Montag, 6. August 2012

Sommermärchen, das siebte


Sommerzeit ist Urlaubszeit. Urlaub ist gut für Erholung. Urlaub ist gut fürs Geschäft. Wer Urlaub macht, will von Krise nichts hören. Krise ist schlecht fürs Geschäft. Krise verdirbt die Urlaubsstimmung. Wer von Krise nichts hört, macht Urlaub. Urlaub heißt Abschalten. Wer abschaltet, hat mehr vom Urlaub. Abschalten macht gute Stimmung. Krise gehört abgeschaltet.

Nachdem sich die politische Situation in Griechenland nachweislich stabilisiert hat, die Krise rechtzeitig zur Urlaubssaison aus den Schlagzeilen getilgt wurde, die von Rechtsextremen propagierte und praktizierte Fremdenfeindlichkeit kaum der Erwähnung wert ist und einem prosperierenden Fremdenverkehr nunmehr nichts im Wege steht, - dümpelten die Zahlen in der griechischen Tourismusbranche immer noch unbefriedigend vor sich hin. Es musste etwas getan werden.

So kam es, dass die im Juni auf die Schnelle zusammengebastelte Regierung ein Tourismusministerium ins Leben rief. Die frischgebackene Tourismusministerin verlor keine Zeit, tat, was getan werden musste und was Tourismusminister halt so tun, um Urlaubsstimmungen und -buchungen anzukurbeln: positive Botschaften kommunizieren. Kernbotschaft: "Griechenland ist zurück im Geschäft." Thesenbegründung: "Wir haben jetzt politische Stabilität." Conclusio: "Wir wollen die Leute ermutigen, sich für Griechenland zu entscheiden." Damit stand das griechische Sommermärchen auf stabilen, mutigen, geschäftigen Füßen und bedurfte nur noch der kreativen Umsetzung.

Um Sommermärchen kreativ umzusetzen, bedarf es geeigneter operativer Maßnahmen, um "die öffentliche Wahrnehmung des Landes umzupolen" (Ministerpräsident Antonis Samaras). Dazu sagt der Fachmann: Imagekapagne. Imagekampagne heißt, den Leuten so lange einzubläuen, dass die Welt in Ordnung und Griechenland krisenfrei ist, bis sie endlich raffen, dass sich vor der krisenfreien Kulisse der Insel Kreta hervorragend abschalten lässt. Natürlich nur mit dem nötigen Kleingeld des krisenüberdrüssigen Urlaubers.

Abschalten von der Krise? Auf nach Griechenland!
Mitten rein ins griechische Sommermärchen:


Donnerstag, 2. August 2012

Don't Give a Shit


Noch ist nicht alles gesagt zu Olympia 2012.

Die Ghetto-Taube von Ronzo hat das letzte Wort:


Göttliche Komödie


Was wäre das Leben ohne die Krise? Man hätte nichts mehr zu lachen.
Innerparteiliche Spannungen erschüttern Pasok
heißt es in den Athens News, nachdem gestern in der sozialdemokratischen Partei Griechenlands Pasok der Teufel los war. Parteipräsident Venizelos und der parlamentarische Sprecher Chrisochoidis kriegten sich wegen der Haushaltskürzungen in die Wolle. Die Szene eskalierte.

Es entspann sich der folgende - lautstarke - Dialog:
Chrisochoidis:
Sie machen einen Haufen Lärm um nichts, was diese Kürzungen angeht.

Venizelos:
Sie haben genau dieselbe Verhandlungsposition in allen Punkten eingenommen ... Sie untergraben die Partei. Hauen Sie ab hier!

Chrisochoidis:
Nehmen Sie das zurück.

Venizelos:
Gehen Sie zur Hölle.

Chrisochoidis:
Sie gehen zur Hölle!

Venizelos:
Verlassen Sie den Raum.

Chrisochoidis:
Sie sollten den Raum verlassen!
Leider endet hier das Manuskript. Wir erfahren nicht, wer zuerst den Raum verließ, als letzter die Hölle be- oder aus der Partei austrat; sind uns aber sicher, dass in der Partei die Hölle los sein muss.
Gnädiger Vorhang.

Rückfall mit Rendite


Und jetzt das Neueste vom Tage: Goldman Sachs kommt ins Gefängnis!

Falsch, zu früh gefreut - nicht um dort wegen organisierten Finanzbetruges einzusitzen. Vielmehr um dort zu tun, was eine Investmentbank von Haus aus tut: bisschen Geld verdienen. Immer am Ball, wo es ein Schnäppchen zu machen gibt.

Knast und Schnäppchen? Na klar doch. Die Stadt New York City ist dabei, eine "hochmoderne Strategie" anzuwenden, um die Rückfälligkeit unter Strafgefangenen des wegen seiner Rückfallquote (50 Prozent) berüchtigten Gefängnisses Riker's Island zu reduzieren. Was dabei mit den Häftlingen in einzelnen angestellt werden soll, um aus ihnen keine Rückfalltäter zu machen, bleibt unerwähnt, ist aber auch völlig irrelevant, denn unter "hochmoderner Strategie" sind keine zeitgemäßen Präventiv- oder Resozialisierungs-Maßnahmen zu verstehen, sondern ein bahnbrechendes Geschäftsmodell mit reizvollem Spekulationsrisiko:

Goldman Sachs investiert 9,6 Millionen Dollar in ein (noch aufzulegendes, nicht näher definiertes) Programm zur Minimierung der Rückfallquote (rate of recidivism) bei gleichzeitiger Maximierung der Profitrate (rate of profit).
Falls das Programm die Rückfallquote um zehn Prozent reduziert, bekommt Goldman die vollen 9,6 Millionen Dollar wieder ausgezahlt; geht die Rückfallquote noch mehr zurück, könnte Goldman bis zu 2,1 Millionen Dollar Profit machen.
Fällt dagegen die Rückfallquote um weniger als zehn Prozent, müsste Goldman draufzahlen und einen Verlust bis maximal 2,4 Millionen Dollar verschmerzen (was sich bestimmt auf dem steuervergünstigenden Wege schmerzfrei wegstecken ließe). Das zum Einsatz kommende Finanzinstrument trägt den aparten Namen "social impact bonds", also so viel wie 'sozialbezogene Bonds', oder - etwas freihändiger übersetzt - 'Bonds zur Sozialverträglichkeit', oder - in so schnörkellosem wie effizientem Wording - 'Sozialeffizienz-Bonds'.

Hey, wenn das nicht hochmodern ist: Die Regierung beauftragt eine Räuberhöhle von straffreien Finanzkapitalverbrechern mit der Supervision von straffällig Gewordenen, um sie zu besseren Menschen zu machen (die Straffälligen, nicht die Straffreien) und aus dem Menschen-Umerziehungsprogramm Gewinn zu erwirtschaften. Wobei die Logik bestechend ist; denn wenn diese Goldman-Typen von etwas Knowhow haben, dann davon, wie man am besten nicht in den Knast kommt.

Sollte je der Tag kommen, wo Kriminelle aus der Finanzindustrie sich der Strafverfolgung ausgesetzt sehen (unwahrscheinlich, aber nur mal angenommen), werden die dann in den von ihnen selbst supervisierten Knästen verknackt?

Und wenn oder falls - warum dann nicht ein völlig neuartiges, hochmodernes Programm zur Resozialisierung betrügerischer Goldman-Sachs-Manager auflegen: Wir verwenden die Gelderträge aus deren kriminellen Finanztransaktionen und investieren sie - großzügig und non-profit - in die soziale Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter.

Was dann noch an Kohle übrig bleibt, dürfte für ausreichend Wasser und Brot für die in Haft Zurückverbliebenen genügen.

Morgenröte und Paradies



In Athen gibt es neuerdings ethnisch reine Lebensmittel-Almosen an bedürftige Griechen. Griechen, wohlgemerkt, nur an Griechen. Gegen Vorlage des griechischen Passes. Die Passkontrolle der schlangestehenden hungrigen Menschen erfolgte durch Organisatoren der rechtsextremen Partei Golden Dawn. Mit Kartoffeln, Nudeln, Milch und Olivenöl beschenkt wurden bevorzugt arbeitslose Menschen und kinderreiche Familien. Sofern sie ihre reinrassige griechische Herkunft nachweisen konnten.

Die wohltätigen Nationalsozialisten verteilten unter dem Signum 'Für Griechen von Griechen' ausschließlich Produkte griechischer Hersteller und griechischer Landwirte. Ob den griechischen Herrenmenschen von den Lebensmittelproduzenten ebenfalls Rassenachweise vorgelegt werden mussten, ist nicht bekannt, darf aber vermutet werden; immerhin war es bei vorausgegangenen Suppenküchen - veranstaltet von Golden Dawn für arme Menschen ausschließlich griechischer Herkunft - zu unliebsamen "Fehlern" gekommen, als unter den Zutaten Produkte entdeckt wurden, die in deutschen Supermärkten gekauft worden waren.

Die jüngste Spendenaktion fand in Syntagma Square statt, direkt vor dem Gebäude des griechischen Parlamentes. Die Aufforderung (griechischer) Staats- und Polizeibeamter, "solcherart Aktionen" auf dem berühmtesten Platz Athens zu unterlassen, wurde von der Partei der aufziehenden Morgenröte ignoriert. Ilias Kasidiaris, Parlamentsmitglied von Golden Dawn,
bezeichnete den Bürgermeister von Athen als "Bürgermeister der illegalen Immigranten" und schloss in eindeutig beleidigenden Worten, dass Golden Dawn weiterhin die Entscheidungen griechischer Beamter missachten werde, genauso wie griechische Bürger dies täten.
Eine in der Warteschlange anstehende Frau gab gegenüber dem bei der Aktion anwesenden BBC channel an, diese Initiative mache "Golden Dawn um ein Vielfaches attraktiver". Betont wurde ferner von Partmitgliedern, das gespendete Essen werde aus "staatlichen Geldern" finanziert: "Unser Slogan heißt: Staatliches Geld zurück an die Bürger".

Mehr fällt mir im Moment nicht ein.

Oder doch, das hier:


Besonders interessant: ab etwa 9:30 min.
Noch interessanter:
die letzten 30 Sekunden:
Was hat er versprochen? Arbeit und Brot für die Massen, für die Millionen Arbeiter, die damals arbeitslos und hungrig waren. Heutzutage, in unserer Wohlstandsgesellschaft, haben Arbeit und Brot keine Bedeutung mehr, aber damals war es ein absolutes Grundbedürfnis. Dieses Versprechen würde heutzutage keinerlei Sinn haben, aber damals - damals klang es wie ein Versprechen aus dem Paradies.
Damals.

Mittwoch, 1. August 2012

Lichtblicke


Mir wär's peinlich, innerhalb von nur drei Wochen zweimal denselben Käse zu verzapfen, aber wenn andere es können, tu ich es halt auch.

Schon wieder werden in Italien (Monti) "Lichtblicke am Ende des Tunnels" gesehen. Diesmal just an dem Tag, an dem die rekordverdächtigen - offiziellen! - europäischen Arbeitslosenzahlen (mehr als 18 Millionen Menschen) veröffentlicht wurden: In Italien sind sie mit 10,8 Prozent (2,8 Millionen Menschen) auf dem höchsten Stand seit acht Jahren; innerhalb eines Jahres ist dort die Arbeitslosigkeit um 37,5 Prozent hochgeschnellt. Allein zwischen Mai und Juni kamen 73.000 Menschen ohne Arbeit hinzu, die sich in einem sehr dunklen Tunnel fühlen dürften, einem Tunnel, der immer länger und bevölkerter werden wird, je länger die politische Klasse ihren derzeitigen Kurs beibehalten und mit ihren Totsparmaßnahmen den Trend fortsetzen wird.

Die aktuellen Zahlen hindern den italienischen Ministerpräsidenten keineswegs an seinem beschwingten Halluzinieren. Demnächst wird er mit erleuchtetem Tunnelblick verkünden, mit seinem jüngst im Senat durchgepaukten "harschen Spar- und Reformprogramm" habe er der Wettbewerbsfähigkeit seines Landes gewaltig auf die Sprünge helfen können. Das kostet zwar ein paar Arbeitsplätze mehr, hilft aber ungemein dabei, "verlorenes Vertrauen am Finanzmarkt zurückzugewinnen". Um nichts anderes geht es dem ehemaligen Goldman Sachs Investmentbanker Monti, der nach Berlusconis Abgang ins Regierungsamt installiert™ wurde (so sagt man, wenn einer ins Amt gehievt wird, ohne gewählt worden zu sein).

Statt also lang und breit drumherum zu reden, sollte einer wie Monti nicht des Halluzinierens verdächtigt, vielmehr ob seines Klarblickes gelobt werden. Denn natürlich sieht der Ex-Banker einen (für ihn) ganz realen Lichtblick am Ende des Tunnels: das Licht der sprunghaft ansteigenden Arbeitslosigkeit. Alles eine Frage der Perspektive.

Kaffeefahrt nach Indien


Es geht doch nichts über einen starken Morgenkaffee, begleitet von einer starken Schlagzeile, die einem das Koffein in den Adern stocken lässt:
Europäer sparen sich den Kaffee
- und ich gieße mir vorsichtshalber noch einen nach, bevor es womöglich bald heißt Let them drink latte.

Zu spät. Der Slogan hat bereits die halbe Welt erobert, den Feldzug initiiert hatte die weltgrößte Latte-Schleuder alias Starbucks mit seiner unwiderstehlichen aufgeschäumten teuren Premium-Plörre im Arsenal. Allerdings zeigt die Erfolgskurve des Kaffee-Ersatzanbieters neuerdings eine deutliche Delle:
Starbucks hat auch schon einmal bessere Zeiten gesehen. In Europa werden möglicherweise Filialen geschlossen.
- was, in Anlehnung an die gestrige Meldung, nur bedeuten kann, dass den Europäern die Plörre zu teuer geworden und ihnen darum die gute Kaffee-Kauflaune abhanden gekommen ist, was wiederum den Finanzchef der Plörre-Kette vergrätzt:
"Europa bleibt mit Abstand der herausforderndste Teil der Welt für uns", die wirtschaftliche Lage auf dem Kontinent werde sich "möglicherweise im Laufe des Quartals noch verschlechtern". Die Folge könnte sein, dass Starbucks unprofitable Standorte schließen muss.
Europa ohne Starbucks. Der Untergang des Abendlandes. Rückfall in die Steinzeit, back to Tchibo. Schnell noch eine Tasse von dem preiswerten Selbstgebrauten nachgeschenkt, weiterlesen, aufatmen: Der Rest der Welt darf sich weiterhin an Latte laben, denn mehr Latte-Wachstum gibt es "im Asien-Pazifikraum mit dem wichtigen chinesischen Markt". Und falls den Chinesen die Latte-Kauflaune vergehen sollte -
Starbucks plant, China zu seinem größten Auslandsmarkt zu machen ...
- ist dem Wachstum im fernen Osten keine Grenzen gesetzt:
... und wird außerdem noch in diesem Jahr seine ersten Kaffeehäuser in Indien eröffnen.
- was sich nur um eine aufgeschäumte Ente handeln kann, wovon die nächste starke Schlagzeile des Tages Zeugnis ablegt, denn längst gibt es in Indien das, wovon der Große Kaffeeschaumschläger träumt:

"Star...bucks in India!"