Das Volk rumort. Es fordert Demokratie, und zwar direkte, und zwar sofort. ("Democracia - real -YA!")
Die Presse schweigt so laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss. Ein verräterisches Schweigen, das mehr sagt als tausend Worte.
Gestern abend besetzten mehrere tausend Menschen die
Puerta del Sol, den zentralen Platz Madrids, schlugen Zeltplätze auf (
"Yes, we camp!") und übernachteten gemeinsam. Ein Grund für die konservative Tageszeitung
El Mundo, die seit Wochen andauernde und wachsende Massenbewegung heute zum ersten Mal argwöhnisch zur Kenntnis zu nehmen und dummdreist zu fragen: Was wollen die eigentlich? (Überschrift:
"Yes we camp! pero...para qué?") Und warum gerade jetzt? Und überhaupt, so viel Lärm (
"tanto ruido"), etwa um nichts? Was wollen die eigentlich?
Die Zeitung weiß die süffisante Antwort, denn: "Sie wissen es selbst nicht." Machen einfach Camping mitten in Madrid und haben keine Ahnung warum, die Dummbratzen. Schwafeln irgend etwas von einem "Systemwandel und einer besseren Welt", sind aber, so El Mundo, unfähig, ihre Ziele, ihre Anklagen und ihre Forderungen zu
"konkretisieren". Hängen die ganze Nacht auf der
Plaza herum und geben nichts als ein "unkoordiniertes" Gruppenbild ab. Haben - rümpft das Blatt weiter die Nase - kein Programm, keine straffe Führung, sind sich über nichts einig, fühlen sich keiner Organisation zugehörig und wirken deshalb so jämmerlich desorganisiert.
Para qué? Was wollen die eigentlich?
Wer so dumm fragt, ist selber schuld. Die Zeitung wird von Hunderten Lesern abgewatscht, dass es eine Freude ist. Ob der Artikelschreiber womöglich nicht lesen könne? Gar ein bedauernswerter Analphabet sei? Einfach nur Tomaten auf den Augen habe? Vielleicht in einer abgehobenen Parallelwelt zuhause sei? Schließlich stehe doch alles auf Transparenten, Aufklebern, T-Shirts, Internetseiten wie
democraciarealya.es* (die allerdings seit gestern aus unerfindlichen Gründen nicht mehr einsehbar ist - ein Sachverhalt, den meines Wissens niemand in den offiziellen spanischen Medien kritisch zu kommentieren für nötig hielt), werde unermüdlich in Megaphone gerufen, via Twitter, Blogs, Youtube verbreitet und in unzähligen Interviews auf den Punkt gebracht.
Que pasa, El Mundo? Was ist los? Den Schuss nicht gehört? Fünf Millionen Arbeitslose übersehen? Über 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit aus dem Scheuklappenblickfeld verloren?
Ohne Haus, ohne Job, ohne Rente, ohne Furcht
Die geduldigeren unter den Lesern geben der dumm fragenden Zeitung bereitwillig Nachhilfe.
"Para qué?"- was wir wollen? Zum Beispiel
dass Politiker jenes Volk repräsentieren, das sie gewählt hat, und nicht die Banken und Wirtschaftlobbies.
dass alle ein Recht auf Arbeit und auf ein Einkommen haben, von dem sich leben lässt.
dass alle Zugang zu einem Leben in Würde haben.
dass wachsende Armut ("vivir como vacas flacas" - dahinvegetieren wie ausgemergelte Kühe) keine Perspektive sein kann.
dass die Bürger nicht für die Privilegien der herrschenden Klasse zu zahlen haben.
dass es mit der flächendeckenden Korruption ein Ende hat ("Das System ist korrupt und deshalb braucht es eine Revolution, Punkt.")
dass Wahllisten mit Politikern, denen größtenteils korruptes Verhalten vorgeworfen oder nachgewiesen wird, abgeschafft gehören.
dass einer Clique von ökonomischen Analphabeten, die den Reichtum aus unserer Arbeit schamlos einheimsen, das Handwerk gelegt wird.
dass sie aufhören uns auszuplündern.
dass ihr eines wisst: Wir haben die Schnauze gestrichen voll, von euch verarscht zu werden.
Die Genervten halten es fast für einen kosmischen Witz, dass ausgerechnet ein offizielles Presseorgan so dumme Fragen stellt:
"Para qué? Ich werd's Ihnen sagen, hören Sie gut zu. Die Medien sind ganz klar auf einer Linie mit den etablierten Kräften, die Presse ist korrumpiert und manipuliert durch die wirtschaftlich Mächtigen, und Sie fragen para qué? Hören Sie, es kostet viel Anstrengung, so eine Initiative aufzuziehen, und jetzt, wo wir den Anfang gemacht haben, geben wir sie nicht mehr aus den Händen. Jetzt oder nie!"
"Erst habt ihr unsere Bewegung totgeschwiegen, jetzt wollt ihr sie diskreditieren - nicht weil wir keine Ziele hätten, sondern weil unsere Ziele in nichts übereinstimmen mit denen der Parteien und der Medien, die sie unterstützen."
"Gegen was wir protestieren? Gegen euch Medien, habt ihr das noch nicht gemerkt, ihr abhängigen Pamphletschreiber?"
...und die ganz schwer genervten unter den Lesern machen kurzen Prozess:
"Hey, macht den Fernseher aus, macht die Zeitung zu, und macht die Augen auf!"
Update:
*Inzwischen wieder zugänglich, hier das Manifest von
democraciarealya auf englisch.