Samstag, 27. Juli 2013

Smarte Überwachung


Heute ist ja in den Städten ordentlich was los. Drum dachte ich, ein stimulierendes Video über die am besten überwachte Stadt der Welt kann nicht schaden.

Schon deshalb, weil im Online-Modus sehr viel Kritisches zur Online-Überwachung, aber nur sehr wenig Kritisches zur physischen Überwachung zu hören ist. Ob das daran liegt, dass viele Online-Aktivisten vorzugsweise eher im Netz als auf der Straße unterwegs sind, weiß ich nicht. Aber da sie nun mal heute alle ihren online-gestählten Körper auf die Straßen der Städte schwingen, um physisch gegen die allgegenwärtige Online-Überwachung zu demonstrieren, hielt ich es für angemessen, auch mal die allgegenwärtige physische Überwachung aufs Tapet zu bringen.

Die am besten überwachte Stadt der Welt ist? Die nordspanische Stadt Santander, wer hätte das gedacht. Natürlich sagen sie nicht "die am besten überwachte Stadt der Welt"; sie sagen lieber "die intelligenteste Stadt der Welt" oder "die smarteste Stadt der Welt", gern auch "die Stadt der Zukunft", die sich damit brüstet, ein großangelegtes, von der EU gesponsortes "städtisches Experiment" zu sein. Ein Experiment mit Vorzeigecharakter, zur globalen Nachahmung empfohlen. Zweck der Übung: "die Städte effizienter zu gestalten", und wer beim Reizwort "effizienter" zu allergischen Reaktionen neigt, der bekommt marketingsprechtechnisch eins übergezogen mit dem narkotisierenden Slogan "makes life easier" oder gleich "erhöht Ihre Lebensqualität".

Mehr als 12.000 über die Stadt verteilte Sensoren, die das Leben leichter machen (und damit die Überwachung leichter machen); mehr als 12.000 Sensoren, die Ihre Lebensqualität erhöhen (und damit die Überwachungsqualität erhöhen); mehr als 12.000 Sensoren, die "der Stadt ein neues Niveau an Effizienz bescheren" (und damit der Stadt ein neues Niveau an Überwachung bescheren).

Und weil die smarten Vermarkter das böse Wort "Überwachung" scheuen wie der Teufel das Weihwasser, machen sie das smarte Überwachungsprojekt schmackhaft mit dem smarten Buzzword "Convenience": alles zu Ihrem Nutzen, Ihrem Komfort, Ihrer Bequemlichkeit. Ihr Datenschutz? Wie unsmart, kann unter den Tisch fallen. Und weil bei keiner smarten Vermarktungsstrategie ein smartes Testimonial fehlen darf, darf ein durch die smarte Stadt flanierender Passant die smarte Botschaft überbringen:
"Das (Projekt) wird sehr beliebt werden, ich denke, das ist ein guter Schritt, um die Interaktion zwischen den Bürgern und Stadtverwaltung zu verbessern." 
Interaktion. Auch dies ein smartes Wort. Die Interaktion verbessern, klingt noch smarter.
"... und ein guter Weg, um mehr Zugriff auf Informationen zu bekommen."
Mehr Zugriff auf Informationen, wenn das nicht supersmart ist. Wer da mehr Zugriff auf welche Information bekommt? Keine smarte Frage.
"Ich denke, dies ist nur ein erster Schritt."
- denkt laut der Passant, und ich denke, da hat er verdammt recht.



Übrigens wird im Internet die smarteste Stadt der Welt landauf, landab bejubelt. Mir ist, trotz hartnäckiger Suche, nichts Kritisches untergekommen. Finde ich irgendwie, sagen wir mal, unsmart.

Kommentare:

  1. Mir ist, trotz hartnäckiger Suche, nichts Kritisches untergekommen.

    Die Kontroverse über "Smart City" läuft sehr wohl auf vielen Ebenen, mal eben etwas über den Tellerrand von Klein-Bloggersdorf schauen - z.B.:
    ~~~
    Anthony Townsend, director of technology development at IFTF and the report’s lead author:

    Townsend says, whether it’s privacy versus the public good, collecting data versus parsing it, and guaranteeing access to all citizens versus carving out virtual gated communities and corporate enclaves. “You could imagine a world with a lot of preventative measures to stop smoking or stop obesity from spreading through social networks--which we know to be true,” he says. “Or you could use this information to deny them health insurance or even access to parts of the city. There are ways all of these can play out as either dystopia or utopia.”

    In that regard, The Future of Cities, Information, and Inclusion is the highest-profile critique to date of the bright green rhetoric from companies like IBM, Siemens or Cisco ¹), which have seized the chance to pad their top lines with government sales while corporate IT customers stockpile mountains of cash. In what the report calls the "Battle for the Smart City":

    Global technology companies ¹) are offering “smart city in a box” solutions. Governments are responding to their pitch: a smarter, cleaner, safer city. But there is no guarantee that technology solutions developed in one city can be transplanted elsewhere. As firms compete to corner the government market, cities will benefit from innovation. But if one company comes out on top, cities could see infrastructure end up in the control of a monopoly whose interests are not aligned with the city or its residents.

    [via: http://www.fastcompany.com/1710342/battle-control-smart-cities ]

    ¹) z.B.: http://www.ibm.com/smarterplanet/de/de/smarter_cities/overview/

    http://www.siemens.de/nachhaltige-stadtentwicklung/nachhaltige-stadtentwicklung.html

    http://www.cisco.com/web/strategy/smart_connected_communities.html

    http://www.microsoft.com/government/ww/public-services/city-next/Pages/index.aspx

    ~~~
    ... um hier nur mal auf eine (1) von vielen Diskussionen zu verweisen.
    ~~~
    p.s.: Reisetip für die Paranoiker (@feynsinn.org: Verkauft wird dieser Marsch in den Faschismus als “smart” und “effizent”.):
    Noch ist es in Santander NICHT VERBOTEN mit den Händen in den Hosentaschen - das Smartphone ausgeschaltet! - umher zu schlendern.

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  2. Schöne neue Welt.
    In Verbindung mit dem WSWS-Artikel "Die Militarisierung Amerikas" können wir doch hoffnungsvoll der Zukunft entgegen sehen.
    Allerdings muss ich eine kleine Einschränkung machen: Vor nicht all zu langer Zeit war Johannesburg (RSA) nahezu nicht mehr betretbar, die (Straßen)Kriminalität hatte die macht übernommen. Daraufhin wurden an allen kritischen Punkten Kameras installiert und innerhalb von ca.18 Monaten konnte diese Art von Kriminalität auf ein 'Normalmaß' eingedämmt werden. Die Überwachungsmonitore sind allerdings immer bei der der Kamera nächstgelegenen Polizeistation aufgestellt.
    Wie ist es in Santander? Was war der Anlass der Installation?

    MfG: M.B.

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    1. Kriminalitätsbekämpfung via Videoüberwachung? Ergo, je mehr Kameras im öffentlichen Raum, desto weniger Kriminalität? (Wie argumentiert noch gleich die NSA: Je mehr Totalüberwachung, desto weniger Terrorismus?) Sehen so Lösungen aus?

      Wie wäre es, zur Abwechslung mal nicht die Kriminalität, sondern die Ursachen der Kriminalität zu bekämpfen, speziell in Südafrika, im Post-Apartheidsystem: Armut, soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, fortgesetzte Marginalisierung der schwarzen Bevölkerung, obszöner Reichtum einer dünnen Ober-/Mittelschicht (in bis an die Zähne bewaffneten Gated Communities lebend, umgeben von Slums, so weit das Auge reicht), nicht zu vergessen die Korruption der politischen Klasse - ein Phänomen, welches bekanntermaßen Kriminalität fördert statt sie zu bekämpfen?

      Wohlgemerkt, ich breche keine Lanze für Kriminalität und würde mich in Johannesburg mit höchst gemischten Gefühlen bewegen, wenn ich allein an die ausufernde Vergewaltigungsrate denke. Aber - Videokameras? Fällt dem System sonst nichts weiter ein? Obwohl sämtliche Studien es wie die Spatzen von den kamerabestückten Dächern pfeifen, wo die Wurzeln der Kriminalität in Südafrika zu suchen sind?

      Ach ja, und was ist eigentlich mit der sprunghaft steigenden Finanzkriminalität in Südafrika? Wird die auch videoüberwacht?

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  3. Guten Morgen Mrs. MOP,

    alles irgendwie richtig was Sie da anmerken. Rein wirtschaftlich ist natürlich die Wirtschaftskriminalität (so wie hier auch)viel gravierender als die Straßenkriminalität, nur davon merken Sie nichts wenn sie auf der Straße sind.
    Der zweite Punkt, Zustände schaffen die eine Kriminalität verhindern, das ist, wie überall auf der Welt, einfacher gesagt als getan. Seit dem Regimewechsel von W.de Klerk (NP) zu N.Mandela (ANC)haben einige ausländische Firmen ihr Engagement in RSA zurück gefahren oder ganz beendet und, was noch viel schlimmer ist, osteuropäische kriminelle Vereinigungen haben sich kurz nach der Machtübernahme durch den ANC im Land breitgemacht.
    Übrigens, in Johannesburg kann man sich wieder relativ sicher bewegen, genauso in den Städten in der Umgebung, und Vergewaltigungen gibt es eigentlich nur in den von Schwarzen bewohnten Ortsteilen. MfG: M.B.

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    1. "Rein wirtschaftlich ist natürlich die Wirtschaftskriminalität (so wie hier auch)viel gravierender als die Straßenkriminalität, nur davon merken Sie nichts wenn sie auf der Straße sind."

      Mann, genau da liegt das Problem!

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