It's the sneakers, stupid.
Jetzt, wo nach umfänglicher medialer Ursachenforschung endlich die tieferen Beweggründe herausgearbeitet wurden, warum diese englischen Revoluzzerjugendlichen so einen Höllenlärm veranstaltet haben - sie wollten nämlich nichts weiter als unbedingt ein Paar neuer Schuhe haben -, können wir uns den wirklich wichtigen Fragen zuwenden, derer allerwichtigste lautet:
Wieso wollten die eigentlich nichts für die neuen Schuhe bezahlen?
Seit in London die ersten Schaufensterscheiben zu Bruch und inzwischen über 500 Einbrecher in den Knast gingen, wurde gerätselt, warum diese kriminellen Jungspunde derart umständlich zu Werke gegangen sind. Dabei wäre es doch so einfach gewesen: Hätten diese verwirrten jungen Leute doch, wie jeder normale Mensch, das Schuhgeschäft ihrer Wahl aufsuchen und gegen Bezahlung des marktüblichen Preises ein Paar neuer Schuhe erstehen können, und der Fall wäre erledigt gewesen.
Wozu also das ganze komplizierte nervenaufreibende Straßentheater?
Man kann über den britischen Premierminister David Cameron sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er bringt die Dinge simpel und für jeden verständlich auf den Punkt. Er reduziert, sozusagen, die soziale Komplexität gesellschaftlicher Unruhen auf ein so niedriges, schlichtgestricktes Level, dass ihm jeder folgen kann. Wirklich jeder, selbst der größte Depp.
"Diese Leute, die da Fernsehgeräte aus den Läden geklaut haben - die haben sich doch nicht beschwert über unsere Bildungsreformen oder über die Zulassungsgebühren zum Hochschulstudium. Die haben Fernsehgeräte geklaut, weil sie ein Fernsehgerät haben wollten, aber nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen, wie es normale Leute machen."
Kann auch wirklich jeder folgen? Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: "...nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen". Haben das jetzt alle? Oder hat Cameron sie noch alle?
Tja, Leute, sparen heißt das Zauberwort! Was hindert die armen Leute daran zu sparen, so wie es die normalen Leute machen? Heißt es nicht überaus treffend "Spare in der Zeit, so hast du in der Not"? Na also. Womit habt ihr armen Leute bloß eure Zeit verplempert, also noch Zeit zum Sparen war? Hm? Seht ihr, und nun habt ihr halt nichts in der Not, weil ihr beizeiten versäumt habt zu sparen. Wie, ihr hattet schon die ganze Zeit nur Not und darum nichts zu sparen? Dummes Zeug. Nehmt euch ein Vorbild an den normalen Leuten. Was die können, könnt ihr schließlich auch. Ihr müsst nur wollen. Aber ihr wollt ja nicht. Ihr wollt nur einen Fernseher und ein paar Schuhe und nichts dafür bezahlen.
So nicht! Nicht mit uns! Bei uns herrschen Gesetze! Wer Fernseher oder Turnschuhe klaut, wandert in den Knast. Seid froh, dass ihr nur in den Knast wandert, ihr kriminellen Kids - ihr habt ja keine Ahnung von Geschichte, bildungsfern wie ihr seid. Wisst ihr, was wir in England früher gemacht haben mit Kindern, die aus Hunger Brot gestohlen haben? Aufgehängt haben wir die. Nur mal so als Warnschuss vor euren kriminellen Bug.
Ach ja, und dann gab es noch so eine herrliche Stilblüte in Camerons Gardinenpredigt an die Nation: Hat er sich doch unglaublich moralisch entrüstet über jene Gruppe amoralischer Riot-Jugendlicher, ohne Rückgrat, ohne einen Funken Sozialgefühl, die einem verletzten Indonesier erst auf die Beine geholfen und dann seinen Rucksack ausgeplündert haben (das Video kursiert im Internet und ruft eine weltweite, fest geschlossene Indignado-Bewegung hervor). O-Ton Cameron, im Brustton:
"Wie kann man nur jemanden ausrauben unter dem Deckmantel, ihm zu helfen?"("...rob someone whilst pretending to help them")
Verwerflich - so tun, als ob man jemandem hilft und ihn in Wirklichkeit ausrauben!
Hey, klingelt's? Wie heißen die Typen nochmal, die gerade dabei sind Griechenland auszurauben, in Italien bereits in den Startlöchern stehen und sich demnächst den Rest der Welt unter den Nagel reißen wollen? Ach richtig, IMF. Das sind die Typen, die all den Ländern beim "Sparen" helfen. Um sie besser ausrauben zu können.
Sparen. Helfen. Ausrauben.
Die Sekundärtugenden des internationalen Finanzkapitals.
Man kann über den britischen Premierminister sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er hat Sinn für Ironie. Muss eine amoralische Spielart des britischen Humors sein.


