Montag, 15. August 2011

Sekundärtugenden


It's the sneakers, stupid.

Jetzt, wo nach umfänglicher medialer Ursachenforschung endlich die tieferen Beweggründe herausgearbeitet wurden, warum diese englischen Revoluzzerjugendlichen so einen Höllenlärm veranstaltet haben - sie wollten nämlich nichts weiter als unbedingt ein Paar neuer Schuhe haben -, können wir uns den wirklich wichtigen Fragen zuwenden, derer allerwichtigste lautet:

Wieso wollten die eigentlich nichts für die neuen Schuhe bezahlen?

Seit in London die ersten Schaufensterscheiben zu Bruch und inzwischen über 500 Einbrecher in den Knast gingen, wurde gerätselt, warum diese kriminellen Jungspunde derart umständlich zu Werke gegangen sind. Dabei wäre es doch so einfach gewesen: Hätten diese verwirrten jungen Leute doch, wie jeder normale Mensch, das Schuhgeschäft ihrer Wahl aufsuchen und gegen Bezahlung des marktüblichen Preises ein Paar neuer Schuhe erstehen können, und der Fall wäre erledigt gewesen.

Wozu also das ganze komplizierte nervenaufreibende Straßentheater?

Man kann über den britischen Premierminister David Cameron sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er bringt die Dinge simpel und für jeden verständlich auf den Punkt. Er reduziert, sozusagen, die soziale Komplexität gesellschaftlicher Unruhen auf ein so niedriges, schlichtgestricktes Level, dass ihm jeder folgen kann. Wirklich jeder, selbst der größte Depp.
"Diese Leute, die da Fernsehgeräte aus den Läden geklaut haben - die haben sich doch nicht beschwert über unsere Bildungsreformen oder über die Zulassungsgebühren zum Hochschulstudium. Die haben Fernsehgeräte geklaut, weil sie ein Fernsehgerät haben wollten, aber nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen, wie es normale Leute machen."
Kann auch wirklich jeder folgen? Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: "...nicht bereit waren, dafür Geld zu sparen". Haben das jetzt alle? Oder hat Cameron sie noch alle?

Tja, Leute, sparen heißt das Zauberwort! Was hindert die armen Leute daran zu sparen, so wie es die normalen Leute machen? Heißt es nicht überaus treffend "Spare in der Zeit, so hast du in der Not"? Na also. Womit habt ihr armen Leute bloß eure Zeit verplempert, also noch Zeit zum Sparen war? Hm? Seht ihr, und nun habt ihr halt nichts in der Not, weil ihr beizeiten versäumt habt zu sparen. Wie, ihr hattet schon die ganze Zeit nur Not und darum nichts zu sparen? Dummes Zeug. Nehmt euch ein Vorbild an den normalen Leuten. Was die können, könnt ihr schließlich auch. Ihr müsst nur wollen. Aber ihr wollt ja nicht. Ihr wollt nur einen Fernseher und ein paar Schuhe und nichts dafür bezahlen.

So nicht! Nicht mit uns! Bei uns herrschen Gesetze! Wer Fernseher oder Turnschuhe klaut, wandert in den Knast. Seid froh, dass ihr nur in den Knast wandert, ihr kriminellen Kids - ihr habt ja keine Ahnung von Geschichte, bildungsfern wie ihr seid. Wisst ihr, was wir in England früher gemacht haben mit Kindern, die aus Hunger Brot gestohlen haben? Aufgehängt haben wir die. Nur mal so als Warnschuss vor euren kriminellen Bug.

Ach ja, und dann gab es noch so eine herrliche Stilblüte in Camerons Gardinenpredigt an die Nation: Hat er sich doch unglaublich moralisch entrüstet über jene Gruppe amoralischer Riot-Jugendlicher, ohne Rückgrat, ohne einen Funken Sozialgefühl, die einem verletzten Indonesier erst auf die Beine geholfen und dann seinen Rucksack ausgeplündert haben (das Video kursiert im Internet und ruft eine weltweite, fest geschlossene Indignado-Bewegung hervor). O-Ton Cameron, im Brustton:
"Wie kann man nur jemanden ausrauben unter dem Deckmantel, ihm zu helfen?"
("...rob someone whilst pretending to help them")
Verwerflich - so tun, als ob man jemandem hilft und ihn in Wirklichkeit ausrauben!

Hey, klingelt's? Wie heißen die Typen nochmal, die gerade dabei sind Griechenland auszurauben, in Italien bereits in den Startlöchern stehen und sich demnächst den Rest der Welt unter den Nagel reißen wollen? Ach richtig, IMF. Das sind die Typen, die all den Ländern beim "Sparen" helfen. Um sie besser ausrauben zu können.

Sparen. Helfen. Ausrauben.
Die Sekundärtugenden des internationalen Finanzkapitals.

Man kann über den britischen Premierminister sagen, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er hat Sinn für Ironie. Muss eine amoralische Spielart des britischen Humors sein.

Sonntag, 14. August 2011

Klotzen oder kleckern?



Von Profis lernen heißt plündern lernen.

(Bitte unbedingt zum Vergrößern anklicken!
Der eigentliche Clou findet sich links im Bild,
in der Glasfront der US Fed.)



So viel Freude



Mich hat's voll erwischt.
Hals über Kopf.
Nicht mehr zu retten.



Aretuska aus Sizilien.

Was für eine energiegeladene Musik.

Was für kraftvolle Texte.

Toda joia toda beleza.

Und dann dieser Trompeter. Roy Paci.


So viel Freude. So viel Schönheit.

Jeden Tag sehe ich
die Schönheit aus dem Nichts
in einer hässlichen Welt.
Schönheit,
verlorener Abwassergraben im Latino-Slum der Welt.
Verlorene Schönheit.
Schönheit,
die denkt und sich nie schlafen legt
Schönheit des Unkrauts.
So viel Freude, so viel Schönheit.
Schau, der Mensch,
ein nie vergehendes Unkraut.
Schönheit,
die meine Seele tief berührt
und mein Leben füllt.
Wie der Wind, der alles berührt.

So viel Freude,
so viel Schönheit.

Samstag, 13. August 2011

Macht sie nass, aber richtig


Wasserwerfer! Gewehre mit Hartgummigeschossen! Geht's noch? Die britische Regierung will zur effizienteren Bekämpfung von Straßenaufständen härteres Anti-Riot-Geschütz auffahren. Wie bitte? Wasserwerfer und Hartgummikugeln sollen im Nahkampf auf der Straße wirkungsvoll sein? Dort, wo tapfere Polizisten ihren Mann stehen sollen? Lächerlich.

Offenbar dämmerte dies auch Premierminister David Cameron nach der jüngsten Dringlichkeitsdebatte im House of Commons. Nur so ist zu verstehen, dass Cameron in einer Eilmeldung verlautbaren ließ, künftig werde jeder anti-riot-policeman individuell mit einer Wasserspritzpistole ausgerüstet, und zwar mit dem neuesten Modell der super soaker water pistol (die mit dem Super-platschnass-mach-Effekt).

"Zwar mag schwere Anti-Riot-Artillerie, wie zum Beispiel Wasserwerfer, ein sinnvolles Instrument sein zur Bewahrung der öffentlichen Ordnung", sagte Cameron sinngemäß, "aber völlig nutzlos, wenn der einzelne Polizist sich im Nahkampf man against man zu bewähren hat. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, unsere Schutztruppen zusätzlich mit technisch ausgefeilter Mikro-Artillerie auszustatten. Die super soaker Wasserspritzpistole dürfte dafür die geeignete Waffe sein." Wie Cameron ergänzte, sei diese Hochleistungswaffe an präziser Treffsicherheit, Robustheit und Langlebigkeit nicht zu überbieten. Erste Feldversuche in Tottenham, Croydon und Manchester hätten dies bestätigt.

Wie zu erwarten, wurde das regierungsseitige Aufrüstungsvorhaben von der Polizei begrüßt. In einem Statement bekundete der Verband der britischen Polizeichefs seine volle Zustimmung zum massiven Einsatz der super soaker Wasserspritzpistole: "Ohne jeden Zweifel werden Plünderer, Riots und Gewalttätige ihre Randale überdenken, sobald sie sich konfrontiert sehen mit der Demütigung des individuellen super-platschnass-Gespritztwerdens."

(Quelle: Das britische Satiremagazin News Biscuit)

Aus kontinentaler Sicht wäre die News-Biscuit-Berichterstattung zu ergänzen um die Frage, warum die britische Regierung es beim Einsatz von Wasserspritzpistolen belassen will und noch nicht auf die Idee gekommen ist, zur Effizienzsteigerung großflächiger Anti-Riot-Bekämpfung - als flankierende Maßnahme zu Wasserwerfern - die im alpinen Teil Europas bewährten Schneekanonen zu importieren? Riots zu Schneemännern! Das wirkt!

Außerdem will uns Kontinentalen - mit Blick auf den weltberühmten Englischen Rasen - nicht so recht einleuchten, wieso die britische Polizei nicht längst Gebrauch macht von dieser (extrem breitstreuenden) Massenbekämpfungswaffe:


Was hier aussieht wie ein popeliger Rasensprenger, wird im Branchen-Marketingjargon auch "Impulsregner" genannt. Wir hoffen, dem britischen Propagandaministerium damit eine hilfreiche Anregung zu geben, wie sich Massenbewässerungswaffen aller Art der Öffentlichkeit am besten verkaufen lassen.

Jetzt aber Spass beiseite. Neulich soll einer von diesen jugendlichen Riots zu seinem Kumpel gesagt haben: "You know what - die ganze Zeit hatte ich gedacht, die Polizei hätte Stinkbomben in ihrem Breitband-Waffenarsenal! Es hat sich aber herausgestellt, dass es sich um ein ganz natürliches Phänomen handelt, jedes Mal, wenn wir auf sie zurennen."

Irgendwie muss ein Polizist diesen Dialog belauscht haben. Nur so ist zu erklären, dass im House of Commons momentan heftig diskutiert wird, in naher Zukunft jeden Polizisten individuell mit einer Elektroschockpistole auszurüsten.

Alternativlos



Yeah.
Und sperrt die wahren Rüpel ein.

Freitag, 12. August 2011

Keltischer Frühling


So langsam wird's fad im Westen.

Überall die gleichen Hau-drauf-Sprüche in den Medien, überall die gleichen Kraftmeiereien von Politikern, überall die gleiche Antipathie gegenüber den Rebellen im eigenen Land. Nur die Rebellen anderswo, die machen unsere Führer froh. Oder so.

Da wirkt es richtig erfrischend, zur Abwechslung mal ein paar knackige Retourkutschen von anderswo zu hören. Auch wenn sie von einem bösen Diktator kommen, den man bekämpfen und darum die Rebellen in dessen Land unterstützen muss.

Say what?
"Die britischen Rebellen nähern sich Liverpool in einem Blitzangriff und liefern sich Kämpfe mit Camerons Brigaden und Söldnern aus Irland und Schottland."
weiß das libysche Frühstücksfernsehen und ergänzt:
"Gott ist der Größte."
Retourkutsche deshalb, weil mit britischem Kriegsgerät seit Monaten die libyschen Streitkräfte attackiert werden, um Gaddafi zu stürzen und ihn am Bombardieren von libyschen Rebellen zu hindern. Außerdem wird Gaddafi beschuldigt, mit gekauften afrikanischen Söldnern die Rebellen im eigenen Land zu bekämpfen.

Unbestätigten Berichten zufolge soll außerdem im libyschen Frühstücksfernsehen - mit Blick auf die Aufstände in englischen Städten - frech die Rede gewesen von "Keltischer Frühling".

Das war die Retourkutsche vom Donnerstag.

Am Mittwoch gab es schon mal eine, die war auch nicht schlecht:
Am Mittwoch hat die libysche Regierung den westlichen Spieß umgedreht und auf Cameron gerichtet, indem sie forderte "er hat seine Legitimität verloren und muss gehen" - eine Formulierung, gern gebraucht von London, Washington und Paris, um Gaddafis Rücktritt nach 41 Jahren zu fordern.
Wie gesagt, erfrischend gegen den Strich gebürstet.

Geht da noch was?

Vielleicht so: Wie inoffiziell gemeldet, plant Oberst Gaddafi die Entsendung von afrikanischen Söldnern nach London, um die dortigen Riots vor dem Zugriff der Polizei (möglicherweise demnächst auch der Armee) zu schützen.

Und damit zurück in den faden Westen.

In die Hose gegangen


The revolution will not be commercialized.

Obwohl, versuchen kann man es ja mal:


Man nehme eine Hose, verpasse ihr ein rebellisches Image - sagen wir: eine Jeans -, dann schnatze man die Visuals ein wenig hippiemäßig auf, rühre einen Schuss Bukowski unter (stimmungsvoll rezitiert von einer versoffenen Altmännerstimme), hole sich ein paar Anleihen von Straßenkampf inklusive brennender Autos und bis an die Zähne bewaffneter Polizei, rufe die Jugend zum Aufstand auf und fertig ist die Wunschtraumweltbotschaft der trendigen Markenjeans: Sei ein Rebell und kauf' unseren Scheiß.

Subtext: Levi's hat die kreative Lösung für Jugendarbeitslosigkeit, Armut und verkrachte Zukunft - geh' dir einfach 'ne Jeans kaufen.

Wie, du kannst dir keine neue Jeans leisten? Und das macht dich wütend? Ja dann...ja, nee, also, so war das aber nicht gemeint.
"There are ways out, there is a light somewhere"
- nee nee, ihr Kids, nur weil der Bukowski das eben gekrächzt hat, heißt das noch lange nicht, dass ihr das wörtlich nehmen sollt!
"It may not be much light but
it beats the darkness.
Be on the watch.
The gods will offer you chances.
Know them.
Take them."
Also bitte, ihr sollt jetzt nicht den nächsten Levi's-Laden in der Luxus-Mall anzünden und dann...nee, echt jetzt, so war das nicht gemeint.

Das ist jetzt ganz blöd gelaufen, irgendwie. Weil, die Firma Levi's unterstützt doch keine gewalttätigen Riots, die dreht höchstens Werbespots zum Thema, aber hey, ehrlich, so war das wirklich nicht gemeint. Weil, jetzt mal im Ernst, es sind doch nicht überall Rebellen drin, wo Rebellen draufsteht, das weiß doch jeder.

Und solche Riots, wie sie jetzt gerade in London...nee, also, die sind ja mal ganz schlecht fürs Geschäft. Geht gar nicht. Deshalb - ihr versteht das, Kids - macht Levi's einen Rückzieher. Und nimmt verantwortungsvoll sein neuestes Commercial wieder vom Markt. Natürlich nicht vom globalen Markt, ei woher denn!, sondern nur von einem einzigen, ganz bestimmten Land. Und ihr, liebe Kids, dürft jetzt raten, welches Land das ist!

Was lernen wir?

Das Ding ging in die Hose. Aber gründlich.