Montag, 31. August 2009

Sonntag, 30. August 2009

Warm anziehen

War ich gestern in herbstliche Melancholie geraten? Vielleicht doch etwas verfrüht. Heute brütete der Hochsommer über der Stadt; wer konnte, nahm Zuflucht im Schatten.
Oder im Wasser.
Es gibt da einen Brunnen, ebenerdig und nur aus lauter Wasserfontänen bestehend. Mal schießt die eine senkrecht in die Höhe, mal die andere, mal die hintere, mal die seitliche und mal auch gar keine, was am spannungsvollsten ist, denn dann wissen die Kinder nicht, wo die nächste nasse Überraschung herkommen wird und brüllen sich den Nervenkitzel lustvoll aus den Leibern. Sie spielen mit dem Wasser, als wäre es ein lebendiger Spielgefährte,
den sie unbedingt bezwingen möchten, und lieben doch nichts mehr als wenn sie selbst von einem starken Wasserstrahl getroffen und aus der Bahn geworfen werden. Kommt dann der Strahl aus einer Richtung, mit der sie gar nicht gerechnet haben, halten sie abrupt in der Bewegung inne, um sich neu zu orientieren und draufloszupreschen, dem zischenden Wasser entgegen.
In solchen Augenblicken erreichen sie eine meisterhaft natürliche Übereinstimmung an Koordination und Klarheit in der Bewegungsführung. Fast könnte man meinen, sie tanzen.
Auf der Stelle vergaß ich alles, was ich je über bewegungsgestörte, übergewichtige Kinder gelesen, gehört und selbst geschrieben habe. Das - temporäre - Vergessen bewahrt davor, solch kleine naturbegabte Wasserratten aus dem Auge zu verlieren. Es gibt sie. Sie tun dem Auge gut.

Weil es so heiß war, zog ich meine Schuhe aus und platschte barfuß am Rand des flachen Brunnens herum, um mir Kühlung zu verschaffen. So eine Art Flach-Kneippen war das. Herrlich erfrischend. Mir fiel mein Herbstblues von gestern ein, ich konnte nur drüber lachen und habe ihn weggelacht. Hochsommer eben.
Das Lachen ist mir aber vergangen, als ich später an einem Lokal mit Außenbewirtschaftung vorbeikam. Da standen sie, eindeutig, physisch, signifikant - die Vorboten des Herbstes. Was heißt Vorboten? Es sind die Boten des Herbstes, welcher jäh nach Sonnenuntergang einsetzt; dann wird es kühl, sehr kühl. Dann muss geheizt werden. Sonst würden die Dinger ja nicht dort stehen.
Hm, dachte ich, gehört ins Herbstgutachten. Warm anziehen.

Samstag, 29. August 2009

Freitag, 28. August 2009

Kraftprobe

Wider Erwarten verspricht dieser Wahlkampf interessant zu werden. Verkehrstechnisch gesehen. Zumindest was die Fußgänger und die Radfahrer betrifft. Was an einem einzigen Tag so alles passieren kann!
Nachdem am Mittwoch meine Schulter von Frau Merkel unsanft gestreift worden war, sodann am Donnerstag der Neonspraydoseninhalt sich als eingetrocknet und daher unbrauchbar erwiesen hatte, blieb so weit alles beim alten: Bis heute früh ragte die Merkelsche
Plakatrückwand unverändert dreist quer in den Radweg hinein (die Vorderseite natürlich ebenso, nur komme ich frühmorgens immer aus der entgegengesetzten Richtung). Ich echauffierte mich bereits darüber, aber es ist doch ganz erstaunlich zu erleben, wie schnell man sich an täglich wiederkehrende Schikanen gewöhnt und halt irgendwie einen Bogen um sie macht.
Heute mittag nun um 11.30 Uhr die überraschende Wendung: Das Merkelplakat hing plötzlich nicht mehr quer, sondern parallel zum Radweg. Jemand hatte die Bundeskanzlerin, sozusagen, auf Linie gebracht. Fand ich sensationell gelöst. So behindert das Plakat die Radfahrer nicht länger, und die Fußgänger können es, wenn sie
möchten, in Ruhe anschauen. Sogar die Bewohner des Hauses haben den ganzen Tag freie Sicht auf das kraftvolle Versprechen der Partei, sofern sie das Glück haben, im Parterre zu wohnen. Eigentlich ist jetzt alles im Lot.
Dachte ich heute mittag. Jedoch, heute abend um 20.30 Uhr ein dramatisch verändertes Bild: Jemand hatte die CDU, sozusagen, flachgelegt. Sie lag am Boden. Gesicht nach unten. Kein schönes Bild. Noch unschöner fast, wie achtlos alle Welt darauf herumtrampelte, oder
besser gesagt, darüber hinwegging. Und erst hinwegrollte! Die Radfahrer flitzten mit so hohem Tempo über die umgelegte Wahlwerbung, dass ich keinen von ihnen mit der Kamera erwischt habe. Sie schienen richtiggehend dankbar zu sein, endlich wieder freie Fahrt zu haben. Was ja auch wieder verständlich ist. Weil, andernorts haben es die Radfahrer schwerer. Da stellt sich ihnen die CDU mit all ihrer Kraft in den Weg. Wann wohl der/die nächste zu Boden gehen wird? Es bleibt spannend.

Donnerstag, 27. August 2009

Mrs. and Mr. Mop


Das darf doch wohl nicht wahr sein.
Partnervermittlung via Baumarkt.

(Keine Werbung)

Mittwoch, 26. August 2009

So'n Hals

Jetzt also Wahlkampf. Flächendeckend. An jeder Straßenecke? Wenn's nur das wäre! Heuer sind anscheinend die Damen und Herren Straßenbildverschandler dermaßen verzweifelt, dass sie sogar die Radwege gekapert haben. Ja, sind die noch zu retten, diese Betonköpfe aus Berlin?
Kein Durchkommen - nur wer sich vor den raumgreifenden Wegelagerern rechtzeitig wegduckt, kommt ungeschoren davon. Und auch nur, wenn er den Slalom im Schrittempo absolviert. Und auch nur, wenn er überhaupt sieht, was sich ihm da in den Weg stellt.
Alle drei Bedingungen waren heute früh um zwanzig vor sechs nicht gegeben. Ich gehöre zu den Radfahrern, die gern zügig fahren und ein gewisses Tempo lieben, gelegentliches Brettern nicht ausgeschlossen. Heute früh bin ich zwar nicht gebrettert, aber doch flott getreten, weil ich zehn Minuten zu spät dran war. Heute früh war es stockdunkel, so dass die kackbraunen Rückseiten der Politplakate von der Nacht verschluckt wurden. Heute früh habe ich mich weder weggeduckt noch bin ich ausgewichen - vor was auch? Es war ja nichts zu sehen gewesen.
Und deshalb habe ich eine gewischt bekommen.
Wie sich herausstellte, war es Frau Merkel gewesen, die mir mit voller Kraft eine vor den Bug geballert hatte, sprich gegen die linke Schulter. Zwar ist es ihr nicht gelungen, mich vom Sattel zu säbeln - gottlob gibt es das Kraftpaket CDU nur aus/auf Pappkarton plus Sägemehl -, aber es tat weh. Zumindest schmerzte es so sehr, dass ich beim Blick über meine linke Schulter zurück nicht umhin konnte, aus dem Grienen der Bundeskanzlerin triumphierende Häme herauszulesen, etwa so: Wir haben die Kraft, unsere verbale Kraftmeierei durch physische Krafteinwirkung zu bekräftigen, glaubst du's jetzt? Sympathischer Verein, echt.
Heute mittag nun musste sich ein radelnder Postbote geschlagen geben vor einem ausladenden männlichen CDU-Wahlplakatgesicht und absteigen, sonst hätte er mit seinem ausladenden Gefährt die Kurve nicht gekriegt. Falls jetzt irgend jemand denkt, ich hätte mich hier auf die CDU eingeschossen - falsch. Sie haben sich ALLE, quer durch sämtliche Parteien, darauf verständigt, die Verkehrsteilnehmer maximal zu behindern, ihnen die Sicht einzuschränken, sie auf Schritt und Tritt zu nerven - mit einem Wort: zu stören.
Oh, wie sie mich stören.
Hinter den beiden großkotzigen Werbetafeln verbirgt sich (dem Blick) nichts Geringeres als die Ampelanlage einer vielbefahrenen Kreuzung - just an der Stelle, wo der Radweg nach links eine Abbiegespur anbietet, um direkt auf die Straße fahren zu können; eine von Radfahrern vielgenutzte Option. Jeder Radfahrer, der hier links abbiegt und die große Kreuzung anstrebt, checkt dabei die Ampel: Sprang sie eben erst auf Rot? Kann ich mir Zeit lassen mit dem Einfädeln? Springt sie grade von Gelb auf Grün? Muss ich Dampf machen? Weder Lafontaines väterliche Geste noch die Jobmaschine der Grünen lassen solch vorausschauendes Verkehrsteilnehmen zu. Keine Chance. Sie versperren einem einfach den Blick auf die Ampel. An einer der vielbefahrensten Kreuzungen der Stadt.
Wenn sie einem weder den Blick noch den Radweg versperren, muss es sich um die FDP handeln, der offensichtlich daran gelegen ist, den feinen Unterschied zwischen Parteienwahlkampf und Straßenstrich unkenntlich zu machen.
Die einen haben Kraft, die anderen Mut, die dritten haben Jobs, die vierten waren zu weit weg; was hat eigentlich die SPD, was andere nicht haben? Keine Ahnung. Sie hüllt sich in komplettes Schweigen, zumindest entlang meiner Radroute. Wenigsten steht sie nicht im Weg rum. Das ist zwar schon verdammt viel in Zeiten, wo Wahlkampf für öffentliche Belästigung steht, aber bitte keinesfalls als Wahlwerbung misszuverstehen.
Morgen früh werde ich ein Viertelstündchen früher aufstehen. Und mich ein Viertelstündchen früher aufs Rad setzen. Und im Rucksack eine Spraydose mit jener Neonfarbe dabeihaben, welche im Dunkeln so schön leuchtet. Mal sehen, was sonst noch zufällig im Rucksack sein wird. Oder steht irgendwo geschrieben, dass in Wahlkampfzeiten die Verkehrssicherheit außer Kraft gesetzt werden darf? Na bitte. Mann, hab ich 'nen Hals.

Dienstag, 25. August 2009

Drogenberatung


Holunder. Nichts als Holunder.
Überall nur Holunder.
Von nichts anderem war gestern die Rede gewesen als eben von: Holunder. Ich schwärmte von Holunder; nicht von einem Holundersaft XY der Firma ZZ, entwickelt und promotet vom Institut für Pharmakognosie an der Universität Wien. Es war die Holunderbeere schlechthin, die ich als eine 'legale Droge' in grippeträchtigen Zeiten bezeichnete. Zum, versprochen, letzten Mal: Es ging um Holunder.
Und nun zu den Drogen. Jetzt geht es um Holunderkompott.
Mit Vanillepudding.
Nein, ist keine Werbung für Vanillepudding.

Montag, 24. August 2009

Drogenkunde


Schwarzer Holunder gegen Erkältung und Grippe, lese ich in der Online-Zeitung der Universität Wien. Dort gibt es ein Institut für Pharmakognosie, auf Deutsch: Drogenkunde. Die wirkstoffreiche Holunderbeere hatte es den Drogenkundlern angetan. Sie, die Beere, ist rauf und runter erforscht worden, und man kann resümierend mit den Österreichern nur sagen: Hut ab vor dem Hollerbusch!
Insbesondere der Anteil der Anthocyane, der violett-schwarzen Pflanzenfarbstoffe, ist deutlich höher als bei anderen Obst- und Gemüsesorten. Sie haben antioxidante Wirkung und schützen die Zellmembranen vor Veränderungen durch sogenannte Freie Radikale. Dadurch werden Viren wie zum Beispiel Grippeerreger davon abgehalten, in die Zellen einzudringen und so an ihrer Verbreitung im Körper gehindert. In den Beeren enthaltene Ätherische Öle wirken schweißtreibend, schleimlösend und entzündungshemmend. Die Pflanzensäuren wirken antibakteriell und die zahlreichen Vitamine und Mineralstoffe stärken das Immunsystem.
Klingt gut. Klingt nach legaler Droge gegen kommende grippale Herausforderungen.

Sonntag, 23. August 2009

Mit der Sau durchs Dorf

Die Schweinegrippe gibt mir Rätsel auf. Mir fällt kaum ein zweites aktuelles Thema an, bei dem ich derart im Dunkeln tappe wie bei dieser Krankheit, von der man politikerseits beschlossen hat, sie öffentlich nur noch als 'sogenannte Schweinegrippe' zu bezeichnen. Obwohl ich mich durchaus breit informiere und viel darüber lese. Aber vielleicht ist das gerade das Problem - bei vielem, was so geschrieben und gesendet wird, nehme ich Ungereimtheiten wahr, Widersprüchliches, Unlogisches. Mich bringt das alles mehr durcheinander als dass es mich aufklärt. Wenigstens bin ich nicht die einzige, die auf dem Schlauch steht.

Erst hatte es eine große Aufregung gegeben, dann wurde alles runtergekocht. Wer sich ein wenig intensiver mit dem Thema befassen wollte, wurde gern der Panikmache bezichtigt, ein Hysteriker genannt und beschimpfte seinerseits die Schönwetterredner als Schönwetterredner. Dann staunten plötzlich alle, weil so wenige Menschen an der Schweinegrippe starben. Viel weniger als gedacht. Obwohl sich die Zahlen widersprechen. Egal, die Erkrankung verlief viel weniger dramatisch als prognostiziert, halt wie eine mittelschwere Grippe.

Jetzt hätte man es eigentlich gut sein lassen können. Man hätte den Leuten sagen können: Okay, futtert Euer Vitamin C wie bei jeder Grippewelle, ihr kennt das ja, Augen zu und durch, wird schon werden. Nein - inzwischen wird eine gigantische Impfsau durchs Dorf gejagt, um dem Schweinevirus (der angeblich gar keiner ist, aber heißen tut er trotzdem so) Herr zu werden. Massenimpfungen im Herbst sind angekündigt. Aber wo zum Teufel soll der Impfstoff herkommen, wenn der Virus erst seit relativ kurzer Zeit sein Unwesen treibt? Ich meine, da kann es doch noch gar keinen...ach so, Impfstoff wird zur Zeit getestet, an Erwachsenen und Kindern, aha.
Nur, wenn sie jetzt testen und im Herbst impfen wollen, dann hat doch kein Mensch irgendeine Ahnung von den möglichen Neben- und Langzeitwirkungen der Immunisierungsspritze, woher denn? Bislang höre ich nur von angeblich keinen oder allenfalls harmlosen Nebenwirkungen im Verhältnis zu dem angeblich immensen Gefahrenpotential, welches in dem Virus lauert und zeitbombenmäßig tickend darauf wartet, die Menschheit auszulöschen. Jedenfalls den ungeimpften Teil von ihr, während der geimpfte Teil womöglich von dem toxischen Impfstoff selbst niedergestreckt werden wird. Wird ja immerhin aus Krebszellen hergestellt, da wird man schon mal die Stirn runzeln dürfen.
Ja aaaber, höre ich von allen Seiten, das Heimtückische am sogenannten Schweinevirus sei seine Fähigkeit zur Mutation, deren exponentiell schlimme Folgen sich kein Mensch ausrechnen könne. Stimmt, den Horror kann ich mir tatsächlich nicht ausrechnen, wie auch, wenn der Virus noch gar nicht mutiert ist, beziehungsweise, wenn er bereits mutiert ist, dann ist ihm meines Wissens noch keiner auf die Mutationsschliche gekommen. Aber einen Impfstoff haben sie trotzdem dagegen? Und propagieren flächendeckende Massenimpfungen? Erwägen sogar eine Verpflichtung zur Impfung, mithin einen Impfzwang? Was geht da eigentlich ab? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Gut, sage ich mir dann immer, bist ja auch von schwachem pharmakologischem Sachverstand, ist wahrscheinlich zu komplex für dich. Ist aber auch unbefriedigend.

Seit heute blicke ich etwas besser durch. Da outet sich unter der Überschrift Grippale Geschäfte ein Mediziner in Sachen Schweinegrippe, dass er 'als Arzt nichts mehr verstehe. Es wird jeden Tag verrückter.' So fängt seine Kolumne an; ich fasse sofort Vertrauen zum Autor. Er berichtet von einem hohen Ausstoß an Emailwarnungen (Gesundheitsämter!) und Notfallplänen (Ministerien!), von tonnenschweren Grippemittelkäufen und -einlagerungen. Ihn irritiert das irgendwie.
Und dann endlich die Rettung: die Impfung. Die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurde Mitte dieser Woche beschlossen! Unsere Regierung kann also auch bedrohte Bürger retten, nicht nur bankrotte Banken.
Das ist schön gesagt, wirklich sehr schön: Aus dem bienenfleißigen Impf-Hokuspokus macht die Regierung eine imagezuträgliche Maßnahme. Kommt ja auch gut zupass im Wahlkampf. Der schreibende Doktor hat genau den Durchblick, der mir fehlt, obwohl er behauptet, nichts zu verstehen. Maliziös fährt er fort:
Da können wir uns beruhigt zurücklehnen: Für eine harmlos verlaufende Erkrankung, die man erst seit vier Monaten kennt, haben wir ausreichend Medikamente eingelagert, auch wenn diese im Ernstfall nicht wirklich helfen werden. 50 Millionen Impfdosen sind eingekauft, auch wenn es diese Impfung noch gar nicht gibt. Deutschland im Feldversuch.
Und dann schlägt er zu. Florett, kein Degen.
Eigentlich sollte ja längst die Vogelgrippe über uns gekommen sein. Die wollte aber nicht. Es war ihr die menschliche Nasenschleimhaut nicht warm genug. Nun muss also die Schweinegrippe herhalten. Nein, halt: die noch nicht eingetretene Mutation der Schweinegrippe. Dieses medizinische Konzept war mir bislang nicht bekannt. Als Geschäftskonzept ist es allerdings genial.
Versenkt. Volltreffer. Ich habe verstanden.

Übrigens finden sich auf der Website des Autors Dr. Bernd Hontschik sämtliche seiner seit 2007 erscheinenden Kolumnen. Allesamt zu aktuellen, brisanten, reizvollen Themen rund ums Medizinische. Kurz und bündig, frech geschrieben, triftige Argumente. Es sind insgesamt neunundfünfzig Beiträge. Jeder einzelne ist ein Lesegenuss.

Samstag, 22. August 2009

Wickelvolontariat

Löwenzahnfladen heißt auf Türkisch natürlich nicht Löwenzahnfladen. Sondern Börek. Börek steht für Fladen. Das türkische Wort für Löwenzahn habe ich wieder vergessen, weil ich heute so viel von dem Löwenzahnbörek gegessen habe, dass ich kaum mehr geradeaus denken kann. Allmächtiger, war das köstlich.
Dabei hatte ich anfangs noch befürchtet, ich werde mit einem schnöden Marmeladebrot abgespeist. Als ich nämlich um zwölf bei meiner türkischen Gastgeberin im Schrebergarten eintraf, erwartete mich ein komplett eingedeckter Frühstückstisch. Deutsches Frühstück, wohlgemerkt. In diesem Fall also Weizenmischbrot, Marmelade, Butter und Käse. Das einzig Verdächtige waren die kleinen, runzeligen schwarzen Oliven. Die ich liebe. Am liebsten zu gefülltem Fladen. Nur, wo war der angekündigte Fladen?
Er versteckte sich unter einem Küchentuch. Sonst trockne der Börekteig zu schnell aus, erklärte die Küchenchefin. Offenbar hatte sie erwartet, dass ihr deutscher Gast sich als erstes auf ein deutsches Marmeladebrot stürzen würde.
Sie merkte schnell, dass dem nicht so war, lüpfte das Küchentuch und legte mir den ersten von vielen wohlduftenden Fladen auf den Teller. Hauchdünn der Teig, dennoch stabil und reißfest. Der dünne Fladen wird nämlich mit einer Sahnecreme bestrichen, sodann gewickelt und gefaltet, damit er gut in der Hand liegt und nichts herausläuft.
Auch das will geübt sein: Mein erster Selbstgewickelter lag perfekt auf dem Teller, jedoch keineswegs in der Hand. Egal, es schmeckte. Es schmeckte zehnmal besser als jene Böreks, die es als türkischen Fast Food fertig zu kaufen gibt, und es schmeckte hundertmal besser als jeder sogenannte Deli-Wrap für vier Euro fünfzig. Löwenzahn, Zwiebel, Schafskäse, Butter werden eingebacken in einen Teigfladen; in einem Schuppen steht zu diesem Zweck ein runder, niedriger schwarzer Kanonenofen, der mit Holz befeuert wird.
Gegen 14 Uhr kam die Tochter der Gastgeberin zum Frühstücken. Sie riss sich kleine Stückchen von den ungefüllten Fladen ab, fältelte sie mit einer Hand zurecht, tunkte sie zuerst in eine Schüssel tiefroten Traubensirup und tupfte danach etwas Sahnecreme darauf. Obwohl ich längst pappsatt war, überkam mich beim Zuschauen die Lust auf Süßes und aufs Herumspielen mit dem Fladen.
Das Kräuterweib ging in die Beete, pflückte Nachschub an Tomaten und Gurken, brachte eine Handvoll Löwenzahn und eine Schüssel Kürbiskerne, kochte frischen Tee. Inzwischen wirkte der Frühstückstisch ausgesprochen türkisch. Der Garten irgendwie auch. Hier wuchs alles. Mit bloßem Auge gesehen habe ich Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika, Peperoni, Kürbisse, diverse Krautsorten, Stangenbohnen, Pfirsiche, Weintrauben, Petersilie, Salbei, Minze. Alles ziemlich querbeet, aber mit System.

Das einzig Deutsche waren die winzigen Gartenzwerge an der Decke der Laube; genau genommen handelte es sich um saisonale, nämlich weihnachtswichtelnde Gartenzwerge.
Wie ein ironisches Zitat hing die folkloristische Plastiklichterkette dort oben im dichten Weinlaub, welches wiederum echt war, die schwer herabhängenden Trauben ebenfalls. Manche von ihnen wechselten bereits vom Grün ins Blau. Sobald sie prallgereift sind und blau, werden sie zu Traubensirup verarbeitet.
Auf dem Rückweg aus der riesigen Schrebergartenkolonie kam ich dann an echten Gartenzwergen vorbei:
Der Garten wirkte irgendwie untürkisch.

Ich fuhr mit einem Rucksack voll Löwenzahnbörek, Teigfladen, einem Glas Traubensirup, einem Kürbis, einem Giga-Zucchini sowie einer großen Tüte mit frischem Löwenzahn, Minze und Salbei nach Hause. Heute abend klappte das Rollen, Wickeln und Falten schon ganz gut.

Freitag, 21. August 2009

In die Nesseln getappt


"Kräuterweiber sind keine Apotheker.
Ebenso wenig sind Phrasenmacher Philosophen."

Anscheinend waren die Apotheker schon seit jeher geübte Lobbyisten; oder warum sonst findet sich diese boshafte Sentenz in einem Sprichwörter-Lexikon aus dem 19. Jahrhundert? Es muss wohl mit der damaligen Popularität von Kräuterweiblein, Wurzelsepp und Wichtelzweg zusammenhängen, dass die Pillendreher sich in ihrer Standesehre bedroht sahen.
Das Kräuterweiblein, das mir heute mittag in der freien Großstadtwildnis begegnete, war mit einer fast historisch anmutenden Tracht bekleidet, die mich augenblicklich ins 19. Jahrhundert zurück versetzte, wenn nicht noch früher. Mit einem respektablen Messer in der rechten Hand schnitt die alte Frau ganze Bündel von Löwenzahnblättern und anderem Grünzeug ab. Sie tat dies flink und ökonomisch in der Bewegung. Jeder Griff saß. Neben ihr stand ein großer grauer Müllsack, in welchem sich ihre Ernte anhäufte. Ich wurde neugierig.
Sie erklärte mir in gebrochenem Deutsch, dass sie Löwenzahn und Brennesseln zu Gemüse verarbeite. Mit ein bisschen Zitrone und viel Butter. Und, nach gusto, Schafskäse. Dem Sackinhalt nach zu schließen, hätte das Kräuterweib ohne Probleme ein halbes Dorf verköstigen können. Mein Selbstversorgungsspleen war aktiviert. Ich fragte ihr Löcher in den Bauch. Morgen, sagte die Sammlerin, würde sie Brotfladen mit Löwenzahnfüllung und Schafskäse zubereiten. Ob ich nicht um zwölf Uhr in ihrem Schrebergarten vorbeikommen möge, um so einen Löwenzahnfladen zu probieren? Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Natürlich sagte ich freudig zu.
Einmal tappte ich während unseres Gesprächs in eine Brennesselstaude (knielange Hose, sehr schmerzhaft) und brüllte kurz wie am Spieß. Die Kräuterfrau lächelte mitfühlend. Brennesseltechnisch gesehen war sie entschieden funktionaler bekleidet als ich. Was mich dann aber wirklich umhaute, war ihre geübte, entspannte Art, mitten in die Brennesseln hineinzufassen und sich genau das Blattwerk zu holen, was sie haben wollte. Mit bloßen Händen. Dabei freundlich mit mir plaudernd. Als ob nichts wäre.
Sie erklärte mir radebrechend, in Brennesseln seien konzentrierte Stoffe enthalten, die gut fürs Blut und schlecht für die Krebsentstehung wären. Was für ein Gemüse! Gesund, kostet nichts und, wie mir die Kräuterfrau versicherte, schmackhafter und würziger als jeder Spinat. Überzeugend.
Wieso ihr das nicht an den Händen weh täte, wollte ich wissen, während ich mir noch die brennende Wade rieb. Sie lachte. Sie war eine so liebenswürdige Frau. Mit einem schnellen Griff fuhr sie unter die großen Blätter einer Brennessel, hielt den Stengel fest und hieb mit dem Messer von der Seite flach und sanft dagegen. Das abgeschnittene Blattwerk fiel ihrer Hand entgegen. Sie zuckte nicht mit der Wimper. Man müsse es halt an der richtigen Stelle machen, erklärte sie lächelnd. Und üben müsse man das. Viel üben.

Donnerstag, 20. August 2009

Hey Big Spender

Andere Länder, andere Sitten, auch im sanitären Bereich: In Deutschland werden die Toilettenbesucher via Papierhandtücher daran erinnert, dass der Herzinfarkt allgegenwärtig ist. In einem inflationszerrütteten Land wie Zimbabwe gelten andere Regeln. Dort, wo die Landeswährung nichts mehr wert ist und selbst die Postämter das Bezahlen von Briefmarken in 'Zim Dollars' verweigern, müssen die wertlos gewordenen Banknoten irgendwie kreativ entsorgt oder recycelt werden. Wohin mit den Ladenhütern?, fragen sich offenbar immer mehr Bewohner des afrikanischen Krisengebietes.
Ein Schild auf einer öffentlichen Toilette in Zimbabwe gibt Auskunft. Darauf verbittet sich der Betreiber das Benutzen von mitgebrachten Zimdollar-Banknoten und Zeitungen. Vielmehr wünscht er, der Häuslbetreiber, im sanitären Hygienebereich die ausschließliche Verwendung von Toilettenpapier. LOLFed amüsiert sich prächtig bei der Vorstellung des zweckentfremdeten Papiergeldes:
I really do hope to hear Jay-Z or somebody rap about wiping with a one-hundred-trillion-dollar note one of these days, because that just sounds gangster.
LOL. Jetzt fehlt bloß noch ein Papierhandtuchspender, der die Leute in ausgedruckter Form dazu auffordert, sich ihre nutzlosen Zahlungsmittel sonstwohin zu stecken. Mit einer Notrufnummer für akute Verstopfungssymptome.

Mittwoch, 19. August 2009

Spenderherzinfarkt

Der Fortschritt kommt aus dem Spender. Seit heute gibt es neue Toilettenpapier- und Papierhandtuchspender auf den Restauranttoiletten. Todschicke Dinger, aerodynamisches Design, ausgetüftelte Bedientechnik. Der Wahnsinn in Weiß. Mrs. Mop und Frau Übermop beschlossen, einen Testlauf durchzuführen.
Wir standen vor dem Handtuchspender in der Herrentoilette, Aug' in Aug' mit dem blauen Sensor an der Vorderseite. Mrs. Mop drückte beherzt den Daumen auf die Sensortaste, wurde jedoch von Frau Übermop darauf hingewiesen, dass es sich um gar keine Taste handele, sondern um "etwas Elektronisches, nichts Mechanisches". Womit sie wieder mal recht hatte, denn auf Tastendruck reagierte der stumme Diener an der Wand überhaupt nicht.
Wir schauten den Sensor an, der Sensor schaute uns an. Dann fingen wir an, mit den Händen vor dem Sensor herumzuwedeln. Keine Reaktion. Ich zeigte dem Sensor meinen Daumen-, Frau Übermop ihren Zeigefingerabdruck, was den Apparat kalt ließ. Nichts gab er her. Dann hielten wir abwechslungsweise unsere Handflächen vor den Spendensensor, warteten auf eine milde Gabe, was aber, wie so oft im Leben, nicht funktionierte. Man denkt ja, so ein Spender sei spendierfreudig - weit gefehlt. Unser neuer Spender erwies sich als außerordentlich knauserig.
Frau Übermop begann zu fluchen, während Mrs. Mop ihr Bedürfnis, dem bockigen Teil einen kräftigen Tritt zu versetzen, gerade noch unterdrücken konnte. "Gleich krieg ich 'nen Herzkasper", schimpfte Frau Übermop genervt, und just in dem Augenblick fing der stumme Diener an zu sprechen: Unter leisem sphärischem Stöhnen schob er ein kindertaschentuchgroßes Handtüchlein nach vorne aus dem Schlitz, hörte auf zu stöhnen und damit zu spenden:

Wir standen beide mit offenen Mündern vor dem, was da vor uns hing. Schauten den Spender an. Schauten uns gegenseitig an. Brachen in wildes Gelächter aus. Gingen rüber in die Damentoilette, um dort die Probe aufs Exempel zu machen. Derselbe Handlungsablauf: wedeln, winken, warten. Stille im Spender. Wiederholung. Dann das schon vertraute leise Stöhnen. Und dann das:

Wie war das zu deuten? "Der spinnt", meinte Frau Übermop, während Mrs. Mop bedeutungsvoll orakelte, es müsse ja nicht aus jedem Herzkasper gleich ein Herzinfarkt werden. Eines steht fest: Es spukt im Spender. Wir einigten uns schließlich darauf, den zweiten Auswurf als Spendenquittung zu betrachten.

Dienstag, 18. August 2009

Lichtspieltheater


Pfeile an Pfeilern

(Verspätetes Geburtstagsgeschenk für Rebhuhn, der Frau mit der Vorliebe für Pfeiltasten.)

Montag, 17. August 2009

Heißhunger


Es war sechs Uhr abends, es war heiß ohne Ende, ich war hungrig ohne Ende, aber mir fehlte der Appetit. Weil es mir einfach zu heiß war, um Lust auf etwas Gutes zu bekommen. Mir war zu heiß zum Essen, mir war zu heiß zum Kochen, weil, beim Kochen wird mir ja noch wärmer. Wollte ich überhaupt eine warme Mahlzeit? Mir war doch schon so warm.
Außerdem, was hätte ich schon groß kochen können; im Kühlschrank schaut es heute aus wie Karfreitag, und warum? Weil es mir zu heiß war zum Einkaufen. Es lagen noch ein paar sehr reife Fleischtomaten herum, Basilikum wächst auf dem Balkon, in der Kühlschranktür fand ich einen verwaisten Klotz Parmesankäse. Davon wird kein Mensch satt. Andererseits verspürte ich keinerlei Lust, mich an einen heißen Herd zu stellen, die Tomaten zu einer heißen Sauce für Pasta zu verarbeiten, um dann eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Schwierig alles. Ich hatte Hunger, aber keine Lust.
Mir war auch zu heiß, um weiter übers Essen nachzudenken. Also schnitt ich mir ein Stück von dem Parmesankäse ab, setzte mich an den Computer und durchstreifte käseknabbernd das Netz. Entdeckte zu meiner Freude ein (mir) neues Blog mit klugen, süffig geschriebenen Texten eines Selbstdenkers - mit dunklen Satirerändern unter den Fingernägeln. Ich las mich fest. Ich fraß mich fest. Vergaß meinen Hunger und las.
Doch dann kehrte bracchial der Hunger zurück, diesmal in schöner Eintracht mit einem gewaltigen Appetit. Als nächstes stieß ich nämlich auf ein geniales Rezept, bei ebendiesem Blogger. Debugger heißt er übrigens, was lustig klingt, so nach Kammerjäger. Das Kammerjägerblog ist kein Kochblog; soweit ich das überblicke, sind die Spaghetti Calatafimi sein einziges Kochrezept. Das aber hat es in sich.
Er hat es aus Sizilien geklaut und nennt es 'Sicilian Down Home Cooking'. Das Geniale daran: heiße Spaghetti mit kalter Sauce (Sugo). Kalter Sauce! Das war mein Einsatz. Ich las die Zutaten: Tomaten, Basilikum, Knoblauch, Olivenöl. Alles da. Alles fröhlich mit der Gabel zermatscht (kalt!), ohne mich zu verausgaben (heiß!), denn es sollen unbedingt kleine bissfeste Tomatenstückchen in der Sauce verbleiben. Die Zubereitung macht Spass. Die Nudeln kochen von allein. Keine Spaghetti im Haus, dafür Tagliatelle - auch gut.
Das eigentlich Geniale ist aber nicht die genial einfache Zubereitung, sondern das Geschmackserlebnis, wenn Heiß und Kalt in innige Verbindung treten: Der Autor nennt es 'eine wahre Geschmacksexplosion zwischen Zunge und Gaumen'; er übertreibt keineswegs.
Die heißen Nudeln und die kalte Sauce vermischen sich im Mund zu einer lauwarmen Melange aus äußerst direkten, fast rabiaten Geschmäckern, die echter und unverfälschter nicht mehr sein können.
Die Emphase des Autors ist unbedingt zu teilen. In meinen Worten: Die Calatafimi sind der glatte Wahnsinn. Lauwarm genossen an einem heißen Sommerabend. In großen Mengen. Schließlich hatte ich großen Hunger. Und noch größeren Appetit.

Sonntag, 16. August 2009

Risse im Planeten

Wie komme ich jetzt auf tektonische Verschiebungen? Ganz einfach: Heute vormittag den Balkon geputzt, der es nötig hatte, nachdem er gestern Abend Opfer einer spontanen Grillveranstaltung geworden war. Beim privaten Putzen höre ich gern Radio. Vorausgesetzt, es gibt gerade ein interessantes Thema. Das war heute morgen der Fall, es kündigte sich ein dreistündiges 'Sonntagsfeuilleton' an mit dem Schwerpunktthema Camping.
'Unterwegs mit Sack und Pack - Camping' hieß die Sendung, und es wurde eine kleine Kulturgeschichte des Zeltes versprochen. Klang schon mal gut. Der ganze Facettenreichtum des Zeltens sollte ausgeleuchtet werden, einschließlich einer Campingzeitreise ins Jahr 1959, einem aktuellen Einkaufsabenteuer vor Beginn einer Wüstenzelttour sowie einer Reminiszenz an die frühen Nomaden und Viehzüchter, deren Heim das Zelt war. Ein kulturgeschichtlicher Rundumschlag also. Bei so etwas ist gut putzen. Weiter hieß es vielversprechend in der Vorschau:
Wir sprechen mit einem Tourismussoziologen, einem Krimiautor und einem "Ostalgie"-Camper. Und schließlich erfahren Sie bei uns, warum das "urbane Camping" der neueste Trend ist.
Speziell der letzte Satz ließ mich aufhorchen; ich stellte schon mal die Putzrequisiten bereit. Urbanes Camping. Neuester Trend. Natürlich dachte ich sofort an die aus allen Nähten platzenden Tent Cities in Südkalifornien, wo immer mehr obdach- beziehungsweise arbeitslos gewordene Menschen sich unhäuslich einrichten, notdürftig, ohne fließend Wasser und Toiletten. Urbanes Camping im Jahr 2009 assoziiere ich mit ebendiesem Notstand. Das nun gleich als neuesten Trend über den Äther zu verkaufen, erschien mir frivol, aber vielleicht erwartete mich im Sonntagsfeuilleton, dem 'Kulturmagazin für Morgengenießer', ein handfestes Stück Satire. Ich persönlich finde ja, Feuilleton ohne Satire ist wie dünner Kaffee am Sonntagmorgen.

Jedenfalls - die Sendung begann, das Putzen begann, die Neugierde stieg. Dann lief die Sendung, ebenso das Putzen, die Neugierde lief mit und sagte, wart's ab bis zum Ende der Sendung, dann bringen sie bestimmt den Knaller mit den Zeltstädten. Drei Stunden sind lange. Nachdem der Balkon fertig war, habe ich während des Radiohörens ein Stück Wohnung nach dem anderen abgearbeitet. In der letzten halben Stunde schließlich - beim Fensterputzen - erfahre ich, was in Deutschland unter Urban Camping zu verstehen ist: ein der Erholung dienender Großstadtzeltplatz namens Tentstation nahe dem Berliner Hauptbahnhof, selbstverständlich mit fließend Wasser und Toiletten, außerdem Beachvolleyball und Kinderbastelstunden.
Okay. Nach dem Stopfen dieser Bildungslücke war die Sendung zu Ende und der Kelch der Obdachlosen-Zeltstädte am Hörer vorübergegangen. Weshalb sollten auch bei einer Kulturgeschichte des Zeltens die fernen Tent Cities erwähnt werden, wo es doch in Deutschland gar keine Zeltstädte gibt? Es gibt ja noch nicht mal eine Rezession in Deutschland, und wenn es eine gegeben haben sollte, dann ist die jetzt vorüber. Sagen alle. Muss ich jetzt nichts verlinken, trötet einem eh aus jedem medialen Rohr entgegen. Andererseits, auch in Amerika wird derzeit lautstark die angeblich endenwollende Krise besungen, und trotzdem haben sie Zeltstädte, Tendenz steigend.
Nach drei langen Stunden endete das 'Kulturmagazin für Morgengenießer' - 'feuilletonistisch, unterhaltend, ausgeschlafen' - mit den prophetischen Worten:
Wenn die Welt Risse bekommt, dann ist ein Zelt immer noch die sicherste Behausung.
Da mag etwas dran sein. Es kommt wohl auf den Blickwinkel an. Und auf die Erdbebenstärke.

Samstag, 15. August 2009

Recession Party

Rezession ist das eine und Party das andere - kann das zusammen gehen? Es kann. Wem die Nachrichten aus dem Wirtschaftsleben die Laune vermiesen, der sollte den Spieß umdrehen und es partymäßig ordentlich krachen lassen, selbstverständlich als low-cost event inszeniert. Die Gebrauchsanleitung dazu findet sich unter How to Throw a Recession Party.
In neun Schritten wird praxisnah und anschaulich erklärt, worauf es ankommt, damit die Krisensause ein voller Erfolg wird. Ganz wichtig: es gar nicht erst darauf anlegen, dass die Leute bemüht-entspannt in der Gegend herumstehen und nicht wissen wohin mit sich. Wer die Krise hat, will sich niederlassen ohne Umschweife, denn auf den Beinen gestanden ist er tagsüber genug. Schritt vier bringt die Frage nach der angemessenen Sitzkultur auf den Punkt:
Offer plenty of seating. When you need to sit, you need to sit. All of that chasing after the best gas deal, the best bulk potato purchase and the best holiday bargains can be exhausting, so make sure everyone has a place to recuperate and regroup.
Genau: ein Platz zum Erholen und 'Sichumgruppieren'. Auf gut Deutsch also eine Sitzgruppe,
in welcher gestern Nacht eine deutsche Rezessionsparty stattgefunden hat. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund, sei an dieser Stelle unerheblich. Sitzplatz stand reichlich zur Verfügung. Scheint's hat es eine Menge zum Plaudern gegeben, und gegen Ende müssen sie so eine Art kollektives Brainstorming betrieben haben, bei welchem Visionäres herauskam:
Wie das wohl gemeint war? Nehmen wir mal an, dem Schreiber ist im letzten Wort nur versehentlich der Buchstabe s abhanden gekommen. Was wollte er uns sagen? Arbeiten dürfen ohne dafür bezahlen zu müssen? Klingt unsinnig, und es wollen mir auch keine Beispiele einfallen, obwohl, wenn ich es mir recht überlege - aber nun gut. Oder meinte er Arbeiten ohne dafür bezahlt zu werden? Klingt unsinnig und mir fällt sofort, ohne zu überlegen, ein Beispiel ein. Klingt überhaupt nicht gut. Oder war es vielleicht blanker Sarkasmus? Dann klingt es noch schlechter. Aber das war dann vermutlich gewollt.

Freitag, 14. August 2009

Nase vorn

Das Wetter ist monstermäßig gut, die Saison läuft auf Hochtouren, das Wochenende naht, die Außenumsätze warten. Die großen Sonnenschirme warteten ebenfalls. Darauf, dass sich jemand ihrer erbarmt und sie dorthin schafft, wo sie hingehören, um den erwarteten Gästescharen Schatten zu spenden. Die Schirme sind groß. Die Schirme sind schwer. Die Sonne schien heiß. Der Schweiß rann. Die Schirme rührten sich nicht vom Fleck.
Irgendwie machten sie dann so einen Deal mit dem Baggerführer, gewitzt wie sie sind, die Gastronomen. Und oops, up, down, schon wuppte der Bagger mal eben die tonnenschweren Riesensonnenschirme von hier nach dort.
Der Rest war ein Kinderspiel. Fast, sagen wir mal so, weil, vier Männer und ein Sonnenschirm, das wäre doch gelacht.
Aufregende Zeiten sind das. Seit heute also ist die Gehwegnase vor dem Restaurant fertiggestellt und somit schanigarten-tauglich. Nach ihrer verkehrstechnischen Funktion fragt inzwischen keiner mehr, nachdem selbst Väter von Blogleserinnen mit ihrer Expertise ins Boot geholt wurden und bestätigt haben, was alle ahnten: Seit heute hat das Restaurant die Nase endgültig vorn.


Donnerstag, 13. August 2009

Wadenbeißer

Die Folgen meines gestrigen Absturzes waren unübersehbar. Wenig anmutig und mit deutlich eingeschränkter Dynamik schwang ich heute den Schrubber. Immer das linke Bein etwas nachziehend. Aber es ging. Frau Übermop konnte sich erwartungsgemäß das Kommentieren nicht verkneifen und meinte mich darauf hinweisen zu müssen, ob mir noch nie aufgefallen sei, dass längs der Kellertreppe sich ein Geländer befinde. Zum Sichfesthalten. Statt einer Antwort schwafelte ich etwas von in den Brunnen gefallenen Kindern, was aber keinen rechten Sinn ergab.
Die größte Herausforderung für meine lädierte Wadenmuskulatur ist das Treppensteigen, und zwar nach unten. Da nützt auch kein Geländer dieser Welt etwas; es ist eine Qual. Dann habe ich aber herausgefunden, dass es rückwärts sehr gut funktioniert, das heißt, rückwärts die Treppe hinabzusteigen, natürlich mit mindestens einer Hand am Geländer. Weil der Fuß dabei andersrum abrollt, klappt das einwandfrei, wenn auch recht langsam. Dass die Prozedur ziemlich merkwürdig ausschaut, steht auf einem anderen Blatt. Ein Lieferant fragte mich auf der Kellertreppe, ob das was mit Yoga zu tun hätte. Ich hielt das für einen Witz und sagte, nein, es handle sich um eine Rehamaßnahme, was er wiederum für einen Witz hielt. Von oben hörte ich eine Stimme 'Hals- und Beinbruch!' rufen. Ich könnte wetten, es war die von Frau Übermop.

Mittwoch, 12. August 2009

Freier Fall

Bekanntlich lauert der Absturz überall. Nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, nein, auch physisch-motorisch will der Alltag bewältigt sein. Kein Mensch fällt gern auf die Schnauze. Mich ereilte der Absturz heute ungesichert auf der Kellertreppe. Gut, es waren nur die letzten beiden Stufen, aber die nahm ich im Fluge. Gottseidank einigermaßen sicher gelandet; nur die linke Wadenmuskulatur ist erheblich am Maulen. Fuß abrollen? War gestern. Fest auftreten? Vergiss es. Beine hochlegen und gar nichts tun? Aah, wundervoll.
Womöglich bin ich morgen früh ein Fall fürs Fahrradtaxi.

Dienstag, 11. August 2009

Nasenraum


Es wird die schönste Nase weit und breit werden.
Trotz Baustellenambiente ist zu erahnen, was für ein edles Stück da gestaltet wird. Irgendwie was Klassisches. Keine Knollennase, auch keine Stupsnase. Auf jeden Fall ein Kolben mit Charakter.
So sehr mir bislang die angebliche Funktionalität der Gehwegnase verschlossen blieb, umso mehr überzeugt mich doch inzwischen ihre Ästhetik. Ein steinerner Vorgarten der besonderen Art. Als hätten sie das Prinzip Schanigarten bereits bei der Nasengrundsteinlegung berücksichtigt. Offenbar haben sie einen Riecher für Kommendes.

Sonntag, 9. August 2009

Ungeschriebene Kommentare

Es gibt Dialoge, die gibt's gar nicht. Mit Leuten, die mein Blog lesen und das Gelesene gern kommentieren, allerdings nicht hier an Ort und Stelle, sondern lieber am Telefon. Wenn ich dann frage, weshalb sie das am Telefon machen - schließlich blogge ich ja auch nicht mit dem Telefonhörer in der Hand -, sagen sie über kurz oder lang, dass ihnen das am Telefon irgendwie lieber sei. Okay.

Der Dialog heute am Telefon ging so:
(A = Anruferin, M = Mrs. Mop)

A: Auf deinem Blog fühlt man sich wie im tiefsten Winter.
M: Wie das?
A: Ja, weil es auf deinem Blog morgens immer so dunkel ist.
M: Bitte, es ist morgens dunkel, überall, nicht bloß auf meinem Blog.
A: Es hat halt so was Unrealistisches, findest du nicht?
M: Ich finde, es gibt kaum was Realistischeres als die verdammte Dunkelheit morgens.
A: Ja schon, aber wer kriegt die schon mit?
M: Ich zum Beispiel.
A: Ja eben, aber für die meisten Leute ist es im Sommer morgens hell.
M: Genau. Und wenn es im Sommer morgens nicht mehr hell ist, weiß man, der Sommer geht zu Ende. Und was danach kommt, kennt man ja.
A: Bei dir holt man sich ja den Winterblues. Und das Anfang August!

Winterblues. Was für ein wunderschönes Wort. Augenblicklich erkannte ich mich darin wieder. Es war früher Nachmittag, freundlich sonnig, schwülwarm aber noch angenehm, die Luft roch schwer sommerlich, und die Lust am Sommer paarte sich mit der melancholischen Gewissheit, morgen früh erneut dem Winterblues zum Opfer zu fallen.
Was lag näher als dem Winterblues hinterherzugoogeln. Um festzustellen, dass meine neu entdeckte Wortkreation längst in aller Munde ist. Alle reden vom Winterblues, alle haben ihn, nur keiner hat ihn Anfang August. Vermutlich weil sie, genau wie A, morgens um halb fünf noch im Bett liegen.
Am interessantesten fand ich diesen Artikel samt Editorial über den sogenannten manifesten Winterblues; liefert eine blitzsaubere Diagnose dessen, was mir widerfährt. Zum Beispiel erkennen Tiere die Wechsel der Jahreszeiten anhand der Tageslänge, was bei Fledermäusen, Siebenschläfern, Hamstern und Murmeltieren (klingen alle schon so verschnarcht) ein notwendiger Signalgeber für den Winterschlaf zu sein scheint. Genau wie bei mir: Keine Lust, mitten in der Nacht das Schlafen abzubrechen, bloß weil angeblich Morgen ist.
Sobald die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen auf die Netzhaut fallen, senden spezielle Photorezeptoren Signale zu den Neuronen des SCN (Nervenzellbündel über der Kreuzung der Sehnerven), die daraufhin schneller und anhaltend feuern - wie ein Wecker, der den ganzen Tag nicht mehr aufhört zu bimmeln.
Eben, weswegen in dunkler Herrgottsfrühe nichts bimmelt noch feuert; mein Organismus zieht es vor, im Nachtmodus zu bleiben. Dies, so lese ich,
quittiert ihre (meine) Zirbeldrüse prompt mit einer verlängerten Melatoninfreisetzung am Morgen, was dann wiederum zu Stimmungstiefs und Antriebslosigkeit führt.
Wissenschaftlich aufgebrezelt heißt das Ganze Seasonal Affective Disorder (SAD), vulgo Winterblues. Und wer wissen will, wie sich die affektive Unordnung frühmorgens anfühlt, braucht nur an seinen letzten Langstreckenflug zu denken:
Menschen mit saisonalen Depressionen erleben so etwas wie einen ständigen Jetlag. Sie wachen auf und fühlen sich, als wäre es mitten in der Nacht. Und wie verschiedene Studien zeigen, ist es für sie physiologisch gesehen wirklich mitten in der Nacht.
Genau so fühlt es sich an. Jeden Morgen mache ich einen kleinen Jetlag durch. Der wie per Knopfdruck endet, sobald die ersten Lichtstrahlen auf die Netzhaut treffen. Ab dann wird gefeuert und die Lebensgeister kommen in Fahrt. Davor ist es zappenduster im System. Müsste A jetzt eigentlich auch verstehen. Bestimmt ruft sie die nächsten Tage wieder an. Ich kann sie ja auch verstehen, von wegen Winterblues im August. Ich weiß, wie Schokoladennikoläuse im September nerven.

Samstag, 8. August 2009

Moondance

Es muss der Einfluss des Vollmondes gewesen sein. Wie sonst finde ich zu dem Blog einer New Yorker Animationsfilmerin, ohne je danach gesucht zu haben? Die Künstlerin Nina Paley hat ein grandioses Werk geschaffen mit dem Titel Sita Sings The Blues, einen Kinofilm von 72 Minuten Länge, von denen ich jede einzelne geliebt habe.
Laut Filmbeschreibung (es ist unmöglich, diesen Film zu beschreiben) handelt es sich um eine 'animated interpretation of the Indian epic Ramayana' - irgendwie nicht wirklich euphorisierend, so als Text; der Film ist es dafür umso mehr. Unglaublich schlau, witzig, mit viel Tempo und irrsinnig komischen Charakteren, allesamt irreal und sonderbar. Kein Wunder, dass der Mond eine tragende Rolle im Filmgeschehen spielt, mal voll, mal halb, mal zu, mal ab. Als bei 27:50 Minuten nicht etwa der Bär, sondern der Mond rampensaumäßig zu steppen anfing, da wusste ich: Ich bin im richtigen Film.
Eigentlich wusste ich das bereits nach zwanzig Sekunden. Da ritzt nämlich ein männlicher Pfau in vollem Ornat die Schellackplatte auf dem Grammophon, bleibt mit dem spitzen Schnabel in der Rille hängen, lässt dadurch die Musik durchhängen und halst sich jede Menge Stress mit der schönen Sita auf, die gerade am Playbacksingen war. Meisterhaft durchgeknallt. Muss man gesehen haben. Unbeschreiblich.



Freitag, 7. August 2009

Mondscheintarif



Noch weit und breit kein Sonnenaufgang heute früh um halb sechs. Dennoch ungewöhnlich hell für die Jahres- und Uhrzeit. Ein sonderbares, irreales Licht. Zum ersten Mal seit den vergangenen fünf Monaten kam ich auf die Idee, mich umzudrehen und einen Blick nach Westen zu werfen, von wo ich jeden Morgen aufbreche. Und dort hing die übernächtigte Lichtquelle. Ich wurde auf der Stelle vollmondsüchtig. Vollmondsüchtig heißt, stundenlang den Mond anzuschauen, dabei sonderbare, irreale Sachen zu denken und darüber die Zeit zu vergessen. Gefährlich. Schnell wieder aufsteigen. Wie gut, dass ich nach Osten fahre und den Vollmond stets im Rücken habe.

Donnerstag, 6. August 2009

Nachtvögel

Obwohl ich Dunkelheit am Morgen hasse wie die Pest, muss ich zugeben, dass die Pest auch ihre Reize hat, sporadisch zumindest. Das hat etwas zu tun mit den Überraschungen, die einem nächtens unterwegs widerfahren, mich jedenfalls reißen die immer aus meinem Gepeste auf dem Rad ins konkrete Hier und Jetzt. Das mögen erhebende oder eher befremdliche Überraschungen sein; auf alle Fälle verschiebt sich die Aufmerksamkeit und das ist schon mal gut. Dieses ewige Rumgenöle im Dunkeln kann einen ja selber nerven.

Wieder waren es dunkle Gestalten, die sich mir in den Weg stellten.
Sie machten keinerlei Anstalten sich wegzubewegen. Also fuhr ich um sie herum und fotografierte sie von hinten. Das wiederum passte den beiden überhaupt nicht, sie wechselten ihre Richtung und zockelten quer über die Straße davon.
Wahrscheinlich hat sie der Blitz gestört. Und dann bleibt plötzlich die hintere Ente stehen und dreht sich zu mir um und starrt mich an und hört nicht auf mich anzustarren. Die vordere Ente blieb auch stehen, um auf die hintere Ente zu warten.
So standen die beiden auf der Straße herum, die eine starrend, die andere wartend. Hätten umgekehrt die Enten mich fotografiert, hätten sie vermutlich dasselbe gedacht: Was steht die da rum und starrt uns an, auf was wartet die? Tja, ich hätte es nicht sagen können. Ich wartete vergeblich. Nichts geschah. Die Ente glotzte mich an, ich glotzte die Ente an; Ente Zwo war längst zur Salzsäule geworden. Also stieg ich wieder aufs Rad und fuhr davon. Im gleichen Moment setzten sich die beiden in Bewegung und marschierten zusammen über die Straße. Es gab ja nichts mehr zu glotzen.

Mittwoch, 5. August 2009

Nachtmenschen

Schock am Morgen vertreibt alle Sorgen. So man welche hat. Biege ich doch, nichts Böses ahnend, nur dumpf vor mich hin radelnd, um die Ecke, heute früh um halb sechs, also mitten in der Nacht.
(Ich glaube, für die dunkle Jahreszeit brauche ich dringend eine Nachtkamera.)
Jedenfalls Feuerwehr, Notruf, Notarztwagen. Vor einer komplett dunklen Häuserreihe, kein einziges Fenster erleuchtet. Dunkle Gestalten auf der Straße, aus der Nähe werden es schwarz uniformierte Männer - Hemd, Hose - ohne Kopfbedeckung. Die Fahrbahn voll mit langen schwarzen Schläuchen und herausgehobenen Kanaldeckeln. Die Männer sind gerade im Begriff, alles wegzuräumen. Gespenstisch, irgendwie.
Der erste Gedanke, naheliegend in diesen katastrophenrünstigen Zeiten: Der Stadtteil wird evakuiert. Ist bereits evakuiert, alle Lichter erloschen. Nächster Gedanke: Schweinegrippe. Hat es da vielleicht einen ganzen Straßenzug erwischt? Ob ich da noch durchfahren darf? Ich darf, die Männer markieren mir eine Gasse. Respektvoll verlangsame ich das Tempo und frage, was denn los sei, irgendwas Schlimmes oder nur ein verstopftes Klo?
Keins von beidem, antwortet der dunkle Mann, es handele sich um eine Übung zu Trainingszwecken. Uh, sage ich, schon so früh am Morgen. Wieso Morgen, wo sehen Sie hier einen Morgen?, fragt der Dunkle, das hier sei eine Nachtübung.
Ich bedankte mich, wendete mich wieder meinen nächtlichen Morgenübungen zu und radelte weiter gen Osten, immer auf der Suche nach dem Morgen.

Dienstag, 4. August 2009

Nasenkorrektur

Logenplatz. Direkt unterm Restaurantfenster ist mords was los. Es gibt Nasenkorrektur aus nächster Nähe zu begaffen. Hier wird die künftige sogenannte Gehwegnase aufgefüllt und dann geglättet. Oder modelliert, wie es die Kollegen von der Gesichtsnasenfront ausdrücken würden.
Das Tolle ist, dass beides von ein und demselben Bagger verrichtet wird. Offensichtlich ist ein Bagger nicht bloß zum Baggern da. Sondern auch zum Glätten. Und wie! So ein Bagger ist das reinste Bügeleisen. Zuerst mit ordentlich Nachdruck. Dann beim Finish fährt die Bügelseite der Baggerschaufel nur noch ganz sachte über das rote Geröll; die Berührung wirkt fast zart. So viel Feingefühl hätte ich jetzt von einem Schaufelbagger nicht erwartet. Ich bin ziemlich beeindruckt.

Montag, 3. August 2009

Die roten Schuhe

Musste ja passieren, früher oder später. Schon klar. Aber wenn es dann tatsächlich passiert, schnappt man doch erst mal nach Luft. Also, ich. Heute. Meine Güte.

Der Reihe nach. Um zehn Uhr klingelt es an der Hintertür, einer der Geschäftsführer. Ich öffne, rufe im Scherz 'Wir kaufen nichts!', darauf ruft er, 'Ich will nichts verkaufen, ich will einen ausgeben!' Riesenpapiertüte voll frischem, duftendem Kuchen in der Hand. In bester Laune. Ansteckend. Ich darf mir als erste ein Kuchenstück wählen. Zwetschgenstreusel, klarer Fall. Noch im Stehen beisse ich lustvoll-gierig in den Datschi, da höre ich hinter mir des Geschäftsführers freundliche Stimme: 'Ach, schau an, da sind ja die roten Schuhe!'
Das war der Moment, wo ich nach Luft schnappte. Und mir infolgedessen der Bissen Zwetschgenstreusel im Hals hängen blieb. So dass es mir kurzzeitig die Sprache verschlug. Was den Geschäftsführer veranlasste, noch einen nachzulegen: 'Ja ja, Frau Mops...'. Was ich, selbst im größten Schockwürgestatus, nicht unkommentiert stehen lassen konnte: 'Mop, bitte. Mrs. Mop.' Das fand er sehr lustig. Ich hätte es auch gern lustig gefunden, war aber noch zu sehr vom Tiefluftholmodus absorbiert, um überhaupt irgend etwas lustig zu finden.
Ich habe mir dann den restlichen Zwetschgendatschi eingepackt zum Mitnehmen und bin damit nach Feierabend schnurstracks auf meinen Hochsitz geflüchtet. Zum Durchschnaufen und so. Hochsteigen zum Runterkommen, sozusagen. Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag in den Datschi biss, lief der Film vom Vormittag ab. Ich musste sehr lachen. Geht doch.

Sonntag, 2. August 2009

Bückware

Es zog mich zurück an den gestrigen Fundort. Zu vieles war liegen, zu vieles hängen geblieben. Ich will, dass auf meinem Regal noch mehr rote Mirabellengläser stehen. Weil das nämlich genauso gut ausschaut wie es sich anfühlt. Außerdem habe ich bereits festgestellt, wie gut ein Mitbringsel ankommt, wenn es aus einem Gläschen selbsteingemachter Mirabellen besteht. Wohlgemerkt, von mir selbst eingemacht. Weil, die Beschenkten schauen mich immer ganz fassungslos an, fragen 'was, du? Du kochst selber ein? Ich fasse es nicht!' und freuen sich nochmal einen obendrauf, sobald sie die Fassung wieder erlangt haben. Und das freut mich dann wiederum, ist ja klar.
Schauen also gut aus, fühlen sich gut an, und schmecken tun sie nicht gut, sondern höllisch gut. Gekocht in wenig Prosecco mit viel braunem Zucker. Nur ganz kurz. Vor dem Kochen piekse ich sie alle mit vielen feinen Nadelstichen durch die Haut, sodass sie nach dem Kochen durch und durch besoffen sind. Geht auch ohne Prosecco, nur sind nachher die Mirabellen halt nicht besoffen, logisch. Im letzten Fall schmecken sie fruchtig-freundlich, im ersten süffig-sündig.

Heute war ich besser ausgerüstet als gestern: mit einem alten Spazierstock vom Nachbarn und einer ausgedienten Geflügelzange. Den Stock mit der Krümmung für die hohen Zweige, die Zange fürs effiziente Arbeiten im Bückbereich. Dort unten lief es heute besonders ergiebig.
Ein Kind kam des Wegs, ganz allein. Kinder ohne Erwachsene sind meistens interessant. Das Kind schlurfte auf viel zu großen Krokodilschuhen daher
und schlürfte dabei an einem Fläschchen mit rechtsdrehendem Inhalt.
Das Kind blieb stehen und schaute mir beim Aufklauben der Bückware zu; wir waren auf Augenhöhe.
"Was machst du da?", fragte das Kind.
"Mirabellen sammeln", antwortete ich.
Das Kind schwieg und nuckelte. Ich klaubte. Zeit verstrich.
Dann das Kind: "Was sind Maribullen?"
Ich: "Mirabellen. Früchte zum Essen."
Kind: "Was sind Früchte?"
Ich: "Das, was auf den Bäumen wächst. Weißt du, was ein Apfel ist?"
Kind nickt.
Ich: "Ein Apfel ist eine Frucht."
Kind schüttelt den Kopf, "ein Apfel ist ein Apfel."
Ich: "Andere Früchte kennst du keine?"
Kind denkt nach. Heftiges Kopfnicken: "Doch. Viele. Tmutis."
Ich, Bahnhof verstehend: "Was für Früchte?"
Kind reckt seinen Arm mit dem Milchsäurefläschchen mir entgegen und ruft: "Tmuu-tiis!", dabei die Vokale lang dehnend.
Ach so. Kind spricht von der Früchte-, ehm, Getränkegattung Smoothies. Viele Früchte. Aus vielen guten Früchten. Aus lauter frischen Früchten. Oder so ähnlich. Im praktischen PET-Fläschchen. Eben das, was man so unter 'Früchten' versteht.
Eine fremde Stimme war zu hören, die laut den Namen des Kindes rief. Das Kind rollte mit den Augen und seufzte: "Papa." Der Papa rief, das Kind solle sofort zum Parkplatz kommen. Das Kind trollte sich widerwillig. Zum Abschied winkte es mit seinem Fläschchen.
Auf dem Parkplatz nahm das Kind einen letzten Schluck, drehte dann die Flasche kopfüber
und wedelte mit einer routinierten Bewegung die verbliebenen Tropfen heraus. Genauso routiniert wie unsereins Mirabellenkompott kocht. Mittlerweile.