Samstag, 29. September 2012

Wiederbelebungsversuch


Livestreaming vom heutigen Abend in Madrid:

icbcn on livestream.com. Broadcast Live Free

Empfehlenswert und wohltuend für alle, die unter einem üblen Hangover leiden, weil sie sich heute auf einer der unsäglichen deutschen, unsäglich deutschen "umFAIRteilen!"-Demos in Lebensgefahr begeben und dort möglicherweise zu Tode gelangweilt haben.

Selten so etwas Unlebendiges erlebt, so viel zwänglerisch ge- und von oben verordnete, verschubladisierte, verscheuklappte, Sprechblasen-klopfende, Schablonen-produzierende, wichtigtuerische und jegliche Spontaneität abtötende Selbstbeweihräucherung.


Und Fahnen. Nichts als Fahnen. Fahnen, so weit das Auge reicht. Aus dem gewerkschaftlichen Lautsprecherwagen dröhnte Abba, zwecks Stimulierung der Massen. Waterloo, my ass. Worum ging es? "Wir fordern faires Umverteilen." Von wem? Keine Ahnung. Wir? Ich nicht.

Nach einer halben Sunde trat ich die geordnete Fahnenflucht an und ging das größte Eis meines Lebens essen. Kluge lebensrettende Maßnahme. Madrid, du hast es besser.

Freitag, 28. September 2012

Lasst sie doch auf den Strich gehen


Sex sells. Der Tod nicht minder. Sterben müssen wir alle, und der Sexualtrieb ist ja auch so eine Art biologischer Konstante. Kommt ja keiner dagegen an. Und um sich die unabdingbare Nähe von Todes- und Sexualtrieb einzugestehen, muss einer kein Freudianer sein. Fußballer reicht.

Wenn der Pleitegeier kreist, darf man nicht wählerisch sein, dachten sich zwei quasi-bankrotte Fußballklubs in Griechenland. Denn wer zahlt, hat schließlich recht, jedenfalls das Recht des Sponsoren, sich auf den Trikots per Werbelogo zu verewigen. Künftig wird eine der beiden maroden Mannschaften dem finanziellen Tod von der Schippe springen, indem sie als Werbeträger für ein lokales Bestattungsunternehmen über den Platz rennt (pink auf schwarz); dem anderen Team wird von einem Bordellbetrieb auf die schwachen Beine geholfen (grün auf pink).

Man mag sich die dramatischen Szenen gar nicht ausmalen, wenn demnächst die Todes- gegen die Sexmannschaft antreten sollte. Und letztere von der gegnerischen Truppe ein Tor nach dem anderen kassiert, bevor sie selbst auch nur ein einziges Mal zum Zug oder sonstwie zum Höhepunkt gekommen ist. Kampf um Leben und Tod.

"Unser Überleben steht auf dem Spiel," sagte der eine Fußballklub, bevor er bei dem Leichenentsorgungsinstitut unterzeichnete. "Wir machen das aus rein wirtschaftlichen Gründen," beteuerte der andere Verein, nachdem er sich mit dem Bordellbetrieb ins Bett gelegt hatte. Ja, aus was für Gründen denn sonst?

Sich prostituieren um zu überleben. In Griechenland, ist zu hören, boomt das Geschäft mit dem käuflichen Sex:
Während im Zuge der alles vernichtenden wirtschaftlichen Krise Griechenlands und der brutalen Sparmaßnahmen sich immer mehr Menschen fragen, was sie am nächsten Tag essen sollen, ist die Zahl der Menschen, die sexuelle Dienstleistungen verkaufen, in zwei Jahren um 150 Prozent gestiegen.
Immer mehr junge Frauen und Männer
...arbeiten als Prostituierte, um der Armut zu entkommen. Hinzu kommen Langzeitarbeitslosigkeit, Drogengebrauch und sozialer Ausschluss. Prostitution in Griechenland, besonders in Athen, ist völlig außer Kontrolle.
Die vielgepriesene Austeritätsdoktrin zeigt ihr wahres Gesicht. Ihr menschliches, unmenschliches Gesicht. Sich prostituieren um zu überleben. Aus rein wirtschaftlichen Gründen.

Derweil gefällt sich die Troika (EU, EZB, IMF) in der Rolle des Zuhälters.

Spanier auf der Straße


Auf dem Weg zur Arbeit?


Auf dem Weg zum Arbeitsamt (oficina de empleo)?


Spanier auf der Straße.

Donnerstag, 27. September 2012

Antisystemgastronomie


Solidarität heißt Stellung beziehen.


Solidarität heißt aus der Sicherheitszone heraustreten.


Solidarität heißt Risiko auf sich nehmen.


Solidarität ist das Gegenteil von Sichraushalten.


Solidarität ist körperlich, mutig, unmissverständlich.

Während des massiv gewalttätigen Polizeieinsatzes am 25. September 2012 hat ein Kneipenbesitzer in Madrid unmissverständlich Stellung bezogen. Er hatte die Prügelszenen beobachtet - "ich habe gesehen, wie am Neptunbrunnen ein Junge von der Polizei zusammengeschlagen wurde, er hat geblutet und ich wollte ihm helfen" - und kurzerhand sein Lokal zum Asyl für fliehende Demonstranten umfunktioniert. "Dann stellte ich mich an den Eingang des Restaurants und hinderte die Polizei am Reinkommen", und nachdem die Fronten geklärt waren, gab er den Geflohenen etwas zu essen und zu trinken.

Meine Hochachtung.

Bildquelle:
reddit, Eco Diario (mit Bildergalerie, Video und Interview mit dem Kneipier Alberto Casillas)

Dienstag, 25. September 2012

Kein Fehltritt


Und jetzt eine kleine Gutenachtgeschichte aus 1001 Nacht:

Es begab sich auf einer Straße in der nordiranischen Provinz Semnan, dass ein geistlicher Tugendwächter einer Frau begegnete, die er für "unzureichend verschleiert" hielt. Statt sich um seinen eigenen Kram zu kümmern, beging er den Fehler, die fremde Frau ob ihres - in seinen Augen - verlotterten Outfits zu verwarnen. Schließlich sei es, wie er später zu Protokoll gab, "seine religiöse Pflicht, das Richtige zu befehlen und das Falsche zu verbieten".

Dass er damit an die Falsche geraten war, hätte ihm spätestens dämmern müssen, als die Frau ihm das einzig Richtige entgegnete: Er solle gefälligst weggucken und seine Augen bedecken statt an ihrer Körperbedeckung rumzumeckern. Jedoch - wie Moralapostel nun mal so sind - der klerikale Tugendbold fühlte sich im absolutistischen Recht und wiederholte seine Warnung. Da wurde es der Frau zu dumm und sie verpasste ihm ein paar ordentliche Tritte.

Wohin sie den frommen Mann getreten hat, geht aus dem Bericht nicht hervor. Allerdings sei er von der Wucht ihrer Tritte hinterrücks auf den Boden gefallen, erzählt empört der Getretene; man kann es sich also denken. Drei Tage Krankenhaus. Wieso die freche Frevlerin noch auf freiem Fuß ist, geht aus dem Bericht nicht hervor. Man kann es sich aber denken: Trotz Lotter-Burka dürfte sie genügend Textilmassen am Leib getragen haben, was eine Identifizierung naturgemäß erschwert. So hat halt alles seine Vor- und Nachteile.
(via BoingBoing)

Hijab Lady

Samstag, 22. September 2012

Blühende Landschaften



Frankfurt, Stadtteil Ostend. Anlässlich des Richtfestes für den im Bau befindlichen EZB-Tempel freut sich die Stadt mitteilen zu können, dass dem Aufstieg Frankfurts als prestigeträchtiger internationaler "Global City" nichts mehr im Wege steht. Erst recht keine traditionell gewachsenen, ehemaligen Arbeiterviertel wie das Ostend, das inzwischen zur zweitteuersten Wohnlage Frankfurts avanciert ist.

Durch die Schaffung hochwertigen Wohn- und Büroraumes für die Ansiedlung globaler Finanzdienstleistungen und damit verbundener einkommensstarker Haushalte, so die Stadt, sei es gelungen, die einkommensschwachen und daher als verzichtbar geltenden Bevölkerungsteile aus dem Stadtteil zu verdrängen.


Dies, so die Stadt weiter, sei eine alternativlose Auswirkung des EZB-Neubaus, in dessen Schatten immer mehr Luxuswohnanlagen entstehen und in dessen ebenfalls neu gestaltetem Umfeld samt gehobener Infrastruktur ressourcenschwache Elemente nur ungern gesehen würden. An der zügigen Durchgentrifizierung eines ehemals bezahlbaren Stadtteils führe daher kein Weg vorbei.

Frankfurt habe nämlich den Ehrgeiz, sich - unter städtebaulichem Gesichtspunkt - weltweit mit Finanzdienstleistungsmetropolen wie New York, London und Tokio zu messen. Der Rest - also der Rest der noch verbliebenen urbanen Bevölkerung - sei im Rahmen der ambitionierten Stadtplanung ein zu vernachlässigender Faktor.


Sollte es sich bei dieser Restbevölkerung um marginalisierte Bevölkerungsschichten handeln, spreche nichts dagegen, diese konsequent weiter zu marginalisieren und in wohnghetto-artige Stadtrandgebiete auszulagern. Ein boomender Wohn- und Immobilienmarkt und die damit verbundenen Rendite-Erwartungen fordere nun mal seinen Preis. Außerdem gelte nach wie vor das Diktum der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth, jeder Bürger habe das "demokratische Recht, woanders hinzuziehen", wenn es ihm am einmal gewählten Wohnort nicht mehr passe (egal aus welchen Gründen).


Erfreulicherweise, hieß es weiter, zögen bei dem Projekt "Global City" (auch: "unternehmerische Stadt" oder Neoliberalisierung des städtischen Raumes) alle am gleichen Strick: Planungsamt, Bauaufsicht und Magistrat (schwarz-grün) äußerten Genugtuung über das völlige Fehlen einer ernstzunehmenden Opposition.

Um letzteres zu illustrieren, betonte unlängst eine Kommunalpolitikerin (SPD), "Wir beobachten diese Tendenzen mit Besorgnis" und fügte hinzu, zu mehr als dem Artikulieren von tendentieller Besorgnis habe es bisher leider nicht gereicht, was jedoch für eine sozialdemokratische Partei bereits einer heroischen Kampfansage gleichkomme.


Keineswegs übertrieben hat Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums, als er in seiner Richtfest-Begrüßungsansprache darauf hinwies: "Von meinem Büro im Eurotower konnte ich mitverfolgen, wie die EZB-Türme im Frankfurter Osten langsam in die Höhe wuchsen. Mittlerweile kann man sie von vielen Orten innerhalb und sogar außerhalb der Stadt sehen." Ja, sogar weit außerhalb der Stadt, beispielsweise von wohnghetto-artigen Randlagen aus, ist das "neue und einzigartige Wahrzeichen" mit bloßem Auge zu erkennen.

Ob er allerdings die dorthin abgeschobene frühere Ostend-Nachbarschaft meinte, als er hinzufügte, er freue sich anlässlich des "Umzuges ins Ostend, der neuen Nachbarschaft der EZB wieder einen Schritt nähergekommen zu sein", darf bezweifelt werden. Dennoch hoffe er, "dass die Menschen hier in Frankfurt unseren Neubau als Bereicherung der Frankfurter Skyline und der europäischen Landschaft ansehen". Schließlich kennzeichne es die zeitgenössische europäische Landschaft, dass selbst verarmte Bevölkerungsschichten einen bereichernden Blick auf die Frankfurter Skyline werfen könnten.


Denn, so fuhr er fort, Austerität schaffe nun mal neue Perspektiven. Wie nachhaltig sich die EZB selbst dem Austeritätsprinzip verpflichtet fühle, brachte Asmussen zum Ausdruck, als er erwähnte: "Als öffentliche Einrichtung sind wir dazu verpflichtet, verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umzugehen," womit natürlich keine menschlichen Stadtteil-Ressourcen gemeint waren, sondern öffentliche Baukosten.

Die, so Asmussen, seien aufgrund "einiger unvorhergesehener Herausforderungen" in die Höhe geschnellt, allerdings nicht etwa unverantwortlich, sondern verantwortungsvoll, seien also budget-disziplinär zu verantworten; weshalb die gesamten Investitionskosten von ursprünglich 850 Millionen Euro um den peanuts-kompatiblen Betrag von weiteren 200 Millionen Euro aufgestockt werden müssten.

Immerhin, betonte Asmussen, liege das ehrgeizige EZB-Neubauprojekt mit seinen nunmehr 1,2 Milliarden Euro Gesamtkosten höchstens bei der Hälfte jener von der griechischen Regierung noch zu tätigenden Budgetkürzungen, um ein der EZB (im Rahmen der Troika) gefälliges Austeritätspaket zu schnüren. Weil, von nichts komme nun mal nichts, weder Kredite noch Bondkäufe, wie Asmussen mit einem launigen Seitenblick auf Spanien anmerkte.


Mit seinen verantwortungsvollen Sparbemühungen, schloss das Direktoriumsmitglied, wolle die EZB im Frankfurter Ostend als leuchtendes Beispiel in der verarmenden, weil verantwortungsvoll kaputtgesparten europäischen Landschaft vorangehen. Wem das nicht passe, der könne gern von seinem demokratischen Recht Gebrauch machen, also woanders hinziehen oder Europa verlassen oder - im Falle Frankfurts - halt die SPD wählen.

Er vergaß zu erwähnen, dass zu den demokratischen Rechten auch das Recht auf Widerstand gehört. Gottlob ist eine wachsende Zahl von Frankfurtern sich dieses Rechts bewusst und wird keinesfalls vergessen, das EZB-Direktorium, das Planungsamt, die Bauaufsicht, den schwarz-grünen Magistrat und die in Besorgnis verharrende SPD daran zu erinnern. Weil, von nichts kommt nichts, auch kein Widerstand. Aber wo was ist, da blüht er, der Widerstand.
Demnächst in diesen blühenden Landschaften.

Donnerstag, 20. September 2012

Immer schön flexibel bleiben


Glaubt ja keiner, wie mich dieser "innovative" Blogspot-Pferdemist nervt. Habe ich irgend jemanden darum gebeten? Nein. Habe ich mich über die fehlende "Flexibilität" des alten Systems beklagt? Nein. Gefällt mir die neue "Flexibilität"? Nein. Warum nicht? Weil sie mich zwingt, geschätzt 87 mal mehr als früher hin und her zu klicken und elastisch rumzudaddeln und "neue Features" zu entdecken, nach denen ich nicht gesucht habe. Hey, ihr Zwangsbeglücker von Blogger, ich möchte bitte so unflexibel sein, wie es mir, und nicht so flexibel, wie es euch in den Kram passt, klar? Nein, nicht klar. Dazu sind sie nicht flexibel genug, die Innovationsfetischisten von Blogger. Die sind nicht mal so flexibel, mir meine Unflexibilität zu lassen, indem sie mir eine flexible Zugriffsoption auf die alte bewährte Benutzeroberfläche gewährleisten. Nix da. Seit heute früh ist "innovative Flexibilität" ein Muss, wo jeder mitmuss. Derweil fliegen unter der ungeschmeidigen neuen Benutzeroberfläche, nämlich im systemkritischen Twitter-Blogger-Untergrund, die Fetzen. Muss die Macher an der Oberfläche aber nicht weiter jucken. System change is a bitch, da musst du durch, ob du willst oder nicht. Bitches. Ende.