Sonntag, 31. März 2013

Flohe Osteln


Auch das noch.

Als wären die klirrende österliche Kälte und der Sommerzeit-Terror nicht schon nervenzerfetzend genug, folgt jetzt auch noch der erste April auf dem Fuße. Also morgen. In genau sieben Stunden würde mir kein Mensch glauben, was ich gleich niederschreiben werde; deshalb schreibe ich es hier und jetzt mit fliegenden Fingern und hechelnder Zunge, noch im geschützten scherzfreien Raum der eiskalten Iden des Märzes, und gelobe: Es ist wahr! Es stimmt wirklich! Genau so hat es sich zugetragen!

Und zwar in einem kalten Ort namens Mechernich-Kommern, der irgendwo in der eisigen Eifel liegt, die irgendwo im nasskalten Nordrhein-Westfalen liegt, das irgendwo im durchfrorenen Deutschland liegt. Irgendwo in Mechernich-Kommern gibt es ein Freilichtmuseum. Jeder, der in diesen Tagen etwas von 'Freilichtmuseum' hört, klappert sofort mit den Zähnen, denkt an Frostbeulenfinger und schnürt den wattierten Arktik-Anorak fester um den Leib. Wer will schon an Ostern im Freilichtmuseum erfrieren?
Kein Mensch.

Natürlich hat mal wieder keiner an die frierenden Tiere gedacht. Die traurige Nachricht: 300 von ihnen sind heute im Mechernicher Freilichtmuseum jämmerlich erfroren.
Kältetod im Flohzirkus: 300 Tiere erfrieren
Kurz vor ihrem Auftritt hat es die kleinen Zirkustiere eiskalt erwischt. Eigentlich war die aus Bayern stammende Artistentruppe engagiert worden für ein österliches Gastspiel beim historischen Floh-, ähm, Jahrmarkt im Freilichtmuseum; doch dann verendeten die flinken Flöhe in ihrer mit Styropor geschützten Transportbox, woraus sich schließen lässt, dass es mit dem Styropor auch nicht mehr so ist, wie es mal war, als es noch zum Schutz vor kalten Temperaturen taugte.

Wie der Direktor des Flohzirkus gegenüber der Nachrichtenagentur dpa beteuert und der Direktor des Freilichtmuseums bestätigt, handele es sich um keinen Aprilscherz. Ferner ist es ebenfalls kein Aprilscherz, dass in Windeseile und arktischer Kälte eine Floh-Ersatztruppe aufgetrieben wurde, und zwar auf wundersamem Wege, nämlich dank des beherzten Engagements des Düsseldorfer Parasiten-Experten Professor Heinz Mehlhorn, der dem Zirkusdirektor schnell und unbürokratisch 50 künstlerisch ambitionierte Flöhe aus seiner Parasitensammlung vorbeibrachte. Weil, the show must go on, selbst im Flohzirkus, "sonst hätte es ja keine Vorstellung geben können", so der Museumsdirektor, und der Flohzirkusdirektor begann auf der Stelle mit der Dressur der Flohfrischlinge aus dem Parasitenstadl der Landeshauptstadt.

So nahm das Osterwunder von Mechernich seinen Lauf. Zwei volle Tage lang wurden die Neuflöhe trainiert, und siehe, die kleinen Blutsauger können inzwischen Karussells drehen, Fußball spielen und Kutschen ziehen. Ohne Aprilscherz. Nicht überliefert ist, ob sie schon so fit sind, per Salto mortale vom Hochseil sich aufs Publikum fallen zu lassen, unter dessen wattierte Arktik-Anoraks zu schlüpfen, auf der bloßen Haut Karussells zu drehen und dort genüsslich eine Blutkutschenlinie nach der anderen zu ziehen.

(Notorische Aprilscherzkekse googeln bitte zwecks Verifizierung die oben zitierte Schlagzeile; was weiß denn ich, ob die Dorstener Zeitung womöglich mit dem Leistungsschutzrecht verbandelt ist und am Ende anfängt, blutsaugermäßig mit mir irgendwelche Abmahnkarussells zu drehen.)

Summertime Blues


Sommerzeit ist:
früh morgens zur gewohnten Stunde völlig orientierungslos, weil komplett umnachtet, aufzuwachen.

Sommerzeit ist:
früh morgens - komplett umnachtet - von einer quietschfröhlichen Radiostimme angesülzt zu werden, "jetzt bleibt es abends eine Stunde länger hell!"

Sommerzeit ist:
früh morgens zur gewohnten Stunde zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass es jetzt morgens eine Stunde länger dunkel bleibt.


Sommerzeit sucks.

Samstag, 30. März 2013

Wenn der Kapitalismus eiert


Es wurde zwar bereits alles gesagt zu dem heurigen trostlosen Osterwetter, aber eben noch nicht von allen. Drum empfehle ich wärmstens, statt sich verfrorene Finger beim aushäusigen Ostereiersuchen zu holen, einen Blick in dieses samstagsmorgendliche Nest, bei dem einem allerwärmstens ums Herz wird.

Best Easter egg ever:


Link zum Video gefunden bei Naked Capitalism

"Der Kapitalismus löst niemals seine Krisenprobleme, 
vielmehr karrt er sie um den ganzen Globus herum."

Freitag, 29. März 2013

Der Deal mit dem Krokodil


Heute ist ja dieser K-Freitag, und wer schon immer mal wissen wollte, was es mit diesem K eigentlich auf sich hat, der bekommt jetzt letzterdings die Antwort: Es ist nämlich heute der Krokodils-Freitag. Ja, genau.

Und zwar heißt der Krokodils-Freitag deshalb Krokodils-Freitag, weil an diesem Freitag die Krokodile große Krokodilstränen weinen; und dass an diesem Freitag die armen Krokodile so furchtbar traurig sind, liegt daran, dass irgend so ein Mensch beschlossen und verkündet hat, die Krokodile gehörten zur Gattung der Fische, und nicht etwa, wie die Krokodile (und auch ein paar Menschen) bislang glaubten, zur Gattung der Reptilien.

Muss man sich mal vorstellen. Da kriecht das Krokodil den lieben langen Tag an den Flussufern entlang in der festen Überzeugung, es sei ein Kriechtier. Und bloß weil es gelegentlich auch mal ein bisschen im Flusswasser schwimmt, kommt jetzt so ein Mensch (Zweibeiner) dahergelaufen und behauptet, das Krokodil (Vierfüßler) sei in Wirklichkeit ein Fisch! Und dann erdreistet sich dieser zweibeinige Kardinal auch noch, sich auf den lieben Gott zu berufen -
"Jawohl, das Krokodil gehört zur Gattung der Fische - Gott hat diese wunderbare, für den Staat Louisiana so bedeutsame Kreatur erschaffen, und sie gilt als Meeresfrucht ('seafood')."
Basta und Amen. Wenn es dem göttlichen Willen entspricht, dass das Krokodil ein Fisch sei - es sei. Oder das Krokodil von nun an damit leben müsse, eine Meeresfrucht zu sein - es sei auch dieses. Ich zum Beispiel musste auch damit leben, dass irgend so ein dahergelaufener Knallfrosch mich einmal als dumme Kuh bezeichnete, wiewohl ich der festen Überzeugung war, der Gattung der Genies anzugehören. Nur, warum kommt der liebe Gott gerade um Ostern herum auf die knallfroschige Idee, beim vierfüßigen Krokodil handele es sich um einen Fisch, wiewohl er zum biblischen Zwecke der Besiedelung der Arche Noah völlig gegenteiliger Meinung gewesen ist?
"... darin waren allerlei vierfüßige und wilde und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels ..."
Ganz einfach: Weil im Mississippi-Gebiet Louisiana mindestens ebenso viele Krokodile wie Katholiken leben und somit Gottes wohlgefällige zweibeinige Schäfchen am Karfreitag sich ein saftiges Krokodil-Steak in die Pfanne hauen und einbilden können, sie verzehrten einen karfreitags-kompatiblen Fisch.

Ja, der Glaube versetzt Berge, macht Krokodile zu Fischen und deshalb muss das Krokodil dran glauben und wird, statt des Hundes, in der Pfanne verrückt. Und nur aus diesem Grunde wird heute der gesetzliche Krokodils-Freitag gefeiert, an dem die einen bittere Krokodilstränen vergießen, während die anderen jauchzen und frohlocken: "Praise the Lord and let the crocodile rock", und aus ebendiesem Grunde ist auch völlig klar, was jetzt gleich kommt, kann ja gar nichts anderes kommen als das, nämlich:



Donnerstag, 28. März 2013

Souveräne Gesprächsführung


Alles ruhig an der zypriotischen Bank-Run-Front. Noch.

Der einzige Run, der momentan stattfindet, ist der Run der versammelten gaffenden Medienmeute auf die geduldig wartenden Kontoinhaber, unter diesen eine schlangestehende alte Dame.
Es entspinnt sich folgender Dialog (via Twitter):
Hack (deutsch: Schmierfink) to old lady:
"Versuchen Sie an Ihr Geld ranzukommen?"
Old Lady to hack: 
"Das geht Sie einen Dreck an."
Formvollendet. Keep on running, old lady.

Update:



Dienstag, 26. März 2013

Des einen Freud', des andern Leid


"Sehr erfreut" zeigte sich heute Angela Merkel über die rettende "Lösung, die letzte Nacht erfolgreich gefunden wurde". Sie sprach von einem "fairen Deal", bei dem die "Schuldigen ihren Beitrag zu leisten" hätten.

Die rettende "Lösung" wird es der Bevölkerung von Zypern erlauben, endlich auch zu jenen Auserwählten zu gehören, die vom einschlägigen Erfolgsrezept der Troika-Maßnahmen profitieren dürfen:
von wirtschaftlichem Niedergang, von Sozialkürzungen,
von Arbeitslosigkeit, von jahrelanger Depression.

Obwohl.

Vielleicht hat die Merkel das mit der rettenden Lösung auch ganz anders gemeint? Etwa so:
Ich bin sehr erfreut, dass ihr Zyprioten mich im September gut dastehen lasst. Euer Beitrag in mein Wahlkampfsparschwein ist ein ausgesprochen fairer Deal und war auch, ehrlich gesagt, dringend notwendig. Irgendwie wart ihr mir das schuldig. Super-Rettungspaket, echt, sehr erfreut! 


Montag, 25. März 2013

Essensausgabe beim Friedensnobelpreisträger


In letzter Minute wurde 
in Brüssel
während eines
nächtlichen Verhandlungsmarathons 
das Frühstückshilfspaket 
der Zyprioten 
gerettet.


Samstag, 23. März 2013

Zwei Hände haben aufgehört zu atmen


Bebo Valdés
kubanischer Pianist und Arrangeur
9. Oktober 1918 - 22. März 2013
"Yo quiero tocar hasta que me muera"
(Ich möchte spielen bis ich sterbe)
Bild: via fidels eyeglasses

Was für Hände. 
Was für Finger. 
Was für ein inniges Verschmelzen mit dem Instrument:

Bebo Valdés spielt im Duett mit seinem Sohn Chucho Valdés
(aus dem Film Calle 54, 2000)

"Als der Arzt zu meinem kranken Vater sagte: Valdés, du wirst niemals wieder spielen können, antwortete Bebo: Nur über meine Leiche. Er wird niemals aufhören zu spielen, denn du kannst sicher sein: Der Tag, an dem Vater kein Klavier mehr spielt, wird der Tag sein, an dem er aufgehört hat zu atmen. Denn mein Vater atmet durch seine Hände." (Erzählt Bebo Valdés' Tochter in dem Dokumentarfilm Old Man Bebo)

Bebo Valdés spielt mit der brasilianischen Musik-Gang Hip Hop Roots in El milagro de Candeal (Das Wunder von Candeal), 2004, einem Film über die existentielle Bedeutung von Musik in dem traditionell von Schwarzen bewohnten Stadtteil Candeal in Salvador, Bahia:



Am Ende des Filmausschnitts verabschieden sich die brasilianischen Kids mit einer wunderschön improvisierten perkussiven Standing Ovation von dem Altmeister am Klavier.

Adiós, Bebo.

Matratzengeflüster


Was ein anständiger Bank Run ist, der nimmt seinen Lauf, den halten weder Ochs' noch Esel auf und die EZB schon mal gar nicht.

Allerdings zieht so ein zünftiger Bank Run Folgeprobleme nach sich,
ist ja klar. Hat man erst mal sein Erspartes (so vorhanden) von seinem Konto (so vorhanden) geräumt, stellt sich die Frage 'Wohin damit?' in aller Dringlichkeit, und in aller Regel ist 'Unter die Matratze'
(so vorhanden) die naheliegende Antwort, denn nirgends liegt ein Schläfer seiner Barschaft so nahe wie auf der Matratze, wenn sein physisches Depot unter derselben ruht.

Nun zieht jedoch die gute alte Matratze wiederum neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Zwar mag das eigene Bett in diesen unwägbaren Zeiten als Hort der relativen Sicherheit gelten; aber halt nur relativ, solange die Absolutheit serieller Wohnungseinbrüche noch nicht zugeschlagen und jeder, selbst der amateurhafteste Langfinger, begriffen hat, dass ein gezielter Griff unter fremde Matratzen ihn in Minutenschnelle zum reichen Mann macht.

Not - so lautet eine der Grundregeln kapitalistischer Vermarktungslogik - macht erfinderisch. Darum hat es nicht lange gedauert, bis ein findiger spanischer Matratzenhersteller in der Bedrängnis seiner Mitmenschen ('my home is my bank and my mattress is my Schließfach') eine profitable Marktlücke entdeckt hat: Er erfand die erste Matratze mit eingebautem Schließfach - von Käufern kurz und liebevoll "Good Bank" genannt, nachdem diese den aus ihrer Sicht "Bad Banks" endgültig den Rücken gekehrt hatten. Das Ding entpuppt sich als Renner; wie man hört, geht die verschließbare Tresormatratze weg wie geschnitten Brot:



Nun zieht jedoch jedes Schnippchen, das dem System geschlagen wird, neue Folgeprobleme nach sich, ist ja klar. Denn das System wäre nicht das System, würde es nicht prompt jeden, der es wagt aus ihm auszuscheren, bestrafen. Darum liegt die neugeschaffene Zwangssteuer auf Standardmatratzen - fertig ausformuliert und nach EU-Richtlinien harmonisiert - bereits in den Schubladen und wird voraussichtlich noch an diesem Wochenende den südeuropäischen Parlamenten zur Abstimmung vorgelegt werden. Ausnahmslos alle privaten Matratzenbesitzer werden dieser Steuer unterliegen.

Darüberhinaus wird es in einer für den heutigen späten Samstagabend einberufenen Sondersitzung der EU-Kommission zu einer Eilverabschiedung der geplanten Matratzensteuer-Zusatzverordnung kommen, derzufolge Matratzen mit Zusatzfunktion (eingebautes Schließfach) mit einer Zwangsabgabe in doppelter Höhe (verglichen mit Standardmatratzen) belegt werden. Ausnahmslos alle Besitzer von Matratzen mit Zusatzfunktion werden dieser verdoppelten Zwangssteuer unterliegen.

Nun zieht jedoch die Zwangsbesteuerung verschließbarer Tresormatratzen neue Folgeprobleme nach sich - ist ja klar -, für die allerdings seitens der EU-Kommission bereits eine Lösung vorliegt: Wer künftig den Zahlencode seines Matratzenschließfaches vertraulich an die EU-Kommission weiterleitet, darf mit einer Steuervergünstigung rechnen, die vonseiten der EU-Bürokratie umgehend bestätigt werden wird, und zwar mit einem geschützten Passwort: "EGgufiDdnngh" (Euer Geld gehört uns, falls ihr Deppen das noch nicht gemerkt habt).

Freitag, 22. März 2013

Sozialverträgliche Kapitalverkehrskontrolle


Guten Morgen und Willkommen in der Schönen Neuen Welt.
Zyperns Bürger sollen nach dem Willen der EZB für eine längere Zeit nur einen begrenzten Betrag an Bargeld an Geldautomaten abheben können.
Nach dem Willen der Europäischen Zentralbank. Wie, ist die EZB neuerdings die Europäische Zentralregierung?
Zusätzlich sei im Gespräch, die Spareinlagen vollständig einzufrieren und Überweisungen nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank zu erlauben.
Nur mit einer vorherigen Genehmigung der nationalen Zentralbank.
Ah ja.
Die EZB werde dafür sorgen, dass die Kapitalverkehrskontrollen "sozialverträglich" ausgestaltet würden. 
Sozialverträglich! Dafür wird die Europäische Zentralbankregierung sorgen! Aufatmen, Leute!
Jeder Bürger werde das zum Leben notwendige Geld erhalten, hieß es.
Es sei, hieß es, an alles gedacht worden, von Geld- bis Lebensmittel-Rationierungen. Wie hoch die Summe des für jeden Bürger zum Leben notwendigen und daher zugestandenen Geldes sei, war nicht zu erfahren. Vorerst muss der Hinweis genügen, dass seit heute der europäische Lebensstandard in (vorerst nur) Zypern von der Europäischen Zentralbankregierung definiert wird.
Dazu gehörten auch die Auszahlung von Renten und anderen Sozialleistungen.
Es seien jedoch, hieß es, bereits Überlegungen im Gange, wie sich genau an dieser Stelle am sensibelsten der Rotstift ansetzen lasse, um die Sozialverträglichkeit von Kapitalverkehrskontrollen zu gewährleisten und zu optimieren.

Frohgemut sollst du deinen Tag beginnen.

Donnerstag, 21. März 2013

Die Bulldozer sind unter uns


Also, jetzt mal eins nach dem andern.

Da wäre zum einen die Revolution. Dauert womöglich noch eine Weile. Und dann wäre da der Bank Run. Dauert auch noch, kommt aber höchstwahrscheinlich vorher. Beiden, der Revolution und dem Bank Run, ist gemeinsam: They will not be televised. Auf gar keinen Fall. Weil, die Medien werden ja nicht dafür bezahlt, dass sie die Leute auf dumme Gedanken bringen. Im Gegenteil. Sie werden dafür bezahlt, dass sie die Leute von solcherart systemgefährdendem Blödsinn abhalten.

Weshalb es völlig witzlos ist, vor der Glotze zu sitzen und zu zählen, wie viele Leute inzwischen vor den Bankomaten Schlange stehen. Es werden nie mehr als vier oder fünf sein. Höchstens mal der eine oder andere Bulldozer dazwischen, wie zur Zeit in Zypern, das ist dann aber schon das Höchste der Gefühle. Weil, Bulldozer vor Banken bringen Einschaltquote, und immer nur vier oder fünf Hanseln vor einem Bankomaten zu zeigen wird ja auf Dauer auch langweilig.

Nur, vor der Glotze sitzen und drauf warten, dass der Bulldozer endlich in die Schalterhalle reinbrettert - vergiss es, Baby. Bis auf weiteres wird der Bulldozer, mattscheibenfreundlich und dekorativ, vor der Bank so statisch rumstehen wie ein Brückenpfeiler aus Beton, wie ein uriges prähistorisches Requisit aus dem ZDF-Fernsehgarten, und sich nicht von der Stelle rühren; dafür sorgen die wesentlich dynamischeren Bulldozer der sogenannten Eurogroup, allen voran der Oberbulldozersturmführer Schäuble, der händereibend frohlockt, dass in den zyprischen Banken eh kein Geld zu holen sei, jedenfalls so lange nicht, wie kein böser Russe hinterm Steuer des Bulldozers sitzt, was zuverlässig daran zu erkennen sei, wenn aus dem Bulldozerauspuff ein paar stinkende Erdgaswolken entweichen -

Cartoon: Fricca

- weshalb sich Chefbulldozer Merkel - mit der russischen Materie seit Kindesbeinen vertraut - nachdrücklich verbeten hat, dass die zyprische Regierung mit irgendjemand anderem verhandelt als mit der Troika. Irgendwie ist der Bulldozerchefin dabei aus dem Blick geraten, dass sie zwar Kanzlerin von Deutschland, aber (noch) nicht von Europa ist, aber sie übt halt fleißig, man muss ihr das nachsehen.

Jedenfalls, die Sache mit dem Bank Run. Der muss, da sind sich alle einig, auf Biegen und Brechen verhindert werden. Nur, wie? Ein erster, wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Die Banken in Zypern bleiben einfach geschlossen, fertig. Erst mal bis übers nächste Wochenende. Und weil, günstigerweise, der Montag nach dem nächsten Wochenende ein Feiertag ist ('Griechischer Unabhängigkeitstag', meine Güte, von wem sind die unabhängig? Doch wohl nicht von der Troika?), werden die Banken bis mindestens nächsten Dienstag geschlossen bleiben. Oder noch länger. Vielleicht für immer. Was natürlich, im Sinne der Unterbindung eines Bank Run, eine extrem praktische, auf allen Seiten bulldozersparende Lösung wäre.

Immerhin ist jetzt bis Dienstag genug Zeit, dem gefürchteten Bank Run prophylaktisch entgegenzuwirken, also die bewährten Propagandageschütze anzuwerfen und die Zyprioten aus allen Rohren zu beballern, dass ihr Erspartes sicher, wirklich garantiert sicher sei, aber nur und ausschließlich dann, so lange sie es auf der Bank lassen. Vorher, da sind sich alle einig, ist es völlig sinnlos, die Banken wieder zu öffnen. Sollten die zypriotischen Bankkunden weiterhin stur bleiben und partout an ihre Kohle ran wollen, bleiben die Banken halt weiterhin geschlossen, basta.

Sollten jedoch auch künftig, trotz allen guten Zuredens, die Leute einfach nicht zur Vernunft zu bringen sein, dann muss mit härteren Bandagen vorgegangen werden. Quasi mit Handschellen. Ein neues Notgesetz, das den Bank Run bei Strafe verbietet, liegt bereits in den Schubladen. Selbstverständlich etwas geschmeidiger formuliert, etwa so: Zu Ihrem Schutz und der Sicherheit Ihrer Bankeinlagen sind Sie ab sofort gehalten, pro Tag maximal 100 Euro von Ihrem Konto abzuheben oder zu überweisen; bei Zuwiderhandlung belasten wir mit einer nach oben offenen Zwangsabgabe Ihr Guthaben so lange, bis Sie keines mehr haben.

Völlig bescheuert oder was? Keine Spur. Hätte vor nur einer Woche irgendjemand erzählt, das EU-Bulldozerteam werde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Bankguthaben der Bürger eines europäischen Landes konfiszieren - alle hätte geschrien: völlig bescheuert oder was?

Das Grauen kommt auf leisen, aber schnellen Sohlen.
In kundenfreundlicher Bulldozerlautstärke.

Mittwoch, 20. März 2013

Systemrelevanz, spieltheoretisch


Frohsinn ist, 
früh morgens ins Internet hinein zu purzeln 
und dann kommt so etwas herausgepurzelt:


Die Rede ist von jenen kleinen, 
völlig irrelevanten, 
aber irgendwie höchst systemrelevanten 
südeuropäischen Inselstaat, 
dessen völlig irrelevanten Bewohnern 
mal eben 
deren höchst systemrelevante Sparguthaben 
unterm völlig irrelevanten Hintern 
weggezogen werden sollte.


Montag, 18. März 2013

Ende der Fahnenstange


Ja, das kommt halt davon, wenn die Banken einfach geschlossen werden am Montag, und dann auch noch bis Dienstag, und auf einmal auch bis Mittwoch und, gerüchteweise, sogar bis Donnerstag, ja, welcher Donnerstag denn jetzt, diese Woche, nächste Woche, nächsten Monat oder wann?

Jedenfalls, wenn die Banken dauernd geschlossen sind und die Leute nicht an ihr Geld kommen, dann gehen die Leute halt woanders hin, weil, irgendwohin müssen die Leute ja gehen oder vielmehr sie wollen irgendwohin gehen, und da bot sich heute eben die deutsche Botschaft in Zypern an:



Zur Kasse, Schätzchen

Merkel macht mobil:
"Jeder, der ein Bankkonto in Zypern hat, muss auch für die Zypern(vulgo: Banken-)-Rettung zur Kasse gebeten werden, denn damit werden die Verantwortlichen mit einbezogen."
Zu der Tatsache, dass damit die kleinen Leute in Zypern als die "Verantwortlichen" der Euro-Krise auf Zypern identifiziert werden, äußerte sich Merkel nicht.
Hingegen äußerte Merkel sich in einer solidarischen Botschaft an die zypriotischen Kleinsparer, das Einbeziehen der Verantwortlichen sei alternativlos:


Update:

Donnerwetter, Chapeau: Grußbotschaft zurück aus Zypern.

Cyprus strikes back:



Sonntag, 17. März 2013

Angepisst


"Diese Aktion ermöglicht die Rettung von 8.000 Arbeitsplätzen in der Bankenindustrie und gewährleistet die Liquidität der Banken."
Nicos Anastasiades, Ministerpräsident von Zypern, 16. 03. 2013
Übersetzung:
Um die Banken zu retten, ziehen wir die Sparer über den Tisch und konfiszieren deren Bankguthaben. Fühlt euch angepisst.


* Der Manneken Pis, Brunnenfigur eines urinierenden Knaben, ist eines der Wahrzeichen von Brüssel. Ganz recht: ein Wahr-Zeichen.

Samstag, 16. März 2013

Vorsicht, Wirtschaftsschädlinge!


Ach, es könnte alles viel einfacher sein auf dieser Welt. Wie viele Krisen wären mit einem Schlag beendet, wie viele Probleme gelöst, wenn nur endlich, endlich das eine, das einzige, das alles verursachende Problem aus der Welt geschaffen wäre! Nämlich dieses leidige Problem mit der menschlichen Arbeit.

Also, nicht die menschliche Arbeit selbst, die soll natürlich keinesfalls aus der Welt geschaffen werden, wo kämen wir da hin, nein, es sind vielmehr die leidigen Kosten, die diese menschliche Arbeit verursacht, und die sind einfach viel zu hoch, diese Kosten, die kann sich ja kein Mensch mehr leisten zu bezahlen, weshalb sich kein Mensch wundern darf, dass das mit der Krisenbewältigung nichts wird und das mit der Eurorettung schon gar nicht, weswegen EZB-Präsident Mario Draghi jetzt endlich mal in die Vollen gegriffen und "die Führer der Eurozone belehrt" hat, nämlich über das Problem der zu hohen Arbeitskosten.

Ja richtig, belehrt hat er sie. Einen Late-Night-Crashkurs hat er ihnen verabreicht. Am späten Donnerstagabend um 23 Uhr. Volles Haus in Brüssel. Alle 17 Eurozonenführer saßen wie gebannt. Endlich sprach es mal einer aus:
"Die hohen Arbeitskosten sind schädlich für die Zukunftschancen der Eurozone."
Hoher Konsensfaktor bei den Zuhörern: Es gab keine Gegenrede. Alle waren sich einig, dass Draghi den Nagel auf den Kopf getroffen habe und endlich etwas getan werden müsse. Also runter mit den Arbeitskosten. Zwar schwieg sich Draghi aus über die hohen Arbeitskosten von Spitzenbankern, wurde aber auch von keinem der Anwesenden danach gefragt, weil, wer will schon einen harmonischen Gipfelkonsens inkommodieren?

Auch Eurozonenführerin Merkel zeigte sich schwer angetan von Draghis problemlösungsorientierter Power-Point-Parade. Wenn Frau Merkel etwas "sehr interessant" findet, dann weiß man, die Frau hat Feuer gefangen; lässt sich doch mithilfe der von Draghi erteilten Lektion die so gnaden- wie alternativlose Austeritätspolitik noch weiter schüren, denn, so Merkel, nicht etwa die Austeritätspolitik - nein! - sondern
"... die (zu hohen) Löhne sind verantwortlich für die hohe Arbeitslosigkeit heutzutage."
- nicht umsonst ist das Vorzeigemodell Deutschland, in dem niedrige Löhne zu niedriger Arbeitslosigkeit führen, im Begriff, international Furore zu machen.

Dass zu hohe Löhne schädlich für die Wirtschaft und darum ein Problem sind, das schleunigst gelöst gehört, hat jetzt auch das House of Lords - das Oberhaus des britischen Parlamentes - geschnallt. Das Oberhaus verfügt nämlich über eine eigene Kantine, also eine Art Szene-Wirtschaft, in der sich die Lords nach Herzenslust satt essen und gern auch mal einen über den Durst trinken können. Peers' Dining Room nennt sich das noble Etablissement, wo die Lordschaften (unter ihnen viele Millionäre) verköstigt werden.

Und zwar zu stark vergünstigten, das heißt steuerlich subventionierten Preisen, denn offenbar können Spitzenparlamentarier es sich nicht leisten, ein Mittagsgericht oder ein abendliches Besäufnis komplett aus eigener Tasche zu bezahlen - völlig unzumutbar bei einem mageren Taschengeld ("Anwesenheitsentschädigung") von 300 steuerfinanzierten Pfund pro Tag - weshalb jeder Oberhauslord eine wöchentliche Fress&Sauf-Zulage von 83,90 steuerfinanzierten Pfund erhält.

Neidisch, anyone? I wo, warum sollte so ein betuchter Oberhauslord leben wie ein Hund? Eben. Wenn schon leben wie ein Hund, dann bitte die anderen, die Underdogs im Oberhaus, die wirtschaftschädigenden Köche und Kellner und was sonst noch so kreucht in Küche und Keller, weil, you know, es muss nun mal gespart werden, it's the austerity, stupid, you know, and you're the stupid, didn't you know?

Unter der Überschrift:
Dem Küchenpersonal des House of Lords werden die Löhne gekürzt, um den Adligen weiterhin das subventionierte Speisen zu ermöglichen
ist zu erfahren, dass - wie üblich - "wir alle" den Gürtel enger schnallen müssen, allen voran das Küchenpersonal, denn die steuersubventionierten Wirtschaftskosten des Peers' Dining Room gelten als zu hoch unter der Prämisse, dass Ihre Lordschaften bitte weiterhin für einen (steuersubventionierten) Appel und ein (steuersubventioniertes) Ei gastronomisch verpflegt werden wollen. Zwar ließ der hochhäusige Adel nichts unversucht -
Ein Sprecher des House of Lords sagte: "Das House of Lords prüft sämtliche Optionen, um die Kosten für den Steuerzahler aus dem Bewirtungsbetrieb zu reduzieren."
- kam dann aber, nach Prüfung sämtlicher Optionen, doch zu dem Schluss, dass es die kochenden und kellnernden Spitzenverdiener (mit 8,55 Pfund Stundenlohn) seien, die die Bewirtungskosten für den Polit-Adel über Gebühr in die Höhe treiben und darum gekappt werden müssen. Ein freundliches Rundschreiben klärte die Kantinenbelegschaft auf, wer der Dumme sein werde - it's you, stupid! -
"Wir hoffen mit diesem Schritt auf gute Zusammenarbeit und dass sich so die erforderliche Reduktion an öffentlich verwendeten Steuergeldern erzielen lässt."
Na bitte, geht doch, wer sagt's denn? Arbeitskosten runter, Wirtschaft läuft, Problem gelöst.

Die Köche und Kellner sind über die Problemlösung, wie es heißt, not amused. Was tun? Streiken? Wird diskutiert. Oder einfach gute Miene zum bösen Spiel machen? Trotz Hungerlohn den hungrigen Lordschaften das verbilligte Essen servieren? So tun als ob nichts wäre? Mit freundlichem Gesicht?

Warum nicht. Noch weiß niemand, ob und wie sich das Personal von Peers' Dining Room zur Wehr setzen wird. Eins weiß ich aber mit Sicherheit: Wäre ich einer dieser raffzähnigen Lords, würde ich mir gut überlegen, wo ich künftig zum Essen und Trinken einkehre. Sehr gut überlegen würde ich mir das. Und unter Umständen einen großen Bogen um Peers' Dining Room machen.

Weil, unter Umständen sitzt ein geknechtetes Personal am längeren Hebel. Nicht nur in der Gastronomie. Dort aber besonders. Mahlzeit.

Donnerstag, 14. März 2013

Globaler Neid auf deutsche Bescheidenheit


... über alles. Über alles in der Welt.
... um alles. Um alles in der Welt.
... von allen. Von allen in der Welt.

Wie? Wer? Was?

Deutschland.
Wer sonst.
Wird beneidet.
Über alles. Um alles. Von allen.

Alle sind neidisch auf Deutschland.
Dazu haben sie auch allen Grund!
Sie? Alle!
Alle sind sie neidisch auf Deutschland!
Ha!

Voll ins deutsche Horn stieß gestern Philipp Rösler, als er diese Offenbarung hinausposaunte:
"Die Lektion aus der Staatsschuldenkrise zeigt, dass solide Finanzen unerlässlich sind. Dank dieser Herangehensweise ist Deutschland die Avantgarde von Europa. Auf unseren Erfolg mit einer wachstumsorientierten Konsolidierung ist die ganze Welt neidisch."
Deutschland, du Musterknabe.
Deutschland, du Klassenprimus.
Sollten sich alle mal ein Beispiel nehmen.
An dir, Deutschland.
Alle.
Sind neidisch.
Auf dich, Deutschland.

Weiter, im Vollrausch des deutschen Strebers über alles in der Welt:
"In aller Bescheidenheit, dies ist ein Erfolg von historischen Ausmaßen."
Was wohl der bescheidene Rösler im Falle einer eher unbescheidenen Gemütsaufwallung hinausposaunt hätte? Man mag es sich lieber nicht ausmalen.

Mittwoch, 13. März 2013

Der hat Zähne


Balkon mit Haifischmaul

Samstag, 9. März 2013

Ölperlen vor die armen Säue


Vermutlich hat sich inzwischen - dank des konzertierten Engagements der westlichen Presse - herumgesprochen, dass es sich bei Hugo Chávez zu Lebzeiten um eine höchst verwerfliche politische Persönlichkeit gehandelt hat, um eine perfide Mischung aus populistischem Clown, bäuerlichem Großmaul und diktatorischem Monster, der es verdient, weit über seinen Tod hinaus als das wirklich Allerletzte, nämlich als der Leibhaftige schlechthin, zumindest aber als der Stalin von Lateinamerika dämonisiert zu werden.

Haben das jetzt alle? Gut.

Dann kann nun endlich reiner Tisch gemacht und ein Strich unter die Bilanz aus angeblichen Verdiensten und tatsächlichem Scheitern des GröLaRaZ (Größter Latino-Rattenfänger aller Zeiten) gezogen werden:
Chávez investierte Venezuelas Ölreichtum in soziale Programme wie staatlich betriebene Lebensmittelmärkte, Geldleistungen an arme Familien, kostenlose Gesundheitskliniken und Bildungsprogramme
Verdienste, Errungenschaften, Erfolge? Pfft, alles peanuts.
Jedoch handelt es sich um magere Verdienste, verglichen mit den spektakulären Bauprojekten, die der Ölreichtum in den glitzernden Städten des Mittleren Ostens vorangetrieben hat, einschließlich dem höchsten Gebäude der Welt in Dubai und geplanten Niederlassungen des Louvre und des Guggenheim Museums in Abu Dhabi.
Tja. Ist halt alles eine Frage von Prioritäten. Hat dieser liederliche Chávez doch tatsächlich die ganze Ölknete seines Landes verballert in: Gesundheit! Nahrung!! Bildung!!! Anstatt seinem Volk einen glitzernden Wolkenkratzer vor die Haustür zu bauen! Auf dass es, das Volk, jeden Tag aufs neue von seinem zufriedenen Stoßseufzer "Wir haben den Längsten", pardon, "den Höchsten!" pappsatt werde! Hat er aber nicht gemacht, dieser Latino-Lump mit der lausigen Bilanz.
Hat einfach das Armutsniveau drastisch nach unten gesenkt statt einen mit Erdöl viagratisierten Glitzerphallus in die Höhe zu ziehen.

Ein veritables Monster, dieser Chávez. Wir haben es gewusst.
Wollten es hiermit nur noch mal gesagt haben.

Freitag, 8. März 2013

Marktkonformes Aushungern


Erhellendes aus Hellas.

Endlich erfahren wir, wofür eine hohe Arbeitslosigkeit gut ist, namentlich eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Und das in schlichten Worten, die jeder versteht.
Nicht nur die Troika, aber auch multinationale Unternehmen drängen in Griechenland auf die Senkung der Mindestlöhne speziell für junge Arbeitslose auf 250 - 300 Euro.
Hätten wir uns fast denken können, dass dieser Druck nicht nur von der Troika, vielmehr direkt von an Hungerlöhnen interessierten Konzernen selbst ausgeübt wird. Aber schön, dass es endlich einmal so unverblümt zur Sprache kommt:
"In einem Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit unglaubliche Niveaus erreicht hat, begreifen wir nicht, warum die Bindung des Mindesttagelohns existieren muss. Gebt uns die Gelegenheit, junge Leute für weniger Geld einzustellen, damit sie weniger Stunden und an weniger Tagen in der Woche arbeiten."
Klartext: Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit schafft die "Gelegenheit" zu Hungerlöhnen, von denen keiner leben kann. Nur mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit schafft es die Wirtschaft, am globalen Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu agieren -
"Wir müssen mit den Kosten des Ostens konkurrieren."
- und nur mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit schafft es die Wirtschaft, sich als sozialer Problemlöser zu profilieren -
"Es ist eine Idee, über die Sie nachdenken müssen, damit umgehend die Arbeitslosenquote - und zwar bei den jungen Leuten - gesenkt wird." 
- mit der einfachen Gleichung: Senkung des Mindestlohnes führt zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit. Nie war die "Gelegenheit" zur Eigenprofilierung via Hungerlöhnen günstiger als jetzt -
"Speziell jetzt, wo wir immer häufiger 'ich möchte eine Arbeit, gleich was es ist und für wieviel' zu hören bekommen."
- da muss die Wirtschaft einfach zuschlagen, denn eine so günstige "Gelegenheit" muss unverzüglich beim Schopfe gepackt werden. Zwar beeilte sich Entwicklungsminister Chatzidakis entgegenzuhalten -
"Die Regierung glaubt, dass die Lohnniveaus nicht weiter sinken können."
- wurde jedoch von Nestlés Konzerngnaden auf der Stelle ausgehebelt mit dem Befund:
"Der griechische Markt liegt im Sterben."
Nun liegt in Griechenland einiges mehr im Sterben als der Markt. Aber gestorben wird schließlich immer, und sei es an Niedriglöhnen, von denen kein Mensch leben, dafür irgendwann sterben kann; wofür sich allerdings weder die Wirtschaft noch der Markt noch die Troika noch die Regierung zuständig fühlen, geschweige denn interessieren.

Denn solange ein arbeitsloser junger Mensch noch bei Kräften und nicht verhungert, also gestorben ist, muss er frank und frei als das genommen werden dürfen, was er ist: eine gute "Gelegenheit".
Nicht mehr und nicht weniger.

Donnerstag, 7. März 2013

Totes Volk


Fo for fun.

Wenn ich das heute früh im Radio richtig verstanden habe, gibt der italienische Literaturnobelpreisträger Dario Fo den deutschmiesepetrigen Nörgelweltmeistern ordentlich eins auf die humorlose Mütze, und zwar in einem aktuellen Interview mit der Zeit (online noch nicht verfügbar) über den Wahlsieg von Beppe Grillo.

Miesepetrig fragt die Interviewerin:
Sehen Sie die Zukunft Ihres Landes tatsächlich gut aufgehoben in den Händen von einem, der mit Satire Politik machen will?
Fo: Aber ja! Die Satire ist doch immer und überall enthalten. Ein Volk ohne Gefallen an der Satire - entschuldigen Sie die Ironie - ist ein totes Volk.
Nörgelnd fährt die Fragerin fort:
Kann es demokratische Politik ohne Regeln geben?
Fo: Was soll die Frage? Warum wollt ihr in allem immer etwas Trübsinniges und Ernstes sehen? Das ist diese verdammte kleinbürgerliche Ästhetik, die das Moderate heiligt. 
Ruhe sanft, totes trübsinniges Volk.

Mambo Requiem


Das staatliche venezolanische Jugendorchester Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar unter der Leitung des Dirigenten Gustavo Dudamel spielt Mambo von Leonard Bernstein.

Hinreißend:



Dudamel erhielt seine musikalische Ausbildung bereits als Jugendlicher im Sistema de Orquestas Juveniles de Venezuela - kurz El Sistema genannt - , einem staatlichen Trainingsprogramm für junge Musiker in Venezuela. Mit 18 Jahren wurde er 1999 Chefdirigent des venezolanischen Jugendorchesters; inzwischen ist Dudamel auch der musikalische Direktor von El Sistema.

Das Selbstverständnis von El Sistema steht in Einklang mit der Sozialpolitik des verstorbenen Hugo Chávez, die arme Bevölkerung Venezuelas sowohl mit Fördermitteln als auch mit Förderungsmaßnahmen - in diesem Fall: frühzeitige
musikalische Förderung - zu unterstützen:
"Die Regierung sieht dies nicht als Kostenfaktor, sondern als eine der Strategien zur Überwindung von Armut."
Hugo Chávez
Mambo!

Mittwoch, 6. März 2013

Alles ganz normal


Wie Faschismus alltagstauglich wird:

Der Film fängt Straßenszenen in Athen ein. Eine der Hauptpersonen ist Mitglied der Golden Dawn Partei und Anwärter auf einen Sitz im griechischen Parlament.

Im lockeren Plauderton und in aller Öffentlichkeit wird über Öfen, Seife und abgezogene menschliche Haut gescherzt. Passanten werden nach ihrer korrekten DNA befragt, im Brustton herrenrassiger Überlegenheit. Griechenland, so der visionäre Blick in die Zukunft, müsse "vom Schmutz befreit werden". Schließlich sei der "Schmutz" für die Krise verantwortlich. Schmutz weg, Krise weg, und alles wird wieder gut.

Der Film beginnt mit faschistischer Alltagspropaganda auf den Straßen und endet mit institutionalisierter Indoktrinierung ("Umerziehung") von Kindern und Jugendlichen.

Alles ganz normal. Im Jahr 2013. Mitten in Europa.


Dienstag, 5. März 2013

Frische Luft schnappen


Luftverschmutzung verlangsamt das Wirtschaftswachstum in China
- ist aktuell zu erfahren. Vergessen wurde hinzuzufügen, dass das beschleunigte Wirtschaftswachstum in China die wachstumshemmende Luftverschmutzung auf dem Gewissen hat.


Schlechte Nachrichten. Doch die japsende Bevölkerung kann aufatmen: Frischluft ist bereits im Anzug, allerdings nur für den, der sie sich leisten kann. Zur Beschleunigung des chinesischen Wachstums und Verbesserung der individuellen Luftqualität verkauft ein findiger Millionär - und, laut Selbstauskunft: Umweltschützer und Philanthrop - frische zentralchinesische Bergluft, die er in Dosen mit praktischem Clipverschluss abgefüllt hat. Einfach aufreißen, das vertraute zischende Geräusch vernehmen und
"... drei tiefe Atemzüge verschaffen dir gute Stimmung und einen klaren Kopf."
Für 65 Cent die Dose. 

Der Tag ist nicht fern, wo in den Großstädten riesige Gasometer stehen werden zur Speicherung von Frischluft, die - von selbstverständlich privatisierten Frischluftversorgungsbetrieben - zu marktüblichen Tarifen an den Luftkonsumenten verkauft werden. Bis es so weit ist, warten wir schnappatmend auf die kommerzielle Einführung von portioniertem Tageslicht in praktischer Einwegverpackung. Oder vielleicht doch besser mit Pfandsystem. Ist umweltfreundlicher. 
Und beschleunigt das Wachstum.

Montag, 4. März 2013

Talking German Wahlgetöse


Die Woche fängt gut an:



by Michel Montecrossa
"The Golden Voice and Artist of Peace, Power, Love and Happiness"

Was erlaube italienische Musicista?
Mache mir grosse Lachgetöse.
Habe fertig.

Sonntag, 3. März 2013

Protestsong


Protest hat viele Gesichter.

Eines der eindrucksvollsten ist das lange Gesicht von Passos Coelho, ehemaliger Finanzmanager im Investmentsektor und heutiger Premierminister Portugals.

Im portugiesischen Parlament wurde nämlich gesungen, und je länger gesungen wurde, desto länger wurde Coelhos Gesicht. Von der Publikumstribüne herab schmetterte - aus Protest gegen die alles strangulierende Austeritätspolitik - eine selbstorganisierte Bürgerversammlung das Revolutionslied Grândola, Vila Morena.



Grândola, Vila Morena war das Lied zur portugiesischen Nelkenrevolution.
In der Nacht zum 25. April 1974 ging ein Lied über den katholischen Rundfunk in Lissabon: Grândola, Vila Morena. Es war das verabredete Signal zur Erhebung der Bewegung der Streitkräfte, der Anfang vom Ende des portugiesischen Faschismus.
Franz Josef Degenhardt
Gesungen auf deutsch von Franz Josef Degenhardt:



Für die Katz'


Katzeklo
Katzeklo
ja das macht die Katze froh

willst du eine saubere Katze haben
musst du im Geschäft nach Katzeklo fragen

Schön und gut, alle wollen eine saubere Katze, aber hat schon mal jemand im Geschäft gefragt, wie sauber das Katzeklo eigentlich ist? Vielmehr das, was das Katzeklo zum Katzeklo macht, also das Katzenstreu? Ist es wirklich sauber, entspricht es dem streng überwachten internationalen Reinheitsgebot für Katzenstreu, demzufolge nur das drin sein darf, was auch draufsteht?

Interessiert doch eh kein Schwein, allenfalls die eine oder andere Katze oder höchstens jeden (geschätzt) zwanzigsten Katzenbesitzer. Oder? Falsch. Seit vorgestern interessiert sich für die Beschaffenheit von Katzenstreu eine Konsumentenzielgruppe, die mit Katzen überhaupt nichts am Hut hat, nämlich: die Zigarrenraucher. Und zwar das Segment der Liebhaber von besonders großen, schweren Premium-Zigarren. Die mussten schockiert zur Kenntnis nehmen, dass ihre Lieblingsstumpen nur deshalb so groß und so schwer sind, weil sie Füllstoffe enthalten, die in keine Zigarre hineingehören, weshalb - marktlogischerweise - auf keiner dieser großen, schweren Zigarren draufstand, was drin ist, nämlich: Katzenstreu.

Aufgeflogen ist es trotzdem. Der Clou dabei: Es ist weder illegal noch strafbar, Zigarren mit Katzenstreu vollzustopfen, um sie in eine höhere Gewichtsklasse zu heben (und auf diesem Weg - das ist der Trick! - der Tabakindustrie Steuern in Höhe von einer Milliarde Dollar zu ersparen). Kein Grund also zur Aufregung, kommentiert das amerikanische Finanzministerium:
"Wenn du die Bestimmungen für eine große Zigarre erfüllst, dann bist du eine große Zigarre," (so ein Sprecher der Tabakbehörde,) "denn es steht nichts in der amerikanischen Abgabenordnung über die Spezifika, wie dieses Gewicht erzielt wird."
Aha. Alles im grünen Bereich, oder anders ausgedrückt: Wenn du die Bestimmungen für einen behördlichen Vollidioten erfüllst, dann bist du ein behördlicher Vollidiot, denn nirgendwo steht in der amerikanischen Verfassung geschrieben, auf welchem Weg diese Vollidiotie erzielt wird. Wird man ja wohl mal sagen dürfen, selbst als Nichtzigarrenraucherin. Wäre ich Zigarrenraucherin, würde ich demnächst umsteigen und Katzenstreu direkt aus der Pfeife rauchen. Und mich, selbstverständlich, für die Beschaffenheit von Katzenstreu interessieren!

Weil, bislang haben die amerikanischen Zigarrenhersteller kein Wort darüber verlauten lassen, ob sie für ihre Premium-Zigarren auch wirklich Premium-Katzenstreu verwenden, was ja wohl das Mindeste ist, was ein Premiumzigarrenraucher erwarten kann. Zwar besteht Katzenstreu, wie jeder weiß,  gemeinhin aus Tonmineralien, weswegen es nur ein Frage der Zeit sein dürfte, bis die Tabakindustrie ihren neuesten Marketing-Spin auftischt, dass nämlich Premium-Zigarren deshalb Premium sind, weil sie mit gesunden mineralischen Zusatzstoffen angereichert wurden.

Nur werden die Tonmineralien im ordinären Katzenstreu ihrerseits angereichert mit karzinogenen Schwermetallen wie Nickel oder Kobalt; auch Babypuder wird gerne zugesetzt zwecks angenehmer Geruchsbildung, vermutlich weil viele marktgängige Katzenstreu-Produkte, neben Tonmineralien, aus recycelten Babywindeln bestehen - ob aus frischen oder gebrauchten, hat meine Kurzrecherche nicht hergegeben, wohl aber den Umstand, dass der Katzenstreu-Öko-Plus-Testsieger weitgehend aus recyceltem Klopapier hergestellt wird. Ob aus frischem oder gebrauchtem Klopapier ... na ja, ist jetzt auch vollends egal, jedenfalls, daher der Name Katzeklo.

Draufstehen tut das alles natürlich nicht, aber drin ist es trotzdem, was den Premiumzigarrenraucher unfroh stimmen wird. Drum, wer seine Katze liebt und sie froh stimmen möchte, der greife künftig unbedingt zu Premium-Katzenstreu und lasse sich keinesfalls verleiten zum Kauf neumodischer Varianten mit dem Produktversprechen 'angereichert mit gesunden naturkrauthaltigen Zusatzstoffen'. Weil, er muss ja befürchten, dass recycelte amerikanische Premium-Zigarren drin sind.