Freitag, 2. August 2013

Bewusstseinsbildung


Bewusstseinszentrum (englisch: awareness center)

Das Zentrum für Bewusstsein, Wahrnehmung, Achtsamkeit. Wo um alles in der Welt hat dieses Zentrum seinen Sitz? In welchen Tiefen der Großhirnrinde, des Kleinhirns, Zwischenhirns, der Schläfenlappen oder vielleicht doch wo ganz anders? Doch nicht etwa irgendwo draußen in aller Welt?

Wer's nicht weiß, kommt nie im Leben drauf: Das Zentrum für Bewusstsein, Wahrnehmung und Achtsamkeit befindet sich in Oakland, Kalifornien, nennt sich Awareness Center, und weil dieses Zentrum dem kompletten Einzugsgebiet Oaklands seine Wahrnehmung und Achtsamkeit schenken möchte, heißt es ganz offiziell Domain Awareness Center.

Nei-ein, es handelt sich dabei um keine zentrale Überwachunginstanz zur Kontrolle einer Stadt und ihrer Bürger, woher denn, Überwachung, igitt, Kontrolle, pfui, wie das schon klingt! Nein, es wurde mit Bedacht ein Name gewählt, der sich ins Ohr schmeichelt wie der eines neuartigen Instituts für ganzheitliche Bewusstseinserweiterung mit integrierter Fußreflexzonenmassage: Awareness Center. Schenken Sie uns Ihr Vertrauen, wir schenken Ihnen unsere Achtsamkeit, lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen in ein neues Zeitalter des bewussten Wahrnehmens! Und jetzt her mit Ihren Daten!
Die Stadt Oakland ist gegenwärtig im Begriff, ein Domain Awareness Center (DAC) zu etablieren. Das DAC wird als ein "Fusionszentrum" dienen zur Aggregation von Videoaufnahmen und Echtzeitdaten aus zahlreichen Quellen rund um Oakland. Die möglichen Programmkomponenten umfassen die Integration von closed-circuit video feeds (CCTV) aus ganz Oakland, einschließlich 700 Kameras in den öffentlichen Schulen Oaklands und 135 Kameras am Oakland Coliseum complex. Videoaufnahmen und Daten von ganz Oakland sollen im DAC aggregiert, danach ausgewertet werden mit einer Nummernschilder-Erkennungssoftware, Wärmebildgeräten, Körperbewegungs-Erkennungssoftware, eventuell Gesichts-Erkennungssoftware und mehr - all dies ohne jegliche Berücksichtigung von Privatsphäre oder der Problematisierung von Vorratsdatenspeicherung, ohne dass jemals eine substantielle Debatte darüber auf Ausschuss- oder Stadtverwaltungsebene stattgefunden hätte.
Die Stadt Oakland ist nicht nur bekannt für ihre hohe Kriminalitätsrate, sondern auch (könnte es da einen Zusammenhang geben?) für ihre personell chronisch unterbesetzte und schlechtbezahlte Polizei. Weil - Austerity, lass deinen Zaunpfahl winken - die Stadt kein Geld hat für Neueinstellungen und angemessene Gehälter. Da trifft es sich gut, dass das gigantische Projekt zur Mega-Bewusstseinsbildung anschub-finanziert wird durch einem Zuschuss in Höhe von zwei Millionen Dollar, großzügig spendiert vom Department of Homeland Security (DHS), und in die Tat (vergelt's Gott) umgesetzt wird von einem Subunternehmer des amerikanischen Militärs, beides so freudig wie einstimmig abgesegnet vom Stadtparlament Oakland. 

Nach zwei Jahren dürfte der Prozess der flächendeckenden gemeinsamen Bewusstseinsbildung abgeschlossen sein, denn ab dann sollen die steuerzahlenden Bürger Oaklands die Finanzierung ihrer Totalüberwachung selbst übernehmen.


Cyrus Farivar via arstechnica

Allerdings ist Oakland noch für ein Drittes bekannt, nämlich für eine kritische, politisch denkende und handelnde, traditionell zur Renitenz neigende und potentiell auf Krawall gebürstete Bürgerschaft. Manche behaupten sogar, genau dieser Umstand sei es, der die Politik zu verschärften Überwachungsanstrengungen gerade in Oakland motiviere. Und dass sowohl die Stadtverwaltung als auch die Polizei Oaklands "ein gewaltiges Problem mit dem Vertrauen ihrer Bürger" hätten, welches gewiss "nicht dadurch gelöst werden wird, indem sie ihre Bürger ausspionieren".

Ja, diese kritischen Bürger nehmen den Mund ziemlich voll - in einer Stadt, die mit allen Mitteln um ein gemeinsames, das Leben aller Bürger einschließendes Bewusstsein ringt. Gottlob stehen der Polizei nunmehr ausreichend Instrumente zur Verfügung, welche die erwünschte Bewusstseinsbildung bei allen, auch den kritischsten Bürgern vorantreiben werden.

Es scheint, das Rennen um die smarteste Stadt der Welt hat erst begonnen. Tipps und Wetten werden noch angenommen. Ein Anwärter könnte die Stadt Chéran in Mexiko sein. Deren Bürger haben vor zwei Jahren die Polizei zum Teufel geschickt und die Stadtverwaltung gleich hinterher; beides mit der Begründung: zu korrupt und daher inkompetent. Können wir besser, sagten die Bürger Chérans, wir verwalten unsere Stadt selbst und passen auf uns selbst auf, Autonomie statt Überwachung, basta.

Ja, die haben auch den Mund ziemlich voll genommen, aber was will man sagen - der Laden läuft, in Chéran. Die Kriminalität, namentlich die organisierte, ist zurückgegangen. Ohne Polizei. Die Lebensqualität, sagen die Leute, sei deutlich gestiegen. Ohne Überwachungskameras. Irgendwie gebe es jetzt ein viel besseres Gemeinschaftsgefühl, und viel mehr Vertrauen untereinander. Ohne Stadtverwaltung. Irgendwie, heißt es, habe sich so etwas wie ein neues Bewusstsein gebildet.

Ist aber ein Tipp auf einen krassen Außenseiter. Kennt ja keiner. Chancenlos. Aber ziemlich smart.

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