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Sonntag, 22. Juli 2012

Vorsicht, Ansteckungsgefahr!


Italien ist auch nicht mehr das, was es mal war. Das bereitet dem nicht ins Amt gewählten Amtsinhaber und Anti-Berlusconi-EU-Technokraten Mario Monti schweres Kopfzerbrechen. Weil, von irgendwoher muss Italiens angeschlagene wirtschaftliche, hm, Gesundheit ja kommen, oder? Vielleicht von den Außerirdischen? Steckt womöglich ein polit-bakterieller Anschlag dahinter? Ein niederträchtiger grippaler Krisenvirus? Haben all diese EU-Loser es am Ende auf Italien abgesehen? Nichts als Fragen zur "Ansteckung", die sich Monti ratlos stellt, und keine Antworten, nirgends:
"Schwer zu sagen, in welchem Ausmaß die Ansteckung von Griechenland oder von Portugal oder von Irland kommt oder gekommen ist, oder von der Situation der spanischen Banken oder von denen, die da auf den Straßen und Plätzen in Madrid auftauchen," erzählte Monti den Reportern in Rom. "Ganz augenscheinlich wären ohne die Probleme in diesen Ländern Italiens Kreditkosten günstiger."
Zum Piepen. Schuld sind immer die andern. Das war schon immer so. Und wenn sich nach langem Suchen kein Sündenbock mehr findet,
was dann? Wer war's?

"Wir!", brüllt es lauthals aus den Sprechchören der protestierenden Massen auf den Straßen. Denen in Spanien. Die anderen kommen erst noch. Demnächst in Ihrem Theater, Herr Monti.

Ansteckende Heiterkeit.

Montag, 20. Dezember 2010

Alles stockt


Wenn alles fließt, führt der Weg zurück ins Bett. Das schien zunächst eine gesunde Entscheidung zu sein, erwies sich jedoch nach mehrstündigem Aufenthalt in der Horizontalen als kontraproduktiv. Weil, es hörte alsbald alles auf zu fließen und begann gewaltig zu stocken. Bestimmt hat die Schnupfenwissenschaft längst herausgefunden, warum geschwollene Nasenschleimhäute im Liegen noch mehr zuschwellen und das Atmen noch beschwerlicher machen und der Hals noch mehr austrocknet und überhaupt. Jedenfalls fühlt sich Atemnot im Bett noch kranker (kränker?) an als ich tatsächlich bin. Also entnervt wieder raus aus dem Bett.

Tee trinken, heißes Bad (man sollte unbedingt mehr als zweimal täglich in ein heißes Bad steigen, das aktiviert die ins Stocken geratenen Fließkräfte), Salbei inhalieren, Hühnersuppe kochen, niesen ohne Ende, schneuzen ohn' Unterlass, aber immerhin, ich kriegte wieder Luft. Setzte mich schnaubend an den Computer, um die neuesten Weltnachrichten zu lesen - da stockte mir schon wieder der Atem.

Hat doch die schweizerische Bank UBS unlängst eine 43 Seiten umfassende Kostümierungsordnung (via CareerDiva) für ihre Mitarbeiter erlassen, und irgendwie sickerte - leakte sagt man in der Wikileaks-Ära - dieser (nur für interne Maßregelungszwecke gedachte) Klamottenerlass durch in die Medien.

Richtig gelesen - über 43(!) gedruckte Seiten hinweg erstrecken sich strenge Richtlinien von Do's and Dont's hinsichtlich Outfit, Erscheinungsbild sowie Körperpflege jener Frauen und Männer, die in der privilegierten Position sind, dem eidgenössischen Finanzunternehmen dienen zu dürfen.

Um ein paar Highlights herauszugreifen:

Die Fingernägel der männlichen Angestellten dürfen eine maximale Länge von 1,5 Millimetern nicht übersteigen.

Weibliche Mitarbeiter mögen ihr Parfum direkt nach dem Duschen auftragen, keinesfalls nach dem Mittagessen.

Tägliches Wechseln der Schuhe ist ein Muss, um ein höheres Niveau an Ruhe und Gelassenheit zu erreichen ("...shoes be changed daily to bring greater levels of 'peace and serenity'" - vielleicht fällt jemandem hierzu eine sinnvollere Übersetzung ein, ich persönlich stehe vor einem Rätsel).

Speziell bei Schuhen scheint ein verschärfter Regulierungsbedarf zu bestehen: Männer ziehen ihre Schuhe gefälligst mit einem Schuhlöffel an; Frauen unterlassen es, mit neuen Schuhen am Bankschalter zu erscheinen.

Blickdichte Strümpfe? Geht überhaupt nicht. Transparente Strumpfhosen bitte, Mädels.

Den Frauen ist das Tragen von maximal sieben Schmuckstücken erlaubt, den Männern nicht mehr als drei.

Das Tragen von Halstüchern (Damen) ist Pflicht, und zwar nicht irgendwie nach persönlichem Gusto, sondern nach vorgeschriebener Verknotungstechnik.

Die für Banker (geschlechtsübergreifend) angemessene Unterwäsche hat hautfarben und von feinster Textilqualität zu sein ("'always made of superior quality textiles'").

Spätestens bei der letzten Vorschriftsmaßnahme geriet ich in gefährliche Schnappatmung und musste erst mal am Boden nach meiner Kinnlade suchen, bevor ich mir besorgt die Frage stellte, was um alles in der Welt in den Großbanken dieser Welt so getrieben wird? Gut, 1,5 Millimeter mögen die optimale Fingernagellänge sein, um im Akkordtempo Banknoten zu zählen. Aber hautfarbene Unterwäsche aus feinster, am besten Schweizer Qualitätstrikotware? Strippen die an den Schaltern der UBS? Haben die bei der UBS einen Unterhosen-Controller, der den Mitarbeitern jeden Morgen an die Wäsche geht?

Eins muss man den Großbankern lassen: Regulieren können sie, wenn auch vielleicht nicht an genau jenen Hebeln, wo man es sich gewünscht hätte bei anhaltender weltumspannender Finanzkrise. Offenbar agiert die interne Regulierungswut gegenüber den Mitarbeitern umso strikter, je schwächer sich die Wirtschaft zeigt:
"Die Bekleidungsvorschriften werden immer rigider", sagt Dick Lerner, Autor des Buches Dress Like The Big Fish, "Was von der Rezession in den meisten Unternehmen hängen bleibt, ist das Prinzip 'doing more with less'. Für sie ist es zur Überlebensfrage geworden, den Gürtel immer enger zu schnallen, daher achten die Firmen auf sämtliche Bereiche ihres Geschäftes, und das bedeutet nun mal: Wer wird seinen Job behalten und wer nicht? ... Saloppe Bekleidung am Arbeitsplatz gehört der Vergangenheit an. Die Unternehmen können sich weder saloppe Bekleidung noch saloppe Arbeit noch saloppe Mitarbeiterhaltungen leisten."
Oder, in den Worten des UBS-Managements, das von seinen Angestellten erwartet, nach außen hin ein stimmiges, das heißt präzise wie ein Schweizer Uhrwerk funktionierendes Unternehmensimage zu verkörpern:
"Wahrheit, Klarheit ... Respekt ... unsere Werte, unsere Kultur"
Oder aber, in den Worten der amerikanischen Beraterin Michelle Randall, die in dem rezessionsbedingt einengenden Klamottenkorsett nichts anderes erkennt als "faules Management":
"Diese Kleiderordnungen für Mitarbeiter laufen darauf hinaus, jegliche Individualität auszumerzen und sind zu bewerten als physischer Reflex eines Managements, das unfähig ist, eine lebendige, bewegliche Organisation zu führen. Kleiderordnungen senden an Mitarbeiter die Botschaft, sie mögen ihre Persönlichkeit und ihre Individualität für den Job preisgeben. In gewisser Weise kastriert dies den Arbeitsplatz und höhlt ihn bis zur Geistlosigkeit aus."
Oder aber, in meinen bescheidenen Worten: außen hui, innen pfui.

Alles fließt


Schniefen, Niesen, Röcheln, Halskratzen...alles wie gehabt. Die Krankheitsbilder gleichen sich, nicht jedoch die Therapien. Diesmal spiele ich nicht die Heldin, sondern bleibe zuhause.
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.
Goethe hatte recht. Man sollte nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Drum steige ich jetzt zurück ins Bett.

Sonntag, 15. November 2009

Krankentransport


Die beiden Kinder schleppten ihren Patienten mit großen, schnellen Schritten und wichtigen Gesichtern die Straße entlang.

Auf meine Frage, was dem Kuscheltier denn fehle, antwortete das Mädchen todernst: "Schweinegrippe", und der Junge ergänzte, genauso ernst: "Wir haben keine Zeit, es geht jetzt um Leben und Tod." Sie trabten im Eiltempo davon.

Ernst sei das Spiel; das Leben ist heiter genug.

Donnerstag, 17. September 2009

Harte Nuss


Sehen aus wie Haselnüsse.
Fühlen sich an wie Haselnüsse.
Lassen sich knacken wie Haselnüsse.
Ob sie auch schmecken wie Haselnüsse, kann ich nicht beurteilen, weil ich mich nicht traue. Womöglich schmecken sie gut, sind aber giftig. Weiß man ja nie. Heute mittag auf dem Balkon erblickte ein Besucher die Stachelflummies und rief aus: "Du, das sind Stechäpfel, hochgiftig, pass bloß auf!", was mich alarmiert zu Botanikus rennen ließ.
Dort fand ich ein Bild vom Stechapfel, Datura stramonium. Entwarnung. Es ließ mich beruhigt den Balkon wieder betreten. Danach warf ich noch einen Blick auf die benachbarten Fotos und siehe da, keinen halben Scroll weiter sah ich meine rätselhaften Stachelfrüchte abgebildet: Platanus x acerifolia, die sogenannte ahornblättrige Platane. Wie der Autor versichert, ist die Platane nicht giftig;
die Früchte sind außerdem so hart, dass kaum jemand hineinbeißen kann.
Nanu, dachte ich, pflegt der Autor Nüsse mit den Zähnen zu knacken? Oder meint er mit 'Früchte' das gelbgrüne Stachelgehäuse? Oder hatten die Leute früher einfach bessere Gebisse? Denn, so heißt es weiter:
Früher verwendete man die Früchte der Platanen in Wein getrunken bei Schlangenbissen und Skorpionstichen.
Oha, Respekt vor den wirkungsmächtigen kleinen Platanenbombern. Die machen groß und stark. Ich hebe die Stachelnussfrüchte besser noch eine Zeitlang auf, bestimmt helfen sie auch in Haselnussgeist getrunken bei Schweinegrippe.

Montag, 24. August 2009

Drogenkunde


Schwarzer Holunder gegen Erkältung und Grippe, lese ich in der Online-Zeitung der Universität Wien. Dort gibt es ein Institut für Pharmakognosie, auf Deutsch: Drogenkunde. Die wirkstoffreiche Holunderbeere hatte es den Drogenkundlern angetan. Sie, die Beere, ist rauf und runter erforscht worden, und man kann resümierend mit den Österreichern nur sagen: Hut ab vor dem Hollerbusch!
Insbesondere der Anteil der Anthocyane, der violett-schwarzen Pflanzenfarbstoffe, ist deutlich höher als bei anderen Obst- und Gemüsesorten. Sie haben antioxidante Wirkung und schützen die Zellmembranen vor Veränderungen durch sogenannte Freie Radikale. Dadurch werden Viren wie zum Beispiel Grippeerreger davon abgehalten, in die Zellen einzudringen und so an ihrer Verbreitung im Körper gehindert. In den Beeren enthaltene Ätherische Öle wirken schweißtreibend, schleimlösend und entzündungshemmend. Die Pflanzensäuren wirken antibakteriell und die zahlreichen Vitamine und Mineralstoffe stärken das Immunsystem.
Klingt gut. Klingt nach legaler Droge gegen kommende grippale Herausforderungen.

Sonntag, 23. August 2009

Mit der Sau durchs Dorf

Die Schweinegrippe gibt mir Rätsel auf. Mir fällt kaum ein zweites aktuelles Thema an, bei dem ich derart im Dunkeln tappe wie bei dieser Krankheit, von der man politikerseits beschlossen hat, sie öffentlich nur noch als 'sogenannte Schweinegrippe' zu bezeichnen. Obwohl ich mich durchaus breit informiere und viel darüber lese. Aber vielleicht ist das gerade das Problem - bei vielem, was so geschrieben und gesendet wird, nehme ich Ungereimtheiten wahr, Widersprüchliches, Unlogisches. Mich bringt das alles mehr durcheinander als dass es mich aufklärt. Wenigstens bin ich nicht die einzige, die auf dem Schlauch steht.

Erst hatte es eine große Aufregung gegeben, dann wurde alles runtergekocht. Wer sich ein wenig intensiver mit dem Thema befassen wollte, wurde gern der Panikmache bezichtigt, ein Hysteriker genannt und beschimpfte seinerseits die Schönwetterredner als Schönwetterredner. Dann staunten plötzlich alle, weil so wenige Menschen an der Schweinegrippe starben. Viel weniger als gedacht. Obwohl sich die Zahlen widersprechen. Egal, die Erkrankung verlief viel weniger dramatisch als prognostiziert, halt wie eine mittelschwere Grippe.

Jetzt hätte man es eigentlich gut sein lassen können. Man hätte den Leuten sagen können: Okay, futtert Euer Vitamin C wie bei jeder Grippewelle, ihr kennt das ja, Augen zu und durch, wird schon werden. Nein - inzwischen wird eine gigantische Impfsau durchs Dorf gejagt, um dem Schweinevirus (der angeblich gar keiner ist, aber heißen tut er trotzdem so) Herr zu werden. Massenimpfungen im Herbst sind angekündigt. Aber wo zum Teufel soll der Impfstoff herkommen, wenn der Virus erst seit relativ kurzer Zeit sein Unwesen treibt? Ich meine, da kann es doch noch gar keinen...ach so, Impfstoff wird zur Zeit getestet, an Erwachsenen und Kindern, aha.
Nur, wenn sie jetzt testen und im Herbst impfen wollen, dann hat doch kein Mensch irgendeine Ahnung von den möglichen Neben- und Langzeitwirkungen der Immunisierungsspritze, woher denn? Bislang höre ich nur von angeblich keinen oder allenfalls harmlosen Nebenwirkungen im Verhältnis zu dem angeblich immensen Gefahrenpotential, welches in dem Virus lauert und zeitbombenmäßig tickend darauf wartet, die Menschheit auszulöschen. Jedenfalls den ungeimpften Teil von ihr, während der geimpfte Teil womöglich von dem toxischen Impfstoff selbst niedergestreckt werden wird. Wird ja immerhin aus Krebszellen hergestellt, da wird man schon mal die Stirn runzeln dürfen.
Ja aaaber, höre ich von allen Seiten, das Heimtückische am sogenannten Schweinevirus sei seine Fähigkeit zur Mutation, deren exponentiell schlimme Folgen sich kein Mensch ausrechnen könne. Stimmt, den Horror kann ich mir tatsächlich nicht ausrechnen, wie auch, wenn der Virus noch gar nicht mutiert ist, beziehungsweise, wenn er bereits mutiert ist, dann ist ihm meines Wissens noch keiner auf die Mutationsschliche gekommen. Aber einen Impfstoff haben sie trotzdem dagegen? Und propagieren flächendeckende Massenimpfungen? Erwägen sogar eine Verpflichtung zur Impfung, mithin einen Impfzwang? Was geht da eigentlich ab? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Gut, sage ich mir dann immer, bist ja auch von schwachem pharmakologischem Sachverstand, ist wahrscheinlich zu komplex für dich. Ist aber auch unbefriedigend.

Seit heute blicke ich etwas besser durch. Da outet sich unter der Überschrift Grippale Geschäfte ein Mediziner in Sachen Schweinegrippe, dass er 'als Arzt nichts mehr verstehe. Es wird jeden Tag verrückter.' So fängt seine Kolumne an; ich fasse sofort Vertrauen zum Autor. Er berichtet von einem hohen Ausstoß an Emailwarnungen (Gesundheitsämter!) und Notfallplänen (Ministerien!), von tonnenschweren Grippemittelkäufen und -einlagerungen. Ihn irritiert das irgendwie.
Und dann endlich die Rettung: die Impfung. Die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurde Mitte dieser Woche beschlossen! Unsere Regierung kann also auch bedrohte Bürger retten, nicht nur bankrotte Banken.
Das ist schön gesagt, wirklich sehr schön: Aus dem bienenfleißigen Impf-Hokuspokus macht die Regierung eine imagezuträgliche Maßnahme. Kommt ja auch gut zupass im Wahlkampf. Der schreibende Doktor hat genau den Durchblick, der mir fehlt, obwohl er behauptet, nichts zu verstehen. Maliziös fährt er fort:
Da können wir uns beruhigt zurücklehnen: Für eine harmlos verlaufende Erkrankung, die man erst seit vier Monaten kennt, haben wir ausreichend Medikamente eingelagert, auch wenn diese im Ernstfall nicht wirklich helfen werden. 50 Millionen Impfdosen sind eingekauft, auch wenn es diese Impfung noch gar nicht gibt. Deutschland im Feldversuch.
Und dann schlägt er zu. Florett, kein Degen.
Eigentlich sollte ja längst die Vogelgrippe über uns gekommen sein. Die wollte aber nicht. Es war ihr die menschliche Nasenschleimhaut nicht warm genug. Nun muss also die Schweinegrippe herhalten. Nein, halt: die noch nicht eingetretene Mutation der Schweinegrippe. Dieses medizinische Konzept war mir bislang nicht bekannt. Als Geschäftskonzept ist es allerdings genial.
Versenkt. Volltreffer. Ich habe verstanden.

Übrigens finden sich auf der Website des Autors Dr. Bernd Hontschik sämtliche seiner seit 2007 erscheinenden Kolumnen. Allesamt zu aktuellen, brisanten, reizvollen Themen rund ums Medizinische. Kurz und bündig, frech geschrieben, triftige Argumente. Es sind insgesamt neunundfünfzig Beiträge. Jeder einzelne ist ein Lesegenuss.