Donnerstag, 31. Januar 2013

Flirten mit Flugobjekten



"Paperman" via Kottke

Verflucht sei das papierlose Büro der Neuzeit.

Montag, 28. Januar 2013

Haste mal 'nen Dollar


Eine Art Bettler-Flashmob in der New Yorker U-Bahn.

Witzig-abgedreht und voller skurriler Intelligenz. 

Und mit - so hinterrücks - gnadenloser Pointe.



Macht großen Spass.

Sonntag, 27. Januar 2013

Oh My God


Oh Mann. Es ist alles gar nicht so bescheuert, wie man denkt.

Es ist nämlich alles noch viel bescheuerter.

Einem ehemaligen episkopalischen Priester in Amerika war es endgültig zu blöd geworden. Bereits vor drei Jahren war er zum Katholizismus konvertiert, weil ihm die Episkopalkirche zu freizügig geworden war:
"Zuerst war es die Ordination eines homosexuellen Priesters in New England," sagte er. "Dann wurde auch noch die Priesterweihe für Frauen ermöglicht ... es war einfach zu viel für mich."
Bevor er womöglich noch Schlimmeres hätte mitansehen müssen, wechselte damals John Cornelius den Glauben und wurde Katholik, also Angehöriger jenes Glaubenssystems, in dem die Welt bekanntlich noch in Ordnung ist und man sich darauf verlassen kann, dass das auch so bleibt.
"Ich brauchte irgendeinen Platz, wo Ordnung herrschte."
Mit diesem Systemwechsel hätte der Strenggläubige es eigentlich belassen können, denn jetzt endlich - sollte man annehmen - hatte seine liebe Seele doch Ruh'? Mitnichten. Weil, nach drei Jahren stand ihm (also, seiner Seele) der Sinn nach Höherem: Das katholische Priesteramt mit all seinen Verlockungen übte auf den langjährig (mit einer Frau) verheirateten Mann einen so starken Reiz aus, dass er in Versuchung geriet; er fühlte sich berufen zum Priester.

Weil jedoch in der katholischen Kirche Zucht und Ordnung herrschen, musste der ambitionierte Konvertit etwas dafür tun. Vielmehr, er musste etwas lassen, nämlich das Sexualleben mit seiner Ehefrau aufgeben, um "dem ganzen Zölibatsding gerecht zu werden". Dies tat (vielmehr ließ) er, wie er betont, gern und "freiwillig" sowie "mit dem Segen seiner Frau", was einen bigotten Außenstehenden fast zu der Annahme verleiten könnte, diese Ehe wäre schon seit geraumer Zeit unter zölibatären Vorzeichen geführt worden.

Jedenfalls hat nun mit offenen Armen die katholische Kirche ihn und er die Priesterweihe empfangen, nachdem er ihr vor lauter Homophobie quasi seine Heterosexualität geopfert hat, so dass den Freuden des Heiligen Amtes nichts mehr im Wege steht. Und wie das mit dem konvertierten Priester nun weitergeht, will man ja eigentlich lieber gar nicht so genau wissen.

Und eigentlich ist die ganze Story viel zu bescheuert, um etwas darüber zu schreiben, aber nachdem ich sie gerade bei Joe.My.God. aufgegabelt und mich tierisch über die Kommentare dort beoimelt habe, konnte ich es mir halt nicht verkneifen. Selten so gewiehert. Oh. My. God.

Samstag, 26. Januar 2013

Freitag, 25. Januar 2013

Durch den Wind


Schon wieder dieses leidige Thema Arbeitslosigkeit. Dass diese Nervensäge aber auch keine Ruhe geben kann, nicht mal für eine kurze Woche!

Das heikle Sujet hat sich inzwischen - man glaubt es kaum - sogar bis nach Davos herumgesprochen. Davos, das ist jener Hochsitz in der Schweiz, wo jedes Jahr eine geschlagene Woche lang mit nimmermüder Begeisterung über Wirtschaftswachstum geschnattert wird. Da kommt dieses Ding mit der stetig steigenden Arbeitslosigkeit natürlich als veritabler Stimmungskiller für die versammelte Elite, aber was soll man machen, man muss sich des Themas irgendwie annehmen, weil, wie sieht das denn sonst aus, drunten bei denen in den Niederungen.

Wie zu lesen ist, greift man in Davos, wenn die Arbeitslosigkeit aufs Tapet kommt, besonders gern zu der Metapher "Gegenwind". Ganz schön windig, finde ich. Vermutlich bezieht sich der Gegenwind auf das zarte Pflänzchen Wachstum, dem die Arbeitslosigkeit kalt und bösartig ins Gesicht bläst, um es an seiner Blüte zu hindern. Ich warte schon auf eine großflächig plakatierte Kampagne:
"WIR sind Wachstum - DU bist Gegenwind!" 
- so mit aggressiv ausgestrecktem Zeigefinger, auf dass jeder vorbeischlendernde arbeitslose Schlendrian vor lauter Scham augenblicklich in den Straßenboden versinken und nimmermehr aufstehen werde. Damit wäre dann endlich das lästige Thema wie weggeblasen.

Bis es so weit ist, muss halt in Davos weiter geschnattert und so getan werden als ob. Geschnattert wurde gestern; das war zufälligerweise auch der Tag, an dem die neuesten Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit in Spanien veröffentlicht wurden: Ihr, der Jugendarbeitslosigkeit, ist es aktuell gelungen, die 60-Prozentmarke zu knacken - mithin Gegenwind der gehässigsten Art. Also zog man in Davos alle Register und schnatterte über Jugendarbeitslosigkeit, dass die Dielen knarrten und die Designer-Skibretter sich bogen.

Eins der rhetorischen Highlights zur konzertierten Bekämpfung des verheerenden Gegenwindes war ohne Zweifel der Vorschlag des schwedischen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt, der "sich sorgte", es gäbe "viel zu wenige Jobs im Niedriglohnbereich für junge Leute", kein Wunder, dass die Jugendarbeitslosigkeit durch die Decke ginge. Boah, der Schwede bringt frischen Aufwind in den Gegenwind; dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht dies:


Dann war da noch Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum in Davos, der - ebenfalls in großer Sorge - die überzogene Anspruchshaltung der jungen Leute beklagte:
"Die Zeiten sind vorbei, wo den jungen Leuten die Jobs auf dem Tablett serviert wurden; sie (die jungen Leute) werden sie (die Jobs) selbst erschaffen müssen."
- womit er souverän der spanischen (dicht gefolgt von der griechischen) Jugendarbeitslosigkeit jeglichen Wind aus den Segeln genommen haben dürfte - sowie, nicht zu vergessen, der sachkundige Beitrag aus Deutschland: Angela Merkel zog eine sorgenvolle Schnute. Kann sie ja auf Knopfdruck.

Dabei ist das doch alles gar nicht sooo dramatisch mit dieser penetranten Jugendarbeitslosigkeit, ich meine, pfft, 60 Prozent, bitte, was sind schon 60 Prozent? Wir warten erst mal ganz entspannt ab, bis die Jugendarbeitslosigkeit 100 Prozent erreicht hat. Das dürfte frühestens - Moment, ich muss mal kurz hochrechnen, also, letztes Jahr um diese Zeit lag die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei 50, dieses Jahr bei 60 Prozent, na ja, noch ein paar Jährchen mit zusätzlichem kräftigem Rückenwind vom Wirtschaftswachstum, Stichwort 'jobless recovery', müsste also zu schaffen sein - im Jahr 2016 eintreten. Oder auch erst 2017.

Hui, wie lustig das um die Ohren pfeifen wird. Bei Windstärke 100. Volle Kraft voraus, Davos!

Donnerstag, 24. Januar 2013

Vermummungsgebot


Tja, dumm gelaufen. Irgendwie. Mitunter ist es halt kein Zuckerschlecken, Mitglied der herrschenden Klasse zu sein, jedenfalls nicht überall. Zum Beispiel in Athen. Dort darf sich derzeit keiner einbilden, er würde automatisch zum Sympthieträger beim gemeinen Volk, bloß weil er so gekleidet durch die Gegend rennt:

***
- denn es könnte sich ja um ein Exemplar jener zahlreichen Troika-Platzhirsche handeln, die durch die griechische Hauptstadt promenieren, um das Land Austerität und Mores zu lehren - im universal-bürokratischen Business-Habit. 

Und weil, erstens, diese Spezies sich beim Durchschnittsgriechen nicht allzu großer Beliebtheit erfreut und sich, zweitens, Bombenanschläge auf Troika-freundliche Institutionen in Athen häufen, musste dringend etwas getan werden - zum Schutze der gefährdeten Troika-Gehilfen. Also jener Antipathieträger, die sich herzlich wenig um den Schutz der Überlebensinteressen des durch Austeritätsreglementierung gefährdeten Durchschnittsgriechen scheren.

Neueste Anweisung von ganz oben (Hauptsitz Brüssel): Ab sofort wird Tarnkleidung angelegt! Ab sofort rennt keiner von euch mehr im verdachterregenden globalen Business-Outfit durch Athen! Ab sofort kehrt ihr eure missliebige Identität unter den Teppich und betreibt verdeckte Ermittlungen! 
Wie? So:
Tragt schäbige Klamotten, vermeidet teure Krawatten und Manschettenknöpfe. Sollten eure Haare auffällig getönt sein, tragt lieber Kappen oder Filzhüte.
Banggg! Was für ein herber Schlag gegen den Berufsstolz jener Euro-Handelsreisenden, die es bis zur mittleren Managementebene der oberen Klasse geschafft haben; jener Ebene, auf der bekanntlich Kleider Leute machen, der Designerschlips den erfolgreichen Status signalisiert und die blinkenden Manschettenknöpfe das aufgepumpte Ego liebkosen. 

Das soll jetzt alles eingemottet werden? Und das stromlinienförmige Ego - Gott erbarme sich seiner! - sich schäbig einkleiden auf gammeligen Flohmärkten und in ärmlichen Second-Hand-Läden? Filzhut auf die Fönfrisur? Schäbiger Schlabberlook als Täuschungsmanöver? Arme-Leute-Camouflage im Dienste der Austeritätsdiktates? 

Tja, dumm gelaufen, irgendwie. Harte Zeiten für harte Troika-Jungs. Da müsst ihr durch, und wenn euch die Steine reihenweise aus der Krone und die Manschettenknöpfe in die Gosse fallen. 

Ansonsten wünsche ich aus tiefstem solidarischem Herzen jedem verarmten Griechen in abgetragenen Klamotten, dass er künftig nicht unfreiwillig Opfer des Brüsseler Etikettenschwindels und mit einem Undercover-Troikaner verwechselt werden möge. Die bürgerkriegsähnlichen Folgen wären unabsehbar.


*** Bildquelle: 
Die sehr empfehlenswerte Website ECONOMY, "an exhibition project that aims to generate constructive public discussion on how the economy impacts upon life. It addresses issues that range from migration, labour, sexuality and the crisis of democracy to the quest for alternative futures."
via anticap

Mittwoch, 23. Januar 2013

Europäische Werte


Es gibt Dinge, die machen am frühen Morgen so munter, da kommt der stärkste Kaffee nicht dagegen an. Zum Beispiel, wenn es unterirdisch zu rumpeln beginnt; ein sicheres Zeichen, dass ein gewisser Orwell sich im Grab gedreht hat. Oder wenn Schlagzeilen wie diese auftauchen:
EU wants power to sack journalists
Richtig gelesen: Die EU wünscht sich die Befugnis, Journalisten rauszuschmeißen.
Ein Bericht der Europäischen Union drängt auf strenge Regulierung der Presse und fordert, dass Brüsseler Funktionsträgern als Supervisoren die Kontrolle über nationale Medien gegeben wird, mit neuer Befugnis, Journalisten unter Strafe zu stellen oder sie zu feuern.
Welche Journalisten? Solche, die den "europäischen Werten" zuwiderhandeln beziehungsweise -schreiben.
Alle EU-Länder sollten unabhängige Medienbehörden haben.
Wie, unabhängig? So unabhängig:
Nationale Medienbehörden sollten einem Regelwerk europaweiter Standards folgen und von der (Europäischen) Kommission überwacht werden, um zu gewährleisten, dass sie europäischen Werten entsprechen.
Gib Ruhe da unten, Orwell. Kriegst auch einen extrastarken Kaffee.

Dienstag, 22. Januar 2013

Krankheit als Chance


Der gute Onkel Doktor ist deshalb ein Guter, weil er weiß, was für den Patienten gut ist. Wenn also der gute Onkel Doktor Medikamentengifte in den Patienten stopft, die den Kranken immer noch schlimmer dahinsiechen lassen, dann wird der Onkel Doktor schon wissen, warum er das tut.

Sollte der inzwischen Sterbenskranke irgendwann aus dem allerletzten Loch pfeifen, dann erfasst den guten Onkel Doktor ein menschlich' Rühren, weil er das Siechtum nicht länger mit ansehen kann, und verordnet großherzig eine Medikamentenpause. Weil, gestorben werden kann auch noch später, da kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger nicht an.

Weil es so gut klingt und weil der Onkel Doktor so ein Guter ist und unbedingt möchte, dass alle nur Gutes von ihm denken, hat er sich für die Medikamentenpause einen hübschen Wohlfühlnamen ausgedacht: Moratorium. Ah, das geht runter wie die süßeste Medizin! Moratorium heißt, die medikamentöse Zwangsbehandlung wird eingestellt (natürlich nur befristet, denn die hochgiftige Rosskur muss auf Tod und Verderben zu Ende geführt werden, sonst hätte der Onkel Doktor sie ja gar nicht erst zu verordnen brauchen).

Dem Sterbenskranken wird also mildtätig ein fast karitativ zu nennender Schonzeitraum gegönnt, und solange dieser verspricht, die bereits verschriebenen Medikamente brav weiter einzunehmen, zeigt sich, im Gegenzug, der Onkel Doktor von seiner menschlichen Seite und verzichtet auf die Verabreichung neuer, immer giftigerer Maßnahmen. Befristet, wohlgemerkt. Auf sechs Monate, um genau zu sein.

Sechs Monate hat also der gebeutelte Patient erst mal seine Ruhe und kann zusehen, wie er seinen kranken Karren mühsam aus jenem Dreck zieht, den der Doc ihm verschrieben  hat, bevor ihn der gute Onkel mit neuem, noch höher dosiertem Dreck noch tiefer in die Grütze reiten wird. Aber, ruhig Blut, erst nach Ablauf von sechs Monaten.
Die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds haben sich auf ein sechsmonatiges Moratorium geeinigt, während dessen sie keine neuen Austeritätsmaßnhmen von Griechenland fordern werden.
Wieso eigentlich gerade sechs Monate? Wieso nicht zwei, wieso nicht zwanzig? Welches therapeutische Konzept verbirgt sich hinter dem magischen Timing von ausgerechnet sechs Monaten?
Das Ziel der Troika besteht darin, der griechischen Regierung eine Chance einzuräumen, einen Maßnahmenkatalog sowie strukturelle Reformen zu implementieren, an welche - im Austausch dafür - kontinuierliche Rettungsgelder gebunden sind ...
Okay, Onkel Doktor, den Spin haben wir gerafft, du willst den Griechen also eine Galgenfrist geben, um hernach erst recht mit der Brechstange ..., wie? Keine Galgenfrist, sondern eine "Chance"? Ach so, du meinst so eine Art Verschnaufpause? Eine großzügige Chance, mal endlich zu verschnaufen, okay, aber wieso gerade eine sechsmonatige Verschnaufpause? Erklär's uns, weil, wir wollen nicht dumm sterben, und die Griechen schon gleich gar nicht, also bitte:
... wobei sie (die Troika) gleichzeitig versucht zu gewährleisten, dass Griechenland und seine Schuldenprobleme kein Thema darstellen wird im Rahmen des Wahlkampfes in Deutschland, das sich für die (Bundestags)Wahlen im September vorbereitet.
Kein Thema darstellen wird? Damit meinst du also,
Die sozialen Unruhen in Griechenland auf kleiner Flamme zu kochen, bedeutet, die wirtschaftliche Krise des Landes wird nicht als Vorwahl-Kampagnenproblem für Merkel dazwischenfunken können.
Gut, dass du, Onkelchen, uns - wenn auch etwas zögerlich - den therapeutischen Hintergrund der verordneten Rosskur-Unterbrechung erläuterst; wir wären von allein gar nicht drauf gekommen. Staunen aber nicht schlecht, dass du dir mittlerweile nicht mal mehr die Mühe machst zu vertuschen, um wessen "Chance" es tatsächlich geht: Angela Merkel braucht eine Verschnaufpause. Wahlkampfstrategisch gesehen.

Hättest du auch gleich sagen können, Onkel Doktor. Wir sind gar nicht so schwer von Begriff, wie du denkst. Und werden uns bestimmt nicht wundern, wenn an der deutschen Nachrichtenfront des griechischen Krankenbettes in den nächsten Monaten Funkstille herrschen wird. Ist ja für einen guten Zweck. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.


Montag, 21. Januar 2013

Me-too politics



21. Januar 2013 
nationaler Feiertag in Amerika 
zu Ehren des schwarzen Bürgerrechtskämpfers 
("I have a dream"

21. Januar 2013
("Me too"), 
der seinen feierlichen Schwur 
auf die Bibel Martin Luther Kings ablegte.


Am Leben




Lisa Bassenge - Lass die Schweinehunde heulen

Lass die Schweinehunde heulen
Lehn dich trunken aus dem Fenster
Schrei den Menschen auf der Straße
Deinen Namen in die Fresse

Lass die Nase richtig bluten
Lass die Erde richtig beben
Leg dich einfach auf die Straße
Und du weißt, du bist am Leben

Treib die Kühe durch die Dörfer
Jag die Katze aus dem Haus
Gib dem Affen noch mehr Zucker
Lass die Säue alle raus

Trink das Wasser aus der Vase
Reiß den Tresen gleich mit ab
Jaul mit allen Straßenkötern
Heute ist der letzte Tag

Lass die Nerven richtig zittern
Lass die Erde richtig beben
Stell dich mitten ins Gewitter
Und du weißt, du bist am Leben

Nimm die besten Augenblicke
Bau dir deine Zeit daraus
Riskier die dickste aller Lippen
Pfeif auf jeglichen Applaus

Lass die Nase richtig bluten
Torkel durch den Morgennebel
Leg dich einfach auf die Straße
Und du weißt, du bist am Leben

Samstag, 19. Januar 2013

Wenn Verlierer gewinnen


Heute mal ein Abstecher in die Welt des Sports. Ist sonst nicht so mein Blogding, aber heute muss es sein.

Weil, eigentlich geht es weniger um den Sport selbst als um das Sozialverhalten im Sport, also um die Abteilung, wo's menschlich wird. Oder unmenschlich, je nachdem. Statt von 'unmenschlichem' ließe sich auch von 'unsportlichem' Sozialverhalten sprechen. Von unsportlichem Sozialverhalten kann wahrscheinlich fast jeder Sportler ein Lied singen, jedenfalls dann, wenn er es bis nach oben geschafft und seine sportlichen Siege nicht zuletzt seinem unsportlichen Sozialverhalten verdankt hat: halt so Gewinnertypen, deren Weg von Leichen gepflastert ist. Kennt man ja. Nicht nur aus der Welt des Sports.

Einer dieser Gewinnertypen heißt Lance Armstrong. Der gab neulich (anlässlich eines als Ja-ich-habe-gedopt-Geständnis-Fernsehinterview getarnten PR-Coups) tiefe Einblicke in sein gewohnheitsmäßig unsportliches Sozialverhalten:
Was jedoch interessant war (in dem Interview), war folgendes: Armstrong erweckte nicht den Eindruck, dass die Tatsache, ein selbstgerechtes Arschloch zu sein, etwas ist, weswegen er ein schlechtes Gewissen haben oder sich gar entschuldigen sollte. Er sah die Sache ganz nüchtern. (Nämlich, "Oh, keine Frage, ich war ein Riesenarschloch. Ich wollte gewinnen, koste es, was es wolle, und habe mich nicht darum geschert, wie ich andere Leute behandelt habe. Nächste Frage?" (Business Insider)
Eben. Wer auf der Gewinnerspur ist und groß rauskommen will, darf sich nicht mit gefühlig-menschelnden Petitessen aufhalten. Mit anderen Worten: Vor die Alternative gestellt, einerseits, zu gewinnen und darüber zum unsportlichen Arschloch zu werden oder, andererseits, nicht zu gewinnen, aber dafür ein anständiger Mensch zu sein, hat Armstrong sich bewusst entschieden zu gewinnen und darüber zum unsportlichen Arschloch zu werden. Vermutlich ist Armstrong darin vielen Menschen (nicht nur Sportlern) - vor dieselbe Alternative gestellt - ein leuchtendes Vorbild.

Aber nicht allen Menschen. Auch nicht allen Sportlern. Es gibt welche, die entscheiden sich für sportliches Sozialverhalten und werden darüber zum Verlierer. Von denen hört man wenig - wen interessieren schon Verlierer? -, es sei denn, man stolpert eher zufällig über sie, zum Beispiel durch eine Story bei El Pais (Link via Felix Salmon) mit der Überschrift
Die Ehrlichkeit des Langstreckenläufers
Ist Gewinnen das einzige, was zählt? Bist du dir dessen wirklich sicher?
Was folgt, ist die Geschichte des spanischen Athleten Iván Fernández Anaya: Der lief, als Zweiter, bei einem 3.000-Meter-Hindernisrennen hinter dem mit Abstand führenden kenianischen Läufer Abel Mutai. Als sich beide der Ziellinie näherten, bemerkte Anaya, dass Mutai - der sichere Gewinner des Rennens - zehn Meter vor dem Endspurt sein Tempo verlangsamte, weil er irrtümlicherweise dachte, er habe die Ziellinie bereits überschritten. Der spanische Läufer holte schnell auf; jedoch nicht etwa, um das Versehen von Mutai zu seinen Gunsten auszunutzen - vielmehr erkannte er dessen Irrtum, blieb dicht hinter ihm, gestikulierte von dort den kenianischen Läufer weiter voran in Richtung Zielline und ließ ihn als Ersten ins Ziel einlaufen.
"Ich habe es nicht verdient zu gewinnen", sagt der 24-jährige Fernández Anaya. "Ich tat, was ich zu tun hatte. Er war der verdiente Gewinner, denn er hatte einen Abstand zwischen uns beiden geschaffen, den ich niemals hätte verringern können, wäre ihm nicht dieser Fehler unterlaufen. Sobald ich sah, wie er abbremste, war mir klar, dass ich ihn nicht überholen würde."
Mit anderen Worten: Anaya entschied sich bewusst zu verlieren, aber dafür ein anständiger Mensch zu sein. Schön blöd, werden sich jetzt die Gewinnertypen denken, wie kann jemand eine so einmalige Gelegenheit nicht beim Schopf packen, den unliebsamen Konkurrenten abhängen und im Hochgefühl des "Gewinnens, koste es, was es wolle" das Siegerpodest erklimmen?

Der spanische Sportler ist anderer Meinung:
"Ich glaube, indem ich das tat, was ich getan habe, habe ich mir einen besseren Namen gemacht als wenn ich gewonnen hätte. Und das ist mir von großer Bedeutung, denn so wie die Dinge heutzutage stehen - überall, im Fußball, in der Gesellschaft, in der Politik, wo alles erlaubt zu sein scheint -, kommt eine Geste der Ehrlichkeit in der Öffentlichkeit gut an."
Finde ich ein bemerkenswertes Statement und würde es gern überschreiben mit 'Die Ehrlichkeit des Verlierers'. Obwohl, am Ende hat der spanische Läufer sogar etwas gewonnen, nämlich die Selbstachtung als Mensch, der sich einem unsportlichen Verhalten verweigert hat? Jedenfalls hat er sich klar entschieden. So wie andere sich entscheiden, ein Arschloch zu werden. Nicht nur im Sport. Nächste Frage? Keine mehr.

Freitag, 18. Januar 2013

Nur wenn es anders gar nicht geht


Zwangsbehandlung, anybody?

Das einzige, was wundert, ist, dass noch kein schickes Neusprech-Ersatzwort dafür gefunden wurde. Weil, also Zwangsbehandlung, das klingt ja schon, also, man denkt ja dann doch an, na ja, Sie wissen schon, so an früher und überhaupt, obwohl, ist ja jetzt auch schon lange her, das alles, das von damals und so, ist ja alles Schnee von gestern und vielleicht denkt da heute ja kein Mensch mehr dran, wenn er das Wort hört. Also, dieses Z-Wort.

Gut, es mag Menschen geben, die neigen - in Bezug auf das Z-Wort - zu einem, sagen wir mal, eher zwanghaften Denken, weil sie sofort an irgendwelche Geschichten denken, die man eigentlich nur aus der Geschichte kennt. So Geschichten von früher halt. Da reiten die dann drauf herum, diese zwänglerischen Zeitgenossen, und nerven einen dermaßen mit ihrem Getue von damals, dass man sie am liebsten auf der Stelle, na ja, sagen wir, wie's ist: zwangsbehandeln würde, aber so etwas darf man ja heutzutage nicht mehr einfach so zwanglos sagen.

Aber tun, tun darf man es zumindest wieder! Also, was heißt wieder, das klingt schon wieder nach sich wiederholender Geschichte, und genau dieser Eindruck sollte ja vermieden werden. Also lassen wir das wieder einfach weg und sagen, wie's ist: Seit gestern abend geht das mit der Zwangsbehandlung wieder voll in Ordnung. Halt, jetzt ist uns das wieder schon wieder rausgerutscht, das müssen wir noch üben, weil, es soll ja keiner auf die wahnhafte Idee kommen, dass sich da womöglich irgend etwas wiederholt. Also nochmal, pannenfrei: Seit gestern abend ist die Zwangsbehandlung psychisch Kranker und geistig Behinderter in trockenen Gesetzestüchern.

Selbstverständlich nur in Ausnahmefällen, damit das klar ist! Also nur in absoluten Notfällen, wenn die absolute Sicherheit bedroht ist, also die Sicherheit des Kranken oder die seines Umfeldes oder die Sicherheit des S......, na ja, lassen wir das. Jedenfalls haben wir exakt definiert, was unter einem "Notfall" zu verstehen ist, nämlich:
"wenn es anders gar nicht geht"
Und damit auch dem letzten Zwängler, eh, Zweifler klar wird, in welchen Ausnahmenotfällen die Zwangsbehandlungsmaßnahmen zum Einsatz kommen werden, haben wir sicherheitshalber und hinreichend präzise hinzugefügt:
"lediglich als allerletztes Mittel"
Sehen Sie, da kann man doch ganz zwanglos drüber sprechen und muss nicht gleich rot sehen oder schwarz oder weiß der Henker, mit welchen Farben Sie das Thema Zwangsbehandlung assoziieren. Kommen Sie mal runter von ihrem ewiggestrigen Zwangstrip, sonst kriegen Sie demnächst ein unauffälliges Pharma-Zwangsjäckchen verpasst! Wo doch wir, die Macher, also die Gesetzesmacher, das heikle Thema strikt hinter Schloss und Riegel abwickeln wollen und weitergehenden Forderungen:
"Weitergehende Forderungen aus den Landesregierungen, eine Zwangsbehandlung auch ambulant durchführen zu können, seien zurückgewiesen worden." 
- verantwortungsbewusst wie wir sind - einen Riegel vorgeschoben haben. Reicht doch völlig aus, das ganze Ding hinter dicken Klinikmauern durchzuziehen. Weil, von wegen ambulant, viel zu riskant, da haben wir ja gleich wieder die Öffentlichkeit am Hals. Oops. Ist uns doch glatt schon wieder ein wieder rausgerutscht. Soll nicht wieder vorkommen.

Ach so, ja, da war noch die Sache mit der kreativen Wortfindung. Zunächst dachten wir ja an so etwas à la "Fürsorgepflichtbewusstsein" oder "Schutz menschlichen Lebens" - aber da hätten uns die Paranoiker ja gleich die Tür eingerannt, noch bevor wir sie ..., Sie wissen schon. Also haben wir uns ein wenig umgesehen auf dem weiten Terrain der zeitgenössischen Zwangsbehandlung und wie sich der Sachverhalt geschmeidig umformulieren ließe. Sie glauben gar nicht, wie inspirierend so ein Streifzug durch die Jetztzeit ist! Gucken Sie mal, was wir gefunden haben.

Na bitte, geht doch. Ab sofort sprechen wir nur noch von: Rettungsmaßnahmen.

Sonntag, 13. Januar 2013

The Kids Are All Right


Minutenlang starre ich auf einen Text, obwohl ich ihn bereits zum dritten Mal gelesen habe, und starre nicht deshalb, weil ich ihn gerade zum vierten Mal lese, sondern weil der Text mich in eine Art Starre versetzt, weil ich wie vom Donner gerührt bin, und deshalb starre ich auf diesen Text:
Es gibt einen sehr beschränkten Persönlichkeitstyp, der sich dafür entscheidet, den ganzen Tag in einem Klassenzimmer mit Kindern zu verbringen. Die meisten Grundschullehrer sind ESFJ (-Typen). Dieser Persönlichkeitstyp hat viele Überschneidungen mit jenen Menschentypen, die auf Kindern in Horten (after school) aufpassen. Was bedeutet, dass Kinder umgeben sind von gefühlsbetonten, systemisch denkenden Leuten, die dazu neigen, in der Gegenwart zu leben statt in der Zukunft. Weil Kinder nach einer konstanten gegenwartsorientierten Zuwendung verlangen.
Könnte man so stehenlassen, ohne in Schockstarre zu verfallen - wenn da nur nicht eingangs das vernichtende Urteil "sehr beschränkt" gefällt würde. Was ist an einem Pädagogen "sehr beschränkt", wenn er sich Kindern mit einer gefühlsbetonten, systemisch denkenden, gegenwartsorientierten Haltung zuwendet? Irritiert lese ich weiter:
Das Problem dabei ist, dass die Geschäftswelt, in der die Kinder vermutlich einmal Geld verdienen werden für ihren Lebensunterhalt, praktisch keinerlei Überschneidungen hat mit diesen systemischen, fühlenden Typen. Weil nämlich die Geschäftswelt solchen Typen dermaßen die Lust am Leben austreibt, dass sie (solche Typen) aus dieser Welt aussteigen. Die Geschäftswelt wird nun mal betrieben von emotionslosen, zukunftsorientierten Rechtsbrechern. Dies sind die Leute, die zu Geld kommen.
- weshalb, so darf geschlossen werden, der beschriebene "sehr beschränkte" Persönlichkeitstyp es nie zu etwas bringen wird, geschweige denn zu Geld, und es vorziehen wird, "aus dieser Welt auszusteigen". Mit wachsender Irritation schaue ich nach, von wem dieser Text stammt: von einer selbsternannten amerikanischen Karriereberaterin, die die Zielgruppe Generation Y im Visier hat und der sie beruflich auf die Sprünge helfen will, und sei es, dass die Generation Y dabei ganz unsentimental über Leichen springen muss. Business as usual, you know, gelobt sei, was hart macht.
Warum also sperren wir unsere Kinder weg mit lauter solchen Leuten, die nicht in die reale Welt passen, und dann, nach Abschluss des Colleges, schleudern wir die Kinder in die reale Welt und erwarten von ihnen, dass sie sich anpassen? Dabei haben sie keinerlei Training für diese Anpassung erhalten.
- und dann darf - wenn ich die Autorin richtig verstehe - sich niemand wundern, wenn diesen fehlgesteuerten, in die "reale Welt geschleuderten Kindern" dermaßen "die Lust am Leben" ausgetrieben wird, dass sie "aus dieser Welt aussteigen". Und zwar nicht bloß aus der angeblich "realen" - also der Geschäftswelt - aussteigen, sondern aus der Welt schlechthin.

Einer dieser an die "reale Welt" unangepassten Angehörigen der Generation Y ist gestern aus der Welt schlechthin ausgestiegen, aus freien - also vermutlich sehr unfreien - Stücken und von eigener Hand. Die Nachricht von dem Suizid des Aaron Swartz wurde von Felix Salmon zeitgleich veröffentlicht mit dem oben zitierten Text der Generation-Y-Karrierespezialistin. Warum bin ich wie vom Donner gerührt? Weil mir, im Kontext des Todes von Aaron Swartz, der letztgenannte (erst wenige Tage alte) Text beinahe wie ein zynisch sich selbst erfüllendes Todesurteil erscheint.



"Unsere Gesellschaft sollte sich besser für die Aaron Swartz's dieser Welt entscheiden. Stattdessen jedoch kehrt sich ein großherziger, ethischer Verhaltenskodex - besonders wenn er sich mit technischer Brillianz paart -, um in etwas Schlechtangepasstes, wahrhaft Tödliches. Wäre Swartz der jüngste Investmentbanker an der Wall Street gewesen, wäre er heute noch am Leben."
(Lambert Strether, amerikanischer Blogger, via Rick Perlstein)

Mittwoch, 9. Januar 2013

Generation No Job


Es ist schon ein Kreuz mit der EU-Arbeitslosigkeit. Und erst mit dieser Jugendarbeitslosigkeit! Will sich einfach nicht bändigen lassen. Obwohl ihr bereits Verbote angedroht wurden, auf höchster EU-Ebene, es ist noch keine vier Wochen her. Hat nichts genützt. Sie gebärdet sich weiterhin wie ein aufsässiger Teenager, völlig außer Rand und Band, steil nach oben aus der Haut fahrend und kein Ende in Sicht:


Am Dienstag meinte EU-Sozialkommissar Laszlo Andor (das ist der mit dem Verbietenwollen von Anfang Dezember 2012) ein Machtwort sprechen und der schwer erziehbaren Jugendarbeitslosigkeit die Leviten lesen zu müssen, indem er deren Über-die-Stränge-schlagen als "unakzeptablen Höchststand" brandmarkte. Vergeblich - es sieht ganz danach aus, als ob sich der renitente Fratz nicht die Bohne darum schert, was irgendwelche festangestellten, gutdotierten EU-Nörgler für akzeptabel halten oder nicht: Er, der renitente Fratz, zeigt ungeniert seine Fratze und bleibt konstant auf Höhenflug - momentan (gesamteuropäisch) bei rund 25 Prozent, Tendenz steigend.

Dem Herrn Sozialkommissar wurde es jetzt zu blöd. Zur Zähmung der Widerspenstigen, räsonierte er, müssten endlich mal andere, strengere Saiten aufgezogen werden. Weil, es sei ja nicht allein skandalös, dass immer mehr junge Leute in Europa arbeitslos würden, sondern - Flegelhaftigkeit sondergleichen! - dass die auch noch arbeitslos blieben, sprich zu Langzeitarbeitslosen mutierten, somit der Gesellschaft dauerhaft unverantwortlich zur Last fielen und noch nicht mal einsichtig genug seien, den Fehler dafür bei sich selbst zu suchen.

Denn, so ließ der EU-Kommissar an seinen verschrobenen Gedankengängen teilhaben, wie komme es denn zu so einem "unakzeptablen Höchststand" der Langzeitarbeitslosigkeit?
Dies liege auch an falschen Qualifikationen, sagte Andor: "In einigen Ländern, besonders in Süd- und Osteuropa, passen Fähigkeiten und Jobs nicht gut zusammen - und dies hat sich verschlechtert."
Da haben wir's: Arbeitsmarkt und Ausbildung passen heutzutage einfach nicht gut zusammen; selber schuld, wer es versäumt hat, eine marktkonforme Berufsausbildung zu absolvieren. Die gute Nachricht: Auch solchen gescheiterten Berufsanfänger-Existenzen kann geholfen werden - sofern sie bereit sind zu lernen, ihre ursprüngliche, völlig am Markt vorbei gefällte berufliche Fehlentscheidung rechtzeitig zu kompensieren. Kompensieren womit? Mit marktkonformer Flexibilität.

Wo? In Amerika machen es die frisch gescheiterten jungen Akademiker vor: Immer mehr Hausmeister, Reinigungsfachkräfte, Kellner und Parkplatzwächter können inzwischen einen Promotionsabschluss vorweisen. Na bitte, geht doch! Gut, sie brauchen zwar zusätzlich Lebensmittelmarken zum Überleben, aber - und nur darauf kommt es an - sie halten mit ihrer marktkonformen Grundeinstellung die Langzeitarbeitslosigkeit auf akzeptablem Niveau.

Mal sehen, ob der europäische Fratz sich ein Beispiel daran nehmen wird. Womöglich kommt er ja auf ganz andere Gedanken. Auf dumme. Oder so. Abwarten.


Dienstag, 8. Januar 2013

Here comes the sun


Wer schon mal in einem Arbeitsamt gesessen hat,
wird sich vorstellen können,
wie sich so etwas anfühlt:

Wie von einem anderen Stern: Here comes the sun.

Wer noch nie in einem Arbeitsamt gesessen hat,
wird es sich vorstellen können,
wenn er oder sie diesen Film anschaut:



So berührend, dass mir die Worte fehlen.

Samstag, 5. Januar 2013

Schwarzbuch


Ein altes Buch, neu aufgelegt. Ein Bestseller, heute aktueller denn je.

Autor, Titel und Inhalt sind mit einem Blick auf den Buchdeckel leicht zu erraten - nicht obwohl, sondern gerade weil die Informationen vorsätzlich geschwärzt wurden. Wer denkt da nicht an Zensur? Eben.


Wer nicht draufkommt, muss sich nur das Buch sehr dicht unter die Nase halten und es leicht kippen, um den richtigen Winkel zu erwischen und zu erahnen, um welchen Klassiker es sich handelt.

Genial selbsterklärendes Design von David Pearson
via Kottke

Freitag, 4. Januar 2013

Jenseits des Swimmingpools


Schatz, wie war dein Jahr?
Bombig, einfach bombig. Alles super gelaufen.
Wow. Wer kann das schon von sich behaupten, heutzutage?
Nicht jeder, wohl wahr. Weil, wenn das jeder von sich behaupten könnte, wäre unser Jahr ja nicht so bombig gelaufen.
Stimmt auch wieder. Von nichts kommt nichts.
Eben, eben. Irgendwoher müssen wir das ja nehmen, was wir haben.
Verstehe. Wie heißt es so schön: Woher nehmen, wenn nicht stehlen.
Ha ha, guter Witz. Wobei, wirklich stehlen tun wir ja nicht. Wir holen uns einfach nur, dort, wo es etwas zu holen gibt.
Wer ist denn "wir"?
Wir, das sind die hundert reichsten Leute auf der ganzen Welt, also die Leute, für die eigens der Bloomberg Billionaires Index geschaffen wurde.
Beeindruckend. Der Rest der Welt ist am Jammern, dass die Menschen immer ärmer werden, und ihr - habe ich das richtig verstanden? - seid 2012 im Gegenzug immer reicher geworden?
So ist es. Natürlich. Anders würde das ja gar nicht funktionieren. Nur so ist es uns gelungen, im Jahr 2012 unser Reinvermögen um zusätzlich 241 Milliarden Dollar anzuhäufen.
Dass ihr eure Zuwächse so ungeniert offenlegt - Respekt!
Warum auch nicht? Sollen wir uns etwa hinter unserem Angescheffelten verstecken? Uns gar dafür schämen? Wo wir doch so stolz darauf sind? Das muss der Rest der Welt doch wissen, dass wir vor Zaster kaum noch laufen können.
Daher die Redewendung "im Geld schwimmen".
Da ist was dran. Deshalb konnte es ja unser Frontpfeffersack kaum erwarten und hat direkt von seinem Swimmingpool aus - Bahamas, you know - die Jubelmeldung an Bloomberg gemailt - BlackBerry, you know - und die hieß: 
"Das vergangene Jahr war großartig für die Milliardäre dieser Welt."
Was macht ihr eigentlich so mit eurer Kohle, wenn ihr nicht grade drin schwimmt?
Na, investieren natürlich!
Investieren in was?
Na ja, sagen wir mal so: 2012 haben wir überwiegend "traditionelles Investment" betrieben.
Traditionelles Investment?
Ja, das bedeutet, 
"Die Schwervermögenden fokussierten auf Dinge, die sie kontrollieren konnten: auf ihren Lifestyle und ihre Bediensteten, auf das Management ihrer Kunstsammlungen und auf die Sicherheit - security, you know - ihrer Familien". 
Diese Art des Investments stößt natürlich irgendwann an seine Grenzen.
Logisch. Wer braucht schon bis an die Zähne bewaffnetes Security-Personal zur Bewachung seines Swimmingpools auf den Bahamas?
Eben, das ist ja, genau genommen, rausgeschmissenes Geld. Kommt ja letzten Endes nichts bei rüber. Und wir haben uns ja vorgenommen, in diesem Jahr noch reicher zu werden als im letzten.
Klingt aufregend. Darf man mehr erfahren?
Warum nicht? Wir machen ja kein Hehl draus. Bloomberg tat uns den Gefallen, eine maßgeschneiderte Schlagzeile zu liefern: 
"Milliardäre mit einem Reinvermögen von 1,9 Billionen wollen aus 2013 mehr Profite ziehen." 
Mit anderen Worten: 
"Wir sehen nach vorne und haben jetzt größeren Appetit auf Anlagechancen jenseits traditioneller Investments und auf gesteigertes globales Engagement".
Ah ja, Appetit auf Anlagechancen jenseits eures Swimmingpooles...
Und sonst, Schätzchen, wie läuft's bei euch so?
Wir haben uns vorgenommen, in diesem Jahr noch ärmer zu werden.
Passt schon.

Street Art by Banksy