Dienstag, 1. November 2011

Informationsflüsse



So ein Infozelt ist ein magischer Ort. Weil dort so viel Überraschendes passiert. Eigentlich ist das Infozelt mein Lieblingsort auf dem Camp, mal abgesehen vom Küchenzelt, was natürlich mein absoluter Lieblingsort ist, weil dort ebenfalls viel Überraschendes passiert und es dauernd etwas Gutes, nicht selten Überraschendes zu essen gibt.

Das Infozelt ist ständig belagert mit kontakt- und gesprächsfreudigen Besuchern, sowohl Erstbesuchern als auch Camp-Stammgästen. Kaum stehen zwei, drei Leute am Infotisch, gesellen sich drei, vier weitere dazu, und dann wird kreuz und quer politisiert. Es gibt so einen Spruch, der geht: "Wo die Ärsche sich reiben, fühlt der Frankfurter sich wohl" - bitte, der Spruch stammt nicht von mir, aber ich bin mir nicht zu schade, ihn an dieser Stelle weiterzugeben - und er scheint die hiesige Mentalität so zartfühlend wie prägnant auf den Punkt zu bringen


Das Infozelt heißt Infozelt, weil man sich dort informieren kann, und das gilt für die Leute vor dem Infotisch gleichermaßen wie für die Leute hinterm Infotisch, in dem Fall mich. Neulich stellte ich nämlich während einer heißlaufenden Debatte mit sich informierenden Campbesuchern fest, dass meine eigene politische Informiertheit aktuell drastische Lücken aufweist; zum Beispiel, wenn es um diesen sagenhaften neumodischen finanztechnischen 'Hebel' geht. Fragt mich so ein diskussionsfreudiger Frankfurter: "Ei, und was saache Sie jetzt zu dieser merkwürdische Hebelgeschischte?" - ruckzuck war ich ausgehebelt, weil ohne den geringsten Schimmer von der Materie. Gut, über die, sagen wir, Hebelwirkung einer Axt beim Holzhacken hätte ich locker in epischer Breite fachsimpeln können; aber dieses obskure Finanzhebeldings war - wie derzeit vieles andere, infolge Zeitmangels und fehlenden Internetzugangs - ein weißer Fleck auf meiner politischen Bildungslandkarte. Ist es, gottlob, aber nicht mehr, denn dank Infozelt weiß ich jetzt, was ein Hebel ist.


Auch die Bewegungen auf den internationalen Finanzmärkten sind mir momentan ein Buch mit sieben Siegeln. Der Dax? Was weiß denn ich? Nur Bahnhof. Macht aber nichts, denn von dieser jungen Frau (12) wurde ich aufgeklärt: "Der Dax ist ja was ganz Blödes. Weil, wenn der Dax hoch geht, geht es den Menschen in Griechenland schlecht", und, fuhr sie fort, aus diesem wie auch anderen Gründen wolle sie später mal Politikerin werden, denn: "AKWs sind ja auch was ganz Blödes - passiert ein Unfall, dauert es mindestens 1000 Jahre, bis alles wieder in Ordnung ist, und dafür bin ich ja jetzt schon viel zu alt."


Sprach's und trug sich ins Gästebuch ein.

"Ich finde es toll, dass die Leute hier kampen!
Ich hoffe, dass die Meinung von ihnen durchgesetzt wird.
Die Banker sollen ihre Schulden selbst bezahlen.
BHF und Deutsche Bank
machen unsere Zukunft krank!!!
Macht so weiter!"

Wir machen weiter.

Kommentare:

  1. moin moin aus HH ....hab deine Seite heute über folgendes gefunden..http://www.janseghers.de/
    das netz ist doch eine tolle suppe

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  2. Hallo Frau Mop, es ist doch keine Bildungslücke, wenn man die neuesten Trends der Abzockerbranche nicht kennt. Ich weiß auch nicht wirklich, was ein Hebel ist. Ungefähr so: wenn ich 1 Euro habe und einen Hebel von 30 benutze, kann ich Finanztransaktionen im Wert von 30 Euro durchfuehren. Geht aber nur im Millionenrahmen. Beim Einkaufen mit meinem einen Euro, wenn ich Sachen für 30 Euro einpacke, und erkläre, dass ich einen Hebel von 30 verwende, lande ich bestenfalls in der Klapse. Also erkläre mal, wie das so ist mit dem Hebel.
    Brauchst Du noch was aus dem Haushalt? Hast Du inzwischen eine Axt? Ich könnte morgen in der Frühe noch einmal kommen.

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  3. Du hast den Hebel doch einwandfrei verstanden und super auf den Punkt gebracht! Besser könnte ich's auch nicht, wobei ich zugeben muss, das mit dem Hebeldings schon wieder vergessen zu haben. Weil, es gibt zur Zeit eindeutig Wichtigeres.

    Zum Beispiel ein wirklich gutes scharfes Messer. Sowohl groß als auch Kneipsche. Groß: sowohl Säge als auch Glattschliff. Axt ist vorhanden.

    Putzschwämme und Spülbürsten en masse (hast du gesehen, unsere neue 3er-Outdoor-Spülinstallation? Todschick).

    Küchenhandtücher (für Hände und Geschirr).

    Grillfolien, diese Schalen (wir verwenden die Tonne inzwischen auch für Grillkartoffeln, Bratwürste u.ä., da liegt ein Rost drüber und darauf die Grillschalen, ist perfekt).

    Honig. Wird hier in großen Mengen verschlungen.

    Marmelade und, natürlich, Nutella, egal von welchem Hersteller. Wir haben unglaublich viele Süßmäuler hier, vor allem nachts.

    Lebensmittel, prinzipiell alle und viele.

    Am besten fragst Du direkt am Küchenzelt, wo es noch Bedarf gibt. Frag den Luke, der hat den meisten Durchblick.

    Riesendankeschön!

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  4. @Frau Zimmetbaum: Toll erklärt! So wie ich das verstanden hatte, ist und bleibt der Multiplikator (=Länge eines Hebels) variabel.
    Die Regierung hätte sagen können, der deutsche Steuerzahler müsse nur einen Euro bezahlen, es könnten aber auch x Billionen daraus werden.
    Das ist für mich der geplante Durchgriff in die Geldbeutel der Leute. Nicht umsonst versucht man diese Tatsache hinter schönen Worten zu verstecken.

    @Frau Mop: I hope you're alright!

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