Mittwoch, 18. Mai 2011

Bankbestätigung



Ganz Spanien ein nächtlicher Campingplatz, in diesen bewegten Zeiten.

Was nicht bedeutet, dass jeder dahergelaufene Protestler im Stadtzentrum einfach so seinen Schlafsack ausrollen darf. Könnte ja jeder kommen. Kommt zum Beispiel ein bekannter Popstar und gibt in Alicante ein Open-Air-Konzert, ist das gar kein Problem mit dem Campen im öffentlichen Raum. Aber eine Bürgerversammlung ist nun mal kein Popkonzert.
"Um Justin Bieber zu sehen, darfst du campen -
aber um deine Rechte zu kämpfen? Nein!!!"
Die Polizei hatte nämlich etwas dagegen. Zunächst. Irgendwie schien ihr da Gefahr im Verzug zu sein. Welche, wusste sie auch nicht so genau. Erst nach längeren Verhandlungen erschien ihr die überschaubare Menge von knapp hundert müden jungen Leuten als unbedenklich und damit genehmigungswürdig. Na ja. Zähes Ringen um eine Bank, nichts Besonderes.

Yes we camp


In Spanien gärt es.

Das Volk rumort. Es fordert Demokratie, und zwar direkte, und zwar sofort. ("Democracia - real -YA!")

Die Presse schweigt so laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss. Ein verräterisches Schweigen, das mehr sagt als tausend Worte.

Gestern abend besetzten mehrere tausend Menschen die Puerta del Sol, den zentralen Platz Madrids, schlugen Zeltplätze auf ("Yes, we camp!") und übernachteten gemeinsam. Ein Grund für die konservative Tageszeitung El Mundo, die seit Wochen andauernde und wachsende Massenbewegung heute zum ersten Mal argwöhnisch zur Kenntnis zu nehmen und dummdreist zu fragen: Was wollen die eigentlich? (Überschrift: "Yes we camp! pero...para qué?") Und warum gerade jetzt? Und überhaupt, so viel Lärm ("tanto ruido"), etwa um nichts? Was wollen die eigentlich?

Die Zeitung weiß die süffisante Antwort, denn: "Sie wissen es selbst nicht." Machen einfach Camping mitten in Madrid und haben keine Ahnung warum, die Dummbratzen. Schwafeln irgend etwas von einem "Systemwandel und einer besseren Welt", sind aber, so El Mundo, unfähig, ihre Ziele, ihre Anklagen und ihre Forderungen zu "konkretisieren". Hängen die ganze Nacht auf der Plaza herum und geben nichts als ein "unkoordiniertes" Gruppenbild ab. Haben - rümpft das Blatt weiter die Nase - kein Programm, keine straffe Führung, sind sich über nichts einig, fühlen sich keiner Organisation zugehörig und wirken deshalb so jämmerlich desorganisiert. Para qué? Was wollen die eigentlich?

Wer so dumm fragt, ist selber schuld. Die Zeitung wird von Hunderten Lesern abgewatscht, dass es eine Freude ist. Ob der Artikelschreiber womöglich nicht lesen könne? Gar ein bedauernswerter Analphabet sei? Einfach nur Tomaten auf den Augen habe? Vielleicht in einer abgehobenen Parallelwelt zuhause sei? Schließlich stehe doch alles auf Transparenten, Aufklebern, T-Shirts, Internetseiten wie democraciarealya.es* (die allerdings seit gestern aus unerfindlichen Gründen nicht mehr einsehbar ist - ein Sachverhalt, den meines Wissens niemand in den offiziellen spanischen Medien kritisch zu kommentieren für nötig hielt), werde unermüdlich in Megaphone gerufen, via Twitter, Blogs, Youtube verbreitet und in unzähligen Interviews auf den Punkt gebracht. Que pasa, El Mundo? Was ist los? Den Schuss nicht gehört? Fünf Millionen Arbeitslose übersehen? Über 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit aus dem Scheuklappenblickfeld verloren?

Ohne Haus, ohne Job, ohne Rente, ohne Furcht

Die geduldigeren unter den Lesern geben der dumm fragenden Zeitung bereitwillig Nachhilfe.

"Para qué?"- was wir wollen? Zum Beispiel
dass Politiker jenes Volk repräsentieren, das sie gewählt hat, und nicht die Banken und Wirtschaftlobbies.

dass alle ein Recht auf Arbeit und auf ein Einkommen haben, von dem sich leben lässt.

dass alle Zugang zu einem Leben in Würde haben.

dass wachsende Armut ("vivir como vacas flacas" - dahinvegetieren wie ausgemergelte Kühe) keine Perspektive sein kann.

dass die Bürger nicht für die Privilegien der herrschenden Klasse zu zahlen haben.

dass es mit der flächendeckenden Korruption ein Ende hat ("Das System ist korrupt und deshalb braucht es eine Revolution, Punkt.")

dass Wahllisten mit Politikern, denen größtenteils korruptes Verhalten vorgeworfen oder nachgewiesen wird, abgeschafft gehören.

dass einer Clique von ökonomischen Analphabeten, die den Reichtum aus unserer Arbeit schamlos einheimsen, das Handwerk gelegt wird.

dass sie aufhören uns auszuplündern.

dass ihr eines wisst: Wir haben die Schnauze gestrichen voll, von euch verarscht zu werden.
Die Genervten halten es fast für einen kosmischen Witz, dass ausgerechnet ein offizielles Presseorgan so dumme Fragen stellt:
"Para qué? Ich werd's Ihnen sagen, hören Sie gut zu. Die Medien sind ganz klar auf einer Linie mit den etablierten Kräften, die Presse ist korrumpiert und manipuliert durch die wirtschaftlich Mächtigen, und Sie fragen para qué? Hören Sie, es kostet viel Anstrengung, so eine Initiative aufzuziehen, und jetzt, wo wir den Anfang gemacht haben, geben wir sie nicht mehr aus den Händen. Jetzt oder nie!"

"Erst habt ihr unsere Bewegung totgeschwiegen, jetzt wollt ihr sie diskreditieren - nicht weil wir keine Ziele hätten, sondern weil unsere Ziele in nichts übereinstimmen mit denen der Parteien und der Medien, die sie unterstützen."

"Gegen was wir protestieren? Gegen euch Medien, habt ihr das noch nicht gemerkt, ihr abhängigen Pamphletschreiber?"
...und die ganz schwer genervten unter den Lesern machen kurzen Prozess:
"Hey, macht den Fernseher aus, macht die Zeitung zu, und macht die Augen auf!"


Update:
*Inzwischen wieder zugänglich, hier das Manifest von democraciarealya auf englisch.

Montag, 16. Mai 2011

Laszive Lockenwickler


Paranoia hat viele Gesichter.

Wir leben ja angeblich in einer recht freizügigen Gesellschaft, was immer der einzelne im einzelnen darunter versteht. Nehmen wir zum Beispiel die Titelseiten von Zeitschriften. Halbnackte Frauen, kein Problem, gern auch dreiviertelnackt, aber bitte nicht mit barbusiger Vorderfront. Halbnackte Männer, kein Problem, gern auch dreiviertelnackt, aber bitte mit ordentlich muskulär besixpackter Vorderfront.

Wir sind tolerant, wir sind freizügig, uns kann nichts mehr schockieren. Deshalb verkraften wir so ziemlich alles, was uns an Freizügigkeit auf Zeitschriften-Covers zugemutet wird.


Aber was zu weit geht, geht zu weit.

Die zweimal jährlich erscheinende Kunst- und Kulturzeitschrift Dossier brachte das serbische Model Andrej Pejic auf ihren aktuellen Titel, was die größte amerikanische Buchhändlerkette Barnes & Noble landesweit zur Zensur veranlasste: Sie verkauft die aktuelle Ausgabe von Dossier ausschließlich in schwarzen, blickdichten Polyestertaschen.

Zu gewagt ("too risky") sei diese Titelseite, ließ der Zeitschriftenvertreiber lakonisch verlauten - mehr nicht - und überlässt es dem interessierten Rest der Welt zu rätseln, was um Himmels willen riskiert würde, wenn das beanstandete Foto offen an den Verkaufsständen ausläge.

Dabei muss man nur genau hinschauen und schon entdeckt man den sittenwidrigen Pfahl im Fleisch: Haare aufgedreht auf Lockenwicklern? Bitte? In aller Öffentlichkeit? Geht's noch? Irgendwo muss auch mal Schluss sein mit dem Tabubruch.

Samstag, 14. Mai 2011

Never Satisfied


Never ist der Künstlername eines amerikanischen Straßenkünstlers. Seine Freunde gaben ihm den Nickname Mr. Never Satisfied, weil er zu ständiger Selbstkritik, Unzufriedenheit und Unsicherheit bezüglich seiner eigenen Arbeit neigt. Auf die Frage, welche Ziele er in seiner Entwicklung als Künstler anstrebt, antwortet er: "Etwas zu malen, womit ich länger als nur ein paar Stunden glücklich bin."

Irgendwann begann er, seine Straßenbilder mit "Never Satisfied" zu signieren. Irgendwann begann das Tag "Never Satisfied" ein Eigenleben zu führen: Aus der Selbstaussage des Künstlers wurde eine finstere Bildaussage.


Das war, als Never vor kurzem von Atlanta nach Brooklyn, New York City umgezogen war.

Vor ein paar Tagen wurde aus der unersättlichen Überwachungseule ein bösartiges Repressionsmonster:


"Seriously, this city is in a police state."
(Diese Stadt befindet sich in polizeistaatlicher Verfassung.)

Donnerstag, 12. Mai 2011

Happy Hour für Hanfforscher


Muss man gesehen haben:


Blanker Irrsinn: In British Columbia, Kanada, ist eine Cannabisfarm aufgeflogen. Wohlgemerkt, eine Cannabisfarm, die von lauter Tieren bewacht wurde. Um genau zu sein, von dreizehn Bären, einem großen Hund, einem Waschbär und einem vietnamesischen Hängebauchschwein. Wobei die Bären und die Hunde jetzt nicht soo sensationell sind, denn was spricht dagegen, dass diese naturverbundenen Geschöpfe auf ein schönes Stück kultivierter Natur aufpassen?

Aber dann dieses Hängebauchschwein! Da es sich um ein kanadisch-vietnamesisches Hängebauchschwein handelt und in Kanada englisch gesprochen wird, verdient es das Hängebauchschwein beim englischen Namen genannt zu werden: pot-bellied pig. Jeder wird zugeben müssen, dass ein Tier mit diesem Namen geradezu prädestiniert ist zum Bewachen einer Cannabisfarm. Vermutlich hat sich die Pot-Sau nebenberuflich als Chefverkoster nützlich gemacht. Schließlich sind 2.500 Cannabispflanzen keine Kleinigkeit, da bedarf es einer sinnvollen Arbeitsteilung.

Wobei, wenn ich das richtig verstanden habe, die dreizehn Bären eigentlich nichts weiter getan haben als den lieben langen Tag an einer Tüte zu hängen; faul, wie Bären nun mal sind. Saßen einfach so inmitten der Pflanzen, frönten dem Hanf und haben halt nebenher aufgepasst, dass keiner kommt und ihnen das Grünzeug klaut. Dabei muss ihnen - fast ist man geneigt zu sagen: leider - entgangen sein, dass ihre fidele Animal Farm von der Polizei observiert worden war.

Wie gesagt, der blanke Irrsinn. Vom tatsächlichen Ausmaß der halluzinogenen Veranstaltung kann man sich aber erst ein Bild machen, wenn man das Video aus dem russischen Fernsehen anschaut: Eine Nachrichtensprecherin versucht sich in angemessener Berichterstattung und, so darf wohl gesagt werden, scheitert grandios. Absolut empfehlenswert für einen heiteren Ausklang des Tages.


Update 13. Mai 19:25 Uhr:
Die Happy Hour für Hanfforscher war ursprünglich für gestern abend gedacht, als Late-Night-Pendant zum Frühschoppen für Querdenker - jedoch, Blogger ist im Laufe des gestrigen Tages fulminant abgesoffen. Nix ging mehr. Alle Räder standen still, und alle Blogger-Blogger drehten kollektiv am Rad.

Zur Drosselung des Adrenalinspiegels schaute ich mir immer mal wieder dieses der Veröffentlichung harrende Video an und kam zu dem Schluss, dass es als 24-Stunden-Tonikum taugt; von A wie Absacker für Abgenervte bis Z wie Zwischenmahlzeit für Zwangslagen. Wirkt rund um die Uhr hochgradig stressabführend.

Update 2:
Zu meinem Entsetzen sehe ich grade, dass Google/Blogger (fallout-bedingt) meinen Frühschoppen für Querdenker (12. 05. morgens) auf Nimmerwiedersehen versenkt hat. Mitsamt dem Kommentar von R@iner. Geht gar nicht. Macht ja sonst alles überhaupt keinen Sinn hier. Wird rekonstruiert. Irgendwie. Ts.

Frühschoppen für Querdenker



via

"Learn to say fuck you to the world once in a while.
You have every right to.

Just stop thinking, worrying, looking over your shoulder,
wondering,
doubting,
fearing,
hurting,
hoping for some easy way out,
struggling,
gasping,
confusing,
itching,
scratching,
mumbling,
bumbling,
grumbling,
humbling,
stumbling,
rumbling,
rambling,
gambling,
tumbling,
scumbling,
scrambling,
hitching,
hatching,
bitching,
moaning,
groaning,
honing,
boning,
horse-shitting,
hair-splitting,
nitpicking,
piss-trickling,
nose sticking,
ass gouging,
eyeball poking,
finger pointing,
alleyway sneaking,
long waitiing,
small stepping,
evil eyeing,
backscratching,
searching,
perching,
besmirching,
grinding, grinding, grinding away of yourself.

Stop it
and just do.
Do something.
Do anything.
Don't worry about cool.
Make your own uncool.
Make your own, your own world."

Montag, 9. Mai 2011

McWohlfühl


Unser Mäckes soll schicker werden. Für eine Milliarde Dollar. Ganz recht, die bekannte Fastfood-Kette in Amerika wird aufgehübscht. Heißt es. Wohlgemerkt, nicht das Essen wird aufgemöbelt, sondern die Inneneinrichtung, denn, so befand der Restaurantdesignerchef mit bestechender Logik: Wenn's den Leuten bei uns gefällt, dann gefällt ihnen auch das Essen.

Hübscher bedeutet: wärmere Farben; mehr Wohlfühlatmosphäre; weniger Plastik, mehr Holzimitat (Tische); weniger Plastik, mehr Lederimitat (Sofas), hier und da - bitte anschnallen - sogar ein Klubsessel; mehr Kaffeehaus-, weniger Fastfood-Optik; einfach gemütlicher, kurzum: wohnlicher. Woran denken jetzt alle? Genau, Mäckes goes Starbucks. Stimmt aber gar nicht.

Weil:
"Wir versuchen nicht, Apple zu sein."
(Gut, dass das schon mal geklärt ist.)
"Aber wir lassen uns von Apple inspirieren. Wenn Sie in einem Geschäft von Apple sind, fühlen Sie sich beinahe so, als ob Sie im Inneren eines iPad sitzen - und wollen dort bleiben."
Ich weiß nicht, ob ich gern im Inneren eines Computers sitzen würde. Noch dazu in einem superflachen. Ich glaube eher nicht. Ganz gewiss will ich nicht länger im Inneren eines superflachen Computer sitzen bleiben als unbedingt nötig. Dann schon lieber in einem kunstledernen Klubsessel.
"Wir möchten, dass Sie zu McDonald's kommen und genau dasselbe Feeling haben."
Also, damit das klar ist: Die wollen natürlich nicht, dass ich zu Mäckes komme und mich dort wie im Inneren eines Computers fühle. Wäre ja albern. Nein, die wollen, dass...was wollen die eigentlich von mir?

Die wollen, dass ich in ihren Laden komme, mich in den kunstledernen Klubsessel setze und mich dort fühle, als ob ich im Inneren eines fettigen Big Macs Platz genommen hätte. Allmächtiger. Und dann wollen sie auch noch, dass ich mich in dem fettigen Big Mac so wohl fühle, dass ich gar nicht mehr aufstehen möchte. Nachdem ich zwischen den Kunstlederpolstern ein paar alte Fritten und ein zermatschtes ChickenMcNugget herausgefriemelt habe.

Ich will da raus.