Dienstag, 31. Mai 2011

Erst leben, dann sterben


Was tun, wenn man höchst lebendig als Bürger in einer Stadt lebt, von der ein Nachrichtenmagazin behauptet, sie würde sterben? Erst mal ärgert sich ein Bürger. Dann ärgern sich immer mehr Bürger, und am Ende sind über 5.000 Bewohner so stinksauer, dass die Pflastersteine wackeln vor Freude.

Das Magazin Newsweek hatte die Stadt Grand Rapid in Michigan in einer Liste mit "Amerikas sterbenden Städten" (darunter New Orleans, Cleveland, Detroit, Pittsburgh) auf Rang zehn plaziert; ein Art von Prominenz, die den Bürgern von Grand Rapid überhaupt nicht in den Kram gepasst hat. Mag die Arbeitslosigkeit hoch und die lokale Wirtschaft im Niedergang sein - gelebt wird schließlich weiter.

Die Bürger fühlten sich herausgefordert, gingen auf die Straße und demonstrierten, dass ihre halbtotgesagte Stadt vor Lebensfreude pulsiert. Herausgekommen ist ein Film, bei dem sich die Härchen an den Unterarmen senkrecht stellen. Begleitet von dem Songklassiker "Bye, bye, Miss American Pie" von Don MacLean (featuring einen Hubschrauber, eine Wasserpistole, eine brennende Brücke und eine Hochzeitsparty) beweisen über 5.000 aufmüpfige Bürger - tanzend und karaoke-inspiriert - , dass Totgesagte länger leben.

Eine Stadt schlägt zurück:



Montag, 30. Mai 2011

Sonntag, 29. Mai 2011

Tanzen verboten


Eins nach dem anderen.

Thomas Jefferson war der dritte Präsident (1801 bis 1809) der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nach ihm benannt ist die sogenannte Jeffersonian Democracy, zu deren Idealen und Kernzielen das Recht auf freie Meinungsäußerung und Ausdruck der individuellen Persönlichkeit gehört ("Freedom of speech and the press are the best methods to prevent tyranny over the people by their own government.").

In Washington wurde zu Ehren Thomas Jeffersons ein Denkmal errichtet, das Jefferson Memorial.

Anhänger des demokratischen Grundgedankens von Thomas Jefferson nehmen dessen alljährlichen Geburtstag gern zum Anlass, zum Jefferson Memorial zu gehen und dort zu feiern.

Einige von ihnen taten es auch dieses Jahr. Sie wurden in Handschellen abgeführt. Zuvor wurden sie von der Polizei beschimpft, angerempelt, zu Boden geworfen und gewürgt.

Welchen Verstoßes gegen welches Gesetz sie sich schuldig gemacht haben, ist bis heute unklar. Klar ist hingegen, dass sie im Vorhof des Denkmals getanzt haben. Klar ist ferner, dass sie weder einen Rave veranstaltet haben noch ein beunruhigendes Pogo-Event. Auch deutet nichts darauf hin, dass es sich um einen konspirativen Flashmob gehandelt hat. Es wurde teils engumschlungen getanzt, teils wurde Walzer getanzt, einige ergingen sich in harmlosen Freestyle-Bewegungen.

Das Video beginnt damit, dass die Polizei die nichttanzenden Besucher des Denkmals vor den tanzenden Besuchern zu schützen versucht. Dann erfolgt der Zugriff auf die Tanzenden.


Klar ist außerdem, dass keinem der Tanzenden irgendeine Form der Lärmbelästigung nachgewiesen werden konnte, zum Beispiel durch das öffentliche Abspielen von Musik. Allerdings ist unklar, welcher subversiven Art von Musik die Tanzenden über ihre Kopfhörer lauschten.


Als Reaktion auf das jüngst ergangene Gerichtsurteil, demzufolge Tanzen am Jefferson Memorial als illegal gilt, erfolgt hier ein Aufruf zu zivilem Ungehorsam: Leute, kommt an diesem Samstag zum Tanzen ans Jefferson Memorial, und vergesst auf keinen Fall, eure Kopfhörer mitzubringen! Wir wollen Jeffersons Geburtstag so feiern, wie wir Jeffersons demokratische Prinzipien verstanden haben:
"We can dance if we want to!
We can leave the courts behind,
'cause the judge don't dance,
and if he don't dance,
then he ain't no friend of mine."
Übrigens zählte zu Thomas Jeffersons demokratischen Grundgedanken auch das "Recht auf Revolution".

Samstag, 28. Mai 2011

Die Revolution kommt nicht im Fernsehen



Gil Scott-Heron ist tot.

Meist sprach er, selten sang er.

Er war Poet, Musiker, sprach in Rhythmen zu Jazz und Soul, und er tat es mit einer klaren, provozierenden, oft ärgerlichen Stimme. Der Bassist Ron Carter, der Scott-Heron in dem Stück "The Revolution Will Not Be Televised" musikalisch begleitete, beschrieb die Anziehungskraft dieser Stimme so: "He wasn't a great singer, but with that voice, if he had whispered it would have been dynamic. It was a voice like you would have for Shakespeare."

Gil Scott-Heron hatte den scharfen Blick aufs große Ganze und teilte ihn wortgewaltig mit. Er tat es - wofür ich ihn liebte - nicht als Prediger von der Kanzel, sondern als sarkastischer Kommentator. In seinen Texten setzte er sich viel mit der desolaten Situation der Afroamerikaner und der Bürgerrechtsbewegung, aber auch zynisch mit deren Zaungästen und Maulhelden auseinander. Letzteren hat er sein wohl bekanntestes Stück gewidmet, "The Revolution Will not Be Televised".

Die erste Aufnahme ist ein Monolog ohne musikalische Begleitung. Sie stammt aus dem 1982 gedrehten Film "Gil Scott-Heron: Black Wax".
In der zweiten Aufnahme wird Scott-Herons Stimme von jazzigem, ungeduldigem Funk begleitet.
Die Texte beider Aufnahmen unterscheiden sich an manchen Stellen. Scott-Heron sprach stets frei und erweiterte oder veränderte seinen Vortrag, je nachdem, wozu ihn sein Publikum, seine Tageslaune oder die aktuelle politische Lage gerade inspirierte.


You will not be able to stay home, brother.
You will not be able to plug in, turn on and cop out.
You will not be able to lose yourself on scag
And skip out for beer during commercials.

Because the revolution will not be televised.

You see, a lot of times people will see
Battles and skirmishes on TV
And they say: Aha, the revolution is bein' in television!
None.
The results of the revolution are being televised.

The first revolution is when you change your mind
About how you look at things
And see that there might be another way to look at it
That you have not been shown.
What you see later on is the results of that.

But the revolution - that change that takes place -
Will not be televised.

It will not be brought to you by Xerox in 4 parts
Without commercial interruptions.
It will not be brought to you by the
Schaefer Award Theatre or Miller light,
Starring Natalie Woods and Steve McQueen,
Or Bullwinkle and Julia.

The revolution will not be televised.

The revolution will not be right back after a message about
White lightening,
White tornados,
Or white people.
You don't have to worry about
The bird in your bedroom
The tiger in your tank
The giant in your toilet bowl.
The revolution will not get rid of the nerves.

The revolution will not make you look
Like you've lost five pounds.

The revolution will not be televised.

There will be no pictures of you and Willie Mae
Pushing that shopping cart down the block
Like you did one o'times
Slide that coloured TV in a stolen ambulance.
NBC will not be able to predict
The one at 8:32 on report from 29th districts.

The revolution will not be televised.

The theme song will not be written by Jim Webb,
Or Francis Scott Key, nor sung by Tom Jones,
Glen Campbell, Johnny Cash, or Englebert Humperdinck,
Nor none of the other little Humperdincks there bein'.
The revolution will not go better with coke.

The revolution will put you in the driver's seat.

The revolution will not be televised.
Not be televised,
And be no re-run, brothers and sisters.

The revolution will be live.




Freitag, 27. Mai 2011

Spanischer Zungenschnalzer


Achtung, jetzt kommt etwas sehr Lustiges.

Nachdem ich heute den ganzen Tag meine revolutionäre Energie anderswo verausgabt habe, gibt's jetzt noch etwas Gutes ins heimische Töpfchen. Als Nachtisch, sozusagen. Wie jede verfressene Naschkatze weiß, kommen die leckersten, süßesten, unwiderstehlichsten Desserts aus Spanien, dem Land der cremigen Karamel-Flans und der unwiderstehlichsten aller Revolutionen. Und einen besonders exquisiten 5-Sterne-Flan habe ich soeben ausgegraben bei El Jueves, einem spanischen Satire-Wochenmagazin. Mhm, geht der runter.

El Jueves befasst sich mit den heutigen Polizeieinsätzen in vielen spanischen Städten zwecks Räumung der zentralen Plazas, die sich seit zwei Wochen im Belagerungszustand durch die Indignados befanden. Weil die Leute bei El Jueves extrem musikalisch und - naturgemäß - ziemlich satirisch drauf sind, haben sie sich erlaubt, den wackeren Polizisten und der befehlgebenden Obrigkeit ein kleines Ständchen zu bringen:


Die Übersetzung von mir rumpelt ziemlich, aber egal. Kurz gesagt, es geht in dem Lied um die geheimen Sehnsüchte einer politischen Kaste, die sich nach den guten alten Franco-Zeiten zurücksehnt. Einfach anschauen, und schon kommt helle Freude auf!

Traurig, schmutzig und verlottert ist das Leben eines Patrioten,
wenn er seinen Rivalen nicht beleidigen kann.
ach, wenn wir nur den NO-DO wieder haben könnten!
Das, Freunde, wäre ein Hochgenuss!
All diese Hippies und Sozialisten,
übersät mit Ungeziefer,
diese machtlose Minderheit, könnten wir sie nur
aufspalten nach Herzenslust!
Ach, wir träumen von den alten Zeiten,
wie wir uns nach ihnen sehnen!
Aber die sind leider Vergangenheit.
Jedoch - mit der TDT hat sich alles verändert,
sie sind da, sie sind da, die alten Zeiten!
Welche Freude für mich!
Frei nach Schnauze werde ich mies machen,
was ich gestern an der Puerta del Sol gesehen habe,
15 M, euch werden sie es zeigen!
Ihr Indignados seid nämlich von der ETA,
ja, das weiß ich ganz genau.
Und während sie draußen einprügeln auf die Massen,
debattiere ich bei Tee und Keksen
in der Kulisse: Welchen Sinn
soll denn so eine Bewegung haben?
Nein, welch ein Horror,
wenn die Leute losgehen
und selbst entscheiden - das ist das Ende!
Demokrat bin ich nur, solange du meiner Meinung bist,
gefällt dir das nicht?
Was für eine Meuterei da draußen,
von allen angehimmelt!
Meuterei, Meuterei!
Sie zu fertig zu machen, das ist unser Ziel.
Je mehr Schweinefutter du verbreitest,
desto mehr giltst du,
und jetzt hier auf diesem Kanal
werden wir etwas Gutes vollbringen,
unter lauter Faschisten ohne Maulkorb
schaffen wir es,
dass wir sie alle aufspalten.
Voller Inbrunst
schreien wir uns gegenseitig an:
Los, schlag' drauf!
Ich bin am Explodieren,
ich schwinge meinen Knüppel,
Indignados, ihr seid am Ende!
Zur Hölle mit diesen Horden!
Draufhauen! Draufhauen!
Was für eine elende Meuterei da draußen!
Was für eine Meuterei!
Was für eine Meuterei!
Was für eine Riesenmeuterei!

(Abspann)
Freiheit - wieviele Verbrechen werden in deinem Namen begangen?

Der Müll, das Leben und die Not



Crane ist das Pseudonym einer amerikanischen Bloggerin. Das Wort crane hat im Englischen zwei verschiedene Bedeutungen: 'Kranich' oder 'Kran'. Die Bloggerin crane jedoch will diesen Namen explizit als beides verstanden wissen: Kranich und Kran. Unter dem Blogtitel Dumpsters 2001 schreibt crane über ihr Leben als professionelle Dumpster-Diving*-Fachfrau und firmiert dabei mit dem Nickname crane-station.

Crane ist etwa 50 Jahre alt ("I'm in good shape!"), arbeitslos, verheiratet mit einem ebenfalls arbeitslosen Mann. Dessen Arbeitslosenunterstützung lief letztes Jahr aus; seither leben die beiden von der Sozialhilfe. Um genau zu sein: Natürlich leben sie nicht von der Sozialhilfe, denn mit den Zahlungen aus der Sozialhilfe schaffen sie es gerade mal, Miete und Heizkosten zu bestreiten, die Autoversicherung, die Internetverbindung, Telefon- und laufende Rechnungen.

Für Lebensmittel bleibt so gut wie kein Geld übrig. Die monatlich bewilligten food stamps (Lebensmittelmarken) in Höhe von etwa 20 Dollar würden allenfalls reichen, um das Benzin für die Fahrten zum Lebensmitteleinkauf zu finanzieren. So beschlossen crane und ihr Ehemann im November 2010, zum Sattwerden auf Dumpster Diving umzusteigen, und zwar systematisch, gut organisiert und bis ins kleinste Detail durchgeplant - professionell eben und "with positive results".

Inzwischen hat sich das systematische Dumpster Diving der Eheleute weit über das bloße Beschaffen von Lebensmitteln hinaus entwickelt: Altmetall, Kupferdrähte, Batterien, Kartonagen, Getränkedosen, Haushaltsgegenstände und -geräte - es gibt fast nichts, was die beiden nicht schon ergattert hätten auf ihren straff und umsichtig durchgezogenen Beutezügen. Mit dem Weiterverkauf von Metallschrott finanzieren sie inzwischen ihre Benzinkosten, müssen allerdings befürchten, demnächst zur Einkommenssteuer aus diesen Transaktionen veranlagt zu werden.

Sicherlich ist Dumpster 2011 nicht das einzige Blog, das sich mit Dumpster Diving befasst. Aber mit Sicherheit ist crane-station die frechste, intelligenteste und erfrischendste unter den Müllverwertungsbloggern.
"Glauben Sie mir, die Konkurrenz auf diesem Gebiet schläft nicht. Die Konkurrenz wächst. Dumpster Diving entwickelt sich zum Mainstream. Neulich trafen wir zur gewohnt frühen Stunde bei der Autowaschanlage ein, um Getränkedosen zu sammeln und begegneten einem Mann. Wir dachten, er sei gekommen, um dort seinen Müll abzuladen. Er dachte, wir seien gekommen, um unseren Müll abzuladen. Er war scharf auf unsere Getränkedosen. Wir waren scharf auf seine Getränkedosen. Am Ende haben wir uns alle drei totgelacht."
Crane-station versteht sich wunderbar aufs Geschichtenerzählen aus der nicht immer wohlriechenden Parallelwelt der Dumpster Diver. Außerdem ist sie eine scharfe und scharfzüngige Beobachterin des wachsenden Elends in ihrem Land. Sie spart nicht mit beißender Sozial- und Systemkritik, und ihre lakonisch-sarkastischen Kommentare zum Status quo wie auch Status in spe dürften bereits den einen oder anderen, sich abgesichert wähnenden Leser nervös gemacht haben.
"Ich habe den Verdacht, dass viele Leute - mögen sie auch nicht so hart an der Schmerzgrenze leben wie wir - so etwas wie eine zehnminütige Halbwertzeit haben, was ihren Lebensstil angeht. Lass' irgend etwas Unerwartetes in ihrem Leben passieren, und diese Leute werden Müllcontainer in einem ganz neuen Licht sehen."
Es kann (fast) jeden treffen.



*deutsch: 'Containern', siehe Wikipedia-Artikel; wesentlich informativer ist der englische Wikipedia-Eintrag.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Prager Frühling


Es ist Mai. Es ist Frühling. Es ist Prag.

Im Prager Stadtviertel Karlín machen sich kulturrevolutionäre Umtriebe bemerkbar:

Ein Auto wird in einen öffentlichen Blumentopf verwandelt. Ein voll funktionstüchtiges Auto mit gültigen Fahrzeugpapieren und Nummernschild wurde komplett zersägt, mit Erde befüllt und einem Baum bepflanzt und als öffentliche Installation auf einen legalen Dauerparkplatz gestellt.
"Wir halten uns an die Spielregeln, aber unser Spiel geht anders. Für uns ist es ein subversiver Akt gegen den Materialismus, ein Schlag gegen die Schwachstelle der Vernunft. Zwar stecken die Schlüssel noch im Zündschloss, aber die Antriebswelle ist begraben unter Tonnen von Dreck."
Die Prager Aktivisten haben schon ganz andere subversive Sachen mit Autos angestellt, zum Beispiel einen fetten Buick, Baujahr '86, in ein fahrendes Tretboot transformiert mit einer Spitzengeschwindigkeit von 15 km/h ("Dieses Fahrzeug leistet der automobilen Angeberkultur Widerstand auf beispiellosem Niveau.").

Noch ist es nur ein Baum in Prag. Vielleicht wird daraus ein Wald. Lasst tausend Bäume aus Autos blühen!

Mittwoch, 25. Mai 2011

Marginale Importneigung


Sachen gibt's. Kaum hatte ich vorher aufs Knöpfchen gedrückt, um den Beitrag über die Evolution im Callcenterwesen zu veröffentlichen, kam die Revolution zur Tür herein. Vielmehr durchs Telefon. Dieses klingelte, und am anderen Ende meldete sich ein liebenswürdiger Mensch aus einem Callcenter. Ob er mir ein paar Fragen zum Weintrinken stellen dürfe. Weil er liebenswürdig war, stand ich Rede und Antwort. Nach zwei Minuten waren alle Fragen beantwortet.

Weil er liebenswürdig war und mit starkem Akzent sprach, fragte ich ihn nach seiner Herkunft. Tunesien, antwortete er, worauf ich begeistert ins Telefon trompetete: Viva la revolución!, worauf er nicht minder begeistert ausrief: Eh bien, vive la révolution tunésienne!, worauf wir uns eine geschlagene Viertelstunde über die Revolution unterhielten. Höchst angeregt.

Eine halbe Stunde später klingelte wieder das Telefon. Der Tunesier aus dem Callcenter war dran. Ob er mir eine Flasche Wein schenken dürfe, edelsten Chardonnay? Nur zu, antwortete ich, zu welchen Konditionen? Wie sich herausstellte, gehörte zu dem Gratisangebot die Abnahme von sechs Flaschen edelstem Grauburgunder zum (Zitat) "revolutionären Sonderpreis von 44 Euro". Ich sagte, nö danke, kein Geld, außerdem könne ich in der Gastronomie so viel Wein trinken wie ich wolle.

Ach so, meinte er, aber es komme doch bestimmt vor, dass ich mal einen romantischen Abend zu zweit genießen wollte, flankiert von einem edlen Fläschchen? In solchen Fällen, erwiderte ich, würde ich erwarten, dass das edle Fläschchen mitgebracht werde. Ach so, meinte er, "jetzt geb' ich's auf." Worauf wir uns wieder ergiebigeren Themen zuwandten, nämlich - wen wundert's - der Revolution.

Er erzählte, dass er nächste Woche für zwei Monate nach Tunesien fahren und sich riesig darauf freuen würde, weil erstens: Heimat, zweitens: Revolution. Und dass es ihn ärgern würde, dass die deutschen Medien kein Wort über die tunesische Revolution verlören, "dass die so tun, als ob das nur mal so ein Event gewesen sei". Naturgemäß nahm das Gespräch an Fahrt auf, wir redeten über Tunesien, Ägypten, Spanien, Griechenland, und am Ende fragte er, ob er mir aus Tunesien etwas mitbringen könne. Klar, sagte ich, er solle bitte die Revolution mitbringen!

Da lachte der Tunesier und meinte, ja, da sei was dran, Deutschland sei zwar Exportweltmeister, aber die Revolution müsse man nach Deutschland importieren, weil "die Deutschen dafür keine eigenen Produktionsstätten besitzen" und in dieser Beziehung "extrem importabhängig von den Südländern" seien.

Ein wirklich ergiebiges Gespräch.

Darf's ein bisschen niedriger sein?


Mit runden Augen lese ich gerade, dass das neue Zauberwort des kostenreduzierenden kapitalistischen Wirtschaftens nicht mehr 'Outsourcing' heißt, sondern - ja, wie nennt sich das nun? 'Insourcing', vermute ich, käme der Sache wohl am nächsten.

Insourcing ist, wenn diejenigen Arbeitsplätze, die vormals ins Ausland 'outgesourcet' wurden, weil dort der Faktor Arbeit so spottbillig war, wieder zurück ins Inland 'ingesourcet' werden, weil es da mittlerweile noch spottbilliger geht. Wobei im konkreten Fall Ausland für Indien steht und Inland für Amerika.

Anscheinend haben die Inder keine Lust mehr, für Amerika den Callcenter-Billigheimer zu spielen. Kommt denen zu teuer, den Indern. Weil nämlich die indischen Callcenter-Agents derart anspruchsvolle Lohnforderungen erheben, dass sich das Outsourcing-Geschäft nach Indien nicht mehr lohnt. Weshalb die Inder - sind ja auch nicht dumm - ebendiese Callcenter-Jobs re-outsourcen ins Ausland, und zwar dorthin, wo Millionen Arbeitslose sich darum reißen, für einen halben Appel und kein Ei sich am Telefon krummzulegen. Also zurück nach Amerika.

"In einem schäbigen Hochhaus, nur einen Steinwurf von der Wall Street entfernt, schreitet Ray Capuana die lange Reihe von Zellen ab, wo seine Leute sich am Telefon abhetzen und auf eine Bonuszahlung hoffen. Allerdings sind seine Angestellten keine Wertpapierhändler, sondern Callcenter-Arbeiter, viele von ihnen Afroamerikaner ohne Collegeabschluss, manche ohne Schulabschluss. Sie arbeiten für eine in Mumbai (Indien) ansässige Firma namens Aegis Communications.

Konfrontiert mit steigenden Löhnen in ihrem Stammland, suchen Indiens Outsourcing-Konzerne nach Wachstumschancen in den Vereinigten Staaten. Weil jedoch Washington keine Visa für indische Gastarbeiter herausrückt, fangen einige Firmen wie Aegis an, Mitarbeiter in Nordamerika einzustellen, wo ihre größten Geschäftskunden ansässig sind.

Im Rahmen dieser evolutionären Entwicklung kehrt Outsourcing nachhause zurück."

"Outsourcing comes home". Klingt das - falls es nicht ironisch gemeint war, was ich bezweifle - nicht fast rührselig nach Heimweh? Nach back to the roots? "Evolutionäre Entwicklung" klingt auch nicht schlecht, irgendwie so nach dem natürlichen Gang der Dinge und 'alles wird gut'. Die indischen Outsourcing-Companies nennen es - optimistisch nach vorne blickend - "die nächste Generation des Outsourcing", womit vermutlich gemeint ist, dass die Amerikaner neuerdings die Inder der Inder sind, wer hätte das gedacht? Amerika mausert sich zum Dritte-Welt-Land.

Bewerben kann sich so gut wie jeder, wie der indische Aegis-Manager es erfrischend unkompliziert ausdrückt:
"Unsere Personalbeschaffungsstrategie ist ganz einfach: Mir ist es wurscht, ob sie von der Park Avenue kommen oder von der Parkbank. Wenn Sie den Job drauf haben, nehmen wir Sie."
Nun gibt es bekanntlich nach jeder nächsten Generation eine übernächste Generation. Was hat man sich wohl unter "steigenden Löhnen im Stammland" Indien vorzustellen? Ich tippe darauf, dass die dortige Evolution aus ehemaligen Hungerlöhnen Niedriglöhne gemacht hat, von denen zwar keiner leben kann, die jedoch dazu geführt haben, dass Indien als Niedriglohnland nicht mehr wettbewerbsfähig ist, weshalb ihm Amerika als Niedrigstlohnland jetzt den Rang abläuft.

Darüber sollten die Inder aber nicht traurig sein, denn bestimmt winkt ihnen in ein paar Jahren der Titel der "übernächsten Generation des Outsourcing", nämlich dann, wenn sie bereit sind, für noch weniger Geld als die amerikanischen Niedrigstlöhner zu schuften.

Immer hochtouriger dreht sich das globalisierte Personalkarussell im Niedrigstlohnbereich.

Das hat Rhythmus, wo jeder mit muss.

Dienstag, 24. Mai 2011

Da war doch was?


Der Mann, der seinen Toaster zum Fenster rauswarf
Javi Guerrero via the spanish revolution

"Mai 2011?
War da was?
Doch, ich erinnere mich als wär's heute,
Lucía wurde Vorletzte beim Eurovision Song Contest,
und ein paar Tage später
hab' ich meinen Toaster zum Fenster rausgeschmissen,
weil sie mich alle mal kreuzweise können."

Dranbleiben



"Es gibt viel Arbeit für diejenigen, die dranbleiben.

Viel Gefahr für diejenigen, die sich zurückziehen.

Es lebe die Puerta del Sol und die Bewegung.

Habt Mut.

Bleibt dran."

José Miguel Aponte

Der Teufel, das Ego und die Revolution


"Es gab keine Geburtstage im Mittelalter, nur Namenstage wurden gefeiert.

(Geburtstage sind eine relativ neue Erfindung, nicht älter als etwa 150 Jahre. Damals gab es - und gibt es bis heute - große Streitereien seitens der Kirche, die Geburtstage ablehnte. Angeblich sei ein Geburtstag ein Tag, an dem du den Teufel, dein Ego und all deine irdischen Eigenschaften feierst.)"

Außerdem ist ein Geburtstag der Tag, an dem du deine eigene Vergesslichkeit feierst.

Weil nämlich, Geburtstag ist, wenn's keiner merkt.
Vor lauter Revolution und überhaupt.

Heißa.

Zwei Jahre und drei Tage alt.

Mein Blog.

Montag, 23. Mai 2011

Ach, Demokratie!


¡Ay Democrácia!

"Ich mag dich, Demokratie,
weil du irgendwie gar nicht richtig anwesend bist
in deiner parlamentarischen Kostümierung.

Ich mag dich - ich sagte es dir bereits -,
nur manchmal
hätte ich dich gern etwas präsenter
und würde dich gern anfassen, abtasten
und mit ein wenig Phantasie ausstatten.
In letzter Zeit habe ich dich so selten berührt.

Aber gut, nun bist du schon mal da,
was immer noch besser ist,
als wenn du einfach abhauen würdest,
wie in früheren Zeiten.

Ach, deine gewählten Repräsentanten, Demokratie!
Deine Parteigänger und Hofschranzen!
Jeden Tag, der vergeht, machen sie mir weniger Spass,
ihre Sprechblasen machen nur für Rindviecher einen Sinn.
Ich spüre deine Abneigung,
deine Mängel zu beheben,
und das ermüdet mich so.
Ich bin es so leid.

Und wie es mich langweilt,
dir ständig sagen zu müssen:
"Das stand aber nicht im Programm!"
Du rechnest gar nicht mehr damit,
dass ich alle vier Jahre mal bei dir vorbeischaue,
längst teilen wir kein Bett mehr miteinander.
Komm, wir trennen uns auf zivilisierte Weise,
und du, mach' weiter so,
zehre von deinem Ansehen.

Wenn du erkennst,
wie einsilbig ich geworden bin
auf meinem Lebensweg als Staatsbürger,
dann wirst du auch erkennen,
dass dieser Weg
mich deiner Urne nicht näher bringt.

Lass' uns den Abschied nicht noch mehr in die Länge ziehen."

Ein wundervolles Stimmungsbild von dem, was auf Spaniens Straßen geschieht, unterlegt mit dem Song ¡Ay Democrácia! (Ach, Demokratie!) des spanischen Liedermachers und Satirikers Javier Krahe. Er singt ihn wie ein kleines Liebeslied, beiläufig und verspielt im Stil einer fröhlichen Habanera; aber seine Worte sind voller ätzendem Spott gegenüber seiner ehemaligen "Geliebten", der spanischen "Demokratie", wie sie sich ihm heute darstellt. Warum ehemalig? Man hat sich auseinandergelebt, findet Javier Krahe und plädiert für einen Schlusstrich in beiderseitigem Einvernehmen. Ob die beiden Freunde bleiben, darf bezweifelt werden.

Javier Krahe in concert

Fußbad




Plaza de Catalunya, Barcelona, 22. Mai 2011

Hands Up



Spanish Revolution 2011
Puerta del Sol, Madrid

Sonntag, 22. Mai 2011

Der Hecht, der sich in den Schwanz beißt


Wer wissen möchte, was die spanischen Indignados ("die Empörten") unter 'System' verstehen und warum sie dieses System ablehnen, lese diesen Kommentar zu einem Artikel in der heutigen Ausgabe der spanischen Tageszeitung El País, Überschrift: El 15-M sacude el sistema ("Die Bewegung des 15. Mai rüttelt am System").

Verfasser des Kommentars ist der Leser siperich, von dem auch das dem Kommentar beigefügte Bild stammt.

Aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt wurde der Kommentar von dem Spanienkenner und bekennenden Indignado-Sympathisanten R@iner.



"Der Hecht, der sich in den Schwanz beißt.

Ein System, das dazu verpflichtet, bis zu einem Alter zu arbeiten, in dem ein großer Teil der Bevölkerung nicht einmal mehr rein körperlich dazu in der Lage ist, während ihre Enkel arbeitslos sind.

Eine Gesellschaft, die auf Kosten anderer Gesellschaften überlebt, indem sie deren Ressourcen stiehlt, damit wir hier aufgrund übermäßigen Konsums krank werden.

Eine Gesellschaft, die Produkte herstellt, die mit einem Ablaufdatum versehen sind, weil sie so entwickelt wurden.

Eine Welt, die an der übermäßigen Ausbeutung der Ressourcen stirbt, um die genannten Produkte herzustellen.

Eine Gesellschaft, die ihre Kinder in Kindertagesstätten deponiert, weil alle arbeiten müssen, um die Hypothek zu bezahlen.

Eine Hypothek, die dir die Bank aus erfundenem Geld gibt, das in keinem Depot existieren muss.

Eine Gesellschaft, die sich aufmacht, den Weg bis zum Kollaps zu beschreiten, wenn wir nichts unternehmen, um diesen Kurs zu ändern. Hinter der Utopie des 15 M gibt es eine Realität, die nur die selbstmörderischen "Kenner der Wirtschaft" nicht sehen können.

Sei keiner von ihnen."

"LA PESCADILLA QUE SE MUERDE LA COLA. Un sistema que obliga a trabajar hasta edades en las que gran parte de la población ya no puede ni con su cuerpo, MIENTRAS SUS NIETOS están en paro. Una sociedad que sobrevive a costa de ROBAR a otras sociedades sus recursos naturales para que aquí enfermemos por exceso de consumo. Una sociedad que fabrica productos que "mueren" a fecha fija, PORQUE ASÍ ESTÁN DISEÑADOS. Un mundo que agoniza por la sobreexplotación de sus recursos PARA FABRICAR los productos anteriores. Una sociedad que deposita a los niños en guarderias PORQUE TODOS HAN DE TRABAJAR para pagar una hipoteca. Una hipoteca que te da el Banco con DINERO INVENTADO, no hace falta que lo tenga en depósito. Una sociedad que se encamina hacia el colapso sino hacemos nada por cambiar el rumbo. Detrás de la utopía del 15-M hay una realidad que sólo los suicidas "sabedores de economía" no saben ver. No seas uno de ellos."

Tapas für Tapfere


Eines steht fest: Mit leerem Magen kämpft es sich schlecht. Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen, auch und gerade die leibseelische Einheit des Revolutionärs. Da nützen keine politischen "Programme", nach denen jetzt allerorts geschrieen wird, denn ein Zweites steht fest: Vor dem Programm kommt das Essen, sonst geht das Programm auf wackligen Beinen, der Blutzuckerspiegel in den Keller und die Revolution den Bach runter.

Dauercampen in spanischen Großstädten - da kann man nicht mal schnell ein Lagerfeuerchen entfachen und seine Würstchen drüberhalten. Da bedarf es eines situationsgerechten, zielgruppenaffinen Ernährungsplanes: billig, gesund, ausgewogen und vor allem: wohlschmeckend (wir sind in Spanien!). Denn es geht beim Kampf um eine bessere Welt nicht nur um Menschenrechte und Menschenwürde, sondern auch um "das Recht auf eine würdevolle Esskultur" ("Que la dignidad gastronómica también es un derecho,
digo yo.")

Dankenswerterweise hat sich der Food-Blogger Mikel López Itturiaga der prekären Ernährungssituation an der Puerta del Sol in Madrid angenommen. In seinem Blog El Comidista (auf deutsch etwa: der lustvolle Esser) der spanischen Tageszeitung El Pais zaubert Mikel mit viel Humor und unverhohlener Sympathie für die ausgehungerten Indignados (die Empörten) ein paar Rezepte auf den Tisch, die selbst die phlegmatischste Sofakartoffel zu einem glühenden Revolutionär werden lassen.

Mikel nennt seine mundgerechten Tapas liebevoll Comida indignada (deutsch: empörtes Essen) und hat damit die Herzen seiner Leser im Sturm erobert: Es hagelt Liebeserklärungen von Acampadas y Protestas (Campern und Protestlern) an den Autor; viele bedanken sich in ihren Kommentaren mit kulinarischen Gegengaben - einer Flut von bereits straßenerprobten, revolutionstauglichen Rezepten. Nicht nur Spanier, auch Mexikaner, Kolombianer, Puertoricaner, kurzum, der gesamte Latino-Kosmos feiert den Blogger für seine tatkräftige, kreative Beihilfe zum Überleben auf besetzten Plätzen. "Tu eres una máquina, Mikel!", jubelt einer enthusiastisch, was auf deutsch ein ewig seltsam klingen mag, auf spanisch jedoch als Kompliment aus tiefstem Herzen zu verstehen ist, "Du bist ein Gerät, Mikel!"

Mikels Rezepte tragen Namen, die jedem verfressenen Indignado das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ein paar Kostproben:

Gazpacho de fresas 'yeswecamp'
(kalte Gazpachosuppe aus Erdbeeren 'yeswecamp'):
"lässt sich gut in Eimern oder Thermoskannen transportieren, vorzügliche Vitaminzufuhr, stärkt die Widerstandskräfte, schützt den Indignado vor dem Dehydrieren"

Bocata 'Imaginación al poder'
(belegtes Brötchen 'Phantasie an die Macht'):
"Ein trockenes Schinken- oder Käsebrötchen ist nicht schlecht, aber mindestens so langweilig wie eine Konferenz von Zapatero und Rajoy, auf der keine Fragen erlaubt sind. Meine Alternative: Brot mit Olivenöl beschmieren, wie es die Entrechteten dieses Landes schon ihr ganzes Leben lang getan haben, Anchovis oder Sardellen drauf, hartgekochtes Ei, Essiggurke und gefüllte Oliven. Und, bitte!, richtiges echtes Brot, denn dies kann in Zeiten von mehligem Kaugummi, geformt zu einer Baguette, bereits als revolutionär bezeichnet werden."

Ensalada 'Cristina' de arroz y verduras
(gemischter Salat 'Cristina' aus Reis und Gemüse):
(Cristina ist eine inzwischen fast legendär gewordene spanische Radiohörerin, die während einer Rundfunksendung Revolutions-schmähenden Inhalts beim Sender angerufen und die Verantwortlichen im Studio zur Schnecke gemacht hat - alles live on air!)
"Eine Hommage an diese Heldin der #spanishrevolution, die beim Radiohören aus ihrem Sessel aufgefahren ist und den unerfreulichen Meinungsmachern die Meinung gesagt hat." (Naturgemäß eine ziemlich scharf gewürzte Salatkreation mit Zwiebeln, schwarzem und gemahlenem grünem Pfeffer)
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Land zur Revolution prädestiniert ist; verfügt Spanien doch über die drei wichtigsten Zutaten revolutionären Gelingens: solide verankerte Empörung, ausgeprägter Sinn für Humor und gutes Essen - das magische Rezept, um zu erreichen, was sie erreichen wollen. Weil ich (nicht erst) nach Lektüre von Mikels Blogbeitrag erstens einen Riesenhunger und zweitens ein unüberwindbares Bedürfnis nach Solidaritätsbekundung verspüre, möchte ich an dieser Stelle unbedingt mein kulinarisches Scherflein beitragen:


Ensalada Rebelde
(Rebellions-Salat)

¡Mucho ánimo, indignados!

Samstag, 21. Mai 2011

Echoes of Spain



Abendstimmung am "Tag der Reflektion"

Die Kunst des Stierkampfes


Ich bin beeindruckt von der Professionalität der Öffentlichkeitsarbeit von Democracía Real Ya. Denn sie gehen gezielt an die Öffentlichkeit; sie korrigieren konsequent und unmissverständlich alle Falschmeldungen, Fehleinschätzungen und Unterstellungen, zu denen Medien und Politiker in den letzten Tagen gegriffen haben; sie packen den Stier bei den Hörnern; und sie tun es professionell.

"Zehn Lügen über Democracía Real Ya

Es ist falsch, dass sie nur protestieren, aber keine Vorschläge zu machen haben.
Wahr ist, dass ihre Vorschläge im Internet zu finden sind. Wahr ist ferner, dass diese Vorschläge konkreter sind als eine ganze Reihe von Wahlprogrammen der politischen Parteien.

Es ist falsch, dass sie gegen die Politiker sind.
Wahr ist, dass sie sich verantwortungsvolle Politiker wünschen, die sich nicht gegen die Gesellschaft stellen; Institutionen sind für alle da und nicht dafür, dass Politiker sie für ihre Interessen benutzen.

Es ist falsch, dass sie die Demokratie ablehnen.
Wahr ist, dass sie mehr Demokratie wünschen, dass die Souveränität beim Volk liegt und weder bei den Aktienmärkten noch bei den Bankern.

Es ist falsch, dass sie Wahlen ablehnen.
Wahr ist, dass sie eine Wahlreform fordern, damit jede einzelne Stimme jedes einzelnen Bürgers gleichwertig behandelt wird.

Es ist falsch, dass sie systemfeindlich sind.
Wahr ist, dass Korruption, Rechtlosigkeit und Straffreiheit systemfeindlich sind.

Es ist falsch, dass sie Gewalt befürworten.
Wahr ist, dass es bislang kaum zu Zwischenfällen gekommen ist trotz der Menschenmassen, die sich an den Kundgebungen beteiligen.

Es ist falsch, dass sie unpolitisch sind.
Wahr ist, dass sie keine parteipolitische Bewegung darstellen, was nicht dasselbe ist.

Es ist falsch, dass sie sich nur aus Jugendlichen zusammensetzen.
Wahr ist, dass es viele Jugendliche auf den Kundgebungen gibt; allerdings Jugendliche, die sich nicht disqualifizieren lassen als "unreif" oder "angepasst". Im übrigen gehören Bürger jeden Alters zu der Bewegung.

Es ist falsch, dass sie zur Wahlenthaltung aufrufen.
Wahr ist, dass sie zu einer verantwortungsbewussten Stimmabgabe aufrufen - was, gemäß den haarsträubenden Kriterien der Junta Electoral (Wahlleitung) in Madrid, "gegen die Freiheit" verstößt.

Es ist namentlich falsch, dass diese Bewegung am Sonntag nach den Wahlen enden wird.
Wahr ist, dass Demokratie sich nicht erschöpft in Stimmabgabe und Schweigen. Denn am Montag, wenn diese Wahlen zu Ende gegangen sind, wird der Mai 2011 weitergehen."

"Diez mentiras sobre Democracía Real Ya", escolar.net

Wer das Anliegen von Democracía Real Ya jetzt noch missversteht, der will es missverstehen.

Freitag, 20. Mai 2011

Viva la revolución



Zitat des Tages aus dem prallen spanischen Camperleben:


"¡Mejor sin ducha que sin lucha!"*

(Lieber ohne Dusche als ohne Kampf)


*(weitergetratscht von R@iñero)

Gut ist, was dir schadet



"Wenn etwas gut ist für dich,
ist es nicht gut für uns"

Wahlplakat mit Luis Zapatero (alias "Zapajoy")
spanischer Ministerpräsident (PPSOE)

(Um Missverständnisse auszuschließen: Das PPSOE-Logo wurde künstlerisch verfremdet, hier das Original.)


(Tip von R@iñero), Bild klicken zum Vergrößern)

Tage der Besinnung


Ab Samstag 0:00 Uhr bis Sonntag 24:00 Uhr ist in Spanien ein Kundgebungsverbot verhängt worden von der Junta Electional Central (JEC), der obersten zentralen Wahlleitung. Nach geltendem Recht soll nicht nur der Wahltag selbst, sondern der Tag vor der Wahl vor politischen Verlautbarungen geschützt werden.

Dieser Tag vor der Wahl trägt den sinnigen Namen "Tag der Besinnung" - dia de reflexión - und dient, wie der Name schon sagt, der Reflektion darüber, wie sich der Wahlbürger am Wahltag verhalten wird.

Warum nun dieses Reflektieren ausgerechnet die verfassungsrechtlich garantierte Versammlungsfreiheit aushebeln soll, will den Organisatoren und Teilnehmern der Massenkundgebungen nicht einleuchten. Denn, wie die letzten Tage in Spanien gezeigt haben, reflektiert es sich gemeinsam unter freiem Himmel einfach besser und effizienter als allein in den privaten vier Wänden. Weshalb, folgerichtig, die "Versammlung der Empörten" für Samstag um 20:00 Uhr zu einer Kundgebung aufgerufen hat.

Dies verkündet mit fester Stimme eine Sprecherin der "Empörten" am Ende dieses kurzen stimmungsvollen Films. Davor wundern sich einige aufgeweckte "Empörte" auf der Puerta del Sol in Madrid darüber, wozu um Himmels willen sie einen Tag der Reflektion bräuchten, wo sie doch eh die ganzen Tage und Nächte mit Reflektieren verbrächten - womit denn sonst?

Im übrigen, nun habe man schon mal seinen Schlafsack auf die Plaza geschleppt und keine Lust, ihn gleich wieder nach Hause zu schaffen.

Schönes Wortspiel auf Transparenten:

¿Demócrata?
¡no te calles!
¡a la calle!

Du bist Demokrat?
Du sollst dich nicht beruhigen!
Du sollst auf die Straße!

Donnerstag, 19. Mai 2011

Schlaflos


Spanien bebt.

Ich hätte so gern noch etwas dazu geschrieben.
Aber ich komme nicht dazu.
Der Livestream von der Puerta del Sol in Madrid hält mich völlig in Schach. Gerade werden die riesigen Zeltplanen herabgelassen. Madrid im Campingmodus.

Eben, kurz vor Mitternacht, wurde auf der Plaza eine Botschaft ins Deutsche übersetzt, darin unter anderem:
"Wir wollen alles. Wir wollen eine andere Gesellschaft. Wir wollen den Wandel."
Ferner wurde unmissverständlich klar gemacht, dass sämtliche politischen Parteien und Organisationen gefälligst ihre Finger aus der Bewegung zu lassen haben. Klare Worte.

Und jetzt noch einen* für die Nacht:

- Die Ausgeschlossenen begehren auf
- Schmeißt sie raus!
- Keine Chance, die haben keine Arbeit
- Kürzt ihnen die Unterstützung!
- Können wir nicht, die kriegen längst keine mehr
- Reißt ihre Häuser ab!
- Unmöglich, sie haben keine mehr

- Wenn das so ist, sind wir verloren!


Und jetzt zurück nach Madrid.


*(Tip von R@iner)

Mittwoch, 18. Mai 2011

Bankbestätigung



Ganz Spanien ein nächtlicher Campingplatz, in diesen bewegten Zeiten.

Was nicht bedeutet, dass jeder dahergelaufene Protestler im Stadtzentrum einfach so seinen Schlafsack ausrollen darf. Könnte ja jeder kommen. Kommt zum Beispiel ein bekannter Popstar und gibt in Alicante ein Open-Air-Konzert, ist das gar kein Problem mit dem Campen im öffentlichen Raum. Aber eine Bürgerversammlung ist nun mal kein Popkonzert.
"Um Justin Bieber zu sehen, darfst du campen -
aber um deine Rechte zu kämpfen? Nein!!!"
Die Polizei hatte nämlich etwas dagegen. Zunächst. Irgendwie schien ihr da Gefahr im Verzug zu sein. Welche, wusste sie auch nicht so genau. Erst nach längeren Verhandlungen erschien ihr die überschaubare Menge von knapp hundert müden jungen Leuten als unbedenklich und damit genehmigungswürdig. Na ja. Zähes Ringen um eine Bank, nichts Besonderes.

Yes we camp


In Spanien gärt es.

Das Volk rumort. Es fordert Demokratie, und zwar direkte, und zwar sofort. ("Democracia - real -YA!")

Die Presse schweigt so laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss. Ein verräterisches Schweigen, das mehr sagt als tausend Worte.

Gestern abend besetzten mehrere tausend Menschen die Puerta del Sol, den zentralen Platz Madrids, schlugen Zeltplätze auf ("Yes, we camp!") und übernachteten gemeinsam. Ein Grund für die konservative Tageszeitung El Mundo, die seit Wochen andauernde und wachsende Massenbewegung heute zum ersten Mal argwöhnisch zur Kenntnis zu nehmen und dummdreist zu fragen: Was wollen die eigentlich? (Überschrift: "Yes we camp! pero...para qué?") Und warum gerade jetzt? Und überhaupt, so viel Lärm ("tanto ruido"), etwa um nichts? Was wollen die eigentlich?

Die Zeitung weiß die süffisante Antwort, denn: "Sie wissen es selbst nicht." Machen einfach Camping mitten in Madrid und haben keine Ahnung warum, die Dummbratzen. Schwafeln irgend etwas von einem "Systemwandel und einer besseren Welt", sind aber, so El Mundo, unfähig, ihre Ziele, ihre Anklagen und ihre Forderungen zu "konkretisieren". Hängen die ganze Nacht auf der Plaza herum und geben nichts als ein "unkoordiniertes" Gruppenbild ab. Haben - rümpft das Blatt weiter die Nase - kein Programm, keine straffe Führung, sind sich über nichts einig, fühlen sich keiner Organisation zugehörig und wirken deshalb so jämmerlich desorganisiert. Para qué? Was wollen die eigentlich?

Wer so dumm fragt, ist selber schuld. Die Zeitung wird von Hunderten Lesern abgewatscht, dass es eine Freude ist. Ob der Artikelschreiber womöglich nicht lesen könne? Gar ein bedauernswerter Analphabet sei? Einfach nur Tomaten auf den Augen habe? Vielleicht in einer abgehobenen Parallelwelt zuhause sei? Schließlich stehe doch alles auf Transparenten, Aufklebern, T-Shirts, Internetseiten wie democraciarealya.es* (die allerdings seit gestern aus unerfindlichen Gründen nicht mehr einsehbar ist - ein Sachverhalt, den meines Wissens niemand in den offiziellen spanischen Medien kritisch zu kommentieren für nötig hielt), werde unermüdlich in Megaphone gerufen, via Twitter, Blogs, Youtube verbreitet und in unzähligen Interviews auf den Punkt gebracht. Que pasa, El Mundo? Was ist los? Den Schuss nicht gehört? Fünf Millionen Arbeitslose übersehen? Über 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit aus dem Scheuklappenblickfeld verloren?

Ohne Haus, ohne Job, ohne Rente, ohne Furcht

Die geduldigeren unter den Lesern geben der dumm fragenden Zeitung bereitwillig Nachhilfe.

"Para qué?"- was wir wollen? Zum Beispiel
dass Politiker jenes Volk repräsentieren, das sie gewählt hat, und nicht die Banken und Wirtschaftlobbies.

dass alle ein Recht auf Arbeit und auf ein Einkommen haben, von dem sich leben lässt.

dass alle Zugang zu einem Leben in Würde haben.

dass wachsende Armut ("vivir como vacas flacas" - dahinvegetieren wie ausgemergelte Kühe) keine Perspektive sein kann.

dass die Bürger nicht für die Privilegien der herrschenden Klasse zu zahlen haben.

dass es mit der flächendeckenden Korruption ein Ende hat ("Das System ist korrupt und deshalb braucht es eine Revolution, Punkt.")

dass Wahllisten mit Politikern, denen größtenteils korruptes Verhalten vorgeworfen oder nachgewiesen wird, abgeschafft gehören.

dass einer Clique von ökonomischen Analphabeten, die den Reichtum aus unserer Arbeit schamlos einheimsen, das Handwerk gelegt wird.

dass sie aufhören uns auszuplündern.

dass ihr eines wisst: Wir haben die Schnauze gestrichen voll, von euch verarscht zu werden.
Die Genervten halten es fast für einen kosmischen Witz, dass ausgerechnet ein offizielles Presseorgan so dumme Fragen stellt:
"Para qué? Ich werd's Ihnen sagen, hören Sie gut zu. Die Medien sind ganz klar auf einer Linie mit den etablierten Kräften, die Presse ist korrumpiert und manipuliert durch die wirtschaftlich Mächtigen, und Sie fragen para qué? Hören Sie, es kostet viel Anstrengung, so eine Initiative aufzuziehen, und jetzt, wo wir den Anfang gemacht haben, geben wir sie nicht mehr aus den Händen. Jetzt oder nie!"

"Erst habt ihr unsere Bewegung totgeschwiegen, jetzt wollt ihr sie diskreditieren - nicht weil wir keine Ziele hätten, sondern weil unsere Ziele in nichts übereinstimmen mit denen der Parteien und der Medien, die sie unterstützen."

"Gegen was wir protestieren? Gegen euch Medien, habt ihr das noch nicht gemerkt, ihr abhängigen Pamphletschreiber?"
...und die ganz schwer genervten unter den Lesern machen kurzen Prozess:
"Hey, macht den Fernseher aus, macht die Zeitung zu, und macht die Augen auf!"


Update:
*Inzwischen wieder zugänglich, hier das Manifest von democraciarealya auf englisch.

Montag, 16. Mai 2011

Laszive Lockenwickler


Paranoia hat viele Gesichter.

Wir leben ja angeblich in einer recht freizügigen Gesellschaft, was immer der einzelne im einzelnen darunter versteht. Nehmen wir zum Beispiel die Titelseiten von Zeitschriften. Halbnackte Frauen, kein Problem, gern auch dreiviertelnackt, aber bitte nicht mit barbusiger Vorderfront. Halbnackte Männer, kein Problem, gern auch dreiviertelnackt, aber bitte mit ordentlich muskulär besixpackter Vorderfront.

Wir sind tolerant, wir sind freizügig, uns kann nichts mehr schockieren. Deshalb verkraften wir so ziemlich alles, was uns an Freizügigkeit auf Zeitschriften-Covers zugemutet wird.


Aber was zu weit geht, geht zu weit.

Die zweimal jährlich erscheinende Kunst- und Kulturzeitschrift Dossier brachte das serbische Model Andrej Pejic auf ihren aktuellen Titel, was die größte amerikanische Buchhändlerkette Barnes & Noble landesweit zur Zensur veranlasste: Sie verkauft die aktuelle Ausgabe von Dossier ausschließlich in schwarzen, blickdichten Polyestertaschen.

Zu gewagt ("too risky") sei diese Titelseite, ließ der Zeitschriftenvertreiber lakonisch verlauten - mehr nicht - und überlässt es dem interessierten Rest der Welt zu rätseln, was um Himmels willen riskiert würde, wenn das beanstandete Foto offen an den Verkaufsständen ausläge.

Dabei muss man nur genau hinschauen und schon entdeckt man den sittenwidrigen Pfahl im Fleisch: Haare aufgedreht auf Lockenwicklern? Bitte? In aller Öffentlichkeit? Geht's noch? Irgendwo muss auch mal Schluss sein mit dem Tabubruch.

Samstag, 14. Mai 2011

Never Satisfied


Never ist der Künstlername eines amerikanischen Straßenkünstlers. Seine Freunde gaben ihm den Nickname Mr. Never Satisfied, weil er zu ständiger Selbstkritik, Unzufriedenheit und Unsicherheit bezüglich seiner eigenen Arbeit neigt. Auf die Frage, welche Ziele er in seiner Entwicklung als Künstler anstrebt, antwortet er: "Etwas zu malen, womit ich länger als nur ein paar Stunden glücklich bin."

Irgendwann begann er, seine Straßenbilder mit "Never Satisfied" zu signieren. Irgendwann begann das Tag "Never Satisfied" ein Eigenleben zu führen: Aus der Selbstaussage des Künstlers wurde eine finstere Bildaussage.


Das war, als Never vor kurzem von Atlanta nach Brooklyn, New York City umgezogen war.

Vor ein paar Tagen wurde aus der unersättlichen Überwachungseule ein bösartiges Repressionsmonster:


"Seriously, this city is in a police state."
(Diese Stadt befindet sich in polizeistaatlicher Verfassung.)

Donnerstag, 12. Mai 2011

Happy Hour für Hanfforscher


Muss man gesehen haben:


Blanker Irrsinn: In British Columbia, Kanada, ist eine Cannabisfarm aufgeflogen. Wohlgemerkt, eine Cannabisfarm, die von lauter Tieren bewacht wurde. Um genau zu sein, von dreizehn Bären, einem großen Hund, einem Waschbär und einem vietnamesischen Hängebauchschwein. Wobei die Bären und die Hunde jetzt nicht soo sensationell sind, denn was spricht dagegen, dass diese naturverbundenen Geschöpfe auf ein schönes Stück kultivierter Natur aufpassen?

Aber dann dieses Hängebauchschwein! Da es sich um ein kanadisch-vietnamesisches Hängebauchschwein handelt und in Kanada englisch gesprochen wird, verdient es das Hängebauchschwein beim englischen Namen genannt zu werden: pot-bellied pig. Jeder wird zugeben müssen, dass ein Tier mit diesem Namen geradezu prädestiniert ist zum Bewachen einer Cannabisfarm. Vermutlich hat sich die Pot-Sau nebenberuflich als Chefverkoster nützlich gemacht. Schließlich sind 2.500 Cannabispflanzen keine Kleinigkeit, da bedarf es einer sinnvollen Arbeitsteilung.

Wobei, wenn ich das richtig verstanden habe, die dreizehn Bären eigentlich nichts weiter getan haben als den lieben langen Tag an einer Tüte zu hängen; faul, wie Bären nun mal sind. Saßen einfach so inmitten der Pflanzen, frönten dem Hanf und haben halt nebenher aufgepasst, dass keiner kommt und ihnen das Grünzeug klaut. Dabei muss ihnen - fast ist man geneigt zu sagen: leider - entgangen sein, dass ihre fidele Animal Farm von der Polizei observiert worden war.

Wie gesagt, der blanke Irrsinn. Vom tatsächlichen Ausmaß der halluzinogenen Veranstaltung kann man sich aber erst ein Bild machen, wenn man das Video aus dem russischen Fernsehen anschaut: Eine Nachrichtensprecherin versucht sich in angemessener Berichterstattung und, so darf wohl gesagt werden, scheitert grandios. Absolut empfehlenswert für einen heiteren Ausklang des Tages.


Update 13. Mai 19:25 Uhr:
Die Happy Hour für Hanfforscher war ursprünglich für gestern abend gedacht, als Late-Night-Pendant zum Frühschoppen für Querdenker - jedoch, Blogger ist im Laufe des gestrigen Tages fulminant abgesoffen. Nix ging mehr. Alle Räder standen still, und alle Blogger-Blogger drehten kollektiv am Rad.

Zur Drosselung des Adrenalinspiegels schaute ich mir immer mal wieder dieses der Veröffentlichung harrende Video an und kam zu dem Schluss, dass es als 24-Stunden-Tonikum taugt; von A wie Absacker für Abgenervte bis Z wie Zwischenmahlzeit für Zwangslagen. Wirkt rund um die Uhr hochgradig stressabführend.

Update 2:
Zu meinem Entsetzen sehe ich grade, dass Google/Blogger (fallout-bedingt) meinen Frühschoppen für Querdenker (12. 05. morgens) auf Nimmerwiedersehen versenkt hat. Mitsamt dem Kommentar von R@iner. Geht gar nicht. Macht ja sonst alles überhaupt keinen Sinn hier. Wird rekonstruiert. Irgendwie. Ts.

Frühschoppen für Querdenker



via

"Learn to say fuck you to the world once in a while.
You have every right to.

Just stop thinking, worrying, looking over your shoulder,
wondering,
doubting,
fearing,
hurting,
hoping for some easy way out,
struggling,
gasping,
confusing,
itching,
scratching,
mumbling,
bumbling,
grumbling,
humbling,
stumbling,
rumbling,
rambling,
gambling,
tumbling,
scumbling,
scrambling,
hitching,
hatching,
bitching,
moaning,
groaning,
honing,
boning,
horse-shitting,
hair-splitting,
nitpicking,
piss-trickling,
nose sticking,
ass gouging,
eyeball poking,
finger pointing,
alleyway sneaking,
long waitiing,
small stepping,
evil eyeing,
backscratching,
searching,
perching,
besmirching,
grinding, grinding, grinding away of yourself.

Stop it
and just do.
Do something.
Do anything.
Don't worry about cool.
Make your own uncool.
Make your own, your own world."

Montag, 9. Mai 2011

McWohlfühl


Unser Mäckes soll schicker werden. Für eine Milliarde Dollar. Ganz recht, die bekannte Fastfood-Kette in Amerika wird aufgehübscht. Heißt es. Wohlgemerkt, nicht das Essen wird aufgemöbelt, sondern die Inneneinrichtung, denn, so befand der Restaurantdesignerchef mit bestechender Logik: Wenn's den Leuten bei uns gefällt, dann gefällt ihnen auch das Essen.

Hübscher bedeutet: wärmere Farben; mehr Wohlfühlatmosphäre; weniger Plastik, mehr Holzimitat (Tische); weniger Plastik, mehr Lederimitat (Sofas), hier und da - bitte anschnallen - sogar ein Klubsessel; mehr Kaffeehaus-, weniger Fastfood-Optik; einfach gemütlicher, kurzum: wohnlicher. Woran denken jetzt alle? Genau, Mäckes goes Starbucks. Stimmt aber gar nicht.

Weil:
"Wir versuchen nicht, Apple zu sein."
(Gut, dass das schon mal geklärt ist.)
"Aber wir lassen uns von Apple inspirieren. Wenn Sie in einem Geschäft von Apple sind, fühlen Sie sich beinahe so, als ob Sie im Inneren eines iPad sitzen - und wollen dort bleiben."
Ich weiß nicht, ob ich gern im Inneren eines Computers sitzen würde. Noch dazu in einem superflachen. Ich glaube eher nicht. Ganz gewiss will ich nicht länger im Inneren eines superflachen Computer sitzen bleiben als unbedingt nötig. Dann schon lieber in einem kunstledernen Klubsessel.
"Wir möchten, dass Sie zu McDonald's kommen und genau dasselbe Feeling haben."
Also, damit das klar ist: Die wollen natürlich nicht, dass ich zu Mäckes komme und mich dort wie im Inneren eines Computers fühle. Wäre ja albern. Nein, die wollen, dass...was wollen die eigentlich von mir?

Die wollen, dass ich in ihren Laden komme, mich in den kunstledernen Klubsessel setze und mich dort fühle, als ob ich im Inneren eines fettigen Big Macs Platz genommen hätte. Allmächtiger. Und dann wollen sie auch noch, dass ich mich in dem fettigen Big Mac so wohl fühle, dass ich gar nicht mehr aufstehen möchte. Nachdem ich zwischen den Kunstlederpolstern ein paar alte Fritten und ein zermatschtes ChickenMcNugget herausgefriemelt habe.

Ich will da raus.

Sonntag, 8. Mai 2011

Happy Mother's Day



Alles kommt wieder, auch die 50er Jahre. War das nicht schön damals, als Mutti noch genau wusste, wo ihr Platz war? Und das Töchterchen frühzeitig coachte, damit auch ihm beizeiten klar wurde, an welchen Platz es einmal gehören würde?

Ist das wirklich schon so lange her? Mir scheint, die 50er Jahre waren erst gestern. Ach was - heute! Diese Anzeige des Jahres 2011 verströmt den strengen Geruch längst vergangen geglaubter Zeiten. Bereits damals meinte ein aufgepumpter Fettsack männlichen Geschlechts namens Mr. Proper den properen Hausfrauen zeigen zu müssen, wo es lang geht; er tut es heute wieder.

Mit welcher Botschaft? Herr Saubermann - das heißt: die Firma Procter&Gamble - rät den Mädels, am sogenannten Muttertag doch bitte jenen Job zu verrichten, auf den es "wirklich" ankommt. Was er damit wohl meint? Fenster putzen? Boden wischen? Oder, zur Feier des Tages - nur an diesem einzigen Tag - mal keine Fenster putzen, keinen Boden wischen, einfach mal ganz Mutter sein oder was?

"Keep scrubbing, Bitch!", interpretiert der zum Sarkasmus neigende Copyranter die Werbeaussage, nennt Mr. Clean bei seinem bürgerlichen Namen, nämlich "chauvinistic asshole" und schließt seine Exegese mit der Bemerkung: "Werbung, die nach desinfiziertem Sexismus stinkt." Goldene Worte.

Aber man wird doch wohl den sogenannten Muttertag noch stilvoll abfeiern dürfen, oder? Na klar, am besten so:
"It's a day to say: Fuck you, misogynistic Mr. Clean!"

Anschnallen


Rücksicht auf muslimische Bestattungstraditionen?
Blödsinn.

Verhinderung von Wallfahrtsorgien zum Grabmal eines Massenmörders?
Dummes Zeug.

Symbolisches Ersäufen eines endlich besiegten Terrornetzwerks?
Auch daneben.

Es war alles ganz anders:



Samstag, 7. Mai 2011

Freitag, 6. Mai 2011

Linkshänder


Manchmal kommt eins zum andern, einfach so, man weiß nicht, wie so. Oder wieso. Und dann fällt einem nichts dazu ein. Nicht etwa weil es nicht berührt, vielmehr gerade weil es berührt. Dann steht man da wie vom Blitz getroffen und denkt: Ja, so ist es! - und ist ansonsten sprachlos und berührt.

Ich lese gerade in einem Buch von Oliver Sacks, Musicophilia, auf deutsch Der einarmige Pianist. Oliver Sacks ist jener bücherschreibende Neurologe, der vor ein paar Jahren durch New York radelte, als eine kopfhörertragende Frau seine schrille Fahrradklingel überhörte und ihm direkt ins Rad lief, weshalb Sacks im hohen Bogen über den Lenker flog und mit der Treffsicherheit des Experten schlussfolgerte, "dass kein Schizophrener sich im Straßenverkehr so bescheuert bewegt wie die New Yorker Fußgänger".

Ja, so ist es!, denke ich, zwar ohne neurologische Expertise, aber mit Fahrrad unterwegs, zwar nicht in New York, was aber egal ist, denn kopfhörertragende Fußgänger machen einen radfahrenden Menschen immer wieder sprachlos, egal wo. Wobei diese Sprachlosigkeit jeweils die unmittelbare Folge tiefer innerer - und mitunter auch, wie im Falle Sacks, äußerer - Berührtheit ist.

Damals, als Sacks im Sturzflug sein Fahrrad hinter sich gelassen hatte, arbeitete er noch an Musicophilia. In seinem Buch schreibt er über die Wirkungen von Musik im Gehirn; besonders über jene Veränderungen, die Musik nach traumatischen Verletzungen haben kann. Zum Beispiel erwähnt er einen Mann, der vom Blitz getroffen wurde, schwer verletzt überlebte und eine bis dato nie erlebte Leidenschaft fürs Klavierspielen entdeckte. Der Mann lernte Noten lesen, begann in seinem Kopf Musik zu hören, schrieb sie auf und spielte sie.

Solche Geschichten lese ich wie vom Blitz getroffen und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Zum Beispiel Geschichten von Musikern, die den rechten Arm verloren haben, mit dem linken weiter Klavier spielen und das meisterhaft. Dem österreichischen Pianisten Paul Wittgenstein wurde nach einer schweren Schussverletzung im ersten Weltkrieg sein rechter Arm amputiert. Er spielte mit dem linken Arm weiter und unterrichtete als Lehrer zweiarmige Klavierspieler. Einer seiner Schüler erinnert sich, dass Wittgensteins rechter Armstumpf beim Unterrichten und Spielen mitzuckte: "Während er mit dem linken Arm spielte, dachte er sich einen Fingersatz für die rechte Hand aus - er schien seine rechte Hand immer noch zu spüren, und seine Fingersätze für die rechte Hand waren wunderbar."

Dann höre ich Paul Wittgensteins einarmiges Klavierspiel, bin wie vom Donner gerührt und drifte in Sphären ab, wo mir die Sprache verloren geht. Höchstens denke ich noch: Wen diese Musik nicht berührt, ist der am Herzen amputiert? - mehr fällt mir dazu nicht ein.

Doch. Irgendwann beim Lesen und Hören fällt mir Paul Wittgensteins jüngerer Bruder Ludwig ein, von dem der weise Spruch stammt: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Ja, so ist es!, denke ich, und frage mich, warum ich trotzdem über etwas schreibe, wofür mir eigentlich die Worte fehlen? Mir fällt keine Antwort ein.

Während ich weiterlese über die wundersamen Wege der Musik durch die Gehirnwindungen, dringt eher zufällig eine Radiosendung an mein Ohr - (wieso schreibe ich jetzt Ohr im Singular, wo ich doch zwei Ohren am Kopf habe? Mir fällt keine Antwort ein. Es muss an der Lektüre liegen) - ein Feature über den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein und sein Verhältnis zur Musik. Ich höre, dass sich Ludwig über das künstlerische Potential seines einarmigen Bruders Paul mokiert hat, was dessen Klavierspiel empfindlich beeinträchtigte und Paul zu der Bemerkung veranlasste: "Ich kann einfach nicht spielen, wenn du im Haus bist. Ich spüre, wie deine Skepsis unter der Tür hereinsickert." Schon wieder bin ich berührt und finde dafür keine Worte.

Ob Ludwigs Seitenhieb auf den einarmig spielenden Bruder etwas damit zu tun hatte, dass Ludwig selbst nur sehr mittelmäßig Klarinette spielte, wäre reine Spekulation. Überliefert ist jedoch, dass er sein Instrument nicht etwa in einem passenden Etui, sondern in einem Strumpf herumzutragen pflegte. In einem Strumpf! Obwohl er sich ein anständiges Klarinettenetui durchaus hätte leisten können, stammte er doch aus einem steinreichen Elternhaus. Aber eben deshalb hat Ludwig Wittgenstein wohl den spartanischen Strumpf gewählt. Er legte nämlich Wert auf ein betont spartanisches Aussehen, weil er nicht als reicher Pinkel rüberkommen wollte. Hat man Worte?

Nicht dass der Philosoph Wittgenstein unmusikalisch gewesen wäre, im Gegenteil. Neben seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Philosophieren, hat er für sein Leben gern gepfiffen und brachte es in diesem Fach zu großer Virtuosität: "In seinem Repertoire befanden sich ganze Schubertlieder, die er zum Teil mit Begleitung eines Klavierspielers darbot." Da fragt man sich natürlich instinktiv, warum der pfeifende Ludwig sich nicht, der Einfachheit und häuslichen Nähe halber, von seinem virtuos klavierspielenden Bruder Paul begleiten ließ? Schwamm drüber - worüber man nicht sprechen kann, sollte man besser schweigen.

Noch ist nicht alles gesprochen über das Unaussprechliche in der Musik. Heute mittag - ich lauschte gerade der Chaconne for the left hand von Bach/Brahms, gespielt von Paul Wittgenstein - stolperte ich über diesen rechtshemispärischen Fingersatz:

(Thomas Beecham, britischer Dirigent,
Gründer des Royal Philharmonic Orchestra)

Ja, so ist das.