Montag, 10. September 2012

Auf Wiedervorlage


"Präsident Obama hat vor vier Jahren eine zutiefst beschädigte Wirtschaft übernommen ..."
Bill Clinton
ehemaliger US-Präsident
in seiner Rede während der Democratic National Convention
5.9.2012

"... und falls er (Obama) wieder gewählt werden sollte, wird er eine noch viel tiefer beschädigte Wirtschaft übernehmen."
Jay Leno
amerikanischer Comedian
Moderator der Tonight Show,
7.9.2012

"Wenn man mal außer Acht lässt, wie Obama sich die progressiven Kräfte einverleibt hat zur Unterstützung seines Bush-ähnlichen Regierungsstils, dann scheint es ein Kinderspiel zu sein, sie für weitere vier Jahre desselben Stils zu mobilisieren."
"Nun, das versteht man unter Hoffnung! Gewissermaßen."

Freitag, 7. September 2012

Zur Sonne


Was tun, wenn eine politische Partei im freien Fall nach unten ist? Erst mal nachschauen, wie tief sie gefallen ist. Also, von welcher Höhe in welche Tiefe.

Das ist im vorliegenden freien Fall der griechischen PASOK - einer Partei, die sich ungeniert sozialistisch nennt und dabei stramm kapitalistisch agiert - eine Fallgeschwindigkeit von fast 50 Prozent, bezogen auf einen Zeitraum von gut zwei Monaten: von bereits lausigen 12 Prozent (Parlamentswahlen am 17. Juni) auf unterirdische 7,5 Prozent (6. September). Mit anderen Worten, die Partei fällt schneller in den Abgrund als ein nasser Zementsack.

Zeit zur Einkehr, zur Besinnung, zur Reflektion. Was tun? Für eine stramm kapitalistisch agierende Partei kann das nur heißen: ein Markenrelaunch mit auffrischender Imagepolitur, und darum - logo - muss ein neues Logo her:


Die neu gestylte Parteisonne leuchtet symbolstark in frühlingsfrischem Grün; dafür hat sie zwei ihrer Strahlen verloren (jetzt sieben statt früher neun) - vermutlich symbolischer Ausdruck für den Verlust an Strahlkraft, den die Partei nicht erlitten, sondern durch ihre Politik selbst verursacht hat: Sie dümpelte nach den Wahlen nur noch als drittstärkste Partei in den Niederungen der Wählerungunst und ist seit ein paar Tagen weiter abgesackt auf Platz vier; also ein in frischem Grün kolorierter Sonnenuntergang.

In launigen Worten halluzinierte Parteichef Venizelos bei der Enthüllung des neuen Parteilogos, bei "unserer Sonne" handele es sich um "das Universum unserer progressiven Werte", deren Anzahl auf magische Weise von neun auf sieben progressiv geschrumpft wurden, was sich möglicherweise abbildet in den schrumpfenden Sympathien für eine neoliberalistisch verstrahlte sozialistische Partei (die sich der Forderung nach einer Sechstagewoche bei gleichzeitigen Lohn- und Rentenkürzungen unterwirft) und die Frage aufwirft, wie zugedröhnt eine Partei sein muss, dass ihr, mitten im freien Fall befindlich, nichts anderes als ein neues strahlenreduziertes Logo einfällt.


War noch was? Ach ja, wie erwähnt ist PASOK auf Platz vier in der Parteienpositionierung abgestunken, weil es ihr - so wie allen anderen Parteien in Griechenland - nicht gelingt, gegen die erfolgreiche faschistische Neonazi-Partei Golden Dawn anzustinken (das sind die mit dem Hitlergruß und den Hetzjagden auf Ausländer). Die "goldene Morgenröte" hat in den letzten zwei Monaten einen steilen Sonnenaufgang hingelegt von 6,9 Prozent (17. Juni) auf 9,5 Prozent (6. September) und sich damit zur - demoskopisch gesehen - drittstärksten Partei gemausert.

War noch was? Eigentlich nicht, bis auf diese Grafik, die eine Korrelation zeigt zwischen dem Ansteigen von Arbeitslosigkeit und dem Ansteigen der Wählerstimmen für eine Nazi-Partei:

(zum Vergrößern auf Link klicken)

War sonst noch was? Ach so, bevor ich's vergesse: Die Arbeitslosigkeit in Griechenland ist im Verlauf nur eines Monats (Mai bis Juni 2012) um fast ein Prozent angestiegen (von 23,5 auf 24,4 Prozent).

Aber sonst war nichts. Absolut nichts.


Mittwoch, 5. September 2012

Machen Sie sich mal frei


Endlich wird Klartext gesprochen. Endlich kommt Licht in die umwölkte Rhetorik moderner Zeiten und freier Märkte, namentlich deren "Kräfte", die die gefesselten Märkte von ihren Ketten befreien wollen.

Was wir schon immer wussten, uns aber nicht laut zu sagen getraut hätten - es fliegt einem sonst ja sofort die ganz große Verschwörungskeule an den denkenden Kopf -, entlarvt sich als systematisch durchdachter Plan, der entlarvt wird von keinen Geringeren als den Planern höchstselbst. Von denen, die Großes mit Europa im Sinn haben. Denen, die es viel zu schade fänden, eine von ihnen selbst fabrizierte Krise ungenutzt verstreichen zu lassen. Europa? Da geht noch was. War doch in der sogenannten Dritten Welt genauso. Hat doch funktioniert. Warum also nicht Europa mit einem gut abgehangenen Dritte-Welt-Feeling beglücken?

Ab sofort kann keiner mehr behaupten, er habe nichts gewusst, wenn von den freien Kräften des Marktes über Wettbewerbsfähigkeit™, Flexibilisierung™ und Reformen™ (gern auch: strukturelle™ oder Arbeitsmarktreformen™) deliriert wurde. Die freien Kräfte sind jetzt so frei, die Dinge ungeschminkt beim Namen zu nennen; das Mikromanagement der Troika zur Verwüstung, Verarmung und Versklavung der europäischen Peripherie liegt auf dem Tisch:
  • Die Arbeitstage pro Woche werden von fünf auf sechs erhöht - wieso eigentlich nicht gleich auf sieben?
  • Elf Stunden Freizeit pro Arbeitstag genügen vollauf zur Wiederherstellung der Arbeitskraft - der 13-Stunden-Arbeitstag rückt in greifbare Nähe
  • Keine zeitlichen Beschränkungen zwischen Früh- und Spätschichten - keine Atempause, wir bleiben dran
  • Verkürzte Kündigungsfristen - Rausschmiss jederzeit möglich
Gut, die freien Kräfte haben jetzt nicht wortwörtlich gesagt, dass Arbeit frei macht. Immerhin lassen sie den Arbeitenden noch einen Tag in der Woche frei, bitte, sie hätten ja auch gleich eine 7-Tage-Woche fordern können. Wobei dem Einfallsreichtum der freien Kräfte - sind sie erst einmal entfesselt und so richtig in Fahrt, ist die Krise erst einmal entfesselt und nimmt so richtig Fahrt auf - keine Fesseln, hm, Grenzen auferlegt sind. Weil, da geht doch noch was: Demnächst wird acht Tage die Woche geschuftet. Nach Plan.

Dienstag, 4. September 2012

Geschichten für Groß und Klein


Für Groß:
(kurz und bündig*)
"Was scheren mich die Armen? Schließlich gibt es für die ein Sicherheitsnetz. ... Jetzt erzähle ich euch mal meine Geschichte: Ich bin auch arbeitslos!"
(langatmig**)
"(Mein Wirtschaftsplan, um die Mittelschicht zu beflügeln, ist,) dass ich mein Bestes tun werde, indem ich eine Geschichte während des Wahlkampfes erzähle: Diese Geschichte werde ich stets aufs neue erzählen, falls ich genug Glück habe, eine zweite Amtszeit zu bekommen. So werde ich sichergehen, dass die Leute verstehen, dass mein Fokus auf dem Wachstum unserer Wirtschaft liegt, indem ich hinreichend versichere, dass wir die besten Arbeiter der ganzen Welt haben, die beste Technologie der Welt und dass wir wettbewerbsfähig sind für das 21. Jahrhundert."

Für Klein:

"Erzählt uns keine Geschichten!"


* (Mitt Romney 2011 in einer Wahlkampfrede an arbeitslose Menschen in Florida)
** (Barack Obama am 30. August 2012 in einem Interview mit dem Magazin TIME, nachdem er unlängst auf die Frage, was er für den größter Fehler in seiner ersten Amtszeit halte, geantwortet hatte: "Ich habe den Leuten nicht genug Geschichten erzählt.")

Montag, 3. September 2012

Vorwärts


(zum Vergrößern auf Link klicken)

Das jüngste von der griechischen Regierung geschnürte Austeritätspaket - um als Gegenleistung weitere Gelder von der Troika zu erhalten, die sie nur dann erhalten wird, wenn sie weiterhin Austeritätspakete schnürt - umfasst die "Reduktion von Steuerbefreiungen" in Höhe von 450 Millionen Euro, darunter:
- 67 Prozent weniger Steuerbefreiung für behinderte Menschen
- Komplette Streichung der Einkommenssteuerbefreiung für arbeitslose Menschen
Kommentar eines Syriza-Sprechers bei VimaFM radio, Athen:
"Da ist er - der Plan umfasst sehr harte horizontale Maßnahmen, die einen großen Teil unserer Gesellschaft in dieser Übergangszeit zerstören werden. Das Land wird hinter Jahrzehnte des sozialen Fortschrittes zurückfallen: ein Bild, das an die Nachkriegszeit erinnern wird. Eine neuerliche Runde von Austeritätsmaßnahmen wird zu einer neuerlichen Abwärtsspirale von Austerität und Rezession führen, mit Millionen von Arbeitslosen, bedürftigen Bürgern und verarmten Rentnern."
Kommentar von Francois Hollande, französischer Staatspräsident und früherer Vorsitzender der Sozialistischen Partei:
"Wir warten das europäische Gipfeltreffen im Oktober ab. Dann wird es von der Troika einen Bericht über Griechenland geben. Meine Position ist: Griechenland muss uns überzeugen, dass es den Konditionen des Memorandums nachkommt, und darf keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es sich vorwärts bewegt."

Hunger Games


Cesar Santander - Daisy at mirror, acrylic on canvas, 2007

Zu dick?
Zu kurze Beine?
Zu viele Kurven?

Die Lösung:

Daisy goes Designer-Barbie, 2012

Ess-Störungen ab sofort bereits im Kindergarten.

Sonntag, 2. September 2012

Alternativlos katastrophal


Einer von der ökonomischen Alternativlos-Front hat sich ungebeten zu Wort gemeldet und verbreitet Endzeitstimmung.

Ungebeten deshalb, weil er als Sprachrohr der UNO fungiert und es nicht so recht einleuchten will, woher ausgerechnet die UNO die Kompetenz hernimmt, den Teufel der explodierenden gesamteuropäischen Arbeitslosigkeit an die Wand zu malen, sollte das alternativlose Europa - also, das alternativlose Euro-Europa - auseinanderbrechen.

Die Kompetenz kann es nicht gewesen sein. Denn wenn einer ausschließlich mit Zahlen um sich wirft, um das kommende Horrorszenario zu prognostizieren, jedoch auf jedweden Begründungszusammenhang - Fakten, Erläuterungen, Argumente - verzichtet, dann hat ihn keine Kompetenz, sondern ideologischer Druck motiviert, mal eben zu Propagandazwecken die Kristallkugel rotieren zu lassen. Furchterregende Zahlen - sogar bis hinters Komma genau -, deren Herkunft im Dunkeln bleiben, so dunkel wie das ideologisch geschwärzte Innere der rotierenden Kugel. Furchterregend sind die Zahlen, weil sie "katastrophal" sind, drunter geht's nicht, weil, drunter wären die Zahlen ja nicht furchterregend, und nur darum geht es: um die Furcht.

Um die Furcht vor der "katastrophalen Zukunft", induziert durch den "katastrophalen Anstieg der Arbeitslosigkeit" für den Fall, dass Griechenland (wieso eigentlich immer nur Griechenland?) die Eurozone verlassen, oder gar - horribile dictu! - der komplette Euro-Saftladen auseinanderfliegen sollte. Da von dem prophetischen UNO-Ökonomen außer Zahlen, eindringlichen Warnungen sowie x-malig heraufbeschworenen "Katastrophen" nichts weiter Erhellendes, gar Analytisches geboten wird, bitte, dann halt ein paar Zahlen:

Spaniens Arbeitslosigkeit würde, so kalkuliert der UNO-Hobbysterngucker, im Jahr 2014 auf 36,9 Prozent ansteigen, die Jugendarbeitslosigkeit auf 59 Prozent. Ähnlich "katastrophale" Zahlen preist er für Griechenland und Portugal ein. Ob die Spanier, Griechen und Portugiesen von der kaffeesatzlesenden Hochrechnung nachhaltig zu schockieren sind, darf bezweifelt werden, denn sie haben sich ja bereits jetzt - als Eurozonenbewohner - mit einer schockierenden Arbeitslosigkeit herumzuschlagen; in Griechenland und Spanien wurde die 50-Prozent-Marke bei der Jugendarbeitslosigkeit längst überschritten, und Portugal (36,4 Prozent) ist - als Eurozonenbewohner - auf einem steilen Weg.

(zum Vergrößern auf Link klicken)

Diese katastrophalen Zahlen in der Eurozonenperipherie verdanken sich dem katastrophalen (alternativlosen) Euro-Krisenmanagement und werden infolge des katastrophalen (alternativlosen) Euro-Austeritäts-Konsensus noch katastrophaler in die Höhe schnellen. Jetzt können sich die arbeitslosen Griechen, Spanier und Portugiesen (dicht gefolgt von den arbeitslosen Italienern mit 35,3 Prozent Jugendarbeitslosigkeit) an einer Hand ausrechnen, welche Perspektive für sie katastrophaler ist: die in der Eurozone oder die ohne - weil auseinandergeflogene - Eurozone?

Egal, der deutsche UN-Ökonom sitzt rechnend an seiner Kristallkugel und rät dringend, alles so katastrophal weiterlaufen zu lassen wie bisher; alles andere würde katastrophal enden. Vielleicht weniger für die Südeuropäer, dafür umso katastrophaler für die Deutschen: 11,3 Prozent Arbeitslosigkeit im Jahr 2014 "und darüber hinaus", also eine glatte Verdoppelung im Falle eines Auseinanderbrechens der Eurozone!

Deutsche! Wollt ihr das? Das könnt ihr doch nicht wollen! Habt ihr vergessen, wie miserabel es euch ging, damals, als es den Euro noch nicht gab und ihr - brotlos, in Sack und Asche gewanded, frierend in ungeheizten Dachböden - das Erfolgsmodell Eurozone herbeisehntet? Die nackte Furcht sollte euch packen, wenn die gutdotierten Systemvertreter der Eurozone euch davor warnen, dass ihr ohne das System Eurozone arbeitslos werdet! Habt ihr das verstanden?

Und jetzt alle:

Ich bewohne
die schönste Zone,
die Eurozone,
da bleib' ich drin.

Denn ohne Zone,
die Eurozone,
Gott uns verschone -
ist alles hin.

Alternativlose aller Länder, vereinigt euch. Gründet eine Alternativlosenzone, schafft euch eine Alternativlosenwährung und, ganz wichtig!, eine Alternativlosensprache. Als Grundwortschatz reichen die Vokabeln alternativlos und katastrophal völlig aus. Habt ihr das verstanden? Gut. Und jetzt einfach mal die Klappe halten, alternativlos. Weil ihr mir nur noch katastrophal auf den Geist geht.