Mittwoch, 31. Juli 2013

Hartz V für alle


Es ist still geworden um P. Hartz. In Deutschland hat sich der Erfinder der Hartz-Reformen rar gemacht; jahrelang gab er kein Interview. Doch nun bricht der Erfinder von Hartz IV sein Schweigen - und spricht zu den Franzosen.
In wohlmeinender Absicht.
Er wolle Präsident Hollande keine Lektionen erteilen.
Nur ein bisschen nachhelfen.
Jedes Land müsse sich selbst reformieren.
Schließlich sei Deutschland kein Export-Modell, und Hartz IV sei nun mal Hartz IV, das mache den Deutschen so schnell keiner nach, und wenn überhaupt, dann habe Europa, allen voran Frankreich, etwas Besseres, ähm, Neueres, ähm, Deutscheres, ähm, also, einfach was ganz anderes verdient:
... skizziert er ein Hartz V-Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa.
Es geht voran. Deutschland geht voraus. 
Die jugendlichen Arbeitslosen sollen Sprachkurse erhalten, damit sie Jobs in einem anderen EU-Land (vermutlich Deutschland) annehmen können.
Deutschland, der kommende Export-Import-Weltmeister, möchte schließlich auch was abhaben vom großen europäischen Kuchen Jugendarbeitslosigkeit. Kommet her, ihr Jungverzweifelten, wie bieten euch eine Perspektive.
Doch die "Europatriatres", wie sie Hartz nennt, sollen nicht etwa selbst frei wählen.
Freizügigkeit? Als Perspektive? Für wen?
Vielmehr sollen die Unternehmen sich die benötigten Jugendlichen aussuchen - auf Grundlage einer gigantischen Datenbank, die "Big Data" auswertet.
Na endlich wird die ganze Ausspionier-Obsession einem guten Zweck zugeführt. Jetzt muss nur noch die Finanzierungsfrage geklärt werden.
Finanziert werden soll das gigantische Programm durch neue "Bildungs-Zertifikate" -
- gigantische Idee. Wer gibt die neuen Wertpapiere aus? Kann man überhaupt so dumm fragen?
- die die Banken ausgeben und die Staaten garantieren sollen.
Ah ja, natürlich, die Banken und Staaten. Alles unter einem Dach. Das hat Zukunft, das wird sich rechnen.
Nach einer Weile könnte sich daraus ein neuer Markt entwickeln, so Hartz.
Ein gigantischer neuer Markt für arbeitslose europäische Jugendliche.

Hartz V für alle.
Jobs für jeden.
Wir erschließen neue Märkte.
Krise als Chance.
Deutschland über alles.

Verarscht euch doch selber.

Sonntag, 28. Juli 2013

Wisch und Geld weg


Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfährt meinem Geldbeutel.
Ihm, der ohnehin chronisch erleichtert, weil ständig leer ist; ihm, der ohnehin chronisch erleichtert, weil von schleichender Inflation geplündert wird. Ihm, dem im Normalfall nur Seufzer der Schwermut entfahren - ein Blick in den Geldbeutel und die Frage steht im entleerten Raum: Wie in drei Cent Namen willst du bis Monatsende über die Runden kommen? -, er also seufzt jetzt inbrünstig vor behaglicher Erleichterung: Siehst du, es geht doch!

Was ist geschehen? Mein chronisch sparsames Leben hat jetzt eine neue, erleichternde Komponente bekommen: Von der Konsumgüterindustrie naht Hilfestellung. Die Industrie hat nämlich endlich verstanden, dass der gemeine Konsument an allem sparen muss, im Kleinen wie im Großen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht. Deshalb kommt die Industrie jetzt dem dauerklammen Sparbrötchen entgegen, indem sie bereits im produzierenden Vorfeld Sparmaßnahmen ergreift; Sparmaßnahmen, um dem Sparbrötchen das Sparen abzunehmen, im Kleinen wie im Großen.

Die Rede ist von Klopapier. Es gilt:

Wer nie auf seinem Lokus saß
wer nie voll kummervollen Blicks,
der letzten Blätter Zahl bemaß,
der kennt sie nicht, die allerneusten Tricks.

(Sorry für den bastardisierten Goethe. Fällt unter Notdurft.)

Der neueste Trick wurde von der Klopapierindustrie ersonnen. Er fällt in die - herstellerseits - beliebte Kategorie 'Innovation', die von Konsumentenseite gern despektierlich mit "drauf geschissen" kommentiert wird, was die Herstellerseite zu immer neuen innovativen Höhenflügen anspornt. Innovativ ist immer dann, wenn kostendämpfende Produktionsmaßnahmen als bahnbrechend neue Produktqualität verkauft werden. Der Trick dabei: flankierende kreative Wortfindungsmaßnahmen.

Und nun der allerneueste kreative Klopapierwortfindungsknaller:
Desheeting.
Bitte nicht nachschlagen, denn das Wort gibt es nicht. Desheeting. Mit lang gesprochenem "ee", damit kein despektierlicher Klopapierkonsument auf die naheliegende Idee kommt, mit "drauf geschissen" zu kontern. Desheeeeting also.

Es wurde soeben frei erfunden von der Klopapierfirma Kimberley-Clark und bedeutet so viel wie: Wir entblättern eure Klopapierrollen, sprich: Wir reduzieren die Anzahl der Blätter, but don't you worry, ihr kriegt das Gleiche für euer Geld, ha!, ihr kriegt sogar noch mehr fürs Geld!

Wie, mehr fürs Geld bei weniger Blättern? Ja freilich! Einfach bisschen kreativ sein! Mehr fürs Geld bei weniger Blättern geht so:
Der Wesensbestandteil der Innovation liegt darin, das Papier aufzuplustern, ohne zusätzliches Material zu verwenden - das Papier "ist um 15 Prozent voluminöser", dafür enthält es 13 Prozent weniger Blätter.
Können alle Klopapiersparbrötchen folgen? 13 Prozent weniger Blätter bei 15 Prozent mehr Blattvolumen - wenn das kein Schnäppchen ist! Bares Geld gespart, immerhin zwei Prozent, bitte, Kleinvieh macht auch Mist, und wer braucht schon zwei Blatt Klopapier, wenn's mit einem einzigen locker von vorne bis hinten reicht?
"Wir wollen den Konsumenten ein besseres, stärkeres Klopapier geben, damit Sie weniger Blätter benötigen, um Ihr Geschäft zu erledigen."
Phantastisch. Künftig muss ich nicht mehr am Klopapier sparen - der Job wird für mich bereits in der Klopapierfabrik erledigt. Fürs gleiche Geld. Die wollen noch nicht mal mehr Geld von mir dafür, dass sie für mich sparen. Was jetzt noch fehlt, ist die Erfindung des blattlosen Klopapiers.

Und jetzt alle:

Wer nie auf seinem Lokus hockte
wer nie, gewahr des letzten Blatts,
gemerkt, was Hakle hier verbockte,
dem knall' ich einen vor den Latz.

Sorry, Goethe. Ich musste mal ganz dringend.

Samstag, 27. Juli 2013

Smarte Überwachung


Heute ist ja in den Städten ordentlich was los. Drum dachte ich, ein stimulierendes Video über die am besten überwachte Stadt der Welt kann nicht schaden.

Schon deshalb, weil im Online-Modus sehr viel Kritisches zur Online-Überwachung, aber nur sehr wenig Kritisches zur physischen Überwachung zu hören ist. Ob das daran liegt, dass viele Online-Aktivisten vorzugsweise eher im Netz als auf der Straße unterwegs sind, weiß ich nicht. Aber da sie nun mal heute alle ihren online-gestählten Körper auf die Straßen der Städte schwingen, um physisch gegen die allgegenwärtige Online-Überwachung zu demonstrieren, hielt ich es für angemessen, auch mal die allgegenwärtige physische Überwachung aufs Tapet zu bringen.

Die am besten überwachte Stadt der Welt ist? Die nordspanische Stadt Santander, wer hätte das gedacht. Natürlich sagen sie nicht "die am besten überwachte Stadt der Welt"; sie sagen lieber "die intelligenteste Stadt der Welt" oder "die smarteste Stadt der Welt", gern auch "die Stadt der Zukunft", die sich damit brüstet, ein großangelegtes, von der EU gesponsortes "städtisches Experiment" zu sein. Ein Experiment mit Vorzeigecharakter, zur globalen Nachahmung empfohlen. Zweck der Übung: "die Städte effizienter zu gestalten", und wer beim Reizwort "effizienter" zu allergischen Reaktionen neigt, der bekommt marketingsprechtechnisch eins übergezogen mit dem narkotisierenden Slogan "makes life easier" oder gleich "erhöht Ihre Lebensqualität".

Mehr als 12.000 über die Stadt verteilte Sensoren, die das Leben leichter machen (und damit die Überwachung leichter machen); mehr als 12.000 Sensoren, die Ihre Lebensqualität erhöhen (und damit die Überwachungsqualität erhöhen); mehr als 12.000 Sensoren, die "der Stadt ein neues Niveau an Effizienz bescheren" (und damit der Stadt ein neues Niveau an Überwachung bescheren).

Und weil die smarten Vermarkter das böse Wort "Überwachung" scheuen wie der Teufel das Weihwasser, machen sie das smarte Überwachungsprojekt schmackhaft mit dem smarten Buzzword "Convenience": alles zu Ihrem Nutzen, Ihrem Komfort, Ihrer Bequemlichkeit. Ihr Datenschutz? Wie unsmart, kann unter den Tisch fallen. Und weil bei keiner smarten Vermarktungsstrategie ein smartes Testimonial fehlen darf, darf ein durch die smarte Stadt flanierender Passant die smarte Botschaft überbringen:
"Das (Projekt) wird sehr beliebt werden, ich denke, das ist ein guter Schritt, um die Interaktion zwischen den Bürgern und Stadtverwaltung zu verbessern." 
Interaktion. Auch dies ein smartes Wort. Die Interaktion verbessern, klingt noch smarter.
"... und ein guter Weg, um mehr Zugriff auf Informationen zu bekommen."
Mehr Zugriff auf Informationen, wenn das nicht supersmart ist. Wer da mehr Zugriff auf welche Information bekommt? Keine smarte Frage.
"Ich denke, dies ist nur ein erster Schritt."
- denkt laut der Passant, und ich denke, da hat er verdammt recht.



Übrigens wird im Internet die smarteste Stadt der Welt landauf, landab bejubelt. Mir ist, trotz hartnäckiger Suche, nichts Kritisches untergekommen. Finde ich irgendwie, sagen wir mal, unsmart.

Freitag, 26. Juli 2013

Jetzt wächst zusammen ...


Schon mal was von Antiprism gehört? Klar doch, quillt ja zur Zeit aus jeder Pore der Internets.

Halt nein, nicht aus jeder.

Aus einer ganz bestimmten Pore quillt nämlich gar nichts,
beim Suchwort "Antiprism".
Absolut nichts.
Außer Funkstille.

Halt nein, stimmt jetzt auch wieder nicht.

Zum Stichwort "Antiprism" findet sich auf besagter verstopfter Pore per Suchfunktion jetzt prominent folgendes.
Bitte anklicken.
Ist nämlich ein Link.

Well, that's a little Chinese in style ...

(via Frankfurter Gemeine Zeitung)

Update 20:58 Uhr:

Inzwischen fließt der Talg wieder reichlich aus der kurzzeitig verstopften Pore. War da was? Was soll da schon gewesen sein? Eben. Also bitte weiterhin Facebook nutzen, um am Samstag vereint gegen das Überwachungssystem zu demonstrieren. Und nicht vergessen: Immer weiterhin sich mit dem Systemagenten ins Bett legen. Ist so schön kuschelig. Und fühlt sich zugleich so kämpferisch an. Keep fighting, Leute, und immer schön weiter kuscheln. So liebt euch das System.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Die Straße frei den braunen Bataillonen


Griechenland, wird Finanzminister Schäuble nicht müde zu betonen, sei auf einem guten Weg. Mehr noch: auf dem richtigen Weg. Schäuble scheint den richtigen Weg zu kennen und wird wissen, weshalb er ihn unermüdlich propagiert und wiederkäut.

Zum richtigen Weg gehört flächendeckender sozialer Kahlschlag. Um diesen Kahlschlag wirklich effizient zu gestalten, muss alles aus dem (richtigen!) Weg geräumt werden, was den Kahlschlag behindern könnte. Beispielsweise Gesetze, die behinderte oder geringverdienende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes vor Entlassung schützen sollen. Falsch, schützen sollten. Seit heute ist die sogenannte Sozialklausel ersatzlos gestrichen.

Die Gesetzesänderung erfolgte
... auf Druck der Eurogruppe, die in der Schutzklausel eine "Gefahr" für den geforderten Kahlschlag sah. Vor allem Deutschland hatte Druck gemacht und mit Hilfsentzug (=Verweigern der nächsten Kredittranche) gedroht.
Erpressung also, auf gut deutsch. Wo ein Ziel ist, ist jedes Mittel recht und ebenso jeder Weg. Halt, nein, nur der richtige Weg ist recht. Der aus deutscher Sicht richtige Weg. Ist recht. Oder rechts.

Gestern veranstaltete die faschistische Partei Golden Dawn vor den Türen ihrer Niederlassung in Athen eine politische Kundgebung. Gegen den sozialen Kahlschlag. Politik gekoppelt mit Wohltätigkeit, Nächstenliebe, Almosen. Kommt immer gut. Besonders auf dem rechten Weg.
Golden Dawn spielte eine Nazi-Hymne während einer politischen Wohltätigkeitsveranstaltung, die von den Behörden versucht worden war zu verbieten.
Versucht worden war zu verbieten. Schlug leider fehl, der Versuch. Dabei wollten sie Golden Dawn doch ausdrücklich verbieten, den griechischen Bürgern karitative Tüten mit Lebensmitteln und Kleidung auszuhändigen. Wohlgemerkt, den griechischen Bürgern. Sonst niemandem.
Parteimitglieder verteilten Nahrungspakete, nachdem sie die Ausweise der Empfänger kontrolliert hatten, um sicherzustellen, dass Nichtgriechen von der Aktion ausgeschlossen sein würden.
Hat aber leider nicht geklappt, der Versuch, die rein griechische Wohltätigskeitsaktion zu verbieten. Keine Ahnung, wieso. Vermutlich war nicht genug Druck hinter dem Versuch der Behörden, die Aktion zu verbieten. Keine Ahnung, wieso nicht. Oder doch Ahnung, ganz dumpfe, trübe Ahnung. Egal, jedenfalls hat Golden Dawn das Ding unbehelligt durchgezogen.

Zwar hat der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Dendias, die Aktion nicht gebilligt und am Mittwoch öffentlich verkündet, bei Golden Dawn handele es sich um "eine erbärmliche Kopie des Nazi-Totalitarismus". Finde er nicht gut, so etwas, hat der Minister gemeint. Verboten wurde die Aktion trotzdem nicht. Obwohl man es doch versucht hatte, wirklich versucht hatte. Aber gut, dass der Minister darüber gesprochen hatte.

Die Golden Dawn Partei hat das natürlich gefreut, dass es nicht gelungen war, ihre Aktion - trotz wirklicher Versuche - zu verbieten. Aus lauter Freude darüber spielte Golden Dawn während ihrer wohltätigen Aktion laute Musik. Mit Gesang. Voll aufgedreht, aus Lautsprecherboxen, die auf der Straße aufgestellt wurden.
Essensausgabe zu den Klängen des Horst-Wessel-Liedes**
Eine griechische Version des deutschen Horst-Wessel-Liedes wurde aus Lautsprechern gespielt vor den Türen des Athener Büros der Partei, wo Parteimitglieder Tüten mit Essen und Kleidung aushändigten.
Natürlich wurden die Lautsprecherboxen auch nicht verboten. Erst recht nicht das Horst-Wessel-Lied, nein, es war noch nicht einmal versucht worden, das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes zu verbieten. Sie spielten es einfach, basta. Warum auch nicht? Ist ja nicht verboten, das Lied. In Griechenland. In Deutschland schon*. Aber Hauptsache, Griechenland ist auf einem guten Weg. Mehr noch, auf dem richtigen Weg. Den aus deutscher Sicht richtigen Weg. Mit dem passenden Soundtrack.

Fast könnte man meinen, der Weg sei das Ziel.


* Auf Ekathimerini sind drei Videos der gestrigen Veranstaltung eingebettet, inklusive des von Golden Dawn gewählten Soundtracks - "Dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar", heißt es dort.

** Die Überschrift dieses Posts entstammt dem Horst-Wessel-Lied. Es war zunächst ein Kampflied der SA und avancierte etwas später zur Parteihymne der NSDAP.
"Die Melodie und der Marschtritt, ein paar für sich bestehende Einzelwendungen und Phrasen, die sich an die 'heroischen Instinkte' wenden: 'Die Fahne hoch! ... Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann ... bald flattern Hitlerfahnen ...': genügte das nicht zum Hervorrufen der beabsichtigten Stimmung?"

Wo der Spass aufhört und wo er anfängt


 Wasserwerfer. Auch so ein Wort, so ein weichgespültes. Seit wann wirft ein Wasserwerfer Wasser? Eben. Das monströse Panzergefährt, geschaffen zur Unterdrückung des Rechts auf Versammlungsfreiheit, heißt auf Englisch korrekt water cannon, also Wasserschusswaffe, und um nichts anderes geht es: Die Leute auf der Straße zu beschießen mit einem unter hohem Druck erzeugten Wasserstrahl. Damit dem Volk die Lust vergehe, sich mit seinesgleichen unter freiem Himmel zu versammeln und zu tun, wonach ihm der Sinn steht. Schon mal von einer Wasserkanone beschossen worden? Da hört der Spass auf. Wasserwerfer. Dass ich nicht lache.


Das Volk selbst ist da erfrischend artikulierter. Verspürt das Volk Lust, sich unter freiem Himmel zu versammeln und zu tun, wonach ihm bei 33 Grad (Celsius) der Sinn steht - nämlich sich zu erfrischen -, dann nennt der Volksmund die Dinge beim Namen: shooting the pump. Das ist zwar ziemlich mehrdeutig, aber so ist das Volk nun mal. Lieber eindeutig mehrdeutig als weichgespült rumgesoftet.


Und wenn das Volk mehr will als mit Wasser nur beworfen zu werden, wenn es also mehr Druck wünscht, dann braucht es dazu nichts als einen Universalschraubenschlüssel -


- und eine Konservendose ohne Boden. Und natürlich einen Hydranten.


Versammlungsfreiheit?  Hände hoch!


Oder halt so.


Und dann alle so.

J.Walter Negro and The Loose Jointz singen Shoot The Pump:

Eine musikalische old school Liebeserklärung an alle New Yorker Wasserkanonen und deren Inbesitznahme durch das Volk - irgendwas Wildes zwischen 80er Latin und Funk aus einer Zeit, als der Hip Hop noch im Brutkasten döste und mit Rap abenteuerlich tolle Geschichten erzählt wurden: Occupy hydrants! oder so ähnlich. Mitten im Song kreuzt plötzlich die Polizei auf ("Get away from that fire hydrant, ya punk!" - "You better just shoot the punk!"), Sirenengeheul, es folgt ein Schusswechsel, vom Schraubenschlüssel-Kid nur knapp überlebt dank einer schussicheren Weste: "I'm gonna live forever or die tryin'". Was den Gute-Laune-Song mit seiner sommerlichen Großstadtenergie auf ein völlig anderes, damals wie heute aktuelles Level hebt.

Keep shooting the pump. Forever.




Bilder: Clayton Cubitt via BoingBoing

Mittwoch, 24. Juli 2013

Montag, 22. Juli 2013

Generation No Beat



Bob McFadden - The Beat Generation
via 

Muss man sich mal vorstellen.

Es gab mal eine Zeit,
da wurde rumgehangen
und einfach so in den Tag gelebt,
so, als ob's kein Morgen gäbe.

Some people like to rock. Some people like to roll. 
But me, I like to sit around to satisfy my soul.

Rumhängen halt.
Nichtstun.
Einfach so.
Rumhängen. Nichtstun.
Und damit gegen den Strom schwimmen.

I belong to the beat generation.
I don't let anything trouble my mind.
I belong to the beat generation.
And everything's goin' just fine.

Hat dem Strom natürlich nicht gefallen.
War der Beat Generation aber egal.

Muss man sich mal vorstellen.

Rumhängen. Nichtstun.
Bisschen was trinken.
Oder auch bisschen mehr.
Unterwegs sein.
Auf der Straße.
Und auch dort:
rumhängen, nichtstun,
bisschen was trinken
oder auch bisschen mehr,
alles niederschreiben,
was einem so in den Sinn kommt:

I once knew a man who worked from nine to five.
Just to pay his monthly bills was why he stayed alive.
So keep your country cottage, your house and lawn so green.
I just want a one-room pad where I can make the scene.

Hat den Nine-to-fivers nicht so gut gefallen.
War der Beat Generation aber egal.

Muss man sich mal vorstellen.

Rumhängen,
nichtstun,
trinken,
unterwegs sein,
alles niederschreiben
und singen,
was einem so in den Sinn kommt:

Some people say I'm lazy and my life's a wreck.
But that stuff doesn't faze me, I get unemployment checks.
I run around in sandals, I never, ever shave.
And that's the way I wanna be when someone digs my grave.

Hat einigen Leuten nicht so gut gefallen.
War der Beat Generation aber egal.

Muss man sich mal vorstellen.

Ist aber schon lange her.
Sehr lange her.
Und heute?

Muss man sich mal vorstellen:

Da hinge einer rum
und täte nichts
außer trinken,
unterwegs sein,
alles niederschreiben,
singen,
was ihm so in den Sinn kommt
und gegen den Strom schwimmen:

Einige Leute sagen, 
ich sei ein fauler Sack
und mein Leben ein Wrack,
aber das stört mich nicht,
ich trinke mein Bier
und kriege Hartz IV.

Kann man sich gar nicht vorstellen.

Es gab mal eine Zeit,
da konnte man sich das vorstellen.
Nicht nur sich vorstellen -
man hat es getan:
nichts getan,
rumgehängt,
getrunken,
unterwegs gewesen,
alles niedergeschrieben,
gesungen,
gegen den Strom geschwommen.

I belong to the beat generation, yeah.
I don't let anything trouble my mind.

Unvorstellbar.

Samstag, 20. Juli 2013

Von kraulenden Krallen


Man muss ihn einfach liebhaben, den neuen Totalitarismus des 21. Jahrhunderts auf den samtweichen Schmusepfoten.

Wie er sich da, hilflos die Schultern hebend, vor uns aufbaut, nach allen Regeln der Kunst herumdruckst, zwischen geschlossenen Zähnen ein fast verlegenes ,Hier stehe ich und kann nicht anders' herauspressend, sich verhält wie ein harmloses Haustier, wie ein zufrieden schnurrender Kater, der sanft Miau macht und verspricht, ganz lieb zu allen Hausbewohnern zu sein, zum Streicheln lieb, nichts Böses im Schilde führend, weil, er kann ja gar nichts Böses im Schilde führen, der freundliche Kater, denn er habe ja nichts zu verbergen, miaut der Kater in die Kameras, im Gegenteil, er lege höchsten Wert auf Transparenz, ach was, miaut der Kater weiter - wenn auch unter vermehrtem Stottern und häufigem Augendeckelklappern (was bei lieben Hauskatzen ein sicherer Hinweis ist darauf, dass sie etwas Böses im Schilde führen) -, vertraut mir, meine lieben Hausbewohner, denn:
"This is the most transparent administration in history"


- und weil der freundliche Kater dies bereits im Februar beteuert hatte und inzwischen das Ding mit der Totalüberwachung komplett aufgeflogen ist, hielt er es gestern für eine gute Idee, noch ein extrafreundliches Transparenz-Miau nachzulegen und zu beteuern, er werde das, was ein "geheimes Gericht zur Überwachung von Geheimdienstaktivitäten" beschließe, der Öffentlichkeit (also den aufgescheuchten Hausbewohnern) selbstverständlich transparent machen, wobei der brave Kater offen ließ, wozu es überhaupt eines geheimen Gerichtes bedarf, wenn die Beschlüsse des geheimen Gerichtes ohnehin veröffentlicht werden oder zumindest der Kater beteuert sie zu veröffentlichen, aber egal, Hauptsache ein freundliches Miau.

Übrigens wird die Existenzberechtigung von geheimnisvollen Geheimgerichten gleich viel transparenter, wenn man dem Kater aufmerksam zuhörte, wie er vorgestern, behaglich schnurrend, verkündete, dass die normalen (also die nicht-geheimen) Gerichte überhaupt nichts zu melden hätten - sollte ein ganz normaler Richter auf die absurde Idee kommen, die NSA wegen verfassungswidriger Schnüffelaktivitäen zu verklagen. Ha ha, schnurrt sich der Kater da einen ab, sonst könnte ja jeder kommen und auf sein verfassungsmäßiges Recht pochen - nix da, die GröLaRaZ (Größte Lausch-Razzia aller Zeiten)
... findet statt im "öffentlichen Interesse", verletzt keinesfalls die konstitutionellen Rechte der Amerikaner und kann deshalb nicht von einem ordentlichen Gericht angefochten werden.
- und schon gar nicht via Verfassungsklage, weil nämlich, schnurrt unser Kater weiter, wer im "öffentlichen Interesse" handele, der könne ja gar nicht gegen die Verfassung verstoßen, denn schließlich begründe sich das (katerseits so definierte) "öffentliche Interesse" auf die Verfassung. Klar?

Klar. Zwar hätte er auch gleich raunzen können: "Das Rechtsstaatsprinzip geht uns Kontrollfreaks sonstwo vorbei"; aber der Appell ans "öffentliche Interesse" klingt halt viel schnurriger, irgendwie volksnaher. War ja auch für die Öffentlichkeit gedacht, das schnurrige Statement. Zwar wundert sich diese Öffentlichkeit immer mehr, wieso sie vom Kater nicht gefragt wird, welche Variante des Ausspionierens im "öffentlichen Interesse" ist und welche nicht; aber, miau!, derlei Spitzfindigkeiten gehen dem Kater sonstwo vorbei, denn was ein echter Kater ist, der fletscht beim Miauen insgeheim das Gebiss, weil er weiß, in Wirklichkeit ist er ein Raubtier und steht über dem Gesetz.

Und überhaupt, wetzt der Kater genüsslich seine Krallen, wie will einer beweisen, dass er ausspioniert wurde, wo wir das doch alles im Geheimen abgrabschen? Wie will der uns also verklagen, bar jeder beweisführenden Grundlage? Ha ha, miau!

Dies, ihr lieben Hausbewohner, nennt man ein geschlossenes, von außen nicht anfechtbares - also totalitäres - logisches System:
Die Regierung erklärt den GröLaRaZ als "im öffentlichen Interesse" und somit als verfassungsrechtlich abgesichert; außerdem wird der GröLaRaZ im Geheimen durchgeführt, und weil keiner wissen kann, was im Geheimen passiert, kann keiner wegen etwas, was im Geheimen passiert, vor Gericht ziehen, noch nicht mal vor eins dieser im Geheimen tagenden Geheimgerichte, über deren geheimen Beschlüsse wir euch selbstverständlich auf dem Laufenden halten, weil, Transparenz wird bei uns großgeschrieben, miau!

Ach ja, da war noch etwas:

Ebenfalls gestern hat sich das totalitäre logische System mit einem aggressiv lauten, gar nicht freundlichen Miau geschlossen: Der Richterspruch im Militärprozess gegen Bradley Manning lautete, der Beklagte stünde unter dem schwersten aller Vorwürfe, nämlich der "Beihilfe des Feindes". Was genau wird Manning zur Last gelegt? Dass er geheimgehaltene militärische Informationen, sprich: Übergriffe (unter anderem einen Film von amerikanischen Kampfhubschraubern, aus denen heraus Journalisten erschossen wurden) der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Beihilfe des Feindes? Wer ist nochmal der Feind? Doch nicht etwa die Öffentlichkeit?
Exactly who is the "enemy" in this case? It's clear who, in this case, the government, the military, the CIA and the NSA see as "the enemy". It's us.
It's us, the people. Die Öffentlichkeit. Jene Öffentlichkeit, die - im wohlverstandenen "öffentlichen Interesse" - ihrer von der Verfassung garantierten Rechte beraubt wird. Von einem als schnurrender Kater getarnten totalitären Raubtier. Zum Kraulen, das Vieh. Der tut nichts. Will nur spielen, mit seinen rhetorischen Schmusepfoten. Miau.

Freitag, 19. Juli 2013

Niemand hat die Absicht


Habe ich das jetzt richtig verstanden?
NSA baut in Wiesbaden
Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau soll es sich beim neuen Komplex in Wiesbaden um ein Abhörzentrum des US-Geheimdienstes NSA handeln. Dies habe der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler, am Mittwoch dem Bundestags-Innenausschuss bestätigt.
Deutscher Geheimdienst: "Es gibt keinen Plan für einen NSA-Stützpunkt in Wiesbaden"
Der Bundesnachrichtendienst (BND) bestritt am Donnerstag, dass es sich bei einem neuen Gebäudekomplex in Wiesbaden um ein Abhörzentrum des US-Geheimdienstes NSA handele. "
Schon gut.

Bin schon wieder auf dem Weg zurück in die Gummizelle.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Mittwoch, 17. Juli 2013

Fegefeuer-Rabatt für Follower


Normalerweise sind der Vatikan samt Papst und Konsorten nicht unbedingt das, was mich, blogtechnisch gesehen, vom Heiligen Hocker reißt.

Aber es gedeihen Blüten auf der Spielwiese des Herrn - welche bekanntlich groß genug ist, um ein bescheiden' Blümelein für jeden irdischen Sünder in petto zu halten - da kann ich einfach nicht Nein sagen, da muss ich zuschlagen wie bei einem unwiderstehlichen Waschmittelsupersonderangebot von Aldi.


Ein Fegefeuer-Rabatt!
Wenn das kein Supersonderangebot ist!

Alles, was ich zu tun habe, um mein Sündenregister und damit meine persönliche Höllenschmorzeit zu verkürzen: Ich werde Follower von Papst Franziskus' Twitter-Kurzpredigten, und als Gegenleistung wird mir ein Portion Gnade gewährt.

Allerdings, Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen (steht im Kleingedruckten), es soll sich also keiner einbilden, er wäre auf einen Schlag all seiner Sünden ledig, nur weil er ein bisschen papstkompatibel rumchattet. Nicht umsonst heißt es Follower, und das bedeutet nun mal: dranbleiben.

Fegefeuer-Rabatt via Twitterkonsum!
Wenn das kein cooler Deal ist!

Bedarf es eines schlagenderen Beweises, dass die katholische Kirche mutigen Schrittes im virtuellen Neuland des 21. Jahrhunderts angekommen ist? Kommet, ihr Schäfchen, auf meine Twitter-Wiese, ich will euch erquicken und von eurer Schuld erlösen.

Allerdings nur häppchenweise, etwa so: zehn Papst-Tweets lesen macht zwei Tage Fegefeuer-Nachlass. Ich muss also meine Sündenlast quasi in Raten abstottern, das ist zwar mühselig, macht aber, erstens, im Endeffekt selig und, zweitens, muss ich noch nicht mal etwas dafür bezahlen!

Fegefeuer-Rabatt kostenlos!
Wenn das kein Schnäppchen ist!

Schließlich gab es mal eine Zeit, da musste für einen anständigen Sündenablass geblättert werden, und zwar nicht zu knapp. So ändern sich die Zeiten. Aus Ablass wird Nachlass.

Allerdings.

Dass ich diese ganze klingelbeutelbefreite Aus-dem-Fegefeuer-Springerei in meinem Neulandblog dermaßen breittrete, inklusive Verlinkung zur medialen Primärquelle, geschieht natürlich nicht ohne Hintergedanken.

Weil, das Fegefeuer-Gefeilsche hat mich voll erfasst. Und das mindeste, was ich als Gegenleistung für so viel gottgefällige PR erwarte, vom Papst oder vom Vatikan oder meinetwegen vom lieben Gott, sind zwei Wochen Pauschalurlaub im Paradies. Also irgendwo mit Palmen plus Sandstrand. All inclusive. Mit Vollpension, damit das klar ist. Auf ein opulentes Abendmahl lege ich besonderen Wert, bei freier Getränkewahl. Hinterher schreibe ich als Gegenleistung auch einen erlösenden Reisebericht. Für lau, versteht sich. Gott vergelt's.

Dienstag, 16. Juli 2013

Austerität im Vollmodus


Eigentlich ist alles gar nicht so komplex, wie immer getan wird. Eigentlich ist alles sogar ziemlich leicht verständlich, und zwar deshalb, weil es einem so leicht gemacht wird, alles zu verstehen. Weil sich ja kaum noch jemand die Mühe macht, ernsthaft zu verschleiern, worum es eigentlich geht.

Worum geht es? Erstens geht es darum, dass kein Geld da ist, zweitens geht es darum, Geld zu beschaffen, drittens geht es darum, das Geld dort zu holen, wo keines ist, um es dorthin zu transferieren, wo das Geld bereits ist. Easy, oder? Mit anderen Worten: Wer hat, der hat. Und wer nicht hat, hat auch etwas, nämlich Pech gehabt. War das jetzt unterkomplex? Meinetwegen, dann ist die Realität halt unterkomplex.

Sehr schön zu beobachten ist die unterkomplexe und darum leichtverständliche Realität aktuell in Griechenland. Bekanntlich ist in Griechenland kein Geld da. Also muss gekürzt und das Geld dort geholt werden, wo keines ist, nämlich bei den Leuten, die so wenig verdienen, dass es zum Leben nicht reicht, aber zum Steuernzahlen reicht es allemal. Findet die griechische Regierung. Hat ihr die Troika so diktiert. Weil die Troika weiß, wie Austerität buchstabiert wird: runter mit den Löhnen, rauf mit den Steuern, weg mit dem wohlfahrtsstaatlichen Sozialballast, rein ins volle Elend.

Irgendwo muss das Geld ja herkommen, sagt die Troika, also bitteschön, her mit der Kohle, und irgendwohin muss das Geld ja fließen, dankeschön, sagt die Troika, es reicht vollauf, wenn der griechische Staat euch armselige Hungerleider abkassiert und wir im Gegenzug das Privileg der Steuerfreiheit genießen, denn wir waren schon immer der Meinung, dass Nehmen seliger als Geben ist - steht doch schon in der Bibel: nimm, so wird dir gegeben -, und jetzt nix wie ab zum Relaxen auf unsere Yacht mitten in der Aegaeis, wo wir unser - wie soeben von der griechischen Regierung freundlicherweise bestätigt - steuerbefreites Luxusleben in vollen Zügen genießen können:
Die griechische Regierung hat eine Steuerbefreiungsklausel ausgearbeitet, eigens entworfen für die Mitarbeiter der EU, des IMF und der Task Force. Die bei der Troika beschäftigten Personen, besonders jene mit dauerhaftem Wohnsitz in Griechenland, sind von der Pflicht einer Steuererklärung entbunden. Sie können Villen kaufen, Luxusautos und Yachten und jene Gesetze über Bord werfen, die sie selbst den Griechen aufgezwungen haben.
"Paragraph 4, Artikel 30 der neuen Einkommens-Abgabenordnung sieht vor, dass die Bestimmungen der Artikel 31-34 dieser Ordnung, welche Angaben zu den Einkommensverhältnissen und zu dem Erwerb von Vermögenswerten betreffen, keine Anwendung finden auf jede natürliche Person, die beschäftigt ist in einer Institution der Europäischen Union beschäftigt oder derjenigen internationalen Organisation, die unter internationalem, für Griechenland gültigem Ankommen eingesetzt wurde."
Klingt nach komplexem Paragraphengeschwurbel, wird aber in der Praxis spielend leicht verständlich:
"Praktisch bedeutet dies, dass es allen ausländischen Repräsentanten der Troika und der EU Task Force ('call me Reichenbach, Horst Reichenbach') erlaubt sein wird, Villen, Luxusautos, Yachten und sogar Papiere der griechischen Aktienbörse oder griechische Staatsanleihen zu kaufen, ohne der Finanzbehörde gegenüber zu Angaben verpflichtet zu sein, wo sie das Geld für ihre 'Spielplatz-Investitionen' aufgetrieben haben."
Sozialneid, anyone? Nicht doch, ihr einkommensschwachen Griechen, kommt einfach an Bord unserer Luxusyacht, da gibt es jede Menge Billigjobs für euch, von Deckschrubben bis Thekendienst, schließlich wollen wir anständig bedient werden, selbstverständlich kostenbewusst, Prinzip Austerität, kennt ihr ja inzwischen zur Genüge.

Noch unterkomplexer entwickelt sich derzeit die Realität in Spanien. Spanien? Ach ja, auch eins jener südeuropäischen Länder, von denen man in letzter Zeit verdächtig wenig hört, was nicht etwa mit dem Wahlkampf in Deutschland (bitte keinerlei Euro-Katastrophenmeldungen bis einschließlich September!) zu tun hat, sondern damit, dass es aus Spanien eh nur Gutes zu berichten gibt:
"Die Rezession ist Vergangenheit," sagt der Wirtschaftsminister
- lautet die Schlagzeile. Das geht runter wie Öl, das versteht jeder, das Leben ist schön, alles wird gut. Spanien voll in der Blüte des Aufschwungs. Sagt der zuständige Gärtner, ähm, Wirtschaftsminister:
"Was wir jetzt tun müssen, ist gut aufzupassen auf den Aufschwung, als wäre er ein kleiner Setzling in einem Gewächshaus. Und die Methode, gut darauf aufzupassen, besteht in wirtschaftlichen Reformen, die Finanzen zu verbessern sowie das Haushaltsdefizit zu reduzieren in gemäßigten Schritten."
Allerfeinster Troika-Sprech. Er hätte genauso gut sagen können: Es ist kein Geld da, wir brauchen Geld, wir holen es uns dort, wo keines ist, um es dorthin zu schaffen, wo das Geld bereits ist. Machen sie eh die ganze Zeit in Spanien.

Leider hat der fürsorgliche De Guindos ganz vergessen, in seinem Methodenmix die entscheidende Aufpass-Maßnahme zu erwähnen, mit der der kleine Setzling namens Aufschwung im großen spanischen Gewächshaus geschützt werden soll. Geschützt vor wem? Na, vor all den vielen Spaniern, die dem Minister das mit dem Aufschwung nicht abnehmen, weil sie inzwischen so wenig verdienen, dass es zum Leben nicht reicht, was den Minister nicht daran hindert, genau dort das Geld zu holen, wo keines ist, um es dorthin zu schaffen, wo ... Austerität halt: runter mit den Löhnen, rauf mit den Steuern, weg mit dem Sozialballast, rein ins volle Elend ... siehe oben. Überall dasselbe Mantra.

Jedenfalls, der Aufschwung muss geschützt werden. Sonst kommen die vielen Spanier, die ihn als Abschwung erleben, noch auf die Idee, das gläserne Gewächshaus mit Steinen zu bewerfen. Darum investiert die spanische Regierung das Geld, das sie den armen Hungerleidern abgezwackt hat, in den bewaffneten Kampf gegen die armen Hungerleider:
Während im Jahr 2012 die Ausgaben für die polizeiliche Ausrüstung zur Bekämpfung von Protesten noch 173.000 Euro betrugen, wurden für das Jahr 2013 3,26 Millionen Euro bereitgestellt. Bis zum Jahr 2016 sollen diese Ausgaben laut Plan auf mehr als 10 Millionen Euro gesteigert werden.
Interessantes Kopfrechnen: Wie hoch ist die jährliche Budget-Wachstumsrate für das Geld, das bereit steht für die militärische Aufrüstung der Polizei zum Zwecke der Bekämpfung von Unruhen in der Bevölkerung? Viel zu komplex für den kleinen Kopf, her mit dem Taschenrechner: 1.900 % in nur einem Jahr. In Worten: eintausendneunhundert Prozent mehr Geld, um den rezessionsgeschädigten Spaniern den Krieg zu erklären. Und das, wo doch die Rezession angeblich Vergangenheit ist! Ist das jetzt komplex oder unterkomplex? Weder noch. Das ist, aus Sicht der herrschenden Regierung, völlig komplexfrei. Und darum kinderleicht zu verstehen.

Noch ein Blick auf das Waffenarsenal, mit dem die spanische Polizei aufgerüstet wird, um die revoltierende eigene Bevölkerung niederzuschlagen -
Schussichere Westen, Tränengas, Schlagstöcke, Schutzschilder, Gummigeschosse ...
(... normale Härte, oder? Kein Aufregerthema? Gummigeschosse sollen laut EU-Verordnung übrigens aus dem Verkehr gezogen werden, aber wen jucken schon EU-Verordnungen?)
... Lasergewehre, die vorübergehend oder dauerhaft zur Erblindung führen
akustische bzw. Ultraschall-Waffen ("Sound-Kanonen", im amerikanischen Inlandseinsatz erprobt) 
Mikrowellengeschütze (erzeugen schwere Verbrennungen) 
elektromagnetische Waffen (sogenannte "Energiewaffen": vertreiben, paralysieren, schädigen oder vernichten) 
Kanonengeschütze, die klebstoffartigen Schaum ausschleudern, die das Opfer am Boden festkleben lassen
- und damit als schlagkräftige Söldnerarmee des (nicht nur) spanischen Kapitals bestens aufgestellt zu sein.

Weil, irgendwoher muss das Geld ja kommen. Und irgendwohin muss es fließen. Nämlich dorthin, wo das Geld bereits ist und wo es bleiben soll, und damit das so bleibt, muss es, das viele Geld, mit viel Geld geschützt werden. So viel Unterkomplexität muss sein.

Sonntag, 14. Juli 2013

Tit for Tat


Skandal! Eine Brust! Mit Brustwarze! Brust-war-ze! Eine weibliche Brustwarze! Auf offener Bühne! Eine weibliche Brustwarze auf offener Bühne! Ja, hat man so etwas Skandalöses schon erlebt? Mit eigenen Augen gesehen? Dass einer Frau auf offener Bühne eine Brust aus dem Büstenhalter rutscht, und zwar so weit herausrutscht, dass - horribile dictu - mit bloßem Auge die BRUSTWARZE zu erkennen ist? Haben das jetzt alle? Der ist eine BRUST herausgerutscht und man konnte die, ha ha ha, unfassbar, die BRUSTWARZE sehen! Wir brüllen es gleich nochmal in voller Lautstärke: BRUST-WAR-ZE! Wir kriegen, ha ha ha, wir kriegen uns gar nicht mehr ein! Vor lauter BRUSTWARZE!



Wer war denn die Frau?

Ist uns doch egal.

Eine Künstlerin?

Künstlerin! Die Brust ist ihr rausgerutscht! Mitsamt der Brustwarze!

Was hat die Künstlerin denn auf der Bühne gemacht?

Na, ihre Brust rausrutschen lassen! Ha ha ha!

Und sonst?

Ha ha ha, und sonst? Außer der Brust? Die Brust-war-ze! Ha!

Was war denn ihre Botschaft?

Botschaft? BRUSTWARZE, wie oft sollen wir das noch brüllen!

Wollten Sie nicht über das Konzert der Künstlerin schreiben?

Ha ha ha, tun wir doch, können Sie nicht lesen? BRUST-WAR-ZE!

Die Sängerin und Kabarettistin Amanda Palmer schlug zurück. Mit voller Wucht und im harmlosen Dreivierteltakt trat sie - auf offener Bühne - der britischen Zeitung Daily Mail kraftvoll in die Eier. Die (anonymen) Blattschreiber hatten es für angemessen gehalten, ihre Berichterstattung über den Auftritt der Künstlerin während des Glastonbury Music Festivals auf das Malheur mit dem Büstenhalter zu reduzieren und sich einen ganzen Artikel lang an ihrer eigenen Verklemmtheit aufzugeilen.

Darauf schrieb Amanda Palmer einen offenen Brief an die Daily Mail und trug diesen am Freitagabend öffentlich in London vor. Konzertant. Im Dreivierteltakt. Im wallenden Kimono. Inklusive eines schamlosen, völlig unverklemmten Strips, der den Klemmbrüdern der Daily Mail vor lauter Scham die anonymen Eier verschrumpelt haben dürfte.

That's Tit for Tat, wie der Engländer zu sagen pflegt:



"I've decided to run hardcore with this naked/kimono theme for the rest of the UK tour."
Amanda Palmer auf Twitter 

How to reply to idiots. Bravo, Amanda.

Here He Comes


Der amerikanische Präsident Obama in rhetorischer Hochform.

Und das ohne Teleprompter! Er spricht frei! Offenbar hat er den PR-durchgestylten Duktus seiner öffentlichen Ansprachen so verinnerlicht und den notorischen Selbstdarstellungsfaktor derart perfektioniert, dass es inzwischen auch ohne elektronische Spickzettel funktioniert. Klingt ein wenig robothaft, aber das kennt man aus den realen Auftritten Obamas. Ansonsten ist sein latent gereizter, allzeit zum Zuschnappen bereiter Tonfall voll getroffen; ebenso wie sein einstudiert belehrender Gestus, der den Präsidenten immer so klingen lässt, als stünde er vor einer Klasse hoffnungslos begriffstutziger Schulversager.

Mir geht diese aufdressierte stereotype Floskelproduktion am Mikrofon mittlerweile so auf die Nerven, dass ich jedes Mal fluchtartig abschalte, wenn das "herausragende rhetorische Talent Obama" auf dem Bildschirm auftaucht; sonst kriege ich blühenden Ausschlag unter den Zehennägeln. Erträglich, ja amüsant wird es, wenn sich ein respektloser Animationsfilmer mit Sinn für Sarkasmus der rhetorischen Lichtgestalt annimmt:


Kostprobe:
"Noch ein wichtiger Unterschied zwischen meiner Regierung und der Bush-Regierung liegt darin, dass die Bush-Regierung euch heimlich ausspioniert hat; die Bush-Regierung konnte keinen einzigen Richter benennen, der bereit war zu bestätigen, das (Spionage-)Programm sei legal. Wir dagegen können einen solchen Richter benennen. Ich werde euch nicht sagen, wer dieser Richter ist, oder weshalb er oder sie denkt, unser (Spionage-)Programm sei legal. Wenn ich dies täte, wäre es augenscheinlich schwieriger für mich, euch davon zu überzeugen, dass das (Spionage-)Programm legal ist. Stattdessen erkläre ich euch einfach, dass wir heimlich einen Richter gefunden haben, der bereit war, uns heimlich zu bestätigen, dass es für uns legal sei, sämtliche Daten über euch zu erheben. Wenn das nicht ausreicht, um euch zu überzeugen, dass dieses (Spionage-)Programm legal ist, ja, was denn sonst noch?" 
Was an Obamas Redetalent wirklich herausragend erscheint, ist seine Fähigkeit, unglaublich viele Worte beliebig aneinanderzureihen und es fertig zu bringen, dabei nichts zu sagen. Absolut nichts. Und dabei wie ein herausragendes Redetalent zu beeindrucken. Das macht ihm so schnell keiner nach. Vorgemacht hat es ihm auch keiner. Zumindest darin ist er seinem Amtsvorgänger haushoch überlegen. Sagt er ja auch dauernd. Make no mistake, my fellow Americans. May God bless you.

Samstag, 13. Juli 2013

Hot Summer Night


Das Tollste am Sommer ist, 
wenn bei Einbruch der Dunkelheit 
die laue Abendluft allmählich die Haut erfrischt, 
während der Asphalt unter den Füßen noch am Köcheln ist, 
und dann barfuß, 
und dann oben diese frische Kühle zu spüren 
und unten diese noch stundenlang gespeicherte Wärme 
des heißen Tages 
unter den nackten Fußsohlen, 
und dann einen groovigen Sound zu hören, 
der genau zu diesem funky Feeling passt, 
der unter den warmen Fußsohlen zu zucken beginnt, 
der nach oben pumpt mit ein paar frechen Bläserfetzen 
und einer kehligen Stimme, 
die irgendwie an Jamaica erinnert, 
obwohl ich dort noch nie gewesen bin 
und genau in diesem Moment furchtbar gern dort wäre.
Crazy.



Alle Dröhnung kommt von oben


1984 (Orwell) war gestern, und 2015 ist morgen, aber was zum Teufel ist heute?

Also, erst mal der Reihe nach:

Anfang 2011 hat ein heller Kopf sich in seinen dunkelsten Phantasien ausgemalt, wie im Jahre 2015 sich wohl die telefonische Bestellung einer Pizza gestalten würde:



Was in der 2011-Vision noch wie der Kontrollhorror in Tüten mit der Aufschrift '2015' anmutete, nähert sich bereits heute, im Jahr 2013 der Totalüberwachung, der neuen Normalität. Tja - erstens kommt es anders, und zweitens schneller als man denkt.

Zwar zieht sich die telefonische Pizzabestellung, bis sie sämtliche abhörtechnischen Kontrollinstanzen durchlaufen hat, in die Länge und kann schon mal zu einem Fall von kontrolliertem Hungertod am Telefon führen. Dafür geht es dann mit der kontrollierten Pizzalieferung umso schneller, dank allerneuester Kontrolltechnologie, die selbstverständlich nicht zur Kontrolle des Pizzabestellers, sondern nur zu seinem Besten eingesetzt wird, was im Jahr 2013 in etwa aufs Gleiche hinausläuft.

Weil nämlich, wenn ich im Jahr 2013 nachts um halb zwölf einen dringenden Heißhunger auf Pizza nebst flankierender Sixpack-Dröhnung verspüre, aber keinesfalls die Wohnung verlassen möchte (eh viel zu gefährlich im Jahr 2013, draußen lauern nur Sicherheitsrisiken) und die telefonische Bestellpsychofolter mit knurrendem Magen, aber lebendigen Leibes überstanden habe - nur wenige Minuten später ein vertrautes Sirren und Summen über meinem Wohnblock die prompte Lieferung frei Haus ankündigt: Dröhnung per Drohne.

Vermutlich werden mir Pizza samt Bier direkt ins geöffnete Küchenfenster abgeworfen, denn die schlaue Drohne weiß längst, dass ich Pizza am liebsten in der Küche zu essen pflege, während sie mir die frischgewaschene Bettwäsche aus der Wäscherei direkt ins geöffnete Schlafzimmerfenster schleudern wird und die schlaue Drohne natürlich genau weiß, wo mein Schlafzimmerfenster sich befindet, ganz zu schweigen von dem, was sich hinter diesem Fenster abspielt, selbst wenn es geschlossen ist.



"We fly it to your house, it makes a noise, you pick it up and that's that,"
verspricht die neue Lichtgestalt der Drohnifizierung der Servicegesellschaft, ein Wäschereibetreiber namens Harout Vartanian, der eine ausgediente Drohne des Typs 'Phantom' - konzipiert für Überwachungsaufnahmen aus der Luft - in ein smartes fliegendes Liefermobil umgebastelt hat.

Convenience pur! Für alle beteiligten Seiten! Denn während die smarte Drohne mir die saubere Wäsche durchs Fenster wirft, macht die noch smartere Phantomkamera in einem Zug - wusch! summ! klick! -gleich ein paar Bilder von der schmutzigen Wäsche, die wahlweise in meinem Schlafzimmer oder - wahrscheinlicher - an meinem subversiven Küchentisch gewaschen wird; um nach Anlieferung frei Haus (der sauberen Ware) auf dem Rückflug ein paar schmutzige Informationen an die NSA, die CIA, die Polizei, Frau Merkel oder gottweißwen im international vernetzten Überwachungssystem zu liefern. Two-in-one-Produkttechnologie, oder noch effizienter, All-in-one-Kontroll-Infrastruktur - wash, rinse, repeat - nie war Marketinggeblubber zielführender als heute. Im Jahr 2013.

Apropos Effizienz. Wäre es zu viel verlangt, wenn die saubere Wäschedrohne nach erfolgter Lieferung nicht nur meine am Küchentisch metaphorisch gewaschene schmutzige Wäsche, sondern netterweise auch gleich meinen physischen Küchenmüll mit abtransportieren würde? Three-in-one, sozusagen? Wer sich jetzt empört, dass die neue alte Servicedrohne die guten alten Jungs von der Müllabfuhr arbeitslos macht, der hat den innovativen Schuss nicht gehört, der da heißt: umweltfreundlich, nachhaltig, recycelbar.

Weil. Es ließen sich ja sämtliche ausgemusterten militärischen Tötungsdrohnen in servicefreundliche Schmuseweiche-Wäsche-Drohnen mit Multikontrollfunktion recyceln - Nachhaltigkeit! Und weiter: Sämtliche ausgemusterten, weil ausgebrannten militärischen Tötungsdrohnenpiloten könnten ebenfalls recycelt und im privatwirtschaftlichen Servicebereich eingesetzt werden - Arbeitsplätze! Was glauben sie, was wir spätestens 2015 für ein Jobwunder haben werden!

Und die Jungs von der Müllabfuhr? Pah, werden umgeschult. Auf smarten Fast-Food-Entsorgerservice. Denen bringen wir bei, wie man XXL-Big-Macs punktgenau durch geöffnete Autofenster dröhnt, ähm, schießt, bevorzugtes Einsatzgebiet: Berufsverkehr in Ballungsgebieten bei Staumeldungen an Drive-Ins. Auf Wunsch wird die Doppelwhopper-Dröhnung den Leuten direkt in den geöffneten Mund geschossen.

Und für den Fall, dass das Drohnen-Phantomauge verdächtige Bewegungen aus dem Autoinneren rückmeldet oder die Leute nicht rechtzeitig ihre Autofenster öffnen - es wurde an alles gedacht, weil, warum sind Riesen-Burger so riesig? Korrekt: Es lassen sich in ihnen problemlos unauffällige ferngesteuerte Mini-Raketen verstauen. Fenster auf, Mund auf, friss und/oder stirb, Kumpel. Dabei wird zwar eine Menge frisch verschmutzter Wäsche anfallen, deren Abtransport aber für unser High-End-All-in-One-Multifunktionsdröhnchen kein Problem darstellen wird. Alles in einem Aufwasch, Sie wissen schon.
Wash, rinse, repeat.

Freitag, 12. Juli 2013

Mittwoch, 10. Juli 2013

Urlaub im reichsten Land der Welt


Sind Sie deutsch? Dann sind Sie urlaubsreif.

Weil, um diese Jahreszeit sind die meisten Deutschen urlaubsreif. Ist so eine Art Naturgesetz. Um diese Jahreszeit kommt man mit den meisten Deutschen am lockersten ins Gespräch, wenn man das Thema Urlaub anschneidet. Ah, Urlaub! Endlich fort von hier! Abschalten, ausspannen, Seele baumeln und fünf grade sein lassen. Nur, wohin mit der baumelsüchtigen deutschen Seele? Natürlich erst mal ins Reisebüro. Angebote vergleichen. Und, ganz wichtig, Preise vergleichen. Man will ja was kriegen für sein hart verdientes Geld. Also erst mal gucken: Wo wird was geboten?

Wie, Katalog? Ach, hörnsedochauf. Kein Bock auf stundenlang Rumblättern. Ist ja alles kostbare Zeit, die von den kostbarsten Wochen des Jahres, Sie wissen schon, abgeht. Hamsenich so was Pauschales, irgend so ein rundum-sorglos-Dingens, also, so ein Urlaubsziel, irgendwo im Süden Europas, einfach hinjetten und es sich gut gehen lassen, so wie früher halt, wissen Sie, wie damals, vor dieser Scheißkrise, die einem alle Urlaubspläne vermiesen kann, weil, verstehen Sie, wir wollen einfach nur Urlaub machen und sonst nix, und Krise und der ganze Scheiß, nee, echt, kein Bock, weil, wir haben jetzt Urlaub und deshalb wollen wir Urlaub und basta. Also, wohin?

Klaus Suttmann via Radio Kreta

Hey, cool, ja genau, so haben wir uns das vorgestellt, so wie früher halt. Arm, aber trotzdem glücklich, und immer gut im Improvisieren, diese Griechen, einfach klasse.

Hamse vielleicht noch so ein bisschen Hintergrundliteratur zu Griechenland, wissen Sie, so für Bildung und so, weil, man will ja nicht völlig unbeleckt dort einfallen, man will ja vorher bisschen was lesen, was einen so erwartet? Ah, Sie haben da schon so eine Art Dossier vorbereitet, sehr gut, zeigensemalher.

Ach du lieber Gott ... Selbstmordrate, HIV-Neuinfektionen, verhungernde Kinder ... gehnsebloßweg, also, so genau wollten wir es eigentlich nicht wissen. Weil, das mit der Armut, wie gesagt, ist ja schön und gut, aber dass die sich deshalb gleich umbringen oder verhungern? Oder dauernd in Mülltonnen nach was Essbarem suchen, also, so viel Armut will man ja im Urlaub nicht unbedingt mitansehen müssen, weil, ist ja schließlich unser Urlaub, und da wollen wir es schön haben, wenn Sie verstehen.

Hey, washamsedennda? Ist ja voll cool! Die sind ja gar nicht so arm, wie sie immer tun! Was für ein phantastischer Werbeslogan! Von wem stammt der, sagten Sie? Vom griechischen Ministerium für Tourismus?
Greece: The richest place in the world
Hey, das rockt. Eins der ärmsten Länder Europas, das sich als das reichste Land der Welt verkauft - das hat Biss, das hat Schmiss, da fahren wir hin! Die verlieren kein Wort über die Scheißkrise, die Arbeitslosigkeit, die Selbstmordrate, die Obdachlosigkeit, den Hunger und die ganze Verzweiflung - nee, die denken positiv:
"Lasst uns unsere beste Identität zeigen. Die Marke, der Name 'Griechenland' ist allmächtig. Sie durchsteht jede Krise."
Wissen Sie, um ehrlich zu sein, eigentlich wollten wir letztes Jahr schon nach Griechenland, aber irgendwie ging uns da die Muffe, weil die ja nur noch am Randalieren waren auf der Straße, bitte, da kein doch kein Mensch sich erholen, da vergeht einem ja jeder Gedanke an Urlaub:
Während der Präsentation gab sie (Olga Kefaloyianni, die griechische Tourismusministerin) sich optimistisch und sagte, dies werde ein gutes Jahr für Griechenland nach einem enttäuschenden Jahr 2012, in dem die Touristen scharenweise wegblieben wegen ständiger Medienberichte über Streiks, Proteste und Aufstände gegen Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und gestrichenen Renten.
Ein gutes Jahr für Griechenland, keine Streiks, keine Proteste, keine Krawalle! Nix wie hin! Sangsemal - nur zu unserer Sicherheit -, kann man sich da wirklich drauf verlassen, was diese Frau Olga behauptet? Dass dieses Jahr endlich Ruhe ist in Griechenland, damit wir in Ruhe Urlaub machen können? Wie, Sie können das dokumentieren?
Ein Unternehmen zur Herstellung und Lieferung von Panzerwesten für Militärpersonal und Polizeikräfte hat einen Deal in Höhe von mehr als 1,2 Millionen britischen Pfund eingeheimst, um die griechische Polizei auszurüsten.
Der kaufmännische Leiter von VestGuard, Oliver Lincoln, zeigte sich "absolut begeistert" über die Auftragsabwicklung mit der griechischen Polizei, zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land.
Isjavollderwahnsinn, Mensch. Ichsachmalso, also, sooo arm können die ja nicht sein, wenn sie eben mal locker 1,2 Mille Pfund abdrücken können für schussichere Westen und so Zeugs für ihre Polizei, na egal, jedenfalls sind wir dann ja voll auf der sicheren Seite. Was sagen die, "zu einem Zeitpunkt, wo diese Ausrüstung wirklich zu Buche schlagen wird in dem Land"? Damit meinen die doch hoffentlich, dass im Jahr 2013 die griechische Polizei so aufgestellt sein wird, dass das auch garantiert, ähm, zu Buche schlägt? Ja? Sicher?

Okay. Griechenland ist gebucht. Nix wie hin.

Montag, 8. Juli 2013

Think Global


Die Welt aus der Sicht von Investoren
("The World According to Investors")

Wie, Mittelamerika? Wo soll das denn sein? Guatemala? Nicaragua? Nie gehört. Ach so, Sie meinen die Große Starbucks Kaffeeplantage. Sagen Sie's doch gleich.

Kolumbien? Wächst da der Pfeffer? Ach so, da wächst das Kokain, ja klar wissen wir, wo Kolumbien liegt.

Obwohl. Das mit dem Koks. Wissen Sie, wir verstehen ja was von Qualitätssicherung. Wir verfügen da über bessere Quellen. Reinere Qualität, Sie verstehen. Wie, Bolivien nennt sich das? Soll uns auch recht sein.

Venezuela? Böhmisches Dorf oder was? Ah, Erdölvorkommen, natürlich, gut, dass Sie das richtige Stichwort geben. Sonst wären wir da nie drauf gekommen, Venezuela, müssen wir uns merken.

Geographie ist halt nicht so unsere Stärke. Aber Rohstoffe, da können wir mitreden, dafür haben wir eine Nase, haha, kleiner Scherz, wie hieß jenes komische Land nochmal? Bolivien oder so? Ist ja auch egal, was zählt, sind Rohstoffe, Erträge, verstehen Sie. Was sagen Sie, Brasilien? Klingt fast wie Bolivien, soll sich ein Mensch merken, das. Kann doch keine Sau auseinanderhalten. Wozu auch.

Obwohl. Bisschen gepflegtes Amusement muss ja auch sein, hin und wieder. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ab und zu muss einfach die Sau raus, so ganz ungezwungen. Und dann muss man halt irgendwohin, wo man hemmungslos die Sau rauslassen kann, am besten irgendwo in der Nähe von dort, wo das erstklassige weiße Zeugs wächst, wo war das nochmal? Schon wieder vergessen, egal, Hauptsache, im Nachbarland wächst genügend nacktes Fleisch.

Doch, wir sind ganz schön kosmopolitisch drauf. Sieht man ja schon daran, was wir für gute Kontakte zu Call-Center-Land unterhalten. Wie, Sie sagen dazu Indien? Gott, wie old school.

Wenn's uns zwischendurch mal fad wird, gucken wir einfach ein paar neue Folgen von der fabelhaften Austerity Shitshow, Sie wissen schon. Zu den Produzenten der Show haben wir beste Geschäftsbeziehungen, die sind ja unermüdlich am Produzieren immer neuer ertragreicher Folgen, wir können den Hals gar nicht voll genug kriegen. The show must go on, ist ja klar, weil, die Show ist der Renner, lassen Sie sich das von uns gesagt sein, da geht fast täglich irgendwo der Vorhang hoch. Ausverkauf, verstehen Sie, totaler Ausverkauf! Wo läuft die Show, sagen Sie? In Südeuropa? Wo soll das denn sein? Ach so - da, wo unsere Show läuft, alles klar.

Warten Sie mal, sagten Sie Südeuropa? Gehört das irgendwie zu Europa? Ist das nicht dort, wo dauernd so tolle Drehbücher geschrieben werden für unsere geliebte Austerity Shitshow? Erste Sahne, die Frau, was die sich für Plots ausdenkt, der fällt immer was Neues ein, vom Allerfeinsten, die ist echt zu gebrauchen, die hat's drauf. Wie? Wo die genau steckt? Ist uns doch so was von wurscht, und wie Sie den Landstrich nennen, ist uns genauso wurscht. Hauptsache, die Frau liefert zuverlässig. Wir nennen es Merkel's Workshop. Reicht vollkommen für unsere Zwecke. Klar?

Sonntag, 7. Juli 2013

Mehr Diktatur wagen


Hoppla, hatte ich neulich noch gedacht, das war jetzt aber von erfrischender Offenherzigkeit, jenes ungenierte Plädoyer für die Abschaffung gewachsener demokratischer Strukturen, die dem gesunden Wachstum finanzkapitalistischer Strukturen nur im Wege stehen.

Hoppla deshalb, weil es ja durchaus ungewöhnlich ist, wenn einschlägige Kreise derart unbeschönigt mit der Sprache herausrücken - wozu gibt es schließlich aufs sprachliche Retuschieren spezialisierte PR-Apparate? Genau, damit der Normaldenker als erstes die rosarote Brille aufsetzt, bevor er sein Gehirn einschaltet, sonst würde er ja nur noch schwarz sehen oder, im Einzelfall, braun.

Hoppla, durchfuhr es mich damals also, das muss wohl ein Ausrutscher gewesen sein, ein einmaliges Entgleisen aus der gewohnheitsmäßig alles verschleiernden PR-Schiene, ein situatives Aufblitzen von Wahrhaftigkeit, frei von manipulativen Winkelzügen.

Das Hoppla bleibt jedoch im Halse stecken. Weil, das war anscheinend gar kein einmaliger Ausrutscher. Denn wie es ausschaut, gehen die hammerharten, unverschnörkelten Offenbarungen der Finanzindustrie sukzessive in Serie. Unter der Überschrift
Nach dem Putsch in Kairo
schließt das Wall Street Journal sein aktuelles Editorial mit den erfrischend hammerharten Worten:
Die Ägypter hätten Glück, wenn ihre neuen herrschenden Generäle sich als aus demselben Holz geschnitzte Führungsfiguren erweisen würden wie Chiles Augusto Pinochet, der seinerzeit inmitten von Chaos die Macht übernahm und Reformkräfte anheuerte, die dem freien Markt verpflichtet waren, und so zum Geburtshelfer eines Überganges zur Demokratie wurde.
Ganz unverhohlen kommuniziert der Kapitalismus seine feuchtesten Träume, benennt Ross und Reiter sowie seine kraftvollen Kernwerte - freier Markt und Demokratie in einem Atemzug mit der Reminiszenz auf einen faschistischen Diktator -, um sein neoliberales Gedankengerüst abzusichern gleich einer Betonfestung. Das hat was. Das hat Rhythmus, wo jeder mitmuss. Rechts, zwo, drei, vier.

Kein Hoppla, diesmal. Nur ein eher vegetatives Geräusch, das dem Betroffenen entfährt, wenn der Groschen schlagartig gefallen ist. Gut zu wissen, wie ihr tickt, dort an der neoliberalen Front. Gut, dass ihr drüber gesprochen habt. Keine Fragen mehr.

Nur noch ein kleiner Song aus Chile.



Killer Ladies


Es gibt da einen gewissen Herrn Nilsson.

Der treibt sich ständig auf der Straße herum und dort sein Unwesen; kann es einfach nicht lassen, dauernd irgendwas zu hinterlassen, etwas, was dann meistens nach ein paar Stunden wieder weg ist, weshalb der Herr Nilsson unermüdlich für seine Hinterlassenschaften nach neuen Tatorten sucht. Und diese findet:


Ich meine, wo der Herr Nilsson recht hat, hat er recht, oder? Mir wird ganz warm ums Herz.

Überhaupt, der Herr Nilsson hat ein großes Faible für Knarren, vorzugsweise in weiblicher Hand, also dort, wo man Knarren eigentlich weniger erwartet, aber wer ist schon man - am Ende zählt, wer sie treffsicher zu handhaben weiß -


- und da kann ein albernes Dornröschenkostüm nur hilfreich sein ...


... oder irgendein Schneewittchenfummel, Hauptsache, gut getarnt.

Außerdem, notfalls geht's auch ohne Knarre, Hauptsache, die Tarnung stimmt und es macht ordentlich bummbumm:


Der Herr Nilsson ist übrigens ein ganz Lieber, der meint das alles gar nicht böse, auch wenn seine Hinterlassenschaften ziemlich militant daherkommen, weil, findet der Herr Nilsson, man kann ja alles Militante auch irgendwie nett rüberbringen:


Also, was heißt man - ob der Herr Nilsson wirklich ein Mann ist, weiß man ja gar nicht so genau. Aber wer ist schon man.

Freitag, 5. Juli 2013

Donnerstag, 4. Juli 2013

Excuse us, please


Ist ja heute der vierte Juli, 
also der Nationalfeiertag in Amerika, 
wird ganz groß gefeiert mit Feuerwerk und Böllern und Grillen 
und sich gegenseitig Happydingsbumswünschen 
undsoweiterundsofort,
und da ich ziemlich viele amerikanische Blogs lese,
ging heute ein Feuerwerk 
an Happydingsbumswünschen über mich herab,
viele lustige, zynische, sarkastische
undsoweiterundsofort,
aber der beste, der wirklich allerbeste
war der hier:

"a happy independence day to all our (u.s.) readers!*"


"*...and our sincere apologies to the rest of the globe."

Es gibt so eine sublime Spielart amerikanischen Humors,
der ich nicht widerstehen kann
und die ich einfach liebe.


Mittwoch, 3. Juli 2013

Welcome to Watergate


Oh Heiliger Sankt Benedikt,
jetzt sind sie völlig ausgetickt.

Haben den bolivianischen Präsidenten Morales vom Himmel runtergeholt, nachdem bekannt wurde, dass Frankreich und Portugal Snowdens Asylgesuch ablehnen und Morales die bodenlose Frechheit besaß durchblicken zu lassen, er wolle sich die Sache mit dem Asyl überlegen, und wenn einer sich die Sache mit dem Asyl überlegen will und obendrein die noch bodenlosere Frechheit besitzt, dies öffentlich kundzutun, dann sei ihm erst recht die bodenloseste aller Frechheiten zuzutrauen, dass er den geheimdienstlich gesuchten schwersten aller Schwerverbrecher heimlich am Moskauer Flughafen an Bord habe schmuggeln lassen, diesem nun auf seinem Nebensitzplatz im Flieger vorläufiges Asyl gewähre, um ihn sodann ins verräterischste aller verräterischsten Länder, Bolivien, zu kidnappen zum Zwecke der endgültigen Asylgewährung.

Immerhin, sie haben das Flugzeug, in dem der verdächtigte Morales (übrigens ohne den verdächtigten Snowden) saß, nicht vom Himmel runtergeschossen, halt bloß runtergeholt, weil, heutzutage wird ja mit verfeinerten Methoden gearbeitet, besonders seitens des verfeinertsten aller US-Präsidenten - seit, sagen wir mal, Nixon - also seitens jenes US-Präsidenten, der vor zwei Tagen noch feinsinnig den coolen Obermacker gab, als er - vor lauter Herablassung kaum mehr laufen könnend - schnöselte, er habe "es nicht nötig, wegen eines 29-jährigen Hackers irgendwelche Flugzeuge aufzumischen", na gut, das war vorgestern, was schert einen obercoolen Menschenjäger sein cooles Geschwätz von vorgestern, heute ist heute, und heute hat Barack Cool Obama halt was davon "gehört", der Bolivianer hätte einen 29-jährigen Hacker neben sich im Flugzeug sitzen, und es deshalb für cool gehalten, dieses Flugzeug mal eben im Morgengrauen aufzumischen. Kann man ja mal machen, ist ja nichts dabei.

Ist ja auch nichts dabei, sich verfeinerter Ausschnüffelmethoden zu bedienen, um im Jahr 2012 ein zweites Mal zum coolsten US-Präsidenten aller Zeiten gewählt zu werden. Kann man ja mal machen, warum auch nicht? Hat ja schließlich funktioniert.

Der zur Altersmilde gereifte Mick Jagger von den Rolling Stones mag zwar nicht mehr so obercool sein, wie er mal war, aber ein verdammt cooler Hund ist er trotzdem. Vor ein paar Tagen witzelte er während eines Stones-Konzertes, das um die Ecke des Weißen Hauses stattfand:
"Ich glaube nicht, dass Präsident Obama hier anwesend ist, aber jede Wette, der hört unser Konzert ab!"


Welcome to Watergate, Mr. Big Data President.

Montag, 1. Juli 2013

La(ka)ientheater


Was für ein drittklassiges Schmierentheater.

Charakterlose Hanswurste, wohin man schaut.

Echauffieren sich künstlich sich über die Ausspähmanöver der USA, deren Enthüllung sie einem gewissen Edward Snowden verdanken - einem Whistleblower, der, sollte er je auf die Schnapsidee kommen, seinen Fuß asylsuchend auf europäischen Boden zu setzen, von wem ins nächstbeste Flugzeug Richtung Amerika zurückverfrachtet würde, um ihn dort seinen rachsüchtigen Bluthunden ans Messer zu liefern?

Richtig. Von den drittklassigen, charakterlosen Hofschranzen jenes Landes, in welchem derzeit eine billige Show nach der anderen abgezogen wird - nichts als Kostümproben für das erbärmlichste aller Schmierentheater namens Wahlkampf.