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Was passiert, wenn ein altgedienter neoliberaler Wirtschaftsjournalist wie aus heiterem Himmel eine pseudokritische rhetorische Frage stellt?
"Is austerity killing Europe's recovery?"(Töten Sparmaßnahmen die wirtschaftliche Erholung Europas?)
Dann stürzen sich alle wie besessen auf den Artikel und schreien: Trendwende! Vernunft kehrt ein! Ein Umdenken in Sicht! Endlich! Kennt man ja von hierzulande, nur dass hierzulande die trendigen trendwendigen Artikel ein bisschen schöngeistiger daherkommen. Und dann alle so, auf die Frage des Autors: Ja! Endlich sagt es einer! Dass wir da nicht früher drauf gekommen sind!
Ich las die Überschrift und dachte zuerst: Ja. Dann dachte ich: Na ja. Dann fing ich an mich zu wundern und dachte: Welche Erholung?
Aber gut. Getreu dem Motto 'Tausend Lemminge können nicht irren' stürzte auch ich mich auf den Artikel von Howard Schneider in der Washington Post.
Die Einleitung klang gar nicht mal so schlecht:
"Nach über einem Jahr aggressiver Haushaltskürzungen seitens europäischer Regierungen konfrontiert die Wirtschaftsabschwächung auf dem Kontinent die Politiker von Madrid bis Frankfurt mit der unbequemen Frage: Sind sie dabei das falsche Problem angegangen?"
Yo, könnte man so sagen. Oder fragen. Man könnte auch fragen: Wie, die stellen sich diese Frage erst jetzt? Immerhin, besser jetzt als nie. Hauptsache, endlich kommt einer und identifiziert das (in dem Fall in Spanien) zugrundeliegende wirkliche Problem: die geplatzte Immobilienblase und die unrühmliche Rolle der Banken. Recht hat er, der Howard Schneider. Obwohl, eigentlich haben wir das schon länger gewusst. Egal. Jetzt warten wir gespannt auf Howards Lösungsvorschläge. Vielleicht irgend etwas mit Bankenkontrolle, oder sonst irgendwas Sinnvolles?
Oder auch nicht.
"Aber das überstürzte Reduzieren von Haushaltsdefiziten lenkt möglicherweise ab von politisch schwierigen strukturellen Entscheidungen, die nötig sind, um den Weg für wirtschaftliches Wachstum freizugeben."
Zugegeben, bis zu der Stelle war ich noch gespannt, was der Howard wohl so auf der Platte hat bezüglich "politisch schwieriger struktureller Entscheidungen". Doch dann folgte der Absturz und es wurde grausam:
"Diese (politisch schwierigen strukturellen Entscheidungen) könnten beinhalten: den Verkauf staatlicher/öffentlicher Unternehmen in Griechenland. Oder: den Zusammenschluss der Millionen italienischer Kleinunternehmen zu effizienteren Großunternehmen. In Spanien könnte die Macht der Gewerkschaften ausgebremst werden."
Ah, okay. Die Gewerkschaften sind an allem schuld. Die spanischen Gewerkschaften sind nämlich die eigentlich Verantwortlichen für die gecrashte Immobilienblase. Irgendjemand überrascht?
Und dann diese ineffizienten italienischen Kleinunternehmer! Sollten sich endlich mal ihren kleinteiligen regionalen dolce vita-Firlefanz abschminken und sich an McDo und WalMart ein Beispiel nehmen! Einfach alles outsourcen, wo sie gut drin sind, weg mit der Kultur, her mit den riesigen gesichtslosen Einkaufszentren, rutsch mir doch den Buckel (Apennin) und den Po (Fluss) runter!
Aber Hauptsache, endlich hat es mal einer gesagt. Wieder mal. Kaum steht irgendeine gefloppte neoliberale Null-Denke zur Disposition, wartet hinter der Tür schon der nächste neoliberale Knallkopf und läutet die nächste Trendwende mit der nächsten falschen Antwort ein. Das geht so weiter, keine Sorge, endlos. Denn hinter jeder Tür warten endlos viele korrupte Wirtschaftswissenschaftler und -journalisten auf ihren Einsatz, um uns die nächste Wahrheit über die Finanzkrise um die Ohren zu hauen: Die sozialen Sicherungssysteme sind an allem schuld; die Gewerkschaften; die viel zu teure Gesundheitsvorsorge; porschefahrende Hartz-IV-Empfänger; faule Griechen; zahlungssäumige spanische Hausbesitzer - ach, es gibt so unendlich viele Sündenböcke, die sich endlos ausschlachten lassen.
Alle sind an allem schuld. Alle, außer natürlich den Banken und Finanzcasinoexperten und den Messdienern aus der medialen Ökonomiebranche, die den Karren in den Dreck gefahren haben und jegliche Verantwortung weit von sich weisen. Obwohl sie die ganze Zeit hinterm Steuer gesessen sind.











