Samstag, 4. Dezember 2010

Let It Be


Mal ehrlich, ich habe nicht die leiseste Ahnung, was es mit diesem Video auf sich hat, und der Reformed Broker, bei dem ich es abgestaubt habe, scheint genauso ahnungslos zu sein. Fest steht, es spielt in Norwegen und hat wohl etwas mit dem dortigen Fernsehen zu tun, mehr weiß ich nicht und es ist mir auch egal. Ich mag es einfach. Und weiß noch nicht mal, warum.

Weil, ich meine, man klickt es an und dann steht da der gereifte Roger Moore an der vermutlich norwegischen Küste und rezitiert:
When I find myself in trouble
Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom:
Let it be
Let it be.
und dann kommen all die vielen, vielen anderen dazu und singen den gecoverten Beatles-Song: Schauspieler, Sportler, Sänger, bekannte und weniger bekannte Gesichter, manche sympathisch, andere weniger sympathisch, aber auch das ist völlig wurscht, und ob die jetzt wirklich alle singen oder nur die Lippen bewegen, wen kümmert's.

Es gibt Sachen, die hat man richtig gern und kann es sich nicht erklären. Mit Menschen geht es einem ja auch manchmal so. Selten genug. Let it be.


Freitag, 3. Dezember 2010

Verschärfte Rhetorik


Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als frühmorgens wehrlos im Bett zu liegen, während die stählerne, rasiermesserscharfe Stimme der Arbeitsministerin aus dem Radio auf meinen Nerven herumsägt. Es ist diese Stimme. Eine Stimme wie aus Hartmetall geschmiedet. Noch bevor ich überhaupt weiß, auf was die Rasierklinge hinaus will, suche ich im Dunkeln nach großkalibrigen Wurfgeschossen, um das Radio in tausend Teile zu zerschießen. Diese Stimme fräst sich derart gnadenlos durchdringend in die verschlafenen Gehörgänge, dass ich - urplötzlich hellwach und hyperaktiv - gar nicht schnell genug aus den Kissen springen kann, um der Off-Taste den K.o.-Schlag zu verpassen. So stelle ich mir das Weck-Kommando im Kasernenumfeld vor: Weiterdösen unerwünscht, strammgestanden!

Die eiserne Jungfrau dozierte zu ihrem Lieblingsthema, der Knebelung von Hartz-IV-Empfängern auf der nach unten offenen Schikane-Skala. Es ging, wenn meine gemarterten Schlafplüschohren das richtig mitbekommen haben, um die Neuberechnung des Regelsatzes (nach unten, wohin sonst). Zu diesem Zweck, so die Rasierklinge, gälte es, die "Referenzgruppe" für diese Berechnung neu zu definieren. Referenzgruppe? Ich dachte immer, die sei längst definiert durch das gebetsmühlenhafte Mantra 'Der Abstand zu den untersten Lohngruppen muss gehalten werden', vulgo Lohnabstandsgebot?

Von wegen - nichts ist so weit unten, dass es nicht noch tiefergelegt werden könnte: Statt wie bisher das untere Fünftel der Arbeitnehmer als Maßstab zugrunde zu legen, sollen es künftig nur noch rasierklingenscharfe 15 Prozent sein, die als Vergleichsrahmen dienen. Wohlgemerkt, die untersten 15 Prozent der Arbeitnehmer statt der bisherigen unteren 20 Prozent. Was ja schon einen kleinen Unterschied ausmacht für all jene, die es darauf anlegen, die entsprechenden Zahlen nach unten schön oder vielmehr hässlich zu rechnen.

Trotz meines Hechtsprunges aus dem Bett hämmerte mir kurz vor Erreichen der Ausschalttaste am Radio noch der in Kruppstahl gegossene Satz "...weil sonst der Abstand zur arbeitenden Bevölkerung zu gering wird" entgegen. Dieser Satz ist mir den ganzen Tag im Ohr hängengeblieben. Ein höchst bemerkenswerter Satz, wie ich finde - oder kursiert diese Rhetorik schon länger und nur ich habe es wieder mal verpasst? Zwischen dem Abstand zu den untersten Lohngruppen einerseits und dem Abstand zur arbeitenden Bevölkerung andererseits besteht doch wohl ein, so darf man sagen, gewaltiger Abstand, und zwar beileibe kein bloß rhetorischer, vielmehr ein gewaltiger qualitativer Abstand, oder nicht?

Die Rhetorik verschärft sich. Rasiermesserscharf.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Kaltstart


Die Katastrophenmeldungen reißen nicht ab. Und immer erwischt's einen am frühen Morgen, dann, wenn das Bett noch warm, der Kaffee noch am Durchlaufen und das Gemüt noch am Dümpeln ist in friedfertiger Verpenntheit - wer ahnt da schon, was ihm der junge Tag nur wenige Augenblicke später entgegenschleudern wird?

Jäh brach das Unheil zur geöffneten Balkontür herein. Dabei wollte ich bloß ein paar Schlückchen frische Luft nehmen. Doch was wälzt sich mir entgegen? Eine Lawine. Ungelogen. Offenbar war über Nacht ein Mordsbrett von Schnee gegen die Balkontür geweht und dort festgepresst worden und hatte nur auf den Moment gewartet, wo es sich in meine gemütlich warme Hütte hinein entladen konnte. Wrrmmpffh. Das typische dumpf-satte Lawinengeräusch eben, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Vielleicht nicht ganz so druckvoll wie am Matterhorn, aber meinem Gemüt hat's gereicht.

Da ich nicht zu den Leuten gehöre, die eine Schneeschippe in ihrer Wohnung aufbewahren, stand ich ziemlich dumm da. Wie sollte ich der Schneemassen Herr werden, und zwar bitte schnell, schließlich schmilzt das Zeug ruckzuck zu einer Riesensauerei? Zwar besitze ich eine Kehrschaufel mit Handbesen; leider Gottes befanden beide sich heute früh nicht in der Wohnung, sondern wo? Richtig, auf dem Balkon. Wo genau auf dem nicht kleinen Balkon, daran konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern, und zu sehen war von der Kehrschaufel absolut nichts, da begraben unter Neuschnee.

Sehr prekär das Ganze. In meiner Not griff ich zur Methode Suppenteller (Suppenteller = Kehrschaufel, hohle Hand = Handbesen). Ich weiß jetzt, woher die Redewendung aus dem Vollen schöpfen kommt. Viele Teller voll, viele Handvoll, sehr viel kalt.

Kaltstart nennt man das.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Wer flucht, lebt


Hab' ich schlecht geschlafen. Genauer gesagt, höchstens ein halbes Auge zugetan. Um präzise zu sein: Ich stand senkrecht in den Federn, nachdem ich gestern das und vieles mehr zum Thema gelesen hatte. Meine Alarmglocken schrillten. Sie schrillten nicht minder, als mir aus diversen Ecken der Blogwelt herablassend entgegenschrillte, das sei doch alles blanker Alarmismus. Den Hut vollends aufgesetzt hat es mir, als ich irgendwo lesen musste, das Ganze sei doch halb so wild und betreffe eh bloß kleine Blogger, die mutterseelenallein vor sich hinwurschteln und halt bedauerlicherweise nicht solvent seien. Das nenne ich mutmachende Zielgruppenansprache.

In den kurzen Alpträumen, die mir zwischen meinen nervösen Wachzuständen vergönnt waren, sah ich mein kleines, alleiniges, völlig insolventes Blögchen den Weg allen Irdischen gehen, sprich aus Notwehr im Orkus landen - aus, vorbei, danke für die schöne Zeit. Schwitzend aufgewacht, Panikattacken. Mein Blog! Mein Blog ist mein Standbein auf den Härtestrecken meines Lebens. Ich ziehe dieses harte Leben durch, zähnezusammenbeißend und einigermaßen zuversichtlich, aber nur, weil mir das Blog unglaublich viel Kraft und Energie gibt. Für mich fühlt sich mein Blog an wie so ein kleiner, kompakter Notstromgenerator in der leerstehenden Garage hinterm Haus, neben den eingelagerten Kartoffeln und Äpfeln für den langen strengen Winter. Ohne mein Blog würde es mich fürchterlich frieren, konkret: Es würde mir der Hintern ganz entsetzlich auf Grundeis gehen.

Ich habe jetzt extra 'Hintern' gesagt statt jenes A-Wortes. Weil, vielleicht habe ich ja noch minimale Chancen auf Weiterbloggen, solange ich auf strikt jugendfreien Inhalt achte. Vor ein paar Tagen tauchte hier das unschöne Wort 'fucked' auf - huch. Wird künftig nicht mehr vorkommen, versprochen. Läuft natürlich auf massive Eigenzensur raus, wo ich doch ein Mensch bin, der für sein Leben gern wilde Flüche ausstößt. Aber was hilft's - ab sofort hat es sich ausgefuckt.

Halt, nur noch ein Mal, ein einziges Mal, ein allerletztes Mal, das jedoch aus tiefstem Herzen: Fuck off, Ihr Grünen. Fuck the fuck off. Fuck yourself completely off, unter Zuhilfenahme sämtlicher euch zur Verfügung stehender parlamentarischer Zwänge.

Dienstag, 30. November 2010

Vom Schnee verweht


Schnee, so weit das Auge reicht. Ich glaube, im vergangenen Winter habe ich das schon mal frühmorgens geschrieben, um dann kapitulierend in den Bus zu steigen. Nicht so heute. Ich nehme das Rad, gebe den einsamen Biker-Yeti und fordere mich selbst zum Härtetest heraus. Weil, es könnte ja mal so weit kommen, dass gar keine Busse mehr fahren, weil das Öl knapp wird, und dann bin ich schon in Übung. Vermutlich werde ich dreimal so lange brauchen wie sonst, denn man rackert sich ja ab wie ein zweirädriger Schneepflug durch die verwehten Massen. Wenn man überhaupt je am Ziel ankommt und nicht von einer dieser gigantischen Schneewolken, die von den S-Bahnen aufgewirbelt werden, erfasst und begraben wird. Sollte es also ab morgen an dieser Stelle nichts mehr von mir zu lesen geben, wird man mich wohl in ein paar Jahrtausenden als gut konservierten mitteleuropäischen Radler-Ötzi auffinden, ins Heimatkundemuseum geben, und alle werden staunen. Vielleicht werde ich sogar berühmt.

Montag, 29. November 2010

Wüst und kalt und leer


Himmelherrgottsakra war das kalt heute früh. Es war eine solche Kälte, dass ich nach zwei Minuten auf dem Fahrrad überhaupt nichts mehr gespürt habe, noch nicht mal die Kälte. Irgendwie fuhr das Rad wie ferngesteuert, so als ob es gar nichts mit mir zu tun habe, und nach etwa zehn Minuten war mir die Kälte so zu Kopf gestiegen, dass dieser sich vollkommen leer anfühlte. Also, nicht einfach bloß leer, sondern von einer geradezu metaphysischen Leere angefüllt.

Wenn man dann von Frau Übermop schräg angeschaut und gefragt wird: "Was guckst du so leer?", dann, ja, fällt einem dazu auch nichts mehr ein.

Bis auf das: Morgen früh soll es noch kälter werden.

Sonntag, 28. November 2010

Gute Geschäfte


Bevor morgen - ich schwör's - von neuem die Propagandamaschine angeworfen und aus allen Rohren das fulminant (bombastisch/sensationell/rekordverdächtig) gute Weihnachtsgeschäft uns um die Ohren gehauen wird, welches am ersten Adventswochenende - wie prognostiziert - eingefahren wurde und an den nun folgenden drei Wochenenden jeweils sich selbst exponentiell übertroffen haben wird; bevor es also wieder losgeht mit dem ganzen hochtourigen Hype um die boomenden Einzelhandelsumsätze und mir von jeder zweiten Zeitungsseite die originelle Schlagzeile "Süßer die (Kassen)Glocken nicht klingen" entgegenknallt, sollte der Sachverhalt noch schnell in dürren Worten auf den Punkt gebracht werden: