Freitag, 31. Dezember 2010

Walk Your Talk



Ich bin schwer übernächtigt, aber ohne Katzenjammer. Es gibt vermutlich in meiner misslichen Lage und kurz vor Jahrestorschluss kaum etwas Befreienderes, als sich - wenn der Zufall es so will - mit anderen gestrandeten Existenzen zusammenzusetzen und Pläne zu schmieden. Pläne, die verrückt sind, vielleicht ohne Bodenhaftung und womöglich keiner harten Realitätsprüfung standhaltend. Aber nur durch Pläne, die der wilden Kreativität der Gestrandeten freien Lauf lassen, bekommt man den eigenen Kopf wieder frei.

Ich wünsche allen Lesern - besonders den Gestrandeten unter ihnen - einen freien Kopf, robustes Schuhwerk und kreativen Eigensinn für das nächste Jahr.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Fräulein Smilla steht Schmiere


Es gibt ein wunderbares Buch, das ich liebe und immer mal wieder lese, obwohl mir die Handlung inzwischen so vertraut ist wie meine Hosentasche: Fräulein Smillas Gespür für Schnee von dem dänischen Schriftsteller Peter Hoeg. Hoeg gehört zu den Autoren, zu denen ich eine fast irritierende Nähe empfinde, weil er Saiten in mir anschlägt, denen ich - ohne sein Zutun - vielleicht nie Gehör geschenkt hätte (Verlagsvideo mit Peter Hoeg). Zum Beispiel lässt er die Figur Fräulein Smilla irgendwann sagen: "Schneelesen ist wie Musikhören." Solche Sätze sacken beim Lesen in die Tiefe und brennen sich dort ein.

Neulich, als der große Schneefall mich zeitweise vom Rest der Welt getrennt hatte, tauchte dieser Satz aus der Tiefe ungefragt auf an die Oberfläche und blieb dort eine Weile ganz ruhig in der Luft liegen. Während ich dem Schnee lauschte, meinte ich einen markanten Einschnitt in mein Leben zu vernehmen, ließ jedoch das Gehörte nach meiner Rückkehr ins Normalleben in die Tiefe des vermeintlich Bedeutungslosen zurücksacken.

Jetzt ist er da, der Einschnitt. Seit heute bin ich meinen Job los; dank Fräulein Smillas Gespür traf der Verlust mich nicht völlig unvorbereitet, aber dennoch hart. Zwar wird man als Putzfrau notgedrungen zur Fachfrau für jede erdenkliche Schmiere, staunt aber letzten Endes doch, wie geschmiert alles laufen kann, wenn man ihm nur seinen Lauf lässt.

Vielleicht wird es in den nächsten Tagen hier ein wenig einsilbig werden; vielleicht - hoffe ich - auch nicht. Es muss jetzt einiges neu sortiert werden. Wenn ich, nur als Beispiel, allein an den Namen Mrs. Mop denke - nun hat es sich ja erstmal ausgemoppt. Andererseits gehört zum Neusortieren auch das Aufräumen und Großreinemachen; außerdem habe ich mich einfach an Mrs. Mop gewöhnt.

Vielleicht sollte ich bald mal Fräulein Smilla zu Rate ziehen. Ich habe, wenn ich's mir recht überlege, das Buch schon lange nicht mehr gelesen.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Zieht euch warm an


Der Bulle an der New Yorker Wall Street hat ein wärmendes Häkelkleid verpasst bekommen.

via LolFed

Es reicht ja schon, wenn in Frankreich zur Zeit pro Nacht ein Obdachloser erfriert.

Montag, 27. Dezember 2010

Clap Hands


Da hat er mich wieder, der frühe harte Alltag, nach einer Woche Erkältung in der gemütlich warmen Hütte, nach neuerlichem nächtlichem Neuschnee, nach gerade im Radio gehörtem "dieses Winterwetter wird uns bis Mitte März bleiben", nach weihnachtlichen Völlereien und überall liegt noch so ein schwacher gebratener-Gans-Geruch in der Wohnung...alles nicht exakt so, wie man sich das Leben wünscht.

Aber dann am frühen harten Morgen griesgrämig über so ein Video stolpern. Clap hands. Nicht nur die Hände, nein, die Messer, die Gabeln, die Teller, die Kerle, die Puppen, ich glaube, sogar der Truthahn auf dem Tisch hat gegroovt. Oder war es eine Gans? Egal. Clap hands. Yo.

PS. Wieso der Post jetzt so weit nach unten gerutscht ist und nicht mehr hochzurutschen geht, ist mir schleierhaft. Auch auch egal. Irgendwie. Clap hands.

Sonntag, 26. Dezember 2010

Run Banks, run


Ein Blick in die neuesten Nachrichten, und schon ist es vorbei mit der friedvollen Jahresendstimmung.

Am 23.12. (also an dem Tag des Jahres, wo eh keiner so richtig aufpasst, weil er alle Hände voll damit zu tun hat, sich auf eine friedvolle Jahresendstimmung einzustimmen) verlautbarte die niederländische Regierung, dass es da einen Gesetzesentwurf gebe, der es künftig unter Strafe stellen werde, zu einem Bank Run aufzurufen.

Über Weihnachten (stille Zeit, heilige Zeit...) werden vermutlich die Niederländer diesen unheiligen Gesetzesentwurf prüfen und ihn dann kurz vor Silvester (alles lacht, alles kracht...) verabschiedet haben, auf dass das neue Jahr vielversprechend beginnen kann und keiner hat was gemerkt.

Wenn also zum Beispiel ich (oder irgendjemand anderes) zu seinen Nachbarn und Bekannten geht und ihnen rät, sicherheitshalber sein Bankkonto leerzuräumen, dann mache ich mich eines kriminellen Vergehens schuldig und kann mit maximal vier Jahren Knast rechnen oder einer Geldstrafe von 19.000 Euro. Mir scheint, mit einem konventionellen Bankraub könnte ich fast billiger wegkommen als mit einem Aufruf zum Bank Run.

In den niederländischen Ministerien für Sicherheit und Finanzen wird die angeblich dringende Notwendigkeit eines solchen Gesetzes kommentiert mit den Worten: "Weil die Banken sich gegen solche Akte der Bedrohung" (ich dachte immer, Geld abheben vom eigenen Konto sei ein legaler Akt?) "nicht verteidigen können, müssen sie von der Gesetzgebung geschützt werden." Aus Sicht der Banken also ein Akt der Selbstverteidigung, und der Bankkunde darf sich am zweiten Weihnachtsfeiertag schon mal unfriedliche Gedanken zur Selbstverteidigung seiner individuellen Freiheitsrechte machen.

Allerdings, andersrum gedacht - wenn es schon so weit ist, dass das freie Verfügen über das eigene Bankguthaben kriminalisiert wird, kann das doch kaum etwas anderes bedeuten, als dass die (Banken, Regierungen...) die Hosen gestrichen voll haben.

Wird auch langsam Zeit.

Samstag, 25. Dezember 2010

Fauna im Vollrausch


Ich weiß jetzt nicht, ob ich einem Aprilscherz aufgesessen bin, aber wir haben doch wohl Ende Dezember, oder? Noch dazu Weihnachten, da macht man doch keine Aprilscherze, oder? Ich meine, was gibt es Ernsteres als das heilige Fest der Liebe, also kann das doch wohl kein Witz sein, oder wie.

Völlig durcheinander bin ich, ohne dass ich irgendetwas Verkehrtes zu mir genommen hätte, ich schwöre es. Vielmehr sieht es so aus, als ob gewisse Tiere gewisse Stoffe zu sich nehmen, was dann dazu führt, dass sie abheben. Die Tiere. Doch, wirklich. Um genau zu sein, die Rentiere. Also diese Viecher, die um Weihnachten herum immer mit Schlitten und Weihnachtsmann im Schlepptau durch die Lüfte fliegen - und jetzt weiß man endlich, warum Rentiere fliegen können. Hat man ja bislang nicht wirklich für möglich gehalten, aber es halt den Kindern erzählt, okay, fliegende Rentiere, warum nicht - es soll ja auch fliegende Untertassen geben. Wer's glaubte, wurde selig.

Nun hat die alberne Fantasy-Märchenerzählung ein beinhartes wissenschaftliches Backup bekommen: Wie gesagt, Rentiere können tatsächlich fliegen! Obwohl das jetzt auch wieder nicht so ganz stimmt, richtig müsste es heißen: Rentiere bilden sich ein, fliegen zu können. So sieht's aus. Ihre Einbildungskraft verleiht ihnen Flügel, und diese Einbildungskraft wiederum wird den Rentieren verliehen durch halluzinogene Pilze, die sie für ihr Leben gern futtern. Also, die Rentiere futtern die Pilze, nicht umgekehrt.

Und zwar knabbern sie besonders gern am Amanita muscaria, englisch: fly agaric mushroom, deutsch: Fliegenpilz - jener Pilz mit dem lustigen weißgepunkteten roten Hütchen, auf dem die deutschen Gartenzwerge immer so gern rumsitzen. Kennt ja jeder hierzulande. Und davon, dass der Fliegenpilz irgendwelche psychoaktiven Substanzen enthält und dem Konsumenten den Kopf verdreht, hat ja auch fast jeder schon mal was gehört. Also bitte.

Ganz ähnlich wie beim Menschen verfällt das Rentier nach Fliegenpilzgenuss in eine Art trunkenen, tollwutähnlichen Zustand, rennt aufgekratzt durch die Gegend, hebt irgendwann ab und macht dabei seltsame Geräusche.


Jedoch, im Unterschied zum Menschen kann das geweihte Säugetier die toxischen Stoffe im Fliegenpilz problemlos verstoffwechseln; allein die psychoaktiven Substanzen bleiben, nun ja, aktiv eben und werden schlussendlich mit dem Urin ausgeschieden. Hat das Rentier dann gepinkelt, setzt sich ein wundersamer Rezyklisierungkreislauf in Gang: Schon vor langer Zeit haben nämlich die Hirten von Rentierherden in Europa und Asien gelernt, den Rentierurin zu sammeln und ihn als relativ bekömmliche, sprich gesundheitsunschädliche Quelle des Fliegenpilz-Halluzinogens zu nutzen. Wie die Hirten das im einzelnen angestellt haben, kann sich jeder selber denken. Wohl bekomm's.

Nachzulesen ist das Ganze im hochseriösen britischen Pharmaceutical Journal (via Jr. Deputy Accountant), die renommierte Huffington Post hat sich ebenfalls an die Story gehängt, also wird wohl irgendwas dran sein. Der Autor des Artikels (Überschrift: "The animal world has its junkies too") heißt Andrew Haynes. Er hat herausgefunden, dass nicht nur die in nördlicher Einöde sich langweilenden Rentiere ständig auf der Suche nach dem stimulierenden Kick sind, sondern eine ganze Reihe weiterer Säugetiere rund um den Erdball (eigentlich sind es sogar so viele, dass man sich wundert, ob die globale Fauna überhaupt je aus ihren naturbelassenen Rauschzuständen wieder herauskommt):

Zum Beispiel buddeln afrikanische Wild- und Stachelschweine sowie Gorillas mit Vorliebe die Pflanze Tabernanthe iboga aus, deren Wurzeln hochgradig halluzinogene Räusche induzieren. In Kanada klettern robuste Dickhornschafe waghalsig auf Felsen herum, um von dort wachsenden psychotropen Flechten zu naschen, die die Schafe völlig high machen; abgestürzt ist allerdings noch keins der zugedröhnten Klettertiere. In den südwestamerikanischen Prärien wurde beobachtet, wie Pferde und andere Weidetiere Suchtsyndrome entwickelten, nachdem sie einmal von den Pflanzen Astragalus und Oxytropis - englisch: locoweed(!) - probiert hatten; stets kehrten die Tiere zum Fundort zurück. Im südamerikanischen Regenwald wurden ausgewachsene Jaguare gefilmt, die sich plötzlich wie verspielte Miezekätzchen benahmen, nachdem sie an der Rinde der halluzinogenen Rebenpflanze Banisteriopsis caapi herumgenagt hatten. Bären und Elche agieren betrunken nach dem Genuss von fermentierten wilden Früchten. Und seit der Mensch das Kultivieren von Mohnblumen begonnen hat, weiß offenbar der südostasiatische Wasserbüffel zu schätzen, wie sich ein veritables Opiumräuscherl anfühlt.

Um dem tierischen Drogenfass die Krone aufzusetzen: Erst kürzlich wurde aus einer indischen Stadt berichtet, die von einer Horde zugeknallter Affen heimgesucht worden ist; die Zweibeiner (Menschenaffen übrigens) torkelten völlig breit aus einer Fabrik für opiumbasierte Arzneimittel heraus, in die sie eingebrochen waren, um Opium zu klauen. Man fragt sich, wer da von wem gelernt hat, und wer oder was eigentlich unter der vielzitierten 'Krone der Schöpfung' zu verstehen ist.

All dies lese und schreibe ich, während ich damit beschäftigt bin, zwei Gänsekeulen beim Auftauen zuzuschauen. Was ja so seine Zeit dauert. Weshalb man schon mal auf dumme Gedanken kommen kann. Weil, ganz am Rande erwähnt der fachkundige Autor des Artikels, dass neben den Säugetieren auch Vögel empfänglich sein können fürs Rauschhafte: So berichtet er von sturzbesoffenen Finken und Staren, die ihre Schnäbel nicht von fermentiertem Getreide lassen konnten. Den Vogel schießt der sogenannte Seidenschwanzvogel ab; diese Gattung neigt offenbar dazu, sich dermaßen einen anzuzwitschern, dass bereits Massen von ihnen tot neben Gebüschen von fermentierten Vogelbeeren gefunden wurden. Obduktionen erbrachten akute Leberschäden, Todesursache: Alkoholvergiftung.

Jetzt frage ich mich natürlich, wo jene Gans sich zu Lebzeiten überall herumgetrieben haben mag? Gut, es sind nur zwei Keulen; Gänseleber ist immerhin keine dabei. Trotzdem möchte ich verhindern, dass heute abend irgend jemand beim Gansessen in ein multihalluzinogenes Koma fällt. Drum habe ich soeben beschlossen, die Keulen nicht mit dem dafür vorgesehenen Rotwein, sondern mit Gemüsebrühe zu begießen, und den Rotwein stattdessen woanders draufzugießen, zum Beispiel auf die eine oder andere Nase. Passt ja dann auch wieder, irgendwie, schließlich läuft Rudolph, das Rentier, auch ständig mit einer roten Nase durch die Gegend.

Freitag, 24. Dezember 2010

Blow Up



Ein Sergeant der US-amerikanischen Air Force mit lustiger Nikolausmütze beim Sprengen von, nun ja, Sprengstoff, konkret: "selbstgebasteltem Sprengstoff und abgelaufener (= überschrittenes Haltbarkeitsdatum) Munition", irgendwo außerhalb des Flugplatzes von Kandahar in Afghanistan, aufgenommen am 22. Dezember 2010.