Es ist immer wieder interessant zu verfolgen, nach welchem Schema die Medien auf Protestbewegungen reagieren. Am aktuellen Beispiel #occupywallstreet lässt sich das gut aufzeigen:
In den ersten Tagen wurde der Protest einfach totgeschwiegen. Er existierte nicht - selbst in 'lokalen' Tageszeitungen wie der New York Times, vor deren Haustür praktisch der Protest stattfand.
Als sich nach ein paar Tagen herausstellte, dass die Wallstreet-Besetzer von zähem Naturell sind und keinerlei Anzeichen der Protestermüdung zeigten (heute sind sie bereits seit zwölf Tagen dabei), kam allmählich, wenn auch schwerfällig, die Berichterstattung der großen Medien-Tanker ins Rollen; wobei 'Berichterstattung' ein großes Wort ist für das, was berichtet wurde: Beißender Hohn und Spott ergoss sich über die paar Hundert, überwiegend junger Indignados in Downtown Manhattan.
Speziell Medien mit linksliberalem Aushängeschild und 'aufklärerischem' Anspruch übertrumpften sich gegenseitig in abfällig naserümpfenden Reportagen über das, was sich auf Wall Street abspielte: eine Freakshow durchgeknallter, unreifer Hippies - mehr nicht. Keinesfalls ernstzunehmen. Während die konservativen und eher rechtsgerichteten Medien - erwartbar - in hassgetränkter Ungeziefer-Rhetorik schwelgten, machte die andere Seite sich einen Sport daraus, die Protestbewegung auf zynische Karikaturen (in Text und Bild) zu verstümmeln und sich kollektiv darüber lustig zu machen.
Seit ein paar Tagen hat sich das Blatt der Berichterstattung erneut gewendet. Nachdem es zu schweren Übergriffen der New Yorker Polizei gegenüber den Demonstranten gekommen war, wird jetzt berichtet, was das Zeug hält. Worüber? Über die Übergriffe der Polizei. Because violence sells - Gewalt verkauft sich gut.
Was der linksliberale Fernsehsender MSBNC hier zeigt, ist eine ausgezeichnete Zusammenfassung der jüngsten, auf Video dokumentierten Ausschreitungen der Polizei. Einerseits.
Andererseits fällt in den knapp zehn Minuten Sendezeit kein einziges Wort über das, worum es bei #occupywallstreet tatsächlich geht:
kein Wort über den hohen Grad an Selbstorganisation;
kein Wort über die aus der Not (Verbot von Megaphonen und Mikrofonen) geborenen Kommunikationstechniken (Chanting);
kein Wort über die täglich stattfindenden General Assemblies, wo politische Forderungen und Strategien diskutiert werden;
kein Wort über die zähe Ausdauer der Protestierenden, die unter widrigen Umständen (Verbot von Zelten, Schlafsäcken, Regenplanen und -schirmen) ihre Kritik artikulieren an dem, was "eigentlich" alle kritisieren, aber eben nicht artikulieren: die Kritik und der Überdruss an einem korrupten System.
Gestern nun ist die New York Times in eine neue Phase der Protest-Berichterstattung getreten: Da sich ja nicht länger leugnen lässt, dass rund um den Globus Bewegungen entstehen, die für mehr Demokratie, mehr Transparenz und gegen Korruption kämpfen, widmet sich die Zeitung ausführlich den Protesten in Griechenland, Spanien, Ägypten, Indien, Israel und anderen Ländern. Offenbar sind der NYT die Berichte, die über die Auslandsredaktionen hereinkommen, relevanter als das, was im eigenen Hinterhof passiert: kein Wort über #occupywallstreet.
Vielleicht kommt ja demnächst etwas Handfestes im Wall Street Journal.
