Montag, 31. Oktober 2011

Was auf die Ohren


(klick auf Bild macht groß)

Sonntag, 30. Oktober 2011

Schnauze voll



So sagt der Frankfurter, wenn er die Schnauze gestrichen voll und das Gefühl hat, jetzt muss er endlich etwas tun gegen das, was ihn schon seit langem stört.

"Ebe grad langt's" - steht am Eingang zum Camp #occupyfrankfurt, neben unzähligen weiteren Slogans, auf Kartonpappen gepinselt, auf Wäscheleinen geklammert, an Zeltwände geklebt, auf T-Shirts gedruckt, um den Hals getragen, auf Bänke gestrickt, über Bankern hängend, an Müllcontainer gepappt, von Hunden geschleppt und und und:


"Ebe grad langt's" ist mit Abstand der beste aller Slogans. Weil er den Status quo des Camps ebenso treffend ausdrückt wie das Engagement der vielen Frankfurter Bürger, die mit Geld-, Lebensmittel- und Sachspenden ins Camp strömen, das Gespräch suchen, mit Nachdruck ihre Solidarität äußern, tatkräftig Hand anlegend Unterstützung anbieten und mit Vehemenz kundtun, dass sie die Schnauze gestrichen voll haben.

Von knallharter Systemkritik ("Mer mache des Scheißspiel net mehr mit!"), kristallklaren Positionierungen ("Wenn mer jetzt nix unnernemme, werd's bald zabbeduster!"), messerscharf reinen Tisch machenden Forderungen ("Des Finanzkabbidal geheert uff de Mond geschosse!") bis hin zu unmissverständlichen revolutionären Bekenntnissen ("Ei, mer gehe jetzt uff die Barrikade!") ist auf dem Platz alles zu hören, was so e rischdisch indigniertes Frankforder Schlappmaul alles in peddo hat.

Heute gab einer am Küchenzelt einen Kanister voll wärmespendenden Glühwein ab mit den kraftspendenden Worten: "Isch mescht, dass ihr denne ordentlisch einheize duht!", wobei er offen ließ, wen er mit "denne" meinte, aber wir haben ihn, glaube ich, verstanden. Beim Weggehen rief er: "Lasst eusch bloß net unnerkrieje, is des klar?", wir brüllten: "Klar!", er stapfte davon, drehte sich nochmal um und rief: "Morje bring isch e neue Kanistä!" und wir waren uns einig, dass Frankfurt nicht nur die Metropole des Finanzkabbidals, sondern auch die der Revolution sein wird. Ebe grad langt's.

Samstag, 29. Oktober 2011

Zelten ist gut fürs Denken



Wieder mal völlig versackt heute abend.

Es war wunderbar.


Donnerstag, 27. Oktober 2011

Wir bleiben


Es ist mir ein Bedürfnis, mal was Grundsätzliches zum Camp #occupyfrankfurt, zum Leben im Camp, zur Interaktion, zur Dynamik und zu der ganzen unerfreulichen Kiste mit den Infiltrationsversuchen (von mehr als nur einer bestimmten Seite) zu sagen.

Der einzigartige Charakter dieses Camps - offen für jeden, der mitmachen möchte - bringt es mit sich, dass sich hier die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten biografischen, politischen und weltanschaulichen Hintergründen treffen. Oft erlebe ich, wie bei der Außenbetrachtung des Camps eine Homogenität in das Camp hineinprojiziert wird, die hier nicht existiert. Das, was hier passiert, ist auf fast allen Ebenen das glatte Gegenteil von Homogenität. Es ist ein wildes Durcheinander von Menschen, die vor knapp zwei Wochen beschlossen haben, ihre Zelte aufzuschlagen, jeder einzelne aus seinen ureigenen Motiven, deren gemeinsamer Nenner eine Kritik/Unzufriedenheit am derzeitigen System ist.

Keiner dieser Menschen (von ein paar Eingeweihten und Initiatoren abgesehen) hatte zu jenem Zeitpunkt vor zwei Wochen auch nur irgendeine andere Menschenseele hier gekannt. Wir waren uns wildfremd. Wir hatten keine Ahnung, wer im Nachbarzelt lag. Wir hatten noch weniger Ahnung, was in all diesen anderen, wildfremden Köpfen vor sich ging. Zunächst war uns das auch zweitrangig, denn unser oberstes Anliegen war ganz klar: in dieser kleinen Zeltstadt von Wildfremden eine Infrastruktur aufzubauen, die halbwegs funktioniert und den menschlichen Basisbedürfnissen gerecht wird (schlafen, essen, Wärme, Wasser, Stromversorgung über Generatoren, Sicherheit besonders nachts usw. usw.).

Täglich kommt es vor, dass diese Infrastruktur - die im Prinzip steht - partiell wieder zusammenbricht, weil halt irgendetwas Unvorhergesehenes passiert oder etwas schief läuft oder, im Einzelfall, gezielte Sabotageakte stattfinden. Täglich entstehen teils massive Konfliktsituationen aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Camps zum Frankfurter Bahnhofsviertel. Täglich stehen wir vor der Herausforderung des organisierten Diebstahls und des Missbrauchs der von uns geschaffenen Infrastruktur. Und jeden Tag, den der Herrgott gibt, raufen wir uns irgendwie zusammen und bringen das, was aus dem Ruder läuft, wieder in einen Zustand der - prekären - Balance, in dem alle in Ruhe schlafen, essen, sich wärmen und miteinander leben können. So lange, bis das nächste Ding aus dem Ruder läuft.

Das permanente Aufrechterhalten dieser Infrastruktur ist auch deshalb so wichtig, weil täglich neue Menschen zum Camp stoßen. Neue, wildfremde Menschen, die keiner von uns 'Altcampern' kennt; wildfremde Menschen, von denen keiner eine Ahnung hat, was in deren Köpfen vorgeht (siehe oben). Es geht also, in gewissem Sinne, jeden Tag, den der Herrgott gibt, wieder von vorne los, um die Neuankömmlinge in die bestehende Infrastruktur zu integrieren oder um diese Infrastruktur zu erweitern und zu stabilisieren oder um erneut Hand anzulegen, weil halt wieder mal irgendetwas zusammengekracht ist, ein Zelt aufgeschlitzt oder ein Hauptkabel zerlegt wurde.

Inmitten dieses alltäglichen Gewusels und Geschaffes, dem dabei naturgemäß stattfindenden Sichkennenlernen, Sichnäherkommen, Sympathien entwickeln, Antipathien entwickeln - schlagen wir uns jetzt mit den Problemen (auch: Gerüchten!) des Unterwandertwerdens herum. Da den 'Unterwanderern' die Unterwanderungsabsichten nicht auf der Stirn geschrieben stehen, haben wir damit zu leben, dass die Unterwanderer mitten unter uns leben.

Um es ganz platt zu sagen: Es gibt kein "Wir" (die 'Guten' mit den lauteren politischen Absichten) und "die anderen" (die 'Bösen' mit den unlauteren Hintergedanken), denn diese dubiosen "anderen" gehören automatisch zum "Wir", ob "uns" das passt oder nicht. Wir müssen damit leben. Es geht nicht anders. Es ist ein offenes Camp, dessen Stärke und Schwäche darin besteht, dass es ein offenes Camp ist.

Alles, was "wir" tun können, um professionellen Hijackern das Handwerk zu legen, ist: wachsam bleiben, ohne paranoid zu werden; offen nach allen Seiten bleiben, ohne blauäugig zu werden; das ungute Gefühl ertragen, dass der nette Kumpel von gestern abend möglicherweise ein Fall von einstudierter Nettigkeit war; gesundes Misstrauen entwickeln, ohne sich vom Misstrauen beherrschen zu lassen. Mit einem Wort: sich nicht verrückt machen lassen. Denn wenn wir alle anfangen am Rad zu drehen, ist das Ende des Camps vorprogrammiert.

Es gab hier schon Tage, da waren Zersetzungsprozesse in der Camp-Atmosphäre mit Händen greifbar - du läufst da durch, hörst dich hier um, redest dort mal mit jemandem, bleibst einfach mal irgendwo stehen, um alles auf dich wirken zu lassen und spürst, dass etwas Zersetzendes am Gären ist. Vorgestern war so ein Tag. Fühlte sich grässlich an. Du denkst: Mist, das Ganze geht den Bach runter.

Und dann geschehen merkwürdige - kann man sagen: 'gruppendynamische'?, ich weiß es nicht, bin an der Stelle völlig überfragt - Prozesse, die dazu führen, dass das gesamte Camp sich wieder fängt und in die Spur findet; als ob das Camp einen kollektiven Beschluss gefasst hat, sich gemeinsam am Schopf aus dem Zersetzungsmorast wieder herauszuziehen. Nur: Da hat niemand etwas beschlossen, da wurden keine Durchhalteparolen ausgegeben, da hat keine Plenumsdiskussion stattgefunden, da steht nichts Sinngemäßes am schwarzen Brett, und trotzdem - das Camp fängt sich und lässt es nicht zu, dass die vom Umkippen bedrohte Atmosphäre länger als einen Tag andauert. Diese Stärke, diesen Willen, diese unsichtbare Integrationskraft zu erleben ist etwas sehr Einzigartiges. In solchen Momenten liebe ich das Camp.

Ich muss aus meiner persönlichen Sicht dazu sagen: Es kommt vor, dass sich im Laufe nur eines Tages meine Einschätzung des Camps bzw. #occupyfrankfurt mindestens zehnmal ändert. Es gibt Tage, da bin ich nur am Fluchen, weil mich alles nervt. Während der letzten zwölf Tage habe ich bestimmt schon fünfmal beschlossen, mein Zelt abzubrechen und nachhause zu gehen. Das Komische ist: Ich bleibe. Egal, wieviel ich fluche, genervt bin oder an schlechten Tagen denke: ist doch alles für die Katz'. Ich stehe dann ganz erstaunt neben mir und nehme zur Kenntnis: Nanu, du bist ja immer noch hier.

Ja. Sieht so aus, als ob ich bleibe. Und viele andere bleiben auch. So weit ich das mitbekomme, springt hier kaum einer ab. Obwohl fast alle, die ich kenne, temporär am Fluchen sind und mal wieder die Schnauze gestrichen voll haben. Manchmal fluchen, schimpfen und lästern wir mit vereinten Kräften, um anschließend festzustellen: Das war jetzt wie eine erfrischende Dusche, hat gut getan, hat gereinigt, hat Raum geschaffen für Konstruktives, Freundschaftliches, Politisches, Wichtigeres als situatives Verstimmtsein. So etwas trägt, gibt Kraft und macht immer neugieriger auf das, was dieses Camp noch so alles hervorbringt.

Und dann diese Begegnungen vor dem Küchenzelt, wenn der Hunger zuschlägt:

"Wie, du bist ja immer noch da?"
"Klar, wo soll ich denn sonst sein?"
"Sagtest du nicht gestern, du wolltest...?"
"Spinnst du?"
"Nö, aber sagtest du nicht gestern...?"
"Mensch, das war gestern!"
"Ach so. Kann es sein, dass du gestern ein bisschen gesponnen hast?"
"Kann sehr gut sein."
"Ist ja auch egal. Hauptsache, du bist immer noch da."

Und dann holen wir uns heiße Suppe und setzen uns ins Gras und die Sonne scheint und das Camp wuselt um uns herum und wir schlürfen geräuschvoll Suppe und gucken uns an und müssen fürchterlich lachen. Weil wir beide immer noch da sind. Obwohl der andere Suppenkasper bereits vorgestern angekündigt hatte, ihm würd's jetzt allmählich reichen. Wir bleiben. Und fluchen. Und schlürfen. Und lachen.
Und bleiben.


Mittwoch, 26. Oktober 2011

Einsatzfahrzeuge



So sieht sie aus, unsere fabelhafte Mitfahrzentrale bei #occupyfrankfurt.
(Zum Vergrößern Bild anklicken)

Ein Infotelefon haben wir jetzt auch:
Occupy Frankfurt
0174-405 0504

Vielleicht klappt es ja, über das Infotelefon Mitfahrwünsche abzuwickeln.

Allerdings habe ich inzwischen eine Art robustes Misstrauen entwickelt, was das Funktionieren solcher Detail-Infrastrukturen auf dem Camp betrifft, und empfehle daher, etwaige Suche-/Biete-Gebote hier auf dem Blog zu hinterlassen. Ich werde sie dann entsprechend weiterleiten bzw. einfach nachts mal einen LKW kapern oder so. Versprochen.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Spenden und Spendieren


(zum Vergrößern Bild anklicken)

So sieht der momentane Sachspendenbedarf bei #occupyfrankfurt aus, Stand heute 17 Uhr. Wir freuen uns riesig über alles, was vorbeigebracht wird. Über "flexible" Geldspenden freuen wir uns natürlich auch, siehe der dezente Einschub unter 'Media-Center'.

Hoffentlich schaffe ich es bald, die Spendenkontonummer aufzutreiben.
Oder weiß jemand sie vielleicht schon?
Update:
Marc hat sie als erster gewusst, vielen Dank!

Occupy Frankfurt
Kontonummer: 6020953500
BLZ: 43060967
GLS Bank


Das Spenden hat ja viele Gesichter. Auch ganz kleine, herzerwärmende. Als ich heute früh an die Tonne trat, kam die Schreckensmeldung, der Kaffee sei leider grade alle. Katastrophe, seufzte ich leidend, worauf ein mir fremder Mensch an der Tonne meinte, am nahegelegenen Kiosk gebe es frischgebrühten Kaffee zu kaufen. Noch mehr Katastrophe, seufzte ich noch leidender, dazu müsste ich ja die wärmende Tonne verlassen, ging gar nicht. Der Mann verschwand.


Fünf Minuten später kam er zurück und stellte mir ein Frühstück vom Kiosk auf die Bank. Einfach so. So etwas haut mich um. Weil es so umwerfend herzerwärmend ist.

Danke.

Montag, 24. Oktober 2011

Auf der Hut


Gestern abend war das Fernsehen da, was nichts Besonderes ist. ARD. Auch nichts Weltbewegendes. Die ARD hat die komplette gestrige (öffentliche) Abend-Vollversammlung von #occupyfrankfurt gefilmt. So weit auch nichts besonders Weltbewegendes. Aber:

Das, was die ARD gestern abend gefilmt hat, war keine normale, typische Vollversammlung, wie sie seit gut einer Woche (meist mehrmals täglich) auf dem Campgelände stattfindet. Bei dem, was gestern abend öffentlich stattfand, gefilmt wurde und demnächst in irgendeiner aufgezeichneten Form ausgestrahlt wird, handelt es sich - zumindest zu 80 Prozent - um einen Fake. Ein Konstrukt. Eine Inszenierung.

Wie ich zu dieser Behauptung komme?

Gestern abend saß ich zusammen mit drei anderen Dauercampern der ersten Stunde in einem Zelt. Wir hatten vor, später gemeinsam zur Vollversammlung zu gehen, und haben uns solange angeregt unterhalten. Dass das Fernsehen aufschlagen würde, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Irgendwann hörten wir, wie die Versammlung startete. Als wir zum Zelt herauslugten und den Versammlungsplatz in vollem TV-Scheinwerferlicht sahen, beschlossen wir (vier Camp-Medien'geschädigte') spontan, sitzen zu bleiben und die Diskussion nur akustisch zu verfolgen.

Manchmal hören Ohren mehr als Augen sehen.

Was wir hörten, war keine Versammlung, wie wir sie gewohnt waren. Keine einzige der Stimmen, die zu Beginn relativ lange Redebeiträge lieferten, war uns vertraut. Sowohl Inhalte als auch Tonfall dieser Redner haben uns befremdet. So redet keiner von uns. Wir hörten eine aalglatt-routinierte, irgendwie an PR erinnernde Sprechweise mit agitatorischem Einschlag. Es waren fremde Leute, die bisher noch keiner von uns am Mikrofon/Megaphon erlebt hat, vor allem noch nie in dieser prägnanten Wortführerpose. Später erfuhren wir, dass einigen altgedienten '#occupyfrankfurtern' verweigert wurde, sich auf die Rednerliste setzen zu lassen.

Wir sind alarmiert (nicht erst seit gestern abend, aber besonders seit gestern abend).

Im Moment nur so viel:
Das, was von der ARD von der gestrigen Abendversammlung gesendet werden wird, bitte ich alle, die es sehen werden, mit äußerster Vorsicht zu genießen. Das waren nicht wir von #occupyfrankfurt - das waren, zu gut 80 Prozent, gezinkte Karten.

Das, was hier im Camp an Unterwanderungs- und Manipulationsversuchen geschieht, ist bei der momentanen - extrem offenen, in vielen Bereichen nur provisorisch funktionierenden - Organisationsstruktur von #occupyfrankfurt äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen. Es sind unerfreuliche Phänomene, die uns beunruhigen. Aber wir bieten die Stirn. Nach Kräften.

Dies ist keine über einen langen Zeitraum gewachsene, gereifte Bewegung; #occupyfrankfurt ist ein extrem dynamisches, schwer überschaubares Geschehen, das sich innerhalb von nur einer Woche in einem Mördertempo von Null auf 180 beschleunigt hat. Es ist - im sozialen wie politischen Sinne - ein Experiment. Ein Prozess. Ein Prozess, der unsere Energien auffrisst, sie ausspuckt, uns auslaugt und ständig mit neuer Energie versorgt. Oft fühlen wir uns ratlos, ausgebrannt, überfordert. Gehört dazu. Ständig passieren und entwickeln sich Dinge, die uns mit frischen Energieschüben versorgen. Daran haben wir uns gewöhnt. Wir sind fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.