Montag, 7. März 2011

Vom Sitzsack zum Stehgeiger


Zur Zeit reden alle von irgendeiner Revolution. Ich jetzt auch. Na gut, von einem Revolutiönchen. Jedenfalls fühlt es sich ein bisschen revolutionär an, obwohl es sich eigentlich objektiv um etwas eher Evolutionäres handelt.

Denn in der Entwicklungsgeschichte des Menschen wird ja gern von Evolution gesprochen, wenn sich aus der geduckten Haltung ein aufrechter Gang entwickelt. Nur, rein subjektiv fühlt es sich für den hockenden kleinen Krabbler bestimmt revolutionär an, sobald er es schafft, sich evolutionär am Tischbein hochzuziehen und stehend die große Welt zu überblicken.

Womit ich beim Thema bin: Vor ein paar Tagen habe ich mich sozusagen am Tischbein hochgezogen und überblicke jetzt meine Computerwelt aus dem aufrechten Stand - was sitzend war, soll stehend werden. Schluss mit der stundenlangen Hockerei. Wer steht, hat mehr vom Leben und mit Sicherheit eine bessergelaunte Wirbelsäule. Nunmehr stehe ich also und bereue nichts.

Angefangen hat alles so: In diversen Blogs las ich - sitzend, selbstredend -, dass es offenbar modern wird, vom Sitz- in einen Steharbeitsplatz überzugehen. Je mehr ich las und dabei saß, desto eindringlicher die Rückmeldung meines Rückens, dass er das bitteschön auch möchte. Also, stehen statt sitzen. Kreuzlahm beschloss ich schließlich, ein moderner Mensch zu werden.

Modern hieß in meinem Fall: Es muss eine ergonomisch sinnvolle Lösung her, die nichts kostet. Weil, einem angespanntem Rücken ist bei angespannter Finanzlage nur beizukommen, wenn sich der Kostenaufwand im Nullbereich bewegt. Also lautete mein oberstes Gebot: Neu gekauft wird nichts. Damit schieden - zugegeben, schicke - Problemlösungen wie diese hier von vorneherein aus:


Schließlich hatte ich mir geschworen, keinen Cent auszugeben.

Interessant, weil dem Do-it-yourself-Prinzip verpflichtet, schien mir zunächst dieser Standing Desk:


Ich verwarf die Idee aber schnell, denn 1. müsste ich ja in -zig Coladosen investieren, 2. mag ich kein Cola und 3. wirkt das Ganze zwar irgendwie kühn-kreativ, jedoch eher instabil, und bei der Vorstellung, mein Hund Blues würde sich in einem seiner bluesigen Anfälle schweratmend gegen diese fragile Konstruktion lehnen, wurde mir himmelangst.

Im Low-Budget-Bereich sind der Phantasie natürlich keine Grenzen gesetzt - wohl aber der ästhetischen Anmutung:


Man nehme seinen ollen Schreibtisch und erhöhe ihn mit Hilfe vieler Packen Druckerpapier zum Standing Desk. Hat einen gewissen provisorischen Charme. Zumindest von der Idee. Jedoch bin ich zu knausrig, mir viele Packen Druckerpapier zu kaufen. Und mal ehrlich, aussehen tut dieses Gebilde zum Davonlaufen - man will ja vor seinem neuen Steharbeitsplatz nicht davonlaufen, sondern freudig darauf zugehen.

Dann gibt es noch die Durchgeknallt-Fraktion. Der stehe ich zwar aus Prinzip und Überzeugung stets offen gegenüber, aber irgendwo ist ja dann auch mal Schluss mit lustig:


Zwar kein Steharbeitsplatz im engeren Sinne, aber immerhin von einer Art sportlichem Grundgedanken inspiriert, von daher erstmal attraktiv. Scheidet jedoch aus, weil es in meinem Haushalt wohl ein Fahrrad, aber kein Bügelbrett gibt. Und mit meinem Fahrrad weiß ich Besseres anzufangen als es zu einem Stellplatz vor dem Computer umzufunktionieren, also bitte.

Wie gesagt, ich saß und las, ich erwog und verwarf, dann nahm ich Maß (vorheriges Maßnehmen empfiehlt sich, denn die Höhe der Arbeitsplatte soll ja der eigenen Körpergröße angepasst sein - sehr hilfreich dafür: ergotron.org), und eines Morgens schritt ich zur Tat und krempelte meinen gruftigen Sitzarbeitsplatz um in einen dynamischen Standing Desk:


Was soll ich sagen? Es fühlte sich vom ersten Tag an revolutionär an. Mit jedem weiteren Tag lobpreise ich meine neue Workstation in den höchsten Tönen und komme zu dem Schluss: Ein Standing Desk ist das Beste seit der Erfindung des Hexenschusses.

Zum revolutionären Feeling gehört allerdings, dass das stundenlange Arbeiten im Stehen anfangs anstrengend ist (das waren Revolutionen schon immer, so viel ich weiß). Stehen strengt an, weil es Wachheit und ständige Bewegung erfordert. Sitzen strengt an, weil es ermüdet und auf Bewegungslosigkeit hinausläuft. Mir ist die Anstrengung des Stehens lieber. Meinem Rücken auch. Und meinem Geist, ganz nebenbei, ebenfalls: Der ist im Stehen wacher und beweglicher als er es in einem noch so perfekten Hi-Tech-Bürostuhl je sein könnte.

Wie heißt es so treffend? Viva la ... !


(Bild 1, 2 und 3 via smarterware. Am Ende des Artikels und in den Kommentaren finden sich viele informative Links zu Illustrationen und Erfahrungen von Sitz-zu-Steh-Umsteigern.)

Kommentare:

  1. Nette Lösung.
    Fehlt nur noch ein Hocker (oder ist das da an der Wand einer? Brauch mal ne neue Brille, oder muß die Alte putzen), am besten so ein Holzhocker, wie in der Kneipe, da kann ich stundenlang sitzen, ohne Rücken zu bekommen.
    Und: Tolles Blog hier!

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  2. Das Ding an der Wand ist eine zusammenklappbare Stehhilfe (heißt tatsächlich so). Da kannst du oben eine Pobacke drauf lehnen, dich mit einem Fuß an einer Sprosse abstützen und kommst so in ein entspanntes Stehen, weil du deine Position ständig nach Belieben ändern kannst.

    Prinzip Kneipenhocker, völlig richtig. Ich sollte hinten an der Wand noch eine Art Minibar einbauen :).

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  3. Vom Rundrücken zum Plattfuß zur Säuferleber. Arbeit kann ja so viel Freude bereiten...

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  4. Den Plattfuß nimmst du zurück, Spaßverderber :).

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