Dienstag, 25. Juni 2013

Luxusprotest


Meine roten Schuhe wölben sich gerade gefährlich nach oben. Also, das Obermaterial meiner Schuhe, das beult sich so richtig aus. Das kommt daher, dass die darunter befindlichen Zehennägel sich wie wild hochrollen. Die Socken hat es mir schon längst von den Füßen gezogen. Das kommt daher, dass ich sprachlos bin, und das wiederum kommt daher, dass ich lese, was die Finanzmarkt-Presse sich über die brasilianischen Proteste zurechtschustert.

Das Wall Street Journal widmet sich nämlich dem Umstand, dass in Brasilien die Mittelschicht massenhaft auf die Straße strömt. Zwar strömen derzeit in Brasilien alle möglichen Schichten massenhaft auf die Straße, aber weil das WSJ naturgemäß am ungewaschenen Pöbel weniger interessiert ist, dafür umso mehr an solchen Schichten, bei denen (noch) etwas zu holen ist, macht das Journal aus der vielschichtigen Protestbewegung ein eindimensionales Mittelschichtsphänomen.

Nun könnte es mir ziemlich wurscht sein, was ein Sprachrohr des internationalen Finanzkapitals von der protestierenden brasilianischen Mittelschicht denkt. Wenn da nicht meine Zehennägel wären. Die fingen an sich zu deformieren, als ich folgendes las:
Bürger, die finanziell besser gestellt sind, können sich den Luxus erlauben, ihrem Unmut über soziale Misstände Luft zu machen ...
In meinen Schuhen revoltiert es. Das sind meine Fußnägel, die sich den Luxus erlauben, ihrem Unmut über so viel ideologische Misstände Luft zu machen.

Was lernen wir? Wer auf die Straße geht, um zu protestieren, frönt einem luxuriösen Zeitvertreib. Dem geht es anscheinend zu gut. Wie jenem Esel, der, wenn ihm zu wohl wird, aufs Eis tanzen geht. Sollte das als Warnung zu verstehen sein? Als Warnschuss vor den Bug der Mittelschicht, seitens derer, die selbst den Hals vor lauter Luxus gar nicht voll genug kriegen können? Die sich von wachsenden globalen Protestbewegungen unangenehm gestört fühlen und darum deren Protagonisten den "Luxus" des Widerstandleistens missgönnen? Und sich schon mal Gedanken machen, wie sie jenem "Luxus" - also dem Widerstand - möglichst effizient zu Leibe rücken können, auf dass den finanziell besser gestellten Bürgern die luxuriöse Lust am Widerstand vergeht?

Vielleicht ließen sich ja die aufsässigen "finanziell besser gestellten Bürger" ruhigstellen, wenn man sie, peu à peu, finanziell immer schlechter stellt. Bisschen aushungern, bisschen Verarmung, bisschen Fahrstuhleffekt (der nach unten, selbstredend), so dass sie vor lauter Existenznöten gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen.
Spinne ich? Nein. Das WSJ spinnt sich seine Interpretation der brasilianischen Protestbewegung zurecht:
... Misstände, die verarmten Leuten weniger dringlich erscheinen, deren größtes Problem darin besteht, genug zu verdienen, um satt zu werden.
Da haben wir's. Wer von früh bis spät malocht und sich krummlegt, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen, hat weder Zeit noch Energie zum Protestieren. Der lässt sich als pflegeleichter Arbeitssklave halten und macht keine Scherereien. Denkt sich das WSJ so. Wenn ich Mittelschicht wäre, würden bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen. Bin ich aber nicht, und deshalb schlagen lediglich meine prekarisierten Fußnägel Alarm.

Von welchen Misständen ist eigentlich die Rede? Von Misständen im Gesundheits- und Bildungswesen, also solchen "Misstände(n), die verarmten Leuten weniger dringlich erscheinen". Schon klar, verarmte Leute haben keinerlei Interesse an einem bezahlbaren Gesundheitssystem und gleich gar keines an anständigen Schulen, auf die sie ihre Kinder schicken können. Ein Stück Brot am Tag reicht, zur Not tut's auch Kuchen. Was braucht der arme Mensch mehr?

Wie gesagt, eigentlich könnte es mir wurscht sein, was eine Finanzkapitalgazette so daherplappert. Nur, die plappert nicht einfach so daher, vielmehr weiß sie sich in einem Theoriegebäude der Entwicklungsökonomie ("a school of thought in development economics") zuhause, einer Art Thinktank zur Verhinderung einer aufmüpfigen Mittelschichtsmentalität:
... eine Denkrichtung der Entwicklungsökonomie, die ergründet, warum scheinbar gutsituierte Mittelschichtsbevölkerungen in Schwellenländern von der Türkei bis nach Chile auf die Straße gehen. Der Leitgedanke dabei ist, dass Bevölkerungen umso mehr von ihren Politikern fordern, desto mehr sich ihre wirtschaftlichen Bedingungen verbessern.
Und da war sie, die höchste Fußnägel-Alarmstufe, ausgelöst von dem "entwicklungsökonomischen Leitgedanken":

Lasst sie kürzertreten, lasst sie darben, lasst sie schuften, bis ihnen Hören und Sehen sowie jegliche Lust auf Widerstand vergeht, bis sie aufhören, von "ihren" Politikern immer mehr zu fordern, diese gierigen, gefräßigen, nimmersatten Wohlstandsbürger, die sollen endlich "ihre" Politiker in Ruhe lassen, denn in Wahrheit sind das nicht "ihre", sondern "unsere" Politiker, von denen wir immer mehr fordern, wir gierigen, wir gefräßigen, wir nimmersatten, wir ... na, Sie wissen schon, welche luxusverwöhnte Zielgruppe von einem Blatt wie dem Wall Street Journal bedient wird.

Und jetzt ab in die Tonne mit dem luxuriösen Leitgedankenmüll.
Weil, mehr verkraften meine geplagten Fußnägel einfach nicht. Bitteschön, WSJ, keine Ursache, gern geschehen:


Kommentare:

  1. Was kommt als nächstes?

    "Steigende Selbstmordraten sind Ausdruck wirtschaftlicher Verbesserungen"

    oder wie wäre es mit

    "Steigende Demokratiezufriedenheit dank sinkender Wahlbeteiligung"


    Mir stellt sich irgendwie die Frage, auf welche Weise diese Menschen Hayeks Werke inhaliert haben.


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  2. Für wen 2 + 2 etwas anderes ergibt als 4 und Gesellschaften in "Schichten" einteils, statt die Realität der Klassengegensätze von Produktionsmittelbesitzern und Produktionsmittelnichtbesitzern als Grundlage und Anfangspunkt seiner Überlegungen zu nehmen, wird entweder den Gang der Dinge ständig falsch verstehen oder versucht bewusst zu täuschen.

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