Mittwoch, 28. November 2012

Geh, wohin dein Hintern dich trägt


Mir wackelt der Hintern vor Lachen. Der Hintern, das ist jenes Gebilde, was irgendwo hinten am Körper angebracht ist. Daher der Name. An anderen Menschen nagen dahingehend leise Zweifel:
... nach einem Tag wie heute weiß ich nicht mal mehr, auf welcher Seite meines Körpers der Arsch angewachsen ist.
Ist das herrlich oder nicht? Es ist nicht herrlich, es ist oberherrlich. Eins steht fest: Der Mann, der dies bekennt, hat einen Arsch in der Hose, völlig wurscht, wie herum er seine Hose trägt. Aus letzterer lässt er zum Thema "Was ist Zivilisation?" ein "kurzes, eher tonloses WTF?" entweichen, welches sodann, sprachlich angereichert, den Raum mit herrlich dicker Luft füllt:
Einerseits möchte ich damit meiner Begeisterung über die Courage und Vernunft erheblicher Teile der ägyptischen Bevölkerung Ausdruck verleihen. Nachdem der von unserer (zivilisierten, westlichen) Seite viel beachtete Arabische Frühling den Ägyptern schlussendlich, wenn man die aktuellen Gesetzesinitiativen betrachtet, auch nur einen neuen GRÖFAZ-Kandidaten beschert hat, gehen die doch glatt wieder auf die Straße! Anstatt sich wie normale (zivilisierte, westliche) Menschen ins winterliche finstere Kämmerlein zurückzuziehen und ausgiebig die allgemeine Sinnlosigkeit jeden Protests zu beweinen, fangen die einfach an wieder zu protestieren. Wenn wir davon schon nichts lernen wollen, dann sollten wir uns wenigstens anständig schämen.
Genau dasselbe dachte ich heute, als ich das sah:



- hielt es jedoch nicht für nötig, etwas darüber zu schreiben, weil, ja, wieso eigentlich? Ich fürchte fast, in mir war so ein degenerierter westlich-zivilisierter Impuls am Werk nach dem Motto 'bringt ja eh nix, lass es bleiben'. Also ließ ich es bleiben, ohne weiteres Reflektieren, zu welchem mich jetzt - verspätet, aber immerhin - der Mann mit dem Arsch in der Hose angeregt hat. Schämen tu ich mich auch ein bisschen, um genau zu sein: anständig.

Gottlob verschafft dieser Kerl seinen ketzerischen Gedanken weiterhin Luft:
Bei uns (zivilisierten, westlichen) Staatsbürgern hingegen tobt ein Sturm im Wasserglas Furz im Schnapsglas, weil die Bundesregierung einen von ihr selbst in Auftrag gegebenen Bericht, in dem so oder so nichts steht, was nicht jeder seit Jahren wüsste - so es denn jemanden interessierte - so überarbeitet hat, dass er zum offiziellen Regierungsnarrativ passt. Welch vollkommen unvorstellbar ekelerregender Verrat an allen humanistischen Idealen der letzten 25.000 Jahre! Jemand gibt einen Bericht in Auftrag und verlangt dann, dass darin nur das formuliert wird, was er dort auch lesen will!
Was ist das für ein Land, in dem der Skandal nicht darin besteht, über Jahre hinweg und unter Mitwirkung aller Parteien, aktiv steuernd immer größere Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung in immer schlechter bezahlte Niedrigstlohnarbeit zu drücken, währen die Vermögen und "Einkommen" der stetig abnehmenden Zahl der wirklich Wohlhabenden sich in immer exorbitantere Höhen aufschwingen, sondern absurderweise darin, dass jenes Gremium, das genau diese Entwicklung seit Jahren im vollen Licht der Öffentlichkeit mit allem Nachdruck betreibt, eine "kritische" Berichterstattung darüber nicht veröffentlichen mag.
Egal, auf welcher Seite seines Körpers dieses Mannes Arsch angewachsen ist, eins steht fest: Er hat das Herz auf dem rechten Fleck und das Gehirn dort, wo es hingehört. Und bringt mich mit beidem zum Lachen und gleichzeitig zum Schämen: ein Volltreffer.
Die Ägypter haben ein echtes Parlament und eine vernünftige, demokratisch agierende Regierung verdient.
Und wir?
Und wir haben schon, was wir verdienen.
Noch ein Volltreffer. Befund: Herz, Hirn und Hintern an genau der richtigen Stelle. Ohne jeden Zweifel. Herrlich, das.

Dienstag, 27. November 2012

Messages from Greece



A message from Greece:

Männer und Frauen ohne Job, ohne Einkommen, ohne Zuhause. Eine Supermarktkarre zum Transport der Überreste einer ehemals annehmbaren Bleibe: ein paar in Tüten gestopfte Klamotten, ein paar Decken, ein Schlafsack. Ein Camping-Gaskocher, ein Topf und ein Löffel. Und ein Dach aus Plastik zum Schutz gegen Novemberregen und -kälte. 
In einem öffentlichen Park, irgendwo in Griechenland. Im Griechenland des Jahres 2012, dem dritten Jahr der Troika-Rettung, der Kreditvereinbarungen und der Austeritätsgesetzgebung: 'Camper' durch Gesetzeskraft. 
A message from Greece:
Verdoppelung der Tafel-Gäste in Griechenland innerhalb der letzten zwei Jahre:
100-prozentiger Anstieg der Personen, die bei Tafeln Zuflucht suchen
A message from Greece:
Schock in Athen: Menschen suchen nach Essen in Mülltonnen
Verrottetes Gemüse, angeknackste Eier, abgelaufene Milchprodukte, alte Brotlaibe...eine Handvoll irgend etwas Essbares. Menschen, die sich noch nicht einmal einen Laib Brot für 80 Cent leisten können. Szenen einer Gesellschaft, die in verzweifelte Armut abstürzt (Video). Szenen, die sich in immer mehr Vororten der griechischen Hauptstadt abspielen.
"Bitte hängt Lebensmittel und Brot außerhalb der Mülltonne hin"
(Gefunden an einer Mülltonne in Kallithea, 
einem Mittelschichtsvorort im Süden Athens)
Ich habe mich schon einige Male gewundert, wieso die Leute Plastiktüten mit altem Brot an die Mülltonnen meiner Nachbarschaft hängen, und ob es tatsächlich Menschen in unserem Mittelschichtsumfeld gibt, die das alte Brot mit nach Hause nehmen. Dann kam dieses Bild und hat meine Frage beantwortet. In Griechenland im Jahr 2012, im Griechenland der Europäischen Union und der Eurozone.
A message from Greece:
Griechenland in der Krise - dramatischer Anstieg von Suiziden: 
3.124 Menschen in den Jahren 2009 bis 2012
Das entspricht einem Suizidanstieg von 37 Prozent zwischen 2009 und 2011.
2009: 677
2010: 830
2011: 927
2012: 690 bis zum 23. August
A message from Greece:
Was tun?
Wir müssen uns auflehnen, wir müssen etwas tun, denn sie werden uns alle arm machen. Schluss, aus fertig. Die Menschen haben Hunger.
Und wie?
Es gibt kein 'Wie'. Wenn wir über das 'Wie' zu lange nachdenken, sind wir erledigt.
Was tun?
Alles besetzen. Alles dichtmachen. Aber nicht für ein paar Tage, sondern länger als einen Monat.
Was tun?
Schwierige Frage. Irgendwie ist diese Art von Protest ermüdend geworden und außerdem unzureichend. Was soll ich sagen? Wenn der Minister ankündigt, dass die Streikenden tun, was sie zu tun haben, dann tun wir das, was wir zu tun haben. Ich glaube, wir müssen anfangen zu besetzen, um die Menschen zu mobilisieren, denn die meisten von ihnen sind müde geworden.
Und wie soll das praktisch geschehen?
Praktisch? Das will ich nicht aussprechen ...
Doch, sagen Sie es!
Im Grunde mit Gewalt, aber nicht im Sinne von losziehen und Leute töten. Ich weiß nicht, ob ...
Was tun?
Nichts, was heißt: was tun ...
Nichts?
Aufstand. Aufstand des Volkes, losziehen und all die Politiker abschlachten.
(Video 'A message from Greece' via From the Greek Streets
A message from Greece:


A message from Greece:
Wir müssen uns mit den Menschen organisieren, um dieses Regime zu stürzen.
Wir sollten uns nicht stark machen für Wahlen für ein Parlament, das zu einem Feigenblatt eines grausamen Regimes verkommen ist, das seine Menschen vernichtet und das Land ausverkauft. Wenn wir so weitermachen mit der Verfahrensweise der Parlamentswahlen wie beim letzten Mal, dann legalisieren wir de facto alle Gesetze, die den Verantwortlichen und Kollaborateuren an dieser nationalen Tragödie Asyl gewähren. Wir legalisieren die "internationalen Verpflichtungen" des Landes und die Praktiken und Ziele unserer Gläubiger (derzeit eine Opferung der ganzen Bevölkerung, internationale Stigmatisierung der Griechen, offene Erpressung, Verhängung eines Besatzungsregimes usw.). Diese Vorgehensweise ist nach den Grundsätzen der internationalen Rechtsordnung als kriminelle Handlung gegen die griechische Bevölkerung einzustufen. Sie verletzt die grundlegenden Menschenrechte und ist als solche von den internationalen Gerichten zu verfolgen.
Man kann heute nicht einfach nach Wahlen schreien, wie wir sie bisher kennen. Man muss nach Demokratie für die Menschen rufen.
Den Zähler auf Null zurückstellen und von vorne beginnen. Und zwar in einer Art, die im internationalen Recht anerkannt ist; alle rechtlichen Zusicherungen und Garantien verfallen, die von der herrschenden Clique willkürlich oder illegal vorgenommen wurden.
Unser grundlegendes Ziel ist, einen politischen Generalstreik von langer Dauer zu organisieren, der als zentrales Thema haben müsste "Übergeben Sie die Macht, gehen Sie nach Hause und nehmen Sie Ihre schlechten Chefs bloß mit!" Von diesem Ziel werden wir nicht abweichen, denn dann würden wir den Kampf für die Demokratie aufgeben.
Im Moment zeigt das Land alle Anzeichen eines Kollapses, wie ihn Argentinien 2001 erlebt hat, als es komplett kollabierte und absichtlich in einen dreijährigen Bürgerkrieg gezwungen wurde, der Tausende von Opfern hinterließ. Mit diesem Chaos droht uns (Ministerpräsident) Samaras, und damit es im Land auch wirklich herrscht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: die Fortsetzung der heutigen Politik und politisches Personal, das so eingeschworen ist, dass es das Chaos der Massenvernichtung von Menschen organisiert. Von oben und mit voller Absicht.
Je mehr wir zulassen, dass der Weg von lokalen und ausländischen Häuptlingen bestimmt wird, umso mehr ist ein Ding sicher: Die Anzahl der Opfer wird sich erhöhen, bis selbst dem Ignorantesten das Ausmaß der Vernichtung klar wird, dem das griechische Volk anheimfällt.
Angesichts dieser Situation haben wir nur eine Pflicht: das Überleben unseres Volkes und die Befreiung unseres Landes. Viele haben nur im Selbstmord einen Ausweg gesehen, was zu vielen Tausend Toten in den letzten zwei Jahren geführt hat. Allerdings kann man sich auch für die Würde entscheiden anstatt für den Selbstmord. 
Wir sollten für unsere Würde als Mensch kämpfen, als Bürger, als Volk und als Grieche. Es steht einem Menschen nicht an, sich wie ein Tier behandeln zu lassen. Es steht dem Volk nicht an, sich wie ein streunender Hund in seiner Angst vor Gangstern zu ducken, die es all die Jahre bestohlen und haben und nun in die Sklaverei verkaufen wollen. Und es steht einem Griechen nicht an, sein Land ohne Kampf, ohne Schlacht, ohne Krieg an die zu übergeben, die ihn mehr betrogen haben als es jede Besatzungsmacht jemals vermochte.
Aus einem Interview (Übersetzung aus dem Griechischen: Edit Engelmann) mit dem griechischen Ökonomen Dimitris Kazakis, Aktivist bei EPAM ("Vereinigte Volksfront").

EPAM strebt als parteiübergreifende politische Bewegung ein unabhängiges, freies Griechenland an und organisiert im ganzen Land soziale Projekte wie Lebensmittelsammlungen, Tauschprojekte und Kooperativen aller Art. Kazakis wird - wegen seiner radikal basisdemokratischen Haltung und seines Plädoyers für die Wiedereinführung der Drachma als Währung - von den Massenmedien gemieden und meidet seinerseits die Massenmedien als verlängerten Arm der EU-Politik und damit des Ausverkaufs der griechischen Bevölkerung. Er ist Herausgeber der während der Krise ins Leben gerufenen Zeitschrift "Xoni" (auf deutsch etwa: Horn, Sprachrohr, Megaphon), die inzwischen an fast jedem griechischen Kiosk erhältlich ist.

A message from Greece:

'Utopia on the horizon', ein Dokumentarfilm von ROAR (Reflections on a Revolution) über die Krise und die Anti-Austeritäts-Bewegung in Griechenland: 
Gewidmet all denen, die sich entschieden haben zu kämpfen
Das dramatische Porträt eines Landes, das am Rande des Kollapses taumelt; und von Menschen, die sich entschieden haben zu kämpfen, um eine neue Welt aus den Ruinen einer alten Welt aufzubauen.
Utopien sind keine schwärmerischen Tagträume. 
Utopien entstehen aus harten Erfahrungen der Verzweiflung, der Enttäuschung, der Aussichtslosigkeit, des Scheiterns, des Lernens und des ungebrochenen Willens weiterzukämpfen.
Utopie heißt Kampf.


Donnerstag, 22. November 2012

Unbekannte Fluchobjekte




Huch. 
Was so alles passieren kann, wenn man nicht aufpasst. 
Vor allem beim Fliegen.
Drum sollte man immer gut aufpassen, 
speziell beim Besteigen eines Fliegers.
Natürlich auch auf Schuhe; 
auf die sollte man stets besonders gut aufpassen.
Am allermeisten aber auf fliegende Schuhe.
Guten Fluch!
Wenn auch mit Fluch.
Huch.

Montag, 19. November 2012

Wanderers Einkehr


Ha. Zwei Fundstücke animieren mich zu einer nachträglichen Referenz an meinen gestrigen Beitrag, wo es um ein Gipfelerlebnis in Cádiz und
- der Gipfel! - gegen Austeritätspolitik demonstrierende Polizisten in Madrid ging.

Zum einen dies:
Protestierende spanische Polizisten:
"Bürger, vergebt uns, dass wir nicht die wirklich Verantwortlichen für diese Krise verhaften: Banker und Politiker."
war am Samstag auf einem Transparent zu lesen.

Liest sich gut. Könnte fast ans Herz gehen. Die Polizei entschuldigt sich bei den Bürgern, quasi daneben gegriffen zu haben! Weil, eigentlich hätte die Polizei ja - eigentlich, hätte sie die cojones dazu gehabt - dann hätte die Polizei eigentlich, ja, was eigentlich tun sollen? Wir probieren es einfach nochmal:
"Bürger, vergebt uns, dass wir nicht die wirklich Verantwortlichen für diese Krise verprügelt haben: Banker und Politiker."
Liest sich noch besser. Könnte allen, die am 14. November während des Generalstreiks von der Polizei verprügelt und (wahlweise mit Gummigeschossen oder Tränengas, gern auch beidem) beschossen wurden, fast ans Herz gehen. Fast. Wären da nicht die Schusswunden, die blutenden Köpfe und die blauen Flecke am ganzen Körper, sowie die realistische Aussicht, bei der nächsten Protestaktion aufs neue übel zugerichtet zu werden, von einer reumütigen Polizei: Bitte vergebt uns bereits heute für unsere Übergriffe von morgen, weil, wir meinen das gar nicht so, wir meinen das eigentlich ganz anders - wir verstehen uns, oder?

Zum andern das:

"Der Wanderer über dem Nebelmeer"

Spanischer Polizist beim Gipfelerlebnis:

Über allen Gipfeln ist Ruh',
in allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch.
Nicht nur Bürger wandern, sondern
wir auch:
Dann schweigen die Knüppel auf der Straße,
das Gas und die Wasserwerfer.
Aber warte nur, balde
schlagen wir wieder zu.

Sonntag, 18. November 2012

Starker Stoff


In der südspanischen Stadt Cádiz muss gestern schwer was los gewesen sein. Anlässlich eines ibero-amerikanischen (Spanien, Portugal, Lateinamerika) Gipfeltreffens haben sie sich dort die Naturkräuter gegenseitig um die Ohren gehauen, dass es nur so gequalmt hat.

Der bolivianische Präsident Evo Morales wollte das Kauen von Coca-Blättern legalisiert haben, - etwas, was zuhause in den Anden sowieso jeder tut, von den Vereinten Nationen jedoch mit einem Verbot belegt ist, welches wiederum die Vereinigten Staaten von Amerika mit Zähnen und Klauen sowie dem Argument verteidigen, Coca-Blätter seien der gefährliche Rohstoff für das gefährliche Rauschgift Kokain, dessen Hauptkonsument weltweit die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Bitte gut durchkauen und auf der Zunge zergehen lassen.

Ferner ging der mexikanische Präsident Felipe Calderon auf die Barrikaden, weil ein paar US-amerikanische Bundesstaaten das Rauchen von Marijuana legalisiert haben wollen, - etwas, was in Amerika sowieso jeder tut, von Calderon jedoch mit Zähnen, Klauen sowie dem Argument bekämpft wird, "sein Land könne sich keinesfalls auch nur einen einzigen Schritt zurück leisten im Kampf gegen Drogenhandel" und die ganze Kriminalität, und außerdem mache der Genuss von Marijuana gewalttätig und überhaupt.
Bitte in angemessenes Papier rollen und tief inhalieren.

Undokumentiert ist, worauf während des festlichen Gipfel-Dinners herumgekaut und wieviele Ofenrohre anschließend zu Verdauungs- und Erleuchtungszwecken herumkreisten. Dokumentiert ist jedoch die jüngste Erleuchtung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy; der geht nämlich auf Betteltour bei den ehemaligen spanischen Kolonien Lateinamerikas:
In einem historisch zu nennenden Rollentausch hofierten die rezessionsgeplagten Länder Spanien und Portugal die Regierungschefs ihrer ehemaligen lateinamerikanischen Kolonien - Länder mit inzwischen stärkstem Wirtschaftswachstum.
Die Lateinamerikaner, so Rajoy, sollen sich jetzt mal gefälligst erkenntlich zeigen und den Spaniern "helfen, ihre tiefe finanzielle Krise zu überwinden mithilfe von Investitionen", - jetzt, wo "die Rollen vertauscht seien", die früheren Kolonien prosperierten und also ruhig mal den krisengebeutelten Ex-Kolonialherren unter die Arme greifen könnten.
"Unsere Augen sind auf euch gerichtet: Wir brauchen mehr Lateinamerika."
- sekundierte der spanische König Juan Carlos und vergaß nicht, eindringlich hinzuzufügen, dass
"... in Spanien schwierige Situationen in Erscheinung treten, verursacht durch die finanzielle und wirtschaftliche Krise."
- womit er gewiss auf die schwierigen Situationen anspielte, die derzeit auf Spaniens Straßen in Erscheinung treten, wo Hunderttausende von Menschen gegen die ihnen aufgehalste finanzielle und wirtschaftliche Krise protestieren, sowie (zeitgleich zu dem Gipfeltreffen in Cadiz) über 5.000 gegen Kürzungsmaßnahmen in Madrid demonstrierende Polizisten, die wissen wollen, wie sie, bitteschön, weiterhin auf jene Hunderttausende einprügeln sollen, wenn ihnen, den Polizisten, die Renten gekürzt und das Weihnachtsgeld gestrichen werden?

Noch ist nicht dokumentiert, wie die früheren spanischen Überseekolonien auf den von Rajoy angetragenen Klingelbeutel reagiert haben. Fest steht nur, dass sich die herzzerreißende Betteltour gestern im symbolträchtigen Cádiz zugetragen hat, jener spanischen Hafenstadt also, die vormals in schwunghafter Blüte gestanden hatte, zu jener Zeit, als dort die erbeuteten Schätze der Azteken und Inka aus dem fernen Lateinamerika importiert worden waren.

Hoher Dröhnfaktor in Cádiz, alles in allem. Man wäre nicht ungern dabeigewesen. Schon um zu wissen, was die bei so einem Gipfel alles rauchen, wenn sie lange genug darauf herumgekaut haben.

Freitag, 16. November 2012

Sleep well with Deutsche Bank



Der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky hat einen kleinen dreiminütigen Film gedreht.

Ort: eine Deutsche-Bank-Filiale in Berlin.
Handlung: Ein paar Menschen ohne Wohnsitz schlafen auf dem Boden des Geldautomaten-Vorraumes. Zwei Bankkunden betreten den Raum, steigen über die schlafenden Gestalten und ziehen Geld aus einem Automaten. Dann betritt eine Frau den Raum und bleibt zögernd in der Eingangstür stehen.
"...eine Frau öffnete die Tür zu den Geldautomaten, und als sie wahrnahm, dass drinnen Menschen schliefen, schloss sie langsam wieder die Tür und ging auf Zehenspitzen weg, während sie sagte, 'schlaft gut!'"
Victor Kossakovsky, NYTimes
Der Film heißt Lullaby (Schlaflied) und wird untermalt von dem träumerischen Lied Lullaby der udmurtischen Sängerin Nadezhda Utkina. Das Kunstwerk aus Film, Musik und Gesang ist so subtil, so melancholisch, so berührend und so verstörend, dass ich mich vor weiteren Worten scheue und lieber immer wieder den Film auf mich wirken lasse. Ich glaube, wenn Kunst so zu wirken vermag, dann - und nur dann - ist sie: Kunst.


Donnerstag, 15. November 2012

Fuchteln und Knuddeln


Einfach zum Knuddeln, diese Deutschen. Vor allem, wenn sie in jedes stereotype Fettnäpfchen reintreten, vorzugsweise mit voller Breitseite und extra ungeniert im Ausland, wo der Gestus des besserwisserischen Zuchtmeisters besonders gut ankommt. Wenn dann das deutsche Knuddelpaket auch noch auf den Namen 'Fuchtel' hört und erwartet, dass alle auf den Fuchtel hören, bloß weil der Fuchtel den Schulmeister gibt und mit dem oberlehrerhaften Zeigefinger ("Wofür die Griechen 3.000 städtische Müllabfuhrleute brauchen, das schaffen die Deutschen mit 1.000 Mitarbeitern!") herumfuchtelt, dann darf der Fuchtel sich nicht wundern, wenn er mit ein paar fliegenden Eiern geknuddelt wird.

War natürlich, wie üblich, alles "nur ein Missverständnis" und gar nicht so gemeint, als ob man die Griechen in typisch deutscher Manier von oben herab behandeln wolle. I wo. Deshalb legte der Fuchtel auch gleich nach, dass er "vollstes Verständnis für die Probleme der Griechen" habe und niemand ihnen das Recht aufs Demonstrieren absprechen dürfe. Selbst die Deutschen nicht. Wieso der Fuchtel dann allerdings zielsicher ins nächste bereitstehende Fettnäpfchen meinte schliddern zu müssen:
"Wir müssen ihnen (den Griechen) die Möglichkeit zum Demonstrieren und Protestieren geben, denn das ist das Recht eines jeden Bürgers in einer Demokratie."
- und damit expressis verbis kundzutun, unter wessen Fuchtel er die protestierenden Griechen sieht, wissen noch nicht mal die Götter. Vielleicht sollte bald das delphische Fettnäpfchen-Orakel befragt werden.