Donnerstag, 14. Juni 2012

Zeitfragen


Sich zu empören ist das eine, Widerstand zu leisten das andere.

Beides hat seine Zeit. Beides muss sich nicht gegenseitig ausschließen, denn wer Widerstand leistet, ist empört, so empört, dass ihm bloß verbale Empörung nicht ausreicht, um seiner Empörtheit Ausdruck zu geben: Er wird offen widerständig und tut dies mit den Mitteln, die er - angesichts der Vehemenz seiner Empörtheit - für angemessen hält.

Dabei kann es ihm passieren, dass seinem widerständigen Verhalten eine Welle der Empörung entgegenschlägt. Nicht allein von denen, gegen die er Widerstand leistet, vielmehr auch von denen, die eigentlich genauso empört sind wie derjenige, der Widerstand leistet, sich jedoch noch mehr empören, wenn Empörtheit in Widerstand umschlägt. In diesem Fall trennen sich die Wege des Empörten und des Widerständigen.

Darüber könnte man sich wiederum empören. Man kann aber auch versuchen zu verstehen, warum die Wege sich trennen. Und sich dann für den Weg entscheiden, den man für richtig hält.


Das spanische Satiremagazin eljueves gibt Nachhilfe fürs Verstehen:
Du stehst auf, gehst in dein Büro, setzt dich vor deinen Computer, isst etwas, trinkst Kaffee, kehrst zurück und setzt dich vor deinen Computer, schiebst ein wenig Hass auf deine Arbeit und gehst nach Hause. Das ist dein Leben, für den Fall, dass du zu den Glücklichen gehörst, die immer noch ihren langweiligen Job eines lichtscheuen Büroangestellten behalten haben. Vergleichen wir das mit dem folgenden:

Du stehst auf, ziehst deinen Blaumann an, bohrst dich in ein felsiges, gesundheitsschädliches Loch, ein Loch, dunkler als die Darmspiegelung des Satans, du arbeitest, nimmst dieses Gemisch aus Methangas, Oxiden und verdächtig schwärzlichem Staub namens "Luft" wahr, dessen spärlicher Sauerstoffgehalt immer mehr abnimmt, fickst ein bisschen mit dem Tod, steigst an die Oberfläche zurück, isst ein belegtes Brötchen, sinkst zurück in den Anus des Bösen und kaufst schließlich auf dem Heimweg Brot und pfeifst dabei das Lied von Antonio Molina. Jenes Lied heißt nämlich "Ein Bergarbeiter sein". Und jetzt? Schiebst du immer noch einen Hass auf deine Arbeit?

Eben. Wenn du protestierst gegen die Ungerechtigkeiten, die dich empören, dann tust du Dinge wie: Eine Botschaft an die Wand kleben, um zu zeigen, dass du dagegen bist.

Wenn dagegen ein Bergarbeiter gegen die Ungerechtigkeiten protestiert (wie, zum Beispiel, dass das Ministerium sich verpflichtet hat, Hilfszahlungen bis zum Jahr 2018 zu leisten und dann diese finanziellen Mittel um 63 Prozent kürzt, um die Banken zu "retten"), dann macht er solche Dinge wie: Autoreifen verbrennen, aus einem Verkehrsschild eine Bazooka bauen und, allgemein gesprochen, eine Feldschlacht eröffnen, die einem Napoleon zu einer postmortalen Erektion verhelfen würden.

Kann sein, dass es dich anödet, im Auto zu sitzen und dich in einer Straßensperre wiederzufinden. Kann sein, dass es dich stört zu spüren, wie deine Frisur ruiniert wird von einem Gummigeschoss, das die Polizei aus zwei Meter Entfernung auf dich geschossen hat, aber wenn du dir ansiehst, wie diese Krieger im Blaumann kämpfen für das Brot ihrer Kinder, dann halte inne um nachzudenken, atme tief durch und zeig ein bisschen Respekt. Solltest du nach dem Nachdenken immer noch empört sein, dann hab keine Hemmungen und klebe eine Botschaft an deine Wand.

Kohlebergarbeiter demonstrieren in Leon, Nordspanien,
am 12. Juni 2012
via Kasama:
"As resistance grows in Europe:
we need to support, observe, learn and mobilize."

In England organisiert sich die Solidarität mit den spanischen Mineros. Die englische Tageszeitung Guardian zeigt Haltung -
Although many British newspapers have quite rightly given extensive coverage to the financial crisis in Spain, there appears to be an almost total blackout of news about the response of the workers' movement in Spain to the austerity measures being pursued by the government.
- und durchbricht das konzertierte mediale Blackout, indem sie einen Solidaritätsaufruf des Spanish Miners' Solidarity Committee veröffentlicht:
Time to stand with Spanish miners
Zeit, sich mit den spanischen Mineros zu solidarisieren.
Zeit, der Empörung Taten folgen zu lassen.
Zeit, über Wege und Widerstand nachzudenken.

Kommentare:

  1. Toll gemachter Artikel. Danke für die hervorragende Übersetzung und überhaupt!

    AntwortenLöschen
  2. Mucho gusto!

    Ein ganz hervorragend fundierter und kein bisschen unparteiischer Artikel über den Widerstand der spanischen Mineros stand gestern im Guardian. Sehr lesenswert um nachzuvollziehen, wie aus dem gesamtpolitischen Kontext Spaniens (geschwächte Regierung) die Mineros es verstehen, für sich eine Position der Stärke herauszuholen.

    Interessant auch die Positionierung der Mineros gegenüber der Indignado-Bewegung:

    "No Estamos Indignados, Estamos Hasta Los Cojones"
    (Wir sind keine Indignados, wir sind angepisst bis an die Eier)

    ¡y pum!

    AntwortenLöschen
  3. Facebook zensiert Cartoon vom "El Jueves", der im November noch problemlos hochgeladen werden konnte. Außerdem darf der user 30 Tage keine Bilder mehr hochladen.

    Und ich sach noch, daß sie irgendwann per Knopfdruck alles auf blogspot, wordpress, twitter, google+ und was weiß ich noch lahmlegen werden. Im Zweifelsfall kann man immer noch sagen, daß es einem leid tut, wenn ein ein paar tausend Blogs versehentlich gelöscht wurden.

    AntwortenLöschen