Mittwoch, 25. Januar 2012

Lachen mit Lapuente


Wenn ich eins während meiner Campexistenz gelernt habe, dann dies:
Armut kann lustvoll sein.

Nur hätte ich mich das bis heute nie getraut einfach so hinzuschreiben, weil man mit so einer Aussage schon arg nah am Sozialkitsch vorbeischrammt. Mir haben schlicht die passenden Worte gefehlt, meine gelebte Erfahrung angemessen auszudrücken - dass nämlich Armut, Selbstbeschränkung und das daraus resultierende Improvisieren, mit anderen Menschen geteilt und (selbst)organisiert in die eigenen Hände genommen, richtig Spass machen kann.

Rums, jetzt ist es raus: Armut kann Spass machen, habe ich gerade geschrieben. Ein Unding, eigentlich. Kann man doch nicht einfach so sagen! Wo doch Armut stets in den Kontext von Entbehrung, Not und Mangel eingebettet wird, und wer Not leidet, der leidet, und wer leidet, der hat nichts zu lachen.
"... denn Lachen ist in einer Welt der Tränen verboten."
Eben. Wer nie sein Brot mit Tränen aß. Zwar würde ich mir nie anmaßen, Goethe zu widersprechen, möchte aber doch in aller - dem improvisierenden Freestyle verdankten -Bescheidenheit hinzufügen: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, der kennt euch nicht, ihr Götter des Gelächters.
"Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit: Nach Sozialabbau zu lachen ist unmoralisch. Nach Hartz IV ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch. Schreiben Sie mal eine Polemik zu solchen Themen! Auch sich links fühlende Personen werden sich darüber ereifern! Unsachlichkeit wirft man dann vor! Kunst ist für solche Gestalten etwas, was es für ihre Ziele zu formen gilt - sie ist nicht frei, sie hat dienstbar zu sein. Dabei ist Humor und Elend vereinbar, man darf nur kein dogmatischer Sozialist sein - siehe Chaplin, der die Armut mit Lachen zeigte; siehe Benigni, wie er im KZ frotzelte. Die Ästhetik des Humors ist notwendig, um die Ästhetik der Unterdrückung zu begreifen."
schreibt heute Roberto de Lapuente in seinem Blog und verführt mich zu fröhlich-breitem Grinsen, obwohl ich gerade Hunger habe und weit und breit nichts zu essen in Sicht ist. Einstweilen sättigen mich Sätze wie diese:
"... fraglich ist, ob es eine Bereitschaft gibt, den konsumistischen Stil gegen ein viel pragmatischeres, letztlich damit auch sozialeres Konsumverhalten einzutauschen. Und ob die Menschen nach ihren Protesten die Melancholie weiterleben wollen unter anderen Regeln oder hedonistisch die Welt lockerer, entspannter gestalten möchten."
Yeah. Ein hedonistisches Manifest, dem ich mich uneingeschränkt anschließe. Danke, Roberto.

Kommentare:

  1. So sympathisch mir die dargelegte Perspektive und positive Deutung ist, betrachte ich so etwas doch immer mit gemischten Gefühlen, weil es sehr oft, worauf du ja völlig zurecht hinweist, zum Sozialkitsch und der Idealisierung von aus der Not geborenen Praktiken verkommt (zum Teil auch innerhalb der Sozialwissenschaften und in der Politk, was vor allem in letzterer Sphäre dann wieder wunderbar zur Relativierung von Armut instrumentalisiert werden kann). Es ist ein schmaler Grat, was meines Erachtens im verlinkten Beitrag aber auch angemessene Beachtung findet.

    Zum (aus der Not geborenen) Hedonismus noch ein entsprechendes Zitat, das mir die Tage wieder untergekommen ist:
    »Für diejenigen, die – wie es so heißt – keine Zukunft haben, die jedenfalls von dieser wenig zu erwarten haben, stellt der Hedonismus, der Tag für Tag zu den unmittelbar gegebenen seltenen Befriedigungsmöglichkeiten (»die günstigen Augenblicke«) greifen läßt, allemal noch die einzig denkbare Philosophie dar. Verständlicher wird damit, warum der vornehmlich im Verhältnis zur Nahrung sich offenbarende praktische Materialismus zu einem der Grundbestandteile des Ethos, ja selbst der Ethik der unteren Klassen gehört: das Gegenwärtigsein im Gegenwärtigen, das sich bekundet in der Sorge, die günstigen Augenblicke auszunutzen und die Zeit zu nehmen, wie sie kommt, ist von sich aus Manifestation von Solidarität mit den anderen (die im übrigen häufig genug die einzige vorhandene Sicherheit gegen die Unbill der Zukunft bilden) insoweit, als in diesem gleichsam vollkommenen zeitlichen Immanenzverhalten sich doch auch die Anerkennung der die spezifische Lage definierenden Grenzen offenbart.« (Pierre Bourdieu – Die feinen Unterschiede)

    AntwortenLöschen
  2. D'accord. Ich hatte selbst gemischte Gefühle vor dem Schreiben dieses Beitrags, nur: Hätte ich mich ausschließlich meinen gemischten Gefühlen hingegeben, wäre der Beitrag nie geschrieben worden aus Sorge, dass es wie ein verklärender Sozialromantik-Trip rüberkommt. Ich hätte mich quasi selbst zensiert.

    Aber dann wurden beim Lesen von Robertos Artikel meine realen Erfahrungen mit dieser völlig unterbewerteten, unbeschwerten Seite der Armut reaktiviert und ich habe einfach unbeschwert drauflosgeschrieben. Und bereue es nicht ;).

    "das Gegenwärtigsein im Gegenwärtigen, das sich bekundet in der Sorge, die günstigen Augenblicke auszunutzen und die Zeit zu nehmen, wie sie kommt, ist von sich aus Manifestation von Solidarität mit den anderen...": Genau das ist es. Das ist wunderbar gesagt und - vielleicht - nur nachvollziehbar, wenn man es am eigenen Leib erlebt hat. Mich hat diese Erfahrung unglaublich bereichert, und wenn ich sie entschlacke von populistischen Verbrämungen und politischen Instrumentalisierungen, weist sie mir einen (mir bislang unbekannten) Weg in sinnvolles, lebendiges politisches Tätigwerden.

    AntwortenLöschen
  3. @ Blogwart
    "... und der Idealisierung von aus der Not geborenen Praktiken verkommt..."

    Diesen Bedenken schließe ich mich völlig an. Idealisierung der Armut ist natürlich Unsinn und es ist auch nicht die Absicht, wenn man sie mit Humor zeichnet. Das verstehen viele falsch. Die einen meinen, man idealisiert - die anderen meinen, man verspottet.

    @ Mrs. Mop

    Ich habe zu danken!

    AntwortenLöschen