoderne ist ein rätselhaftes Ding. Da steht man vor einer Mauerinschrift historischen Datums, muss unwillkürlich ans Kreidezeitalter denken und wundert sich über alles mögliche.


Zum Beispiel darüber, wieso die vorgeschichtliche Kreideschrift nicht längst vom Regen weggewaschen worden ist. Weil, bekanntlich endete ja die Kreidezeit mit einer großen Klimakatastrophe - Kälteeinbruch und sintflutartigen Regenfällen -, was den damals überall verbreiteten Dinosaurieren schwer zu schaffen machte und ihnen schließlich keine Überlebenschance ließ. Unfassbarerweise trotzten diese Kreidehieroglyphen allen klimatischen Unbilden und haben sich bis zum heutigen Tag gut gehalten. Ich stehe vor einem Rätsel.

Möglicherweise waren es ja die letzten Dinosauriere, welche hier ein letztes Lebenszeichen hinterlassen haben? Schaut her, uns gab es, wir waren hier, lange vor euch! Könnte doch sein. Eine Art vorsintflutliches Menetekel, um uns Neuzeitler vor dem nächsten Klimadesaster zu warnen, welches ja bekanntlich auf eine dramatische Erderwärmung hinauslaufen wird, was wiederum die ausgestorbenen Dinosauriere sehr gemütlich finden werden und was sie, die Dinos, zur langfälligen Rückkehr veranlassen wird. Könnte doch sein.

Für die Dinotheorie spricht auch die seltsam archaische Schreibweise; gut vorstellbar, dass der verquere Umlaut einem eher kleinwüchsigen Hirn entsprungen ist, das sich mit überlebenswichtigeren Dingen herumzuschlagen hatte als ausgerechnet mit der englischen Rechtschreibung. Was jetzt aber keinesfalls die Dinosauriere in irgendeiner Weise diskriminieren soll. Ist ja nicht schlimm, wenn einer kein Englisch kann. Könnten die Urviecher ja noch lernen, wenn sie demnächst zurückkehren. Könnten ja mit Guido gemeinsam einen Crashkurs abfeiern. Könnte auch sein.

Es könnte aber auch ganz anders sein. Haben womöglich die Riesenechsen den falschen Umlaut vorsätzlich in die Botschaft eingebaut? War es weder Dummheit noch Versehen noch fehlendes Sprachvermögen, sondern glatte Absicht? Könnte doch sein. Machen die postmodernen Blogger schließlich auch, wenn sie ihre Mailadressen nicht unverschlüsselt rausrücken wollen, ät oder ätt oder ähnliches, kennt man ja. Plötzlich erscheinen die Kreidezeichen an der Wand gar nicht mehr so archaisch, sondern recht zeitgemäß, irgendwie. Was in aller Welt wollten die Dinosauriere uns damit sagen? Na, ganz einfach: dass wir sie mal nicht unterschätzen sollten. Die haben nämlich gebloggt, die Dinosauriere. Schon damals. Könnte doch sein.

Bloggende Dinosauriere. Wie kam ich da jetzt gleich nochmal drauf? Ach so ja, heute ist der 25.10.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Nase im Wind

Wenn der Amtsschimmel einmal zu wiehern angefangen hat, hört er nicht mehr auf. Erst kürzlich hat das Ordnungsamt einige Unordnung in den Gemütern hinterlassen. Nun haben sich gerade die Wallungen gelegt, da kommt der nächste Aufreger zur Tür herein.
Diesmal sind es die Amtsträger von der Verkehrsplanung. Das Restaurant, so ist zu erfahren, liege im sogenannten baulichen "Umgestaltungsbereich" eines Straßenabschnittes. Der Straßenabschnitt ist eigentlich ganz nett, so wie er ist: relativ wenig Verkehr, viele große alte Bäume, im Schatten ein paar Bänke zum Sitzen. Jetzt soll der Straßenabschnitt aber zu einem sogenannten "Begegnungsraum" umgestaltet werden. Genau. Ein Begegnungsraum. Als ob es den nicht bereits gäbe in Gestalt des Restaurants mit seinem überaus regen Garten- bzw. Straßenbetrieb. Eben diesem droht jetzt der Würgegriff durch die erforderlichen Baumaßnahmen auf den Bürgersteigen. Die Invasion erfolgte amtlicherseits wie aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung oder -info. Kein Wunder, dass die Nerven schon wieder blank liegen. Zumal, meteorologisch gesehen, ein stabiles Hoch in der Luft liegt und gute Freiluftumsätze verspricht. Baubeginn ist nächste Woche.
Ich habe dann einen Blick in das amtliche Begleitschreiben geworfen, in welchem wundersame Dinge geschrieben standen. Angekündigt werden diverse Objektinstallationen auf verkehrsberuhigten Straßen und Bürgersteigen; die Rede ist von "Sitzbubbles", "farbigen Betonwürfeln" sowie "Sitzauflagen aus Gummigranulat". Das klingt alles schwer postmodern und lässt sogleich die Suchmaschine rotieren. Die Sitzblasen interessieren mich am meisten; die ersten Suchergebnisse führen zu einem 'WC-Sitz Bubble 3D' (39,99 Euro) sowie zu dem premiumverdächtigen 'WC-Sitz Cool Bubble' (77 Euro). Wieso lande ich eigentlich immer bei WC-Sitzen, egal wonach ich im Netz suche? Erst wenn man tapfer die ganzen Klodeckel nach unten scrollt, wird offenkundig, dass es sich bei einer Sitzbubble keineswegs um ein Meditationskissen zum Aussitzen der Kreditblase handelt, sondern um so etwas. Eine Art futuristischer Flachsitzer. Mal sehen, wer künftig auf der baumbeschatteten Bank Platz nimmt und wer auf einer frei herumstehenden Sitzblase.
Betonwürfel muss ich nicht groß guhgeln, das werden Würfel aus Beton sein zum Schienbeinaufschlagen. Gummigranulat ist bestimmt etwas Praktisches, Wasserabweisendes, klingt halt irgendwie unsinnlich.
Aber dann stoße ich auf ein Wort, das mich augenblicklich fasziniert: die sogenannte "Gehwegnase". Steht da wirklich. Gehwegnase wie 'Geh weg, Nase!'. Alle Straßenecken rund ums Restaurant, heißt es in dem Schreiben, sollen zu Gehwegnasen umgebaut werden. Finde ich fabelhaft, bei all den dubiosen Gerüchen, die mich beim Arbeiten umgeben. Das heißt, immer wenn meiner Nase zum Davonlaufen zumute ist, renne ich kurz zum Restaurant raus, bleibe an der nächsten Nasenecke, ähm, Straßenecke stehen, hole ein paar Mal tief Luft und kehre gestärkt zurück. Gehwegnase besiegt Küchengully. Nie mehr sage ich etwas Despektierliches über kommunale Verkehrsplanung.