Sonntag, 10. Juni 2012

Abwärtstrend



Fortsetzung der Talfahrt vom Idiotenhügel.

Hei, wie das flitzt und wie toll das brettert.

Und keiner angeschnallt, ts.

Samstag, 9. Juni 2012

Halluziferogen


Die Eurokrise verschärft sich mit jedem Tag.

Ach was, viel schlimmer, sie strebt ihrem desaströsen Höhepunkt entgegen - der Kollaps ist nicht mehr aufzuhalten, nicht nur der ökonomische, politische, soziale, nein!, neuerdings steht der moralische Kollaps unmittelbar bevor, und was danach folgt, weiß jeder, dem die Dantesche Vorhölle schon immer zu langweilig und das Paradies zu sauber war und der sich wünscht, die Erde möge sich endlich trichterförmig auftun und ihn lüstern verschlingend durch mindestens die ersten drei Höllenkreise jagen, um dort unten auf ewiglich (oder zumindest längerfristig) infernalischen Genüssen zu frönen und nie, nie mehr an die krisenpanikverseuchte Oberfläche zurückzukehren, in dieses von früh bis spät an allen Nervenenden zerrende irdische Jammertal.

Weil, es ist nämlich so, dass neben all dem notorisch kaltgeschleuderten Blähdung sich jetzt auch noch eine siedendheiße Warnung vor fegefeuerpflichtigen moralischen Verlotterungen ergießt über unsere Häupter, oh voll von Wut und Wunden.

Um es kurz zu machen: Das "wahre moralische Desaster" ("a real moral desaster") steht vor der Tür. Ei, wolle mer's reilasse? Oder ihm lieber einen autoritär-paranoiden Riegel vorschieben? Ihm, dem Grundübel allen gesellschaftlichen Verfalls, dem Inbegriff moralischer Verkommenheit, der da heißt: Entkriminalisierung von Cannabis. Allmächtiger!

Anscheinend hat die rechte Opposition in Frankreich nichts mehr zu tun seit Sarkozys präsidentialem Höllenabsturz und muss jetzt gucken, wo noch ein oppositioneller Blumentopf zu holen ist. Und siehe, sie fand ihn. Bekanntlich wachsen in jedem zweiten französischen Blumentopf keine herbes de Provence, sondern die sprichwörtlichen Blumen des Bösen, also illegal heimlich gezüchteter Hanf.

Diesen zu legalisieren schickt sich die Grünen-Ministerin im Hollande-Kabinett Cécile Duflot an; die Sarkozysten laufen Amok, zeigen sich "deeply shocked", bewaffnen sich bis an die Zähne mit moralischer Ent- und Aufrüstung ("up in arms") und verstehen überhaupt keinen Spass:
"Diese Idee, Cannabis zu legalisieren, ist ein wahres moralisches Desaster."
"Die Gesundheits- und Sicherheitsrisiken, die mit dem Konsum und Handel verbunden sind, sind einfach viel zu ernst."
Ihren wahren moralischen Höhepunkt wird die Krise erreicht haben, wenn außer dem allerletzten glimmenden Joint auch noch der Sex & Rock & Roll europaweit konfisziert wurden.


Here's a little piece of advice
You're quite welcome it is free
Don't do nothing that is cut price
You know what that'll make you be
They will try their tricky device
Trap you with the ordinary
Get your teeth into a small slice:
The cake of liberty...
...is very good indeed.

Freitag, 8. Juni 2012

Frischluftzufuhr


Tut mir leid, ich greife jetzt zur Selbsthilfe. Aus blanker Notwehr.

Gegen all diese abgetakelten Polit-PR-Kracher, diese luschigen Feuerwerkskörper, die mit großen Geheul starten und irgendwann pfrrt! machen, diese lärmenden Verbalgeschosse, die mit zunehmender Geschwindigkeit und in exponentiell wuchernder Frequenz Umwelt wie Lebensqualität mutwillig verpesten, diese hyperventilierend abgehusteten Schlammbrocken, in alle Himmelsrichtungen geschleudert; und während all diese verschossenen Schadstoffrhetorikhülsen mitsamt ihrem kontaminierenden Restinhalt am Boden herumgammeln und sich türmen und stapeln und haufenweise zum Himmel stinken, kommt von oben unverdrossen Nachschub, wird täglich neu fabrizierter Wortdung durch die Luft geschickt, wird geblaht und gebläht ohne Ende und weit und breit kein Rettungsschirm gegen frei herumfliegende Dungbrocken und nie war der Wunsch nach freien Radikalen stärker.

Zum Frühstück gab's gequirlten rechtsdrehenden Merkelquark von unbegrenzter Haltbarkeit, gestreckt mit kuhäugig dreinblickendem Schafskäse zur leichteren Verdaulichkeit; der kommt ab sofort jeden Morgen auf den Tisch und wird dem Eurovolk so lange in den Hals gewürgt, bis er darin steckenbleibt und keiner mehr papp sagen kann oder will oder darf.
Wir sagen, wir brauchen mehr Europa. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Europa abgeben, Europa auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Teller leer essen, Kinder, und Kompetenzen abgeben. Weil sonst - ihr wisst ja! - sonst die Mutter blicket stumm um den ganzen Tisch herum, und dann wird's uncool beim Frühstücken. Also rein mit dem geblahten Blähstoff, zum Pupsen könnt ihr raus auf den Balkon gehen, weil, in unserem Haus herrscht ein sauberer deutscher Haushalt mit einer ordentlichen deutschen Haushaltspolitik, an der sich alle - alle! - eine Scheibe abschneiden können oder vielmehr dürfen, und wenn sie nicht wollen, dann müssen sie halt. Basta.

Es fliegt, von allen Seiten, der Dung frontal entgegen, pfeift übelriechend um die Ohren, fällt mit hässlichem Platschen auf den Kopf und man weiß nicht recht, warum der Begriff 'Fäkalunion' sich nachhaltig im vegetativen Gedächtnis einnisten möchte. Während die eine Hand schützend vors Gesicht gehalten wird, greift intuitiv die andere zur neuerdings im stand-by bereitliegenden Verdauungshilfe und fängt schon mal an zu übersetzen:
Wir sagen, wir brauchen mehr Deutschland. Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen auch eine so genannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik. Wir brauchen vor allen Dingen auch eine politische Union. Das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Deutschland abgeben, Deutschland auch Kontrollmöglichkeiten einräumen.
Na bitte, geht doch. Bisschen unsanft, aber dafür völlig flatulenzfrei. Und jetzt raus auf den Balkon. An die frische Luft.

Mutmacher am Morgen



Mittwoch, 6. Juni 2012

Den Bock zur Sau machen


Blickt noch irgend jemand durch? Ich nicht.

Und damit zur 893. Folge unserer beliebten Polit-Schuldzuschreibungs-Reihe "Wer war's? Ich nicht!"

Was sich im Laufe nur eines Tages so alles zusammenläppert an Sündenbocktheorien, geht auf keine Bockshaut:

Lagarde sagt, die Griechen seien selbst schuld an ihrem Desaster.

Merkel sagt, die Griechen sollten aufhören, immer die Schuld bei anderen zu suchen.

Schäuble sagt, die Griechen seien schuld am spanischen Desaster.

Barroso sagt, am gesamteuropäischen Desaster seien die Griechen schuld.

Obama sagt, am amerikanischen Desaster sei das europäische Desaster schuld.

Womit bewiesen wäre, dass die Griechen an allem schuld sind.


Sind am Ende die Griechen etwa auch dran schuld, dass der Präsident von Amerika (dem Land der Lehman-Pleite 2008) so einen umschatteten Bockmist ("Wie eine Wolke zieht die Krise der europäischen Wirtschaft über den Atlantik und wirft einen Schatten auf unsere eigene." Eigene was? Wirtschaft? Krise? Matschbirne?) fallen lässt? Nein, daran sind ausnahmsweise nicht die Griechen schuld. Sondern? It's the Wahlkampf, stupid.

So viel zum heutigen Stand des globalen Kollapses sowie der
global-galoppierend kollabierenden Zurechnungsfähigkeit.

Morgen geht's weiter mit der 894. Folge:
"Wer ist dran schuld, dass keine Sau mehr durchblickt? Keine Sau."

Montag, 4. Juni 2012

Deutsch, aber gründlich


"Die Griechen befreien"*
Manos Symeonakis, griechischer Cartoonist

Funktioniert die deutsche Austeritäts-Wahnvorstellung? Nein.

Warum nicht?

Weil der vollumfängliche, methodische Austeritätswahn noch längst nicht ausgeschöpft ist.
(Sonst wäre er ja keine deutsche Wahnvorstellung.)
Da geht noch was.

Was also tun, wenn die Austerität nicht greift?
Wenn Hunger, Verarmung, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Suizidrate, psychische Erkrankungen, Verzweiflung weiterhin sprunghaft ansteigen?

Noch mehr Austerität verordnen.
Noch mehr harte Hand.
Noch mehr Eiserne Lady.
Noch mehr Nein.
Noch mehr deutscher Wahn.



*"Memorandum of Understanding":
Das von der Troika geforderte, einer Todesspirale gleichkommende Austeritätsprogramm, vom griechischen Parlament verabschiedet am 13. Februar 2012

Sonntag, 3. Juni 2012

Der Truthahn kurz vor Weihnachten


Eigentlich wäre alles ganz einfach gewesen.

Eigentlich ist den Iren das Neinsagen sehr leicht gemacht worden - das Nein zum europäischen Fiskalpakt. Eigentlich sind die Iren sogar ermutigt worden zum Neinsagen. Ermutigt von den jüngsten harschen Auftritten selbsternannter Eurovertreter, allen voran IMF-Lagarde mit ihren unverhohlen sadistisch vorgetragenen Plädoyers, über peripher-europäische Leichen zu gehen. Ermutigt vom herrischen Befehlston jener Euro-Feldwebel, die - gegenüber Ländern wie Irland, Griechenland, Spanien - eine Vorliebe fürs Abwatschen und Abkanzeln hegen, allen voran die deutsche Kanzlerin samt Sado-Tross.

Eigentlich hätte es den Iren leicht fallen müssen, dem Fiscal Union Treaty ('FU Treaty') ein beherztes "FU" hinterherzuwerfen. Eigentlich.

Aber es hat zum Nein nicht gereicht. Dafür sorgte im Vorfeld schwerste Propaganda-Artillerie ("Ruin vs. Aufschwung") -


- und das bracchiale Ausspielen der apokalyptischen Panik-Karte (Achtung Satire, von der Realität nur schwer zu unterscheiden!):


In die Rubrik Realsatire fällt auch der Umstand, dass, erfahrungsgemäß, irische Referenden bei einem unerwünschten 'Nein'-Ergebnis die "Chance" auf eine Wiederholung bekommen (Lissabon!), nicht jedoch bei dem erwünschten, geplanten, manipulativ durchgezogenen 'Ja'-Ergebnis - schon witzig, aber nicht zum Lachen, denn wer nicht völlig im Tiefschlaf versunken ist, hat eh längst gemerkt, dass die EU-Elite nicht das geringste Interesse an "Demokratie" hat.

(Für unsanftes Aufwachen sorgt der fundierte Vortrag des irischen Europa-Parlamentariers Paul Murphy (Socialist Party/United Left Alliance) zum Fiskalpakt und seinen europaweiten Folgen. Wer dagegen auf Brechreiz am Sonntag steht, sollte sich den euphorischen Auswurf des sozialdemokratischen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz antun.)

Das irische Volk, schreibt der Irish Left Review, sei mit einschüchternden propagandistischen Maßnahmen in den suizidalen europäischen Fiskalpakt "hineingetreten" worden; oder, wie der Volksmund sagt: Us voting for the pact is like a turkey voting for Christmas (Ein Ja zum Pakt ist, wie wenn Truthähne für Weihnachten stimmen).

Nun mögen zwar die Truthähne bei der irischen Volksabstimmung in der Mehrheit gewesen sein; gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wer sich zum Truthahn hat machen lassen und wer nicht:
Diejenigen, die am härtesten von den Austeritätsmaßnahmen - Kürzungen und Steuererhöhungen - getroffen werden, haben in großer Zahl den Fiskalpakt abgelehnt.
Aha. Es gibt also durchaus irische Menschen jenseits des Truthahn-Status, die den ganzen inszenierten Stunt durchschaut und entsprechend mit 'No' gestimmt haben. Was für Menschen waren das?
Inoffizielle Stimmenauszählungen in den reichen und armen Gebieten von Dublin und Cork, der zweitgrößten Stadt, offenbaren eine krasse klassenspezifische Kluft im irischen Wählerverhalten.
Jetzt wird's spannend.
Die mehrheitliche Zustimmung zum Fiskalpakt kamen aus solchen Wahlbezirken, wo zwischen 55 und 75 Prozent der Ja-Stimmen aus den großen mittelschichtsdominierten Vorstädten von Dublin stammten, dort, wo ein Drittel der 4,5 Millionen Iren leben.

Am massivsten war die Ablehnung des Fiskalpaktes in städtischen Arbeiterklassebezirken, wo die erdrückenden Kosten des irischen Banken-Bailout-Programmes am stärksten zu spüren sind.
Aha. Je mittelschichtiger, desto Truthahn. Essen oder gegessen werden, wen schert's?, bis Weihnachten ist schließlich noch lange hin, und solange jemand sich noch den Truthahn zu Weihnachten leisten kann, kommt er nicht so schnell auf die Idee, selber einer zu sein.

Wer sich dagegen keinen Truthahn zu Weinachten leisten kann und auch sonst nicht mehr viel zu verlieren hat, zeigt wenig Neigung, wie ein Truthahn 'Ja' zu krähen.

Sollten sich also in naher Zukunft immer weniger Truthähne einen Truthahn zu Weihnachten leisten können - wofür der europäische Fiskalpakt unter Garantie sorgen wird -, könnte endlich dem Pakt der mehrheitliche Garaus gemacht werden.

Leider wird es dann zu spät sein.