Samstag, 19. Juni 2010

Zum Gähnen


Vor einer Stunde bin ich aufgestanden, habe gut und ausreichend geschlafen, eben einen phantastisch starken Kaffee in der frischen Morgenluft getrunken, fühlte mich frisch und bereit, den jungen Tag bei den Hörnern zu packen - und dann das: Seit ein paar Minuten gähne ich ununterbrochen. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu gähnen. Unentwegt und völlig autonom, das heißt unkontrollierbar, klappt mein Kiefer nach unten. Kaum ist er wieder in Normalstellung, überkommt mich unbezwingbar der nächste Gähnanfall, es hört gar nicht mehr auf. Bei jeder Gähnattacke reiße ich den Mund noch ein Stück weiter auf, was heißt ich, es reißt meinen Mund ohne mein Zutun auf, ich kann gar nichts dagegen machen, und dann steht er sekundenlang - mindestens zehn Sekunden - weit offen wie ein Garagentor und es gähnt gewaltig heraus, in voll stöhnender Lautstärke, wogegen ich ebenfalls völlig machtlos bin.

Was ist passiert? Eigentlich überhaupt nichts. Nur dass ich, wie jeden Morgen, Zeitung gelesen habe. Gut, es kommt öfters vor, dass sich dabei gähnende Langeweile breit macht, aber derart vegetativ, wie ich heute reagiere, das ist mir neu. Es war auch nur ein einziger Artikel, den ich mir zu Gemüte geführt hatte, danach konnte ich vor lauter Gähnen nicht mehr weiterlesen. Es muss also an dem Artikel gelegen haben.

Worum ging es? Um die erste "Internationale Konferenz zum Gähnen", welche nächsten Donnerstag in Paris stattfinden wird, interdisziplinär besetzt mit Psychologen, Hirnforschern, Zoologen und Medizinern. Wie es heißt, sei das Phänomen des Gähnens bei Mensch und Tier bis heute wissenschaftlich ungeklärt: "Alle gähnen, aber keiner weiß, warum." Wobei unterschieden wird zwischen dem sozialen und dem physiologischen Gähnen; letzteres harrt noch der systematischen Untersuchung, wohingegen das soziale Gähnen als geklärt gelten darf. Weil Gähnen nun mal ansteckend sei, "es genügt, das typische Geräusch zu hören", und schon reißt alle Welt den Rachen auf und macht es dem Erstgähner nach. Wussten wir zwar schon vor der Gähnkonferenz, finden es aber dennoch wissenswert, dass sogar Haustiere sich gegen das soziale Gähnen nicht wehren können: Der Hund sei zwar immun gegen das Gähnen seiner Artgenossen. Gähnt jedoch sein Besitzer, lässt er (der Hund) sich in 70 Prozent aller Fälle anstecken. Phänomenal. Weiter heißt es:
Selbst das wiederholte Lesen des Wortes, ja sogar der Gedanke ans Gähnen macht uns anfällig: Jeder zweite Leser dieses Artikels wird in den kommenden Minuten gähnen - garantiert.
Was zu beweisen war. Schon überkommt mich die nächste Gähnattacke, was wiederum beweist, dass einen nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben übers Gähnen gähnanfällig macht. Aber: warum nur jeder zweite Leser? Warum nicht jeder? Warum gehöre ich zur ersten Spezies? Auch dafür werden Hypothesen angeboten:
Einfühlsame Menschen sind besonders anfällig. ... Empathie macht uns zu sozialen Mitgähnern.
Was man, so der Artikel, von Autisten und Schizophrenen nicht sagen könne; denen sei ein gähnendes soziales Umfeld völlig schnurz und piepe. Offenbar gehöre ich zur Gattung der besonders sensiblen Menschen, denn es muss wohl an meinem ausgeprägten sozialen Einfühlungsvermögen liegen, dass ich seit einer halben Stunde gähne wie ein Weltmeister, obwohl weit und breit keine Menschenseele um mich herum ist.

Wer kocht mir noch einen Kaffee? Keiner. Wie unsensibel. Alles muss man selber machen. Gääähn.

Kommentare:

  1. Liebe Mrs. Mop,

    vielen Dank! Ich habe den heutigen Morgen fast komplett damit verbracht in deinem grandiosen Blog zu stöbern, auf den ich bei feynsinn gestoßen bin. Bin in der Zeit zurückgereist vom Sommer bis in den tiefsten Winter und werde sehr bald auch die Reise über den Herbst zurück in den Sommer bis zu den Anfängen deines Blogs antreten. Schön, dass man dich in deinem heimeligen Onlinewohnzimmer besuchen kommen kann, wenn einen mal der Blues packt, so eine Mrs. Mop als Beistand, wer wünscht sich das nicht.

    Weiter so!

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  2. Das Feedback freut mich, danke.

    Übrigens, unter meinem roten Sofa liegt ein großer Hund, der heißt Blues. Meistens schläft er und passt dabei auf mich auf. Nur manchmal, wenn er wach wird, will er sich unbedingt mit aufs Sofa setzen und dabei sein. Der tut nichts, kannst also Deinen Hund ruhig mitbringen.

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  3. Na dann ist es ja auch nicht schlimm, wenn einen mal der Blues packt. Sollte er sich festbeißen, könnte man ja immer noch einen Besuch in der Hundeschule erwägen.

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  4. Blues is the healer, all over the world.
    (John Lee Hooker)

    http://www.youtube.com/watch?v=ZJ1tJpBl1XE

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