Montag, 31. Mai 2010

Raab for President


Ich ahne es. Morgen früh wird Frau Übermop mich als erstes fragen, was ich vom Rücktritt des Bundespräsidenten halte, nachdem wir den des Ministerpräsidenten schon durch haben. Das Dumme ist, dass mit Köhlers Name - anders als mit dem von Koch - keine albernen Gastronomenwitze zu machen sind, es morgen also gleich zur Sache gehen wird. Zur Sache fiel mir, als ich von der Sache hörte, nichts weiter ein als Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, aber das kann ich unmöglich morgen früh bringen, weil Frau Übermop sich immer so aufregt, wenn ich so etwas sage. Sie will nämlich nicht, dass das Schiff sinkt. Ich ja eigentlich auch nicht, aber irgendwie sieht mir der Tanker doch schwer nach Schlagseite aus.

Apropos Tanker, heute früh fragte sie mich überfallartig: "Und, wie fandest du es?" Wie fand ich was? Frau Übermop war die Ungeduld in Person: "Na Mensch, was wohl, der Grongprieh natürlich!" Oha, der Grand Prix, alles klar. Der war spurlos an mir vorüber gerauscht. Frau Übermop konnte es nicht fassen: "Wie, du hast den Grongprieh nicht geguckt? Du bist ja nicht normal!" Ich wollte gerade antworten, dass da vielleicht ein Körnchen Wahrheit dran sei, da legte sie erbarmungslos nach: "Alle haben Grongprie geguckt, alle!" Außer mir, gab ich kleinlaut zu und begann mich wie ein Outcast zu fühlen. "Dann kannst du ja gar nicht mitreden", fuhr Frau Übermop fort, sichtlich frustriert, in mir keine adäquate Gesprächspartnerin gefunden zu haben.

Sie kam dann aber doch ins Erzählen, lästerte eloquent über irgendwelche "Dumpfbacken aus Russland", über "viel zu viel Nebel, man sieht ja gar nix", und überschlug sich vor Begeisterung für Impresario Stefan Raab, "wie der das Ganze gedeichselt hat, dass das was wird". Vielleicht ist es keine schlechte Idee, morgen früh den Leistungsträger Raab ins Gespräch zu bringen, als Nachfolger für den plötzlich abgegangenen Bundespräsidenten, und das mit dem sinkenden Schiff außen vor zu lassen. Am Ende gibt es womöglich doch noch einen, der das Ganze deichselt, dass das was wird.


Sonntag, 30. Mai 2010

Springing In The Rain



Das nächste anthrazitfarbene Brett am Himmel ist schon im Anmarsch. Was rettet einen regnerischen Tag vor dem Absaufen? Die Farbe Rot. Und das viele Springen. Erst nach dem 94. (vierundneunzigsten!) Sprung über einen New Yorker Bordstein samt Pfütze war das Bild im Kasten. Getanzt von Annmaria Mazzini, im Regen stand Jordan Matter, Fotograf und Blogger. Dancers Among Us nennt er seine Sammlung - Tänzer sind unter uns. Sie rennen der U-Bahn hinterher, hüpfen über vollbesetzte Parkbänke, tanzen mit Straßenmusikern und gehen in der Kirche nicht auf die Knie, sondern in den Spagat. Großartige Bilder. Was für eine Energie.

Samstag, 29. Mai 2010

Lochmuster


Heute mit nicht jugendfreiem Content.

Schauplatz ist ein Spielplatz. Ein Kinderspielplatz mit Rutschbahn, Sandkasten, Hoppepferdchen und einer Holzeisenbahn zum Reinsitzen. Also ein jugendfreier Spielplatz für kleine Kinder. Die Bäume verdecken den Blick auf den Spielplatz, so dass von einem Schauplatz eigentlich keine Rede sein kann, höchstens von einem Hörplatz. Jedenfalls dann, wenn ich mich auf meiner Dachterrasse der Entspannung hingebe.

Zu hören sind aufgeweckte Stimmen spielender Kinder. Ohrenscheinlich sind die lieben Kleinen dabei, sich zu jagen und zu fangen, wobei die höchste Sprosse der Leiter zur Rutschbahn am liebsten als Fluchtpunkt gewählt wird. Wer dort oben thront, wähnt sich sicher vor seinen Verfolgern. Wer sich sicher fühlt, riskiert auch mal eine dicke Lippe. Zu hören ist mal dieser Ausruf, mal jener Schrei und irgendwann das:
"Fang' mich doch, du Kackaloch!"
In den höchsten Tönen hinausgeschmettert. Die Silben Ka-cka lustvoll akzentuiert. Immer wieder. Da capo und kein Ende. Das Kind scheint am höchsten Punkt der Rutschbahn in einer tranceartigen Wiederholungsschleife festzuhängen, die es manchmal unterbricht, um refrainmäßig vor sich hin zu singen:
"Kackalochi, Kackalochi, Kicke, Kacke, Kackalochi"
- auch dies mit einer Vorliebe fürs Repetitive - und sodann zum bekannten Thema zurückzukehren: "Fang' mich doch, du Kackaloch!"

Irgendwann nähern sich die Stimmen von Erwachsenen und ein Mann ruft zur Begrüßung: "Hallo Jennifer!", und vom höchsten Punkt der Rutschbahn schallt es fröhlich zurück: "Hallo Kackalochi!" Unheilvolle Stille tritt ein. Dann die Männerstimme, scharf und laut: "Tschenniffer!" Pause. Die Spannung steigt. "Tschenniffer, komm' sofort da runter!" Längere Pause. Ich fühle mich wie in einem Hörspielkrimi und halte die Luft an. Die Pause dauert. Dann kräht das Kind vergnügt von der Rutschbahn herab:
"Kackalochi, fang' mich dochi!"
Stille. Nur die Dachterrasse bebt vor Lachen. Sonst absolute Stille. Nach einer ganzen Weile meldet sich das Kind wieder zu Wort. Es trällert leise vor sich hin - fast so, als ob es am Üben ist - und betont hingebungsvoll jede erste Silbe:
"Pipilochi, Papilochi, Kicke, Kacke, Kackalochi."
Da capo.

Freitag, 28. Mai 2010

Parkende Tigerente



Schreck lass nach am frühen Morgen.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Freestyle


In meiner neuen Wohnung fehlt mir dringend noch ein CD-Regal. Bis heute fehlte mir auch die Idee dazu. Ich wollte nämlich irgendetwas Besonderes. Das kommt hier und jetzt:


Ein elastisches CD-Regal aus alten Fahrradschläuchen (das mittlere). Bombastisch gut. Funktional, attraktiv, durchgeknallt, kost' nix. Die passenden CD-Würfel habe ich bereits. Jetzt brauche ich nur noch die Schläuche. Neue Ideen in alten Schläuchen, ha!

Damit nicht genug. Zwar fehlt mir nicht die leiseste Bohne ein Gewürzregal, aber seit ich dieses spice rack aus gebrauchten Glühbirnen gesehen habe, fehlt mir dringend ein Gewürzregal.


Ich will das haben.

PS: Wer dringend neue Flip-Flops braucht und nicht weiß, wohin mit seinen gebrauchten japanischen Esstäbchen, wird hier fündig.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Weg vom Fenster


Mittwoch ist Versprechertag. Keiner weiß warum, aber gegen Mitte der Woche scheinen sich Frau Übermops sprachliche Fehlzündungen zu häufen. Außerdem ist Mittwoch Fensterputztag. Wieso eigentlich? Keiner weiß warum, außer Frau Übermop: "Das ist halt so. Das ist die Gewohnheit der Macht", gab sie zum Besten, nachdem ich gefragt hatte, ob die Fenster nicht bis Donnerstag oder Freitag warten könnten; mir war heute nicht danach. Es nützte mir nichts.

Die Gewohnheit der Macht. Es ist jedes Mal dasselbe: Frau Übermop verspricht sich und ich warte instinktiv darauf, dass sie sich korrigiert. Tut sie aber nicht. Sie lässt ihre Sprachschnitzer einfach so im Raum stehen. Und ich sitze da und verkneife mir ein Grinsen, nachdem eben noch meine Mundwinkel in die entgegengesetzte Richtung tendiert hatten. Wegen der dummen Fenster.

Später fragte sie mich wie aus heiterem Himmel: "Was sagst du denn zum Rücktritt vom Koch?" Erst dachte ich mir, jetzt bist du auch mal witzig, und fragte zurück: "Welcher? Wir haben hier fünf Köche." "Unsinn", meinte Frau Übermop, ohne zu lachen, "ich meine doch den von Hessen. Der ist jetzt weg." "Weg vom Fenster," korrigierte ich situationsangemessen von der Leiter herab und prüfte dabei die Streifenfreiheit der Oberlichter. "Weg von der Politik," wurde ich von Frau Übermop humorfrei korrigiert, "der schmeißt einfach alles hin, ich verstehe das nicht, der kann doch nicht einfach machen, was er will?" "Kann er wohl," entgegnete ich und hielt mich für besonders schlagfertig, als ich hinzufügte, "das ist bei dem Typen die Gewohnheit der Macht."

Ich erntete einen scharfen Seitenblick, mit dem Frau Übermop mich erneut verbesserte: "Falsch, es heißt die Macht der Gewohnheit." Da fehlten mir nun wirklich die Worte. Der Frau Übermop nicht: "Ich dachte, von uns beiden bist du die Studierte!" Peng. Vorsichtshalber hielt ich erst mal den Mund, um zu vermeiden, vor Lachen von der Leiter zu fallen. "Der lässt einfach alles stehen und liegen," fuhr Frau Übermop kopfschüttelnd fort, "und geht jetzt in die Wirtschaft." Wo soll der Koch auch sonst hingehen, dachte ich und sagte, ohne es im geringsten witzig zu finden: "Da gehört er auch hin."

Da blieb Frau Übermop breit grinsend unter der Leiter stehen, blickte zu mir hoch und sagte nach einer effektvollen Pause: "Du auch!" Ich guckte dumm und brauchte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass Frau Übermop soeben eins ihrer raren Komplimente um die Ecke geschossen hatte: Mit anderen Worten, sie hielt mich für gastronomietauglich.

Anderthalb Stunden später fragte ich Frau Übermop, wo der eingelegte Ziegenkäse hingehöre, ins Kühlhaus oder in die Küche? Bierernst brummte sie: "Frag' den Koch, nicht mich." Ob sie mir bitte sagen könne, in welcher Kneipe der Ministerpräsident sich gerade aufhalte, fragte ich weiter. Na endlich. Wir mussten beide gleichzeitig lachen. Mittwoch ist Versprechertag.

Dienstag, 25. Mai 2010

Flügelschlag


Ikarus lässt grüßen.
Sonnenaufgang 5:28 Uhr.