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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Abschied von der Schrebergartenkultur


Ich habe mich aus der Blogwelt verabschiedet, ohne die Gründe zu benennen, die mich dazu bewegt haben. Dies möchte ich nachholen.

Die Gründe liegen in einem wachsenden Unwohlsein gegenüber dem Status quo, wie ich ihn in der Szene deutscher politischer Blogs wahrnehme. Ausdrücklich nicht gemeint sind einzelne politische Blogbeiträge von hoher oder höchster Qualität, denen meine uneingeschränkte Anerkennung gilt; gemeint ist vielmehr das weitgehend beziehungslose, unverbindliche, mich selbstreferentiell dünkende Nebeneinander in der hiesigen Szene.

Dieses beziehungslose Nebeneinander halte ich nicht für zufällig, sondern von den je individuellen Bloggern - aus welchen Gründen auch immer - so gewollt, denn sonst, so denke ich, wäre aus dem beziehungslosen Nebeneinanderherdümpeln längst ein intensiver agierendes Geflecht des Miteinander geworden, bei aller Wahrung individueller Unterschiede, Eigenheiten und - nicht nur, aber auch: politischer - Interessen.

Mir drängt sich das Bild einer Schrebergartenkolonie auf, wo jeder sich in seiner eigenen Parzelle eingebunkert, um sich herum einen wehrhaften Zaun gezogen hat - fest verschlossen von einer vergitterten, nur selten einladend offenstehenden Gartentür - und misstrauisch die Nachbarparzellen beäugt, stets in Sorge, wer hat den längeren, den längsten, pardon, den dicksten Zucchini gezüchtet.

Die Kommunikation der einzelnen Parzellen untereinander geht gegen Null, wenn ich einmal absehe von sporadischen, mir eher belanglos denn substantiell erscheinenden Kommentaren. Hin und wieder, alle paar Schaltjahre mal, ein anderes Blog zu verlinken, erlebe ich nicht als Kommunikation, höchstens als Pflichtübung nach dem Motto: muss sein, weil, wie sieht das denn sonst aus? Miteinander geredet - im Sinne eines gemeinsamen politischen Anliegens, geboren aus dem unerträglich wachsenden Druck um uns herum - wird nicht. Mag sein, das passiert hinter den Kulissen, aber was hinter den Kulissen passiert, zählt nicht; was zählt, ist das Bild vorne auf der Bühne, dort, wo der Vorhang hoch- und notorisch das Visier runtergelassen wird.

Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Niemand kommt niemandem in die Quere. Niemand hat mit niemandem etwas zu schaffen. 'Bleib mir bloß vom Leib', scheint in unsichtbarer Schrift über den vergitterten Gartentüren zu stehen, '... und vergreif dich ja nicht an meinen Zucchini, sonst kommt mein Hund, der ist scharf und beißt dich, ist viel größer und schärfer und bissiger als dein Hund und außerdem mindestens genauso dick wie meine Zucchini, da kommst du mit deinem Scheißköter und deinen Micker-Zucchini nie ran, nie im Leben, also versuch's erst gar nicht.' Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander.

Niemand kommt niemandem in die Quere. Die Zucchini wachsen, die Zäune wachsen, die Hunde wachsen - was will man mehr. Gewachsene Strukturen. Funktioniert doch alles bestens. Funktioniert sogar von ganz allein. Funktioniert sogar regelrecht autonom und selbstbestimmt - weil von allen so gewollt - und ohne jeglichen vereinsmeierischen Wasserkopf.

Wobei, andererseits, jeder durchschnittliche, echte, deutsche, voll spießige Schrebergartenverein mehr Kooperation und Kommunikation pflegt und mehr Gemeinschaftssinn drauf hat als die vereinslose deutsche Polit-Schrebergartenkolonie. Still und starr ruhen die Parzellen nebeneinander. Auf keinen Fall - Allmächt! - die Zäune stutzen oder gar - horribile dictu! - einreißen. Stutzen? Einreißen? Wenn das jeder täte! Geht gar nicht. Bleib mir bloß vom Leib. Hast du meine neuen Zaunlatten gesehen? Noch länger als deine. Bildest dir ein, du hättest die dickeren Zucchini? Pah, guck dir meine Zaunlatten an. Länger geht nicht.

Still und starr ruht das Bühnenbild.

In den letzten Jahren haben mich - bloggend und überhaupt - vorwiegend die Ereignisse und Entwicklungen im Ausland beschäftigt. Hauptsächlich südeuropäisches Ausland. Spanien. Griechenland. Auch Naher Osten, Nordafrika. Viel (Nord)Amerika. Gelegentlich England. Die überall stattfindende Radikalisierung brannte mir unter den Nägeln: die Radikalisierung von Menschen, von Bewegungen, von Protesten, von Widerstand; die Radikalisierung immer unmenschlicher werdender, immer unmenschlicher zurückschlagender Systeme, deren Totalitarisierung, deren Degenerieren zu polizeistaatlichen Regimes, deren immer nackter zutage tretender Gewalt gegen Menschen, die eigentlich nur eines möchten: leben, und zwar voller Lebensfreude und ohne hungern zu müssen.

Naturgemäß stillte ich mein Informationsbedürfnis durch das systematische Suchen und Aufsuchen ausländischer Informationsquellen, in erster Linie englischsprachiger, international orientierter Blogs. Weil mein Interesse an den Entwicklungen im Ausland immer stärker wuchs, tauchte ich immer tiefer ein in die Welt dieser nichtdeutschen politischen Blogs, ihrer Art der Informationsweitergabe, ihrer Professionalität, ihrer selbstverständlichen Vernetztheit untereinander. War beeindruckt, mitunter überwältigt von der diskursiven Offenheit; von der stillschweigenden oder expliziten Übereinkunft, dem Bewusstsein, dass da ein großes, bedrohlich wachsendes Problemfeld nicht nur individuell, sondern zugleich kollektiv zu beackern ist; von dem wechselseitigen Durchdringen, Einmischen und Anregen; von den niedrigen Zäunen und den ständig offenstehenden Gartentüren. Dauernd reden die miteinander, besuchen sich in einer Tour gegenseitig, bringen irgendwas mit oder kommen mit leeren Händen, um mit vollen Händen zurückzukehren in den eigenen, mit frischem Gedankengut zu bewirtschaftenden Garten.

Diese fruchtbare, weil sich wechselseitig befruchtende, lebendige politische Diskurskultur hat mich ungemein befeuert und inspiriert.

Jedesmal, wenn ich von meinen ausgiebigen Streifzügen zurückkehrte und mich in der hiesigen Schrebergartenkolonie umschaute, befiel mich ein Gefühl klaustrophobischer Enge. Ich begann mich wie ein Fremdkörper zu fühlen und fing an zu frösteln angesichts der still und starr nebeneinander ruhenden Parzellen. Was für ein ungesunder Dauerfrostzustand der selbstgewählten Vereinzelung, des manischen Sich-Abgrenzens und -Abschottens der individuellen Profilierung zuliebe, dachte ich und zog meinen Mantel fester um mich.

Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass in der permagefrosteten Schrebergartenkolonie immer größere Eiszapfen wachsen. Eiszapfen, die es an Länge locker aufnehmen können mit den längsten, größten, dicksten, tollsten Zucchini. Ich spürte den Frost klirren.

Eines Tages fror es mich so sehr, dass ich dachte, gleich frieren mir die Finger über der Tastatur ab.

Da beschloss ich, die Flucht nach vorne anzutreten.


Freitag, 13. Dezember 2013

Feierabend


Ich höre mit der Bloggerei auf.

Zum Abschied gibt es ein stimmungsvolles Video von dem wunderbaren, aus Puerto Rico stammenden, wunderbar frechen, wunderbar schrägen, wunderbar kratzbürstigen anarchistischen Filmemacher Frank Lopez alias The Simulator, der auf submedia.tv seine subversive "news show" produziert.

Hier kommt die neueste Folge von
"It's the End of the World as We Know It and I Feel Fine":

Front End Loader Dreams from the stimulator on Vimeo.

War noch was? Ja klar:
"Love and Tacos!"
(Frank Lopez)
Auf deutsch: Good bye!

Samstag, 22. Oktober 2011

Kommen, gehen, bleiben, reden


Mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich fast schlagartig das Bild im Camp, jeden Tags aufs neue, und jeden Tag fasziniert es mich aufs neue: Die technikbewehrte Medienplage verzieht sich, die Camper kehren ins Camp zurück (viele gehen tagsüber arbeiten oder ergreifen die Flucht vor den Kameras), draußen tobt die Rush Hour, es riecht nach frischgekochter heißer Suppe und nach Feierabend.


Jeden Abend wandern auf ihrem Nachhauseweg Kolonnen von Berufstätigen durch die Taunusanlage, wollen zur Straßenbahn, zum Parkhaus, schieben ihre Fahrräder durch das Camp, das sich allabendlich füllt und anfängt zu vibrieren. Viele dieser Menschen bleiben einfach hängen im Camp; manche aus Neugierde - für andere ist es bereits zur Gewohnheit geworden, sich eine heiße Suppe zu besorgen, das Fahrrad abzustellen, die Straßenbahn davonfahren zu lassen und sich unter das wuselnde Campvolk zu mischen. Irgendwann beginnt das Camp zu brummen.

Jeden Abend passiert es, dass urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine Gesprächsgruppe sich bildet. Dann zwei, dann drei, und irgendwann ist gar nicht mehr zu überblicken, wieviele Gruppen eigentlich entstanden sind - es sind nur noch Massen von dick vermummten Menschen zu sehen, die im Kreis stehen, auf Bänken im Karree sitzen, der Kälte trotzen, angespannt zuhören, dann heben sie die Hand - manche zaghaft, manche forsch - und fangen an zu sprechen, gelegentlich in ein Mikrofon, viele bestimmt zum ersten Mal in ihrem Leben, und wo im Einzelfall das Mikrofon hergekommen ist, ist mir schleierhaft, irgend jemand treibt es auf, stellt es in die Mitte und dann geht es einfach los. Ohne Ankündigung, ohne Organisation, ohne Aufruf, ohne Tagesordnung, ohne Uhrzeit.


Immer mehr Passanten schieben sich durch den Park, sehen die diskutierenden Menschenansammlungen, bleiben stehen, schauen verwundert, ungläubig, auch misstrauisch, nähern sich vorsichtig einer der spontanen Gesprächsgruppen auf Hörweite; innerhalb weniger Minuten weicht das Misstrauen und das Rühr-mich-bloß-nicht-an im Gesichtsausdruck einem vitalen Interesse, dabei zu sein, dazu zu gehören, alles mitkriegen zu wollen und endlich auch mal selber etwas zu sagen, in einer Gruppe völlig wildfremder Menschen, von denen keiner den anderen kennt, die nach einer halben Stunde wieder in alle Richtungen auseinanderstreben und - so stelle ich mir das vor - etwas mit nachhause nehmen. Etwas, was viele dieser wildfremden Menschen veranlasst, am nächsten Abend wieder vorbeizukommen, diesmal mutiger, erwartungsvoller, vielleicht mit einem Gesprächsthema, das ihnen schon lange unter den Nägeln brennt. Es gibt Leute, die fischen aus ihrer Bürohandtasche ein mitgebrachtes Sitzkissen mit Iso-Beschichtung und eine Thermosflasche heraus, weil sie bereits wissen, dass es hier abends empfindlich kalt ist.

Jeden Abend haut mich das aufs neue um. Dieses Kommen und Gehen, dieses Bleiben, dieses Teilhabenwollen, diese ausgehungerte Gesprächslust, diese Erkenntnis: Die Stadt ist ein offener, öffentlicher Raum, der uns allen gehört. Man muss ihn sich nur nehmen.


Sonntag, 28. August 2011

War nix


Now that's the story of the Hurricane (Bob Dylan):

(ElBloombito = hispanisierter Michael Bloomberg,
Bürgermeister von New York City)

Entwarnung.

Die wilde Irene wurde bei ihrer Ankunft in New York City handzahm -


- wurde heruntergestuft
von einem Hurricane zu einem tropischen Sturm
und zog weitgehend unverrichteter Dinge wieder von dannen.


Trotzdem kam es zu Plünderungen:


Kann aber auch sein,
dass irgendjemand zufällig vier Reifen gefunden hat.
Die Täter entkamen unerkannt.

Here we go, bitchez:
Sturm im Wasserglas.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Fräulein Smilla steht Schmiere


Es gibt ein wunderbares Buch, das ich liebe und immer mal wieder lese, obwohl mir die Handlung inzwischen so vertraut ist wie meine Hosentasche: Fräulein Smillas Gespür für Schnee von dem dänischen Schriftsteller Peter Hoeg. Hoeg gehört zu den Autoren, zu denen ich eine fast irritierende Nähe empfinde, weil er Saiten in mir anschlägt, denen ich - ohne sein Zutun - vielleicht nie Gehör geschenkt hätte (Verlagsvideo mit Peter Hoeg). Zum Beispiel lässt er die Figur Fräulein Smilla irgendwann sagen: "Schneelesen ist wie Musikhören." Solche Sätze sacken beim Lesen in die Tiefe und brennen sich dort ein.

Neulich, als der große Schneefall mich zeitweise vom Rest der Welt getrennt hatte, tauchte dieser Satz aus der Tiefe ungefragt auf an die Oberfläche und blieb dort eine Weile ganz ruhig in der Luft liegen. Während ich dem Schnee lauschte, meinte ich einen markanten Einschnitt in mein Leben zu vernehmen, ließ jedoch das Gehörte nach meiner Rückkehr ins Normalleben in die Tiefe des vermeintlich Bedeutungslosen zurücksacken.

Jetzt ist er da, der Einschnitt. Seit heute bin ich meinen Job los; dank Fräulein Smillas Gespür traf der Verlust mich nicht völlig unvorbereitet, aber dennoch hart. Zwar wird man als Putzfrau notgedrungen zur Fachfrau für jede erdenkliche Schmiere, staunt aber letzten Endes doch, wie geschmiert alles laufen kann, wenn man ihm nur seinen Lauf lässt.

Vielleicht wird es in den nächsten Tagen hier ein wenig einsilbig werden; vielleicht - hoffe ich - auch nicht. Es muss jetzt einiges neu sortiert werden. Wenn ich, nur als Beispiel, allein an den Namen Mrs. Mop denke - nun hat es sich ja erstmal ausgemoppt. Andererseits gehört zum Neusortieren auch das Aufräumen und Großreinemachen; außerdem habe ich mich einfach an Mrs. Mop gewöhnt.

Vielleicht sollte ich bald mal Fräulein Smilla zu Rate ziehen. Ich habe, wenn ich's mir recht überlege, das Buch schon lange nicht mehr gelesen.

Montag, 13. Dezember 2010

Essen


Meine Finger führen einen fast aussichtslosen Kampf mit der Tastatur. Sieben von zehn sind dick verpflastert; vier links, drei rechts. Wobei es an ein Wunder grenzt, dass überhaupt noch alle zehn Finger dran sind. Weil, es gibt Küchenmesser, die sind so scharf, dass sie derart butterzart ins Fleisch schneiden, dass man den Schnitt überhaupt nicht spürt (elend schlechter Satzbau, muss an den vielen Pflastern liegen). Womit ich sagen will, dass ich heute nicht zuhause gekocht habe, sondern an meinem Arbeitsplatz, im Restaurant.

Gegen elf Uhr las ich gemütlich die dort ausliegende Tageszeitung, trank Kaffee und war seelisch wie körperlich auf Feierabend gepolt, da klingelte das Telefon: Der Küchenchef bat mich händeringend, bei der Menüvorbereitung einzuspringen, denn die Küchenhilfe war erkrankt. Ob ich nicht einfach sitzen bleiben, Kaffee trinken und warten könne, bis er käme? Ich blieb sitzen, trank Kaffee und lernte die Tageszeitung auswendig. Dann kam der Küchenchef samt Koch und es ging rund.

Ich schälte drei mittelgroße Eimer Zwiebeln, putzte drei Großkisten Feldsalat, presste mindestens einen Zentner Zitronen aus, schnibbelte geschätzte 37 Stangen Lauch ("rautenförmig, fürs Auge!"), raspelte zwei Dutzend Möhren ("feinstiftig bitte, muss zart und luftig aussehen!"), zerkleinerte Unmengen von Staudensellerie ("kleine Halbmonde, nicht einfach so runtersäbeln!"), sparschälte 17 Salatgurken ("immer bisschen was vom Grünen dranlassen, wegen der Optik!"), bis das Blut tropfte und die Pflastervorräte zur Neige gingen.

Derweil widmeten sich Küchenchef und Koch den Kernaufgaben - Wildschweingulasch, Perlhühner, Gänsekeulen, Zanderfilets - sowie den Vor- und Nachspeisen. Ich muss sagen, es macht einen Riesenspass, mit kundigen, detailverliebten Männern zu kochen, womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kochen mit kundigen, detailverliebten Frauen keinen Spass macht, aber es waren halt nun mal Männer heute in der Küche (bis hierher ein völlig überflüssiger Satz, eigentlich, ich lass' ihn trotzdem stehen, bestimmt sind auch daran die vielen Pflaster schuld), und diese Kerle hatten derart lustige Sprüche auf Lager und steigerten sich in einen so ansteckenden, teils hypernervösen, teils hochgradig albernen Kochrausch (ohne Zuhilfenahme von Rauschmitteln) hinein, dass ich meine blutenden Finger mitsamt den ständig aufweichenden Pflastern ebenso vergaß wie die blitzschnell verstreichende Zeit - fünf Stunden waren im Nu vorüber.

In der Zeit habe ich von unglaublich vielen Köstlichkeiten genascht, wenn auch ein bisschen durcheinander - pikant gewürzter Apfel-Sellerie-Salat, erfrischende Avocado-Shrimps-Creme, mördergute Mousse au Chocolat, in Speck eingewickelte vollfleischige Datteln, überbackene scharf-wie-die Sünde-Chorizowürstchen mit Madrigalkäse - ist mir aber hervorragend bekommen, erstaunlicherweise, wo doch mein Magen an derlei lukullische Vielfalt schon lange nicht mehr gewöhnt ist. Ich habe diesen Nachmittag geliebt, wiewohl er saumäßig anstrengend war.

Bevor ich gleich wie ein müder Stein ins Bett falle, gibt es noch Wildschweingulasch in Madeirasauce mit (vom Küchenchef) selbstgezwirbelten Spätzle. Mein Gott, ist Essen was Schönes.

Freitag, 20. August 2010

Cuba Libre


Raus aus der Kneipe.

Rauf aufs Fahrrad.

Koffer hinten drauf.

Nochmal stramm aufpumpen.

Sonne so heiß.

Himmel so blau.

Me voy para Cuba.
Siento, siento tanta alegria
al jugar este son
este son tan bonito
porque lo siento al fondo de mi alma
y poder ver nos otra vez despues de tantos anos...
Ich habe solche Sehnsucht.


Donnerstag, 24. Dezember 2009

Jauchzet, frohlocket


Hach ja. Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Mythenbildung. Da wird geflüstert und geflunkert, geraunt und gerätselt. Vieles wird erzählt, manches nicht. Geschichten machen die Runde, um am nächsten Morgen dementiert und am Abend bestätigt zu werden. Kurzum, den großen Gästeadventskalender umgibt eine geheimnisumwitterte Atmosphäre.

Wie man sieht, ist nur noch ein einziges Päckchen verschlossen, nämlich das von heute, oben rechts neben dem Ventilator. Wie an den vergangenen 23 Abenden wird gegen 22 Uhr der Tagesgewinner ermittelt sein. Das wird sich, wie immer, unter einigem Hallo abspielen: feierliche öffentliche Übergabe des Päckcheninhaltes, garniert mit ein paar launigen Worten, worauf das Weihnachtsoratorium anhebt, zu dessen Klängen eine Art Kurzprozession stattfindet von Gast, Gastro-Weihnachtsmann samt Adventsgeschenkpäckchen einmal durchs ganze Lokal, unter begeistertem Beifall der Gäste, welcher - der Beifall - sich von Abend zu Abend ins Frenetische gesteigert hat. Am heutigen Heiligabend dürften stehende Ovationen zu erwarten sein. Jauchzet, frohlocket.

So weit, so transparent. Das ungelüftete Geheimnis liegt in der Ermittlungsmethode: Welcher Gast darf das Türchen des Tages öffnen? Warum gerade dieser Gast? Was ist ihm widerfahren? Tja. Wüsste man's, könnte man ja mit seinem Gastverhalten eventuell ein wenig nachhelfen, um an Präsent und Publicity zu kommen. Das soll aber unter allen Umständen vermieden werden. Deshalb wurde jeden Tag vom Geschäftsführungsteam eine andere Ermittlungsmethode ausgeheckt und der bloggenden Putzfrau ein Maulkorb verpasst. Letztere gilt nämlich als undichte Stelle im System.

Also, nur mal so als Beispiel: Wer heute als erster Gast saure Kutteln bestellt, darf das Päckchen des Tages öffnen. Wenn nun darüber die werte Kundschaft informiert wäre, würde sie womöglich am Heiligabend geschlossen den Gekrösegang einlegen und nichts als Kutteln ordern. Das will ja auch keiner. Weder an Heiligabend noch an den Tagen und Wochen davor. Zu meinem Glück sitzen sie jetzt alle schon im Restaurant und können das mit den Kutteln hier nicht mehr lesen.


Montag, 2. November 2009

Plattensammlung


Wer sein Rad liebt, der schiebt. Es gibt erstaunlich viele Leute, die es witzig finden, mit diesem Spruch den Anblick eines schiebenden Radfahrers zu kommentieren. Ich find's unwitzig. Noch unwitziger finde ich, ein Fahrrad schieben zu müssen, weil es einen Platten hat. Oh, ist das öd. Wenn der Vorderreifen so teigig ist, dass man ihn auf jede Bürgersteigkante hochheben muss. Wenn das eigene Fahrrad so sperrig und ungelenk reagiert, dass ich es nicht wiedererkenne. Wenn dann der nächste Witzbold um die Ecke gebogen kommt, den Flatschen mit Kennerblick erfasst, den Mund aufmacht und ich weiß schon, was gleich rauskommt, und tatsächlich, da kommt es: "Ach ja, wer sein Rad liebt...", dann ist das nur noch uröd.

Irgendjemand war so asozial gewesen, den Vorderreifen während meiner Arbeitszeit gewaltsam zu plätten. Ich stinksauer. Zunächst hatte ich noch gehofft, es handle sich nur um eine Art spontanen Druckabfall. Schob also zum nächsten Fahrradladen zwecks Expressluftpumpen, wobei nächst mit nah überhaupt nichts zu tun hat. Schob und schob. Umsonst. Montags geschlossen wegen Reichtums. Ich schob das Rad weiter zur nächsten Tankstelle zwecks Probeaufpumpen. Sehr netter hilfsbereiter Tankwart, leider die falschen Ventile.

Ich schob das Rad zurück am Restaurant vorbei, merkte, dass ich keine Lust mehr auf Schieben hatte und trank einen Kaffee. Wollte telefonisch Hilfe organisieren. Akku vom Handy leer. Akku an Steckdose aufgeladen, SMS geschrieben. Fehlermeldung. Nochmal Fehlermeldung. Keine Funkverbindung. Raus in den Hof zum Telefonieren. Schlechte Verbindung, aber immerhin Hilferuf losgeworden. Verbindung abgebrochen, da Akku leer. Handy wieder an Steckdose. Handy klingelt. Kein Empfang. Raus in den Hof. Nach zwei Sätzen: Akku leer. Undsoweiterundsonerv.

Also in Gottes Namen weiterschieben (nebst Rad einen Mordshals) bis zum zweitnächsten Fahrradladen, entgegengesetzte Richtung. Dort empfängt mich ein entspannter Typ, pumpt ein paar mal, legt sein Ohr auf den wirklich sehr dreckigen Vorderreifen, sagt gutgelaunt "Aha, es zischt", und damit war der Fall klar: Mantel und Schlauch im Eimer. Sein Ohr wandert am Reifen hin und her, im Nu findet das Ohr den Defekt, der Finger deutet punktgenau auf die kritische Stelle, noch bevor dieser entspannte Typ das Reifenprofil auch nur eines Blickes gewürdigt hat. Ich bin platt wie der Vorderreifen.
"Sauberer Schnitt", sagt er dann fast anerkennend, "vermutlich Schweizer Klappmesser". Anscheinend schaue ich genauso halsig aus wie ich mich fühle, denn er fragt mich sensibel: "Dalassen?" Ich nicke widerstandlos. Genug geschoben. Feierabend. "Morgen früh ab zehn ist es fertig." Mir ist alles recht. Ich schiebe ab, ohne Rad, mit Resthals.

Zwecks Normalisierung meines Gallestoffwechsels gehe ich vollends zu Fuß nach Hause. Wie ich so vor mich hinstapfe, fällt mir plötzlich ein: Das dagelassene Fahrrad bedeutet, dass ich morgen früh mit der U-Bahn fahren muss. 5:26 Uhr. Einmal umsteigen. Uh. Ich mag nicht. Mein armer Hals.

Samstag, 15. August 2009

Recession Party

Rezession ist das eine und Party das andere - kann das zusammen gehen? Es kann. Wem die Nachrichten aus dem Wirtschaftsleben die Laune vermiesen, der sollte den Spieß umdrehen und es partymäßig ordentlich krachen lassen, selbstverständlich als low-cost event inszeniert. Die Gebrauchsanleitung dazu findet sich unter How to Throw a Recession Party.
In neun Schritten wird praxisnah und anschaulich erklärt, worauf es ankommt, damit die Krisensause ein voller Erfolg wird. Ganz wichtig: es gar nicht erst darauf anlegen, dass die Leute bemüht-entspannt in der Gegend herumstehen und nicht wissen wohin mit sich. Wer die Krise hat, will sich niederlassen ohne Umschweife, denn auf den Beinen gestanden ist er tagsüber genug. Schritt vier bringt die Frage nach der angemessenen Sitzkultur auf den Punkt:
Offer plenty of seating. When you need to sit, you need to sit. All of that chasing after the best gas deal, the best bulk potato purchase and the best holiday bargains can be exhausting, so make sure everyone has a place to recuperate and regroup.
Genau: ein Platz zum Erholen und 'Sichumgruppieren'. Auf gut Deutsch also eine Sitzgruppe,
in welcher gestern Nacht eine deutsche Rezessionsparty stattgefunden hat. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund, sei an dieser Stelle unerheblich. Sitzplatz stand reichlich zur Verfügung. Scheint's hat es eine Menge zum Plaudern gegeben, und gegen Ende müssen sie so eine Art kollektives Brainstorming betrieben haben, bei welchem Visionäres herauskam:
Wie das wohl gemeint war? Nehmen wir mal an, dem Schreiber ist im letzten Wort nur versehentlich der Buchstabe s abhanden gekommen. Was wollte er uns sagen? Arbeiten dürfen ohne dafür bezahlen zu müssen? Klingt unsinnig, und es wollen mir auch keine Beispiele einfallen, obwohl, wenn ich es mir recht überlege - aber nun gut. Oder meinte er Arbeiten ohne dafür bezahlt zu werden? Klingt unsinnig und mir fällt sofort, ohne zu überlegen, ein Beispiel ein. Klingt überhaupt nicht gut. Oder war es vielleicht blanker Sarkasmus? Dann klingt es noch schlechter. Aber das war dann vermutlich gewollt.

Montag, 3. August 2009

Die roten Schuhe

Musste ja passieren, früher oder später. Schon klar. Aber wenn es dann tatsächlich passiert, schnappt man doch erst mal nach Luft. Also, ich. Heute. Meine Güte.

Der Reihe nach. Um zehn Uhr klingelt es an der Hintertür, einer der Geschäftsführer. Ich öffne, rufe im Scherz 'Wir kaufen nichts!', darauf ruft er, 'Ich will nichts verkaufen, ich will einen ausgeben!' Riesenpapiertüte voll frischem, duftendem Kuchen in der Hand. In bester Laune. Ansteckend. Ich darf mir als erste ein Kuchenstück wählen. Zwetschgenstreusel, klarer Fall. Noch im Stehen beisse ich lustvoll-gierig in den Datschi, da höre ich hinter mir des Geschäftsführers freundliche Stimme: 'Ach, schau an, da sind ja die roten Schuhe!'
Das war der Moment, wo ich nach Luft schnappte. Und mir infolgedessen der Bissen Zwetschgenstreusel im Hals hängen blieb. So dass es mir kurzzeitig die Sprache verschlug. Was den Geschäftsführer veranlasste, noch einen nachzulegen: 'Ja ja, Frau Mops...'. Was ich, selbst im größten Schockwürgestatus, nicht unkommentiert stehen lassen konnte: 'Mop, bitte. Mrs. Mop.' Das fand er sehr lustig. Ich hätte es auch gern lustig gefunden, war aber noch zu sehr vom Tiefluftholmodus absorbiert, um überhaupt irgend etwas lustig zu finden.
Ich habe mir dann den restlichen Zwetschgendatschi eingepackt zum Mitnehmen und bin damit nach Feierabend schnurstracks auf meinen Hochsitz geflüchtet. Zum Durchschnaufen und so. Hochsteigen zum Runterkommen, sozusagen. Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag in den Datschi biss, lief der Film vom Vormittag ab. Ich musste sehr lachen. Geht doch.

Freitag, 5. Juni 2009

Jemand sieht rot

Das Kamillenfeld hat aufgehört zu duften, aber es ist noch da. 
Die schon etwas struppige Kamille hat vorübergehend Gesellschaft bekommen, eine wilde, flüchtige, wunderschöne. Der Anblick lässt mich jene helle Aufregung vergessen, welche heute früh am Tatort Küche herrschte. Es war der Teufel los. Mir sitzt der Schreck noch in den Gliedern. Zum Tathergang morgen mehr. 

Donnerstag, 28. Mai 2009

Markt für Prekarier

Eine merkwürdige Begegnung hatte ich heute, als ich nach der Arbeit auf den Wochenmarkt fuhr, um dort für Obst und Gemüse einen Stundenlohn zu verknattern. Ein älterer Herr sprach mich an. Unterm Arm trug er eine Tageszeitung, in der anderen Hand ein Klemmbrett mit Papier. Nein, ich will kein Abo, vielen Dank. Er lachte, "aber ich möchte Ihnen gar nichts andrehen." Sagen sie immer, wenn sie einem etwas andrehen wollen. Und tatsächlich, er drehte mir die Zeitung an, die er unterm Arm hielt. Als Geschenk, wie er sagte, "einfach so". Aha, gab ich zurück, ob er mir sein Klemmbrett nicht gleich dazu schenken wolle? Mitsamt dem vermutlich fast geschenkten Abo? Wieder lachte er. Wir kamen ins Plaudern. Der Mann sah bemerkenswert intelligent aus. Nicht jedem intelligentem Menschen steht ja die Intelligenz im Gesicht geschrieben; manchmal ist man ganz überrascht, wenn einer den Mund aufmacht. Dieser Mensch sah intelligent aus und war es. Ich ertappte mich bei der einfältigen Frage, wie ein so intelligenter, gebildeter Mann dazu kommt, Zeitungsabos auf der Straße unters Volk zu bringen. Hirn einschalten, Mrs. Mop!
Irgendwann fragte er mich, ob ich wisse, wer derzeit der beliebteste deutsche Politiker sei. Ich musste passen. Es sei, sagte er, der Wirtschaftsminister zu Guttenberg. Und zwar wegen seines, also Guttenbergs, "weltmännischen" Auftretens. Zumindest in der jüngeren Generation komme das Weltmännische gut rüber. In diesem Moment fühlte ich mich steinalt und fragte ihn, woher er das wisse, ob er eine Studie dazu durchgeführt habe? Sagt dieser Mensch doch glatt: "Ja", und ich, deppert: "Wie, Sie?", und er, lächelnd: "Ja, bei meinen Studenten.", darauf ich, perplex (die Einfalt hatte mich immer noch in ihren Krallen): "Wie, Ihre Studenten?" Es stellte sich heraus, dass er einen Lehrauftrag an einer Fachhochschule hat, Fachbereich Psychologie. Von dem er nicht leben könne. Was er auf der Straße als Promoter für eine Tageszeitung verdiene, sei für ihn mehr als nur ein Zubrot; es sei auch nicht sein einziger Nebenjob. Bei dem Wort Nebenjob lachte er wieder, über das Wort selbst: "Ja, neben was denn eigentlich? Das Wort suggeriert eine Ordnung, die es im Leben vieler Menschen schon lange nicht mehr gibt."
Dann fragte er mich noch, ob ich gerade meine Mittagspause verbringe, und ich verneinte, es sei bereits mein Feierabend. Oh, meinte er, das müsse aber ein frühes Arbeiten sein. Allerdings, pflichtete ich ihm bei, "ich komme gerade vom Putzen - neuer Nebenjob, wenn Sie verstehen." Er verstand auf Anhieb. Er brauchte dazu nicht so lange wie ich. Er sah mir direkt in die Augen, hielt einen Augenblick inne und sagte dann, gelassen lächelnd: "Ist normal." Ich war ihm unendlich dankbar dafür.